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Full text of "Die Verborgene Geschichte Der JESUITEN Edmond Paris"

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die VERBORGENE GESCHICHTE der JESUITEN 


Von EDMOND PARIS 



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JESUITS 





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Unter Zuhilfenahme derfrz. Originalausgabe aus dem Amerikanischen 

übersetzt 

2007 

Herausgegeben von ... 

Gedruckt in ... 

ISBN:... 
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productinfo@chick.com 


INHALTSVERZEICHNIS 



Vorwort von Edmond Paris. 




Teil I 



Die Gründung des Jesuitenordens 


1 . 

Ignatius von Loyola. 


2. 

Die Exerzitien. 


3. 

Die Gründung der Kompanie. 


4. 

Der Geist des Ordens. 


5. 

Die Privilegien der Kompanie. 




Teil II 



Die Jesuiten in Europa während des 16. und 17. Jahrhunderts. 


1 . 

Italien, Portugal, Spanien. 


2. 

Deutschland. 



































3. 

Schweiz. 


4. 

Polen und Russland. 


5. 

Schweden und England. 


6. 

Frankreich. 




Teil III 



Auslandsmissionen 


1 . 

Indien, Japan, China. 


2. 

Die Amerikas: Der Jesuitenstaat Paraguay. 



Teil IV 


L 

2 . 

3. 

4. 

5. 

6 . 

7. 

8 . 


9. 


Teil V 


Der Teufelskreis 


1 . 

Der Erste Weltkrieg. 


2. 

Vorbereitungen auf den Zweiten Weltkrieg. 


3. 

Die deutsche Aggression und die Jesuiten. Österreich - Polen - Tschechoslowakei - Jugoslawien. 


4. 

Die Jesuitenbewegung in Frankreich vor und während des Zweiten Weltkrieges. 


5. 

Die Gestapo und die Gesellschaft Jesu. 


6. 

Die Todeslager und der antisemitische Kreuzzug. 


7. 

Die Jesuiten und das Collegium Russicum. 


8. 

Papst Johannes XXIII. lässt die Maske fallen. 



Schluss 

Bibliografie 


Die Jesuiten in der europäischen Gesellschaft 


Die Lehre der Jesuiten. 

Die Moral der Jesuiten. 

Das „Verschwinden“ der Kompanie. 

Wiedergeburt der Gesellschaft Jesu während des 19.Jahrhunderts. 

Das Zweite Kaiserreich und das Fallouxgesetz - der Krieg von 1870 / 71. 
Die Jesuiten in Rom - Der Syllabus. 

Die Jesuiten in Fran kr eich von 1870 bis 1885. 

Die Jesuiten und General Boulanger. 

Die Jesuiten und die Dreyfußaffäre. 

Die Jahre vor dem Krieg - 1900-1914. 




Einleitung des Herausgebers 


Es gibt keine andere Person, die qualifizierter wäre, Edmond Paris’ Buch „Die verborgene Geschichte 
der Jesuiten“ einzuleiten, als Dr.Alberto Rivera (erkl.: * 1935, fi 997 , wurde vergiftet, wohl von jesuit. Seite), ein ehema¬ 
liger Jesuitenpriester unter dem Schwur der höchsten Weihe, der im Vatikan ausgebildet und in der Ge¬ 
schichte der Jesuiten unterrichtet wurde. 

Die In formationen in diesem Buch sind auf Tatsachen beruhend und vollständig dokumentiert und soll¬ 
ten von jedem bibelgläubigen Christen in den Vereinigten Staaten und Kanada gelesen werden. Die Bibel 
sagt: „Mein Volk wird zerstört aus Mangel an Wissen.“ (Hosea 4:6) 

J.T.C. 

Einleitung von Dr. Rivera 

Die gefährlichsten unter den Menschen sind die, die sehr religiös erscheinen, insbesondere wenn sie or¬ 
ganisiert sind und Amtsgewalt innehaben. Sie genießen die tiefe Hochachtung der Menschen, die keine 
Ahnung haben von ihrem gottlosen Streben nach Macht hinter den Kulissen. 

Diese religiösen Menschen, die vorgeben, Gott zu lieben, schreiten auch zum Mord, zetteln Revolutio¬ 
nen an und, wenn nötig, Kriege, im Dienste ihrer Sache. Sie sind gerissene, intelligente, glatte religiöse 
Politiker, die in einer düsteren Welt der Geheimnisse, Intrigen und zweifelhaften Heiligkeit leben. Dieses 
Muster, wie in „Die verborgene Geschichte der Jesuiten“ zu lesen, findet man, geistlich gesprochen, in 
den Schriftgelehrten (ERKL.: jüd. Gelehrte, die sich durch gründl. Kenntnisse d. religiösen Überlieferung, besonders der Gesetze, aus¬ 
zeichnen), Pharisäern (ERKL.: religiös-polit. Partei der Juden seit Ende d. 2.Jh. vZtr, die i. religiöser u. polit. Gegnerschaft z. jüd. Priestertun 
stand u. äußerliche Buchstabenmoral in kleinI. Abhängigkeit vom Mosaischen Gesetz vertrat; von Jesus als Heuchler bekämpft) und Saddu¬ 
zäern (ERKL.: gegen d. wachsenden Einfluss d. Pharisäer entstandene konservative römerfreundl. Partei d. jüd. Priesterschaft d. antiken 
Israel i. d. Makkabäerzeit [um 200 vZtr], die d. Unsterblichkeit d. Seele u. Auferstehung ablehnte u. die Willensfreiheit des Menschen lehrte) ZU 

Zeiten Jesu Christi. Genau dieser böse Geist wies die römischen Kaiser an, die zehn blutrünstigen Erlasse 
zur Verfolgung der frühen christlichen Gemeinde herauszugeben. 

Die „Frühen Väter“ bekamen Einblick in das Gros des antiken babylonischen Systems zuzüglich der jü¬ 
dischen Theologie und griechischen Philosophie. Sie alle pervertierten die meisten der Lehren Christi und 
Seiner Apostel. Sie ebneten den Weg für den römisch-katholischen Apparat, der im Begriff war, zu ent¬ 
stehen. Sie fielen im guten Glauben über die Bibel her, pervertierten, fügten hinzu und nahmen weg. Die¬ 
ser religiöse antichristliche durch jene Väter wirkende Geist trat erneut hervor, als Ignatius von Loyola die 
Jesuiten schuf, um im Verborgenen zwei wesentliche Ziele für die römisch-katholische Institution zu er¬ 
reichen: 1) allumfassende politische Macht und 2) eine allumfassende Kirche, in Erfüllung der Prophetien 
von Offenbarung 6, 13, 17 und 18. 

Bis Ignatius von Loyola die Szene betrat, hatte die protestantische Reformation das römisch-katholische 
System inzwischen ernsthaft beschädigt. Ignatius von Loyola kam zu dem Schluss, dass der einzige Weg 
für seine „Kirche“, zu überleben, sei, in der zeitlichen Macht von Papst und römisch-katholischer Institu¬ 
tion das Kirchenrecht und die Kirchenlehren durchzusetzen; nicht einfach nur durch die Zerstörung des 
physischen Lebens der Menschen, wie es die Dominikanerpriester quer durch die Inquisition zu tun pfleg¬ 
ten, sondern durch die intensive Einflussnahme und das Eindringen in jeden Lebensbereich. Der Protes¬ 
tantismus müsse besiegt und im Interesse der Päpste benutzt werden. Das war einer der persönlichen Vor¬ 
schläge Ignatius’ von Loyolas gegenüber Papst Paul III. Jesuiten machten sich unverzüglich ans Werk, 
ALLE protestantischen Gruppen einschließlich ihrer Familien, Arbeitsplätze, Spitäler, Schulen, Universi¬ 
täten, etc. zu unterwandern. Heute haben die Jesuiten jene Mission so gut wie erfüllt. 



Die Bibel gibt die Gewalt über eine örtliche Gemeinde einem gottesfürchtigen Pfarrer. Die raffinierten 
Jesuiten aber schafften es über die Jahre, jene Gewalt Zentralen von Konfessionsgemeinschaften zuzuspie¬ 
len, und haben mittlerweile fast alle protestantischen Denominationen in die Arme des Vatikans gedrängt. 
Genau das war es, was sich Ignatius von Loyola vorgenommen hatte, zu erreichen: eine allumfassende 
Kirche und das Ende des Protestantismus. 

Während Sie „Die verborgene Geschichte der Jesuiten“ lesen, werden Sie sehen, dass es zwischen den 
religiösen und politischen Bereichen eine Parallele gibt. Der Autor, Edmond Paris, zeigt auf, wie die Je¬ 
suiten in die Regierungen und Nationen der Welt eindringen und diese intensiv beeinflussen, um über die 
Errichtung von Diktaturen und die Schwächung von Demokratien wie z.B. der Vereinigten Staaten von 
Amerika, über die Wegbereitung für Anarchie in Gesellschaft, Politik, Moral, Militär, Bildung und Reli¬ 
gion den Verlauf der Geschichte zu manipulieren. 


Der Mann Edmond Paris 

In den prophetischen Arbeiten zur Offenbarung wurde Edmond Paris zum Märtyrer Jesu. Im Aufdecken 
einer solchen Verschwörung setzte er sein Leben aufs Spiel für die Wahrheit der zu wissenden propheti¬ 
schen Zeichen. Edmond Paris hat mich nie kennen gelernt, aber ich ihn, ohne ihm je persönlich begegnet 
zu sein, als ich mit anderen Jesuiten unter dem Schwur der höchsten Weihe über die Namen und Instituti¬ 
onen in Europa in Kenntnis gesetzt wurde, die für die Ziele der römisch-katholischen Institution gefährlich 
waren. Man hatte uns seinen Namen gegeben. 


Schriften von Edmond Paris 

LE VATICAN CONTRE LA FRANCE (erkl.:[der Vatikan gegen Frankreich;] Fischbacher, Paris, 1957) 
GENOCIDE IN SATE LL TTE CROATIA (erkl.: [Völkermord im Satellitenstaat Kroatien 1941-1945;] The Ameri- 

can Institute for Balkan Affairs, Chicago, 1961 ) 

LE VATICAN CONTRE L’EUROPE (ERKL.: [DER VATIKAN GEGEN EUROPA;] Fischbacher, Paris, 1959 ) 

Edmond Paris’ Schriften über den römischen Katholizismus führten seitens der Jesuiten zu dem Verspre¬ 
chen 1) ihn zu zerstören, 2) seinen Ruf, einschließlich seiner Familie, zu zerstören und 3) sein Werk zu 
zerstören. Und auch in diesem Augenblick macht man sich an den großartigen Werken von Edmond Paris 
zu schaffen, aber wir beten jetzt, dass Gott sie bewahren möge, wenn sie am meisten gebraucht werden für 
die Errettung der römisch-katholischen Menschen. 

FÜR DIE ERRETTUNG DER RÖMISCH- 
KATHOLISCHEN MENSCHEN, IHR 


DR. ALBERTO RIVERA 
(EX-JES UITENPRIES TER) 



„Die Liebe zur Wahrheit ist unsere einzige Rettung“ 
Jean Guehenno (ERKL. : frz. Schriftsteller, * 1890 , fl978) 
von der Französischen Akademie 


„D e shalb, das Lüg e n abl e g e nd, 

spr e ch e j e d e rmann Wahrh e it. ... 

(Eph.4, 25) 


Vorwort 


Ein Autor des letzten Jahrhunderts, Adolphe Michel, erinnerte sich daran, dass Voltaire die Zahl der ü- 
ber die Jahre herausgegebenen Werke über die Jesuiten auf etwa sechstausend schätzte. „Welche Zahl 
haben wir jetzt, ein Jahrhundert danach, erreicht?“ fragte Adolphe Michel, nur um sofort zu schließen: 
„Egal. Solange es Jesuiten gibt, werden Bücher gegen sie geschrieben werden müssen. Es gibt nichts neu¬ 
es mehr über sie zu sagen, aber neue Generationen von Ixsem entstehen täglich. ... Werden sie in alten 
Büchern forschen?“ (1) 

(1) Adolphe Michel: „Les Jesuites“ ([„Die Jesuiten“, ] Sandoz et Fischbacher, Paris 1879). 


Der eben genannte Grund wäre ausreichend, uns eine Wiederaufnahme dieses immer wieder behandel¬ 
ten Themas zu rechtfertigen. Doch sind die meisten frühen, die Geschichte der Jesuiten zurückverfolgen¬ 
den Bücher nicht mehr auffindbar. Nur in öffentlichen Bibliotheken können sie noch befragt werden, was 
jene für die meisten Leser unerreichbar macht. Mit der Absicht, die breite Öffentlichkeit in knappen Wor¬ 
ten zu informieren, schien eine Zusammenfassung dieser Schriften notwendig. 

Es gibt einen weiteren genauso guten Grund wie den eben genannten. Mit neuen Generationen von 
Lxsem entstehen gleichzeitig neue Generationen von Jesuiten. Und diese arbeiten heute mit denselben 
verschlungenen und hartnäckigen Methoden, die so oft in der Vergangenheit die Abwehrreflexe von Nati¬ 
onen und Regierungen in Gang setzten. Die Söhne Loyolas sind heute - und man möchte sagen mehr denn 
je - der führende Flügel der römischen Kirche. Wenngleich auch nicht besser getarnt als in alten Zeiten, 
bleiben sie doch die bedeutendsten „Ultramontanen“ (streng Papstgesinnten), die unaufdringlichen aber erfolg¬ 
reichen Vertreter des Heiligen Stuhls in der ganzen Welt, die getarnten Verfechter seiner Politik, die „ver¬ 
borgene Armee des Papsttums“. 

Aus diesem Grunde wird das Thema Jesuiten nie erschöpft sein, und wenn auch die sie betreffende Lite¬ 
ratur derart reichhaltig ist, so wird jede Epoche die Pflicht haben, einige Seiten hinzuzufügen, die Konti¬ 
nuität dieses geheimen, vor vier Jahrhunderten „zur höheren Ehre Gottes“, doch genau genommen zu Ehre 
des Papstes begründeten Systems zu markieren. Trotz des Trends zur immer mehr zunehmenden „Laizi- 
sierung“ (Trennung von Kirche u.Staat), trotz des unausweichlichen Prozesses des Rationalismus (auf Vernunft gegrün¬ 
deten Denkens u. Geisteswesens), der jeden Tag den Bereich „Dogma“ ein wenig mehr verkleinert, konnte die 
römische Kirche das große Ziel, das sie von Anfang an hatte, nicht aufgeben: alle Nationen des Univer¬ 
sums unter ihren Krummstab (Bischofsstab) zu sammeln. Wie es auch kommt - diese gewaltige „Mission“ 
muss weiter gehen, unter „Heiden“ wie unter „getrennten Christen“. Der Weltklerus (Stand der Geistlichen, die 
nicht Mitglied eines Mönchsordens sind), der die Pflicht im Besonderen hat, die errungenen Positionen zu halten (was 
heutzutage recht mühsam ist), er untersteht bestimmten Regularorden (regulären Orden) zur Vergrößerung der 
Herde der Gläubigen durch Bekehrung der „Ketzer“ und „Heiden“ - eine noch mühsamere Arbeit. Aufga¬ 
be ist es, zu schützen oder dazu zu gewinnen, zu verteidigen oder anzugreifen, und an der Spitze des 
Kampfes ist jene mobile Truppe der „Gesellschaft Jesu“ - die Jesuiten. Streng genommen, ist sie keine 









säkulare, auch keine Ordensgesellschaft, laut ihrer Satzung, sondern so etwas wie ein raffiniertes, wo und 
wann gerade passend, innerhalb und außerhalb der Kirche intervenierendes Unternehmen, kurz gesagt 
„der geschickteste, beharrlichste, furchtloseste, von der päpstlichen Autorität überzeugteste Agent. . 

wie einer ihrer besten Historiker schrieb. (2) 

(2) A. Michel, op.cit. (opere citato [im angeführten Werk]). 


Wir werden sehen, wie diese „Janitscharen“-Truppe (Kerntruppe) entstanden ist, welche unbezahlbaren 
Dienste sie dem Papsttum leistete. Wir werden auch sehen, wie derart viel wirklicher Eifer diese der Insti¬ 
tution, der sie diente, unentbehrlich machen sollte unter Ausübung eines solchen Einflusses auf letztere, 
dass ihr General mit gutem Grund der „schwarze Papst“ genannt wurde, da es immer schwieriger wurde, 
in der Regierung der Kirche die Autorität des weißen Papstes und jene seines mächtigen Koadjutors (Hilfsbi¬ 
schofs) zu unterscheiden. 

Es geht ferner um eine Retrospektive (Rückblende) und eine Aktualisierung der Geschichte des „Jesuitis¬ 
mus“ (Jesuitentums) gleicherweise in diesem Buch. Da sich die Mehrheit der die Jesuiten betreffenden Schrif¬ 
ten nicht auf die Hauptrolle bezieht, die sie bei den Ereignissen spielten, die die Welt während der letzten 
fünfzig Jahre unterminierten, dachten wir, es wäre an der Zeit, die Lücke zu füllen oder, genauer gesagt, 
mit unserem bescheidenen Beitrag eine eingehendere Untersuchung des Themas anzustoßen und das, ohne 
die Hindernisse zu verschweigen, denen die nichtapologetischen (die Lehren u. Ansichten nicht verteidigenden) öffent¬ 
lich zu diesem brennenden Thema schreiben wollenden Autoren begegnen werden. 

Von allen Faktoren, die im internationalen Geschehen eines Jahrhunderts voller Chaos und Aufruhr eine 
Rolle gespielt haben, liegt einer der entscheidendsten - nichtsdestotrotz angesehendsten - im Ehrgeiz der 
römischen Kirche. Ihr säkularer Wunsch, ihren Einfluss in Richtung Osten zu erweitern, machte sie zum 
„spirituellen“ Verbündeten des Pangermanismus und seinem Komplizen in dem Versuch, die oberste Ge¬ 
walt zu erlangen, die den Völkern Europas zweimal, 1914 und 1939, Tod und Verderben brachte. (2a) 

(2a) Siehe Edmond Paris: Le Vatican contre l'Europe ([Der Vatikan gegen Europa;] Fischbacher, Paris), (auch P.T.S., London), und L. Duca: 
„L'Or du Vatican“ („Das Gold des Vatikan“, Laffont, Paris). 


Die Öffentlichkeit ist sich der übergroßen vom Vatikan und seinen Jesuiten zu Beginn der zwei Welt¬ 
kriege getragenen Verantwortung nicht bewusst - eine Situation, die teilweise durch die gigantischen dem 
Vatikan und seinen Jesuiten zur Verfügung stehenden, ihnen in derart vielen Bereichen, insbesondere seit 
dem letzten Konflikt Macht verleihenden Finanzen erklärbar sein dürfte. 

Tatsächlich wurde die Rolle, die sie bei jenen tragischen Ereignissen spielten, bis in die Gegenwart hin¬ 
ein kaum erwähnt, außer von eifrigen Apologeten (Verteidigern d. Lehren u. Ansichten), um sie zu verbergen. Mit 
dem Ziel, dies zu korrigieren und die wahren Fakten aufzuzeigen, legen wir in diesem und anderen Bü¬ 
chern die politischen Aktivitäten des Vatikans während der Neuzeit (Zeit etwa vom Jahre isoo an) offen - Aktivi¬ 
täten, die in Wechselbeziehung zu den Jesuiten stehen. 

Diese Studie beruht auf unbestreitbaren Archivdokumenten, Veröffentlichungen von bekannten politi¬ 
schen Persönlichkeiten, Diplomaten, Botschaftern und angesehenen Autoren, die meisten von ihnen sind 
Katholiken, sogar beglaubigt durch das Imprimatur (katholisch-bischöfl. Druckerlaubniszeichen). 

Diese Dokumente bringen die verborgenen Aktionen des Vatikans und seine perfiden (niederträcht.) Aktio¬ 
nen in der Schaffung von Konflikten zwischen Nationen, wenn es seinen Interessen diente, ans Licht. Mit 
Hilfe schlüssiger Ausführungen zeigen wir die von der „Kirche“ beim Aufstieg totalitärer Regime in Eu¬ 
ropa gespielte Rolle auf. 

Diese Zeugnisse und Dokumente stellen eine vernichtende Anklage dar und kein Apologet hat es bislang 
versucht, sie zu widerlegen. 

Am ersten Mai 1938 erinnerte uns der „Mercure de France“ an das, was vier Jahre zuvor gesagt worden 
war: 

„Der »Mercure de France« vom 15. Januar 1934 schrieb, - und niemand widersprach ihm - dass es Pius 
XE. (ERKL.: * 1876, [1958) war, der Hitler (erkl.: *1889, fi945) »machte«. Dieser kam nicht so sehr mit legalen 
Mitteln an die Macht, sondern weil der Papst das »Zentrum« (deutsche katholische Partei) beeinflusste. ... 




Denkt der Vatikan, er hätte einen politischen Fehler begangen, als er Hitler den Weg zur Macht frei räum¬ 
te? Dem scheint nicht so. 

Dem schien nicht so, als jenes geschrieben wurde - das war am Tag nach dem „Anschluss“, als Öster¬ 
reich Teil des Dritten Reiches wurde -, auch später nicht, als sich die Nazi-Aggressionen ausweiteten, 
auch nicht während des ganzen Zweiten Weltkriegs. Tatsächlich übertrug der Nachfolger Pius’ XII., Jo¬ 
hannes XX TT T. (erkl: * 1881 , fi963), am 24.Juli des Jahres 1959 seinem persönlichen Freund Franz von Papen 
(erkl: Politiker,*1879, fi 969) den Ehrentitel eines päpstlichen Geheimkämmerers (Finanzbeamten). Dieser Mann 
war während des ersten Weltkrieges Spion in den Vereinigten Staaten und einer der Verantwortlichen für 
Hitlers Diktatur und den „Anschluss“. Man muss unter einer seltsamen Art von Blindheit leiden um solche 
klaren Fakten nicht zu sehen. 

Joseph Rovan (ERKL: Journalist, *1918), ein katholischer Autor, kommentiert das diplomatische Abkommen 
zwischen dem Vatikan und dem faschistischen (nachd. Führerprinzip organisierten, nationalist., antidemokrat., rechtsradikal 
regierten) Deutschen Reich am 8.Juli 1933: 

.Das Konkordat brachte der. fast überall als aus Usurpatoren wenn 

nicht gar Banditen bestehend angesehenen, nationalsozialistischen Regierung die Zustimmung zu einem 

Vertrag mit der ältesten internationalen Macht (dem Vatikan), hi gewisser Weise war es die Entsprechung 

einer Urkunde über internationale Ehrenhaftigkeit.“ (Le catholicisme politique en Allemagne [Derpolit. Katho¬ 
lizismus i. Deutschland], Paris 1956, S.231, Ed.du Seuil). 

Somit unterstützte der Papst, nicht zufrieden mit seiner „persönlichen“ Unterstützung Hitlers, auf diese 

Weise moralisch auch das faschistische Deutsche Reich! 

Zur gleichen Zeit, als jenseits des Rheins der Terror zu regieren begann und stillschweigend akzeptiert 
und gebilligt wurde, hatten die so genannten „Braunhemden“ bereits 40.000 Personen in KZs gesteckt. 

Die Pogrome vermehrten sich, während der Nazimarsch: „Und wenn das Blut von den Messern spritzt, 
fühl’ ich mich noch mal so gut.“ (Horst-Wessel-Lied) erklang. 

In den folgenden Jahren sah Papst Pius XII. noch schlechter, ohne beunruhigt zu sein. Es ist nicht über¬ 
raschend, dass die katholischen Oberhäupter Deutschlands in ihrer Unterwürfigkeit gegenüber dem NS- 
Regime miteinander wetteiferten, ermutigt wie sie durch ihren römischen „Meister“ waren. Man muss die 
wirren Fantasien und verbale Akrobatik von opportunistischen (rückratlosen) Theologen wie Michael 
Schmaus (*1897, fi993) lesen. Er wurde später von Pius XII. zum „Kirchenfürsten“ ernannt und von der Zeit¬ 
schrift „La Croix“ („Das Kreuz“) am 2.September 1954 als „der große Theologe Münchens“ beschrieben - 
oder noch mal ein gewisses Buch mit dem Titel „Katholisch-konservatives Erbgut“ (Emil Ritter, Abt Ildefons Hei- 
wegen, Herder, Freiburg i.Br., 1934), von dem jemand schrieb: 

„Diese Anthologie (Auswahl uterar. Texte) bringt Texte von den wichtigsten katholischen Theoretikern 
Deutschlands zusammen, von Görres (Johann Joseph v.Görres, Publizist u. Gelehrter, *1776 , fl 848) bis Vogelsang (Karl 
Freiherrv.Vogeisang, kathoi. Sozialpolitiker, *1818, fi 890): sie macht uns glauben, dass der Nationalsozialismus schlicht 
und einfach aus katholischen Ideen geboren wurde. “§(Gunther Buxbaum, „Mercure de France“, 15.Januar 
1939). 

Die durch das Konkordat gegenüber Hitler zum Ableisten eines Fahneneides (soidat. Treue- u. Gehorsamseides) 
gezwungenen Bischöfe versuchten stets,.einander in ihrer „Ergebenheit“ zu übertreffen: 

„Unter dem NS-Regime finden wir peiOicnt die inbrünstige Unterstützung durch die Bischöfe in sämt¬ 
lichen Korrespondenzen und Erklärungen von kirchlichen Würdenträgern.“ (Joseph Rovan, op.cit., S.214). 

Trotz des offensichtlichen Unterschiedes zwischen katholischem Universalismus (Universalheilsdogma) und 
hitlerschem Rassismus hatten sich schließlich diese beiden Doktrinen (Lehren) laut Franz von Papen „har¬ 
monisch versöhnt“; der Grund für diesen skandalösen Einklang lautete: „Der Nationalsozialismus ist eine 
christliche Gegenbewegung zu 1789.“. 

Kommen wir zurück auf Michael Schmaus, Professor an der Theologischen Fakultät (Studienfachgruppe) 
München, der schrieb: 

„Reich und Kirche ist eine Schriftenreihe, die dem Aufbau des Dritten Reiches aus den geein¬ 
ten Kräften des nationalsozialistischen Staates und des katholischen Christentums dienen soll. ... Ganz 
deutsch und ganz katholisch, in diesem Sinne will sie die Beziehungen und Begegnungen zwischen Ka¬ 
tholizismus und Nationalsozialismus prüfen, fördern und die Wege zu einem fruchtbaren Zusammenwir- 




























ken zeigen, wie es sich in der grundlegenden Tatsache des Reichskonkordates abzeichnet. ... Ich sehe 
nämlich in der nationalsozialistischen Bewegung den schärfsten und wuchtigsten Protest gegen die Geis¬ 
tigkeit des 19. und 20. Jahrhunderts. ... Der Nationalsozialismus stellt die Idee des aus Blut und Boden, 
Schicksal und Aufgabe gewachsenen Volkes in den Mittelpunkt seiner Weltanschauung. ... Ein vorläufi¬ 
ges allgemeines Ja auf die Frage muß jeder Katholik geben, der sich an die Weisung der in der Fuldaer 
Bischofskonferenz vereinigten deutschen Bischöfe vom 28.März 1933 hält. ... Die Tafeln des nationalso¬ 
zialistischen Sollens und die der katholischen Imperative stehen freilich in verschiedenen Ebenen des 
Seins, jene in der natürlichen, diese in der übernatürlichen Ebene, jene besorgt um die natürliche Gesund¬ 
heit des Volkes, diese bemüht um das übernatürliche Heil, wie es dem Zwecke der beiden entspricht. Aber 
sie weisen in dieselbe Wegrichtung. ...“ (Begegnungen zwischen katholischem Christentum und national¬ 
sozialistischer Weltanschauung, Aschendorff, Münster i.W., 1933). 

Dieses Dokument belegt die ursprüngliche von der katholischen Kirche beim Aufstieg Hitlers zur Macht 
gespielte Rolle; es war genau genommen eine im Vorhinein getroffene Abmachung. Es schildert detailliert 
das derartig abscheuliche Abkommen zwischen Katholizismus und Nazismus (Nationalsozialismus). Der Hass 
gegen den Liberalismus (Denksinn, der das Individuum m. seinem Recht auf Freiheit i. den Vordergrund stellt), der der Schlüssel 
zu allem ist, tritt sehr deutlich zutage. 

In seinem Buch „Catholiques d’ Allemagne“ („Katholiken DeutschlandsPion, Paris, 1938) schreibt Robert 
d’Harcourt (Literaturhistoriker u. Publizist, * 1881, fi965) von der Französischen Akademie: 

„Die verwundbarste Stelle in allen episkopalen (bischöfi.) Erklärungen, die den siegreichen Wahlen vom 
5.März 1933 folgten, findet sich im ersten offiziellen, die Unterschriften aller deutschen Bischöfe enthal¬ 
tenden Dokument von Seiten der Kirche. Wir beziehen uns hier auf den Hirtenbrief (bischöfi. Rundbrief) \om 
3.Juni 1933, in den das gesamte deutsche Episkopat (Bischofswesen) einbezogen ist. 

Welche Form hat dieses Dokument? Wie beginnt es? Mit einer Spur Optimismus und dieser heiteren 
Erklärung: »Zu unserer großen Freude haben die führenden Männer des neuen Staates ausdrücklich er¬ 
klärt, dass sie sich selbst und ihr Werk auf den Boden des Christentums stellen. Es ist das ein öffentliches 
und feierliches Bekenntnis, das den herzlichen Dank aller Katholiken verdient.«. “ (Paris, Pion, 1938, 

S. 108). 

Seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges kamen und gingen mehrere Päpste, doch ist ihre Haltung ge¬ 
genüber den zwei Fraktionen, die in Europa einander gegenüberstanden, unverändert dieselbe geblieben. 

Viele katholische Autoren konnten ihre Überraschung - und Trauer - nicht verbergen beim Schreiben 
über die unmenschliche von Papst Pius XII. gezeigte Gleichgültigkeit angesichts der Gräueltaten 
schlimmster Art, begangen von seinen Günstlingen. Neben vielen Zeugenaussagen werden wir eine der in 
ihrem Wortlaut gemäßigtsten anführen, vorgebracht von Jean d’Hospital, Berichterstatter von „Le Mon¬ 
de“, gegen den Vatikan: 

„Das Gedächtnis Pius’ XII. ist von unguten Gefühlen umgeben. Zuallererst gibt es da die von Beobach¬ 
tern aus jeder Nation und sogar innerhalb der Mauern des Vatikans gestellte brennende Frage: Wusste er 
von bestimmten während dieses Krieges begangenen, durch Hitler veranlassten und geleiteten Gräuelta¬ 
ten? 

Jederzeit und aus jeder Himmelsrichtung über die regelmäßigen Berichte der Bischöfe verfügend ... 
konnte er da ignorieren, was die deutschen Militäroberhäupter nie nur Vortäuschen konnten: die Tragödie 
der Konzentrationslager - die zur Deportation verurteilten Zivilisten - die kaltblütigen Massaker an jenen, 
die »im Wege standen« - den Terror der Gaskammern, wo, aus administrativen Gründen, Millionen von 
Juden vernichtet wurden? Und wenn er davon wusste, warum kam er nicht, als Verwalter und erster Chor¬ 
knabe des Evangeliums, heraus, weiß gekleidet, Arme ausgestreckt in der Form des Kreuzes, um ein nie 
da gewesenes Verbrechen anzuprangern, um »Nein!« zu schreien? ... 

Fromme Seelen werden vergeblich in Enzykliken (päpsti Rundschreiben), Reden und Ansprachen des späten 
Papstes forschen; von irgendeiner Verurteilung dieser von Hitler, diesem Antichristen, eingeführten »Re¬ 
ligion des Blutes« keine Spur. ... Man wird die Verurteilung des Rassismus, der ein augenfälliger Wider¬ 
spruch zum katholischen Dogma ist, nicht finden.“ („Rome en confidence“ [„Rom im VertrauenJean d'Hospitai], 
Grasset, Paris, 1962, S.91 ff.) 








In seinem Buch „Das Schweigen des Papstes“, erschienen bei Kindler, München, 1965, schreibt der Au¬ 
tor Carlo Falconi im Detail: 

„Nicht geringer übrigens sind die Schwierigkeiten bezüglich einer moralisch vertretbaren Kriegführung. 
Doch gibt es Taten oder besser Übeltaten, die keine politische oder militärische Notwendigkeit je rechtfer¬ 
tigen könnte. Wir denken hier an die Massenvernichtung von völkischen Minderheiten, von ganzen füh¬ 
renden Klassen, von Zivilgefangenen und -deportierten und auch an die Umsiedlung ganzer Völkerschaf¬ 
ten aus ihren ursprünglichen Gebieten in andere. Solche Greuel bedeuten eine Umkehrung des Urteils über 
Gut und Böse und eine Herausforderung der Würde des Menschen und der ganzen Gesellschaft, so dass 
alle, die auf die öffentliche Meinung Einfluß nehmen können, sei es als private Bürger oder im öffentli¬ 
chen Amt, die unbedingte Pflicht haben, diese Greueltaten anzuprangern. Das Schweigen solchen Exzes¬ 
sen gegenüber käme in der Tat einer Kollaboration gleich, weil es die Unmenschlichkeit der Verbrecher 
nicht hemmt, sondern fördert. Aber wenn schon jeder einzelne die moralische Verpflichtung hat, auf sol¬ 
che ungeheuerlichen, nicht mehr zu überbietenden Verbrechen zu reagieren, wie viel mehr dann die reli¬ 
giösen Gemeinschaften und ihre Führer! Zuallererst also das Haupt der katholischen Kirche. ... 

Pius XE. hat nie eine ausdrückliche, direkte Verdammung der kriegerischen Aggression formuliert, 
noch weniger, die der unqualifizierbaren (unbezeichenbaren) Gewalttaten, die die Deutschen oder ihre Helfers¬ 
helfer dank der Kriegssituation begangen haben. ... 

Pius XII. hat nicht geschwiegen, weil er nicht wusste, was geschah. Er kannte von Anfang an die 
Schwere der Geschehnisse wie wohl kein anderes Staatsoberhaupt auf der Welt. ..." (S.18 ff.) 

Besser noch! Der Vatikan war durch „Verleihen“ einiger seiner Prälaten (höheren Geistlichen), um aus ihnen 
nazifreundliche Agenten zu machen, bei der Ausführung dieser Verbrechen behilflich; es waren die Mon¬ 
signori (Prälaten [Anredeform]) Hlinka (ERKL.: Andrej Hlinka, "1864, [1938) und Tiso (ERKL.: Jozef Tiso, "1887, f1947). Auch 
schickte er nach Kroatien seinen eigenen Legaten (päpstt.Gesandten) - Hw.P. ([Hochwürden] Pater) Marconc (Erkl.: 
Giuseppe Ramiro Marcone, "1882, fl952) -, der mit Hilfe von Monsignore Stepinatz (ERKL.: Aloysius Stepinatz, "1898, fl960) 
ein Auge auf die „Arbeit“ Ante Pawelitschs (erkl.: kroat. Politiker, "1889, fi959) und seiner Ustaschas (erkl.: radika¬ 
len kroat. Nationalisten) haben sollte. Wo wir auch hinschauen, bietet sich das gleiche „erhebende“ Schauspiel. 

Wie wir bereits aufgezeigt haben, ist es nicht allein diese widerwärtige Parteilichkeit und Selbstgefällig¬ 
keit, gegen die wir uns richten. Das unverzeihliche Verbrechen des Vatikans besteht in der maßgeblichen 
beim Herbeiführen zweier Weltkriege gespielten Rolle. (3) 

(3) E.Paris, „Le Vatican contre l’Europe“ {[„Der Vatikan gegen Europa“, ] Fischbacher, Paris). 


Hören Sie, was Alfred Grosser, Professor am Institut für Politikstudien der Pariser Universität, sagt: 

„In dem sehr präzisen Buch von Guenter Lewy (erkl : * 1923 ) »Die katholische Kirche und das Dritte 
Reich« (München, Piper, 1965) ist zu lesen, dass alle Dokumente übereinstimmend die katholische Kirche 
als mit dem Hitlerregime zusammenarbeitend bezeugen. ... 

Im Juli 1933, als das Konkordat die Bischöfe zwang, gegenüber der NS-Regierung einen Fahneneid ab¬ 
zulegen, waren die Konzentrationslager bereits freigegeben. „ ... die Lektüre der Zitate bei Lewy ist 
wahrhaft niederschmetternd. Dort findet man schreckliche Texte von immerhin ehrenwerten und geehrten 
Männern wie Kardinal (ERKL.: höchster Würdentitel nach d. Papst) Faulhaber (ERKL.: Michael v.Faulhaber, "1869, fl952) oder 
dem Jesuitenpater Gustav Gundlach.“ (4) 

(4) Saul Friedländer: „Pie XII et le Ille Reich“ (Ed. du Seuil, Paris, 1965). 

IN DEUTSCPI: Saul Friedländer: „Pius XII. und das Dritte Reich“ (Rowohlt, 1965). 


Zu finden sind nur leere Worte zur Widerlegung dieses Berges von Dokumenten, der die Schuld des Va¬ 
tikans und seiner Jesuiten beweist. Ihre Hilfe war die treibende Kraft hinter dem kometenhaften Aufstieg 
Hitlers, der zusammen mit Mussolini und Franco (Francisco Franco Bahamonte, span. General u. Politiker, "1892, fl975), 
doch, trotz des äußeren Anscheines, vom Vatikan und seinen Jesuiten manipulierte Kriegsmarionette war. 

Die Thurifer (das Rauchfass tragenden Messdiener) des Vatikans müssten vor Scham ihre Häupter senken, wenn 
es eine italienische Parlamentsabgeordnete herausschreit: „Die Hände des Papstes triefen nur so vom 
Blut.“ (Rede von Laura Diaz, Parlamentsabgeordnete für Livorno, gehalten in Ortona am 15.April 1946), 


oder wenn die Studenten des Cardiffer Unikollegs (interdisziplinären Fächergruppen-Grundstudienjahres an d. Cardiffer Uni) 

als Thema für eine Tagung wählen: „Gehört der Papst als Kriegsverbrecher vor Gericht?“ („La Croix“, 

2. April 1946). 


* 


* 


Lesen wir Papst Johannes XX TT T. wie er sich selbst, an die Jesuiten gewandt, ausdrückte: „Harret aus, 
meine lieben Söhne, in den Taten, mit denen Ihr Euch bereits wohlbekannte Verdienste erworben habt. 
Auf diese Weise werdet Ihr die Kirche erfreuen und mit unermüdlichem Eifer wachsen: der Pfad der Ge¬ 
rechten ist wie das Licht der Morgenröte. ... Möge dieses Licht größer werden und die Formung der He¬ 
ranwachsenden erleuchten. Auf diese Weise werdet Ihr helfen, unsere spirituellen Wünsche und Anliegen 
zu verwirklichen. ... Wir geben von ganzem Herzen Eurem Generaloberen (Ordensleiter), Euch sowie Euren 
Koadjutoren als auch allen Mitgliedern der Gesellschaft Jesu unseren Apostolischen (Päpsti.) Segen.“ (5) 

(5) L'Osservatore Romano, 20.Oktober 1961. 


Und von Papst Paul VI.: 

„Vom Zeitpunkt ihrer Wiederherstellung an erfreut sich diese Glaubensfamilie der freundlichen Hilfe 

Gottes und bis heute hat sie sich rasch und mit großen Schritten selbst reich gemacht ... haben die Mit¬ 

glieder der Kompanie viele wichtige Aufgaben zu Ende geführt, alle zur Ehre Gottes und für den katholi¬ 
schen Glauben. ... Die Kirche braucht Soldaten Christi mit Wagemut, bewaffnet mit einem unerschrocke¬ 
nen Glauben, bereit, sich Schwierigkeiten zu stellen. ... Das ist es, weshalb wir große Hoffnung setzen in 
die Hilfe, die Euer Einsatz bringen wird. ... Möge die neue Ära die Kompanie auf demselben ehrenhaften 

Weg finden, den sie in der Vergangenheit beschritten hat. ... 

Vortrag gehalten in Rom, Nähe Petersdom, am 20.August 1964, während seines zweiten Jahres als 
Papst.“ (6) 

(6) L’Osservatore Romano, 18.September 1964. 


* 


* 


Am 29.Oktober 1965 gab der „l’Osservatore Romano“ bekannt: „Hochwürden Pater Arrupe, Jesuiten¬ 
general, zelebrierte am 16.Oktober 1965 die Heilige Messe für den Ökumenischen Rat.“. 

Lesen wir die Apotheose (Vergöttlichung) der „Päpstlichen Ethik“: gleichzeitige Bekanntgabe eines Vorha¬ 
bens der Seligsprechung Pius’ XU. und Johannes XXIU. (derbegrenzten lokalen Verehrungswürdigmachung Pius’XII. u. 
Johannes XXIII. als Vorstufe der Heiligsprechung u. auf Grund entsprechender Voraussetzungen) „Um uns im Bestreben nach einer 
geistlichen Erneuerung stark zu machen, haben wir beschlossen, die kanonischen (den Bestimmungen unserer 
Kirche entsprechenden) Verfahren zur Seligsprechung (kath. begrenzten lokalen Verehrungswürdigmachung) dieser zwei gro¬ 
ßen und gottesfürchtigen Päpste, die so gütig zu uns sind, einzuleiten.“ (7) 

(7) L'Osservatore Romano, 26.November 1965. 

Papst Paul VI. 


* 


* 


Möge dieses Buch all jenen, die es lesen, das wahre Wesen dieses römischen Meisters enthüllen, dessen 
Worte so „honigsüß“ sind wie seine verborgenen Aktionen heftig. 




















Abschnitt I 


Die Gründung des Jesuitenordens 


Kapitel 1 

Ignatius von Loyola 


Der Gründer der Gesellschaft Jesu, der spanische Baske Don Inigo Lopez de Recalde, wurde 1491 auf 
Schloss Loyola in der Provinz Guipüzcoa geboren. Er war einer der merkwürdigsten Charaktere eines 
Mönchs Soldaten (Soldaten u. Ordensbruders in einem), den die katholische Kirche je hervorgebracht hat; von allen 
Gründern religiöser Orden ist er vielleicht derjenige, dessen Persönlichkeit die nachhaltigste Prägung im 
Denken und Verhalten seiner Jünger und Amtsnachfolger hinterlassen hat. Dies mag auch der Grund sein 
für jenes „Bekannte“ oder „Charakteristische“, ein Fakt, der bis zur physischen Ähnlichkeit geht. Folliet 
bestreitet diesen Fakt (1), doch viele Dokumente beweisen die Permanenz (dauerhafte Existenz) eines „jesuiti¬ 
schen“ Typs über die Jahrhunderte. Der amüsanteste dieser Beweise findet sich im Guimet-Museum; auf 
dem goldenen Hintergrund eines Stellschirms (abschirmenden Gestells aus papierbespanntem Holzrahmen) des 
16.Jahrhunderts gab ein japanischer Meister mit dem ganzen Humor seines Volkes die Fandung der Por¬ 
tugiesen, und insbesondere der Söhne Foyolas, auf den Japanischen Inseln wieder. Das Erstaunen dieses 
Fiebhabers der Natur und heller Farben ist augenscheinlich in der Art wie er diese langen, schwarzen 
Schatten darstellt, mit ihren mürrischen Gesichtern, in denen sich die ganze Arroganz des fanatischen 
Herrschers verfestigt hat. Die Ähnlichkeit zwischen dem Werk des fernöstlichen Meisters des 16. Jh. und 
unserm (dem Franzosen) Daumier von 1830 ist nicht zu übersehen. 

(1) „La Croix“, 31 .Juli 1956. 

Wie viele andere Heilige schien Inigo - der seinen Namen später latinisierte und Ignatius wurde - alles 
andere als der eine zur Erleuchtung seiner Zeitgenossen Prädestinierte (Vorherbestimmte) zu sein (2). Seine 
stürmische Jugend war angefüllt mit Fehlern und sogar „abscheulichen Verbrechen“. In einem Polizeibe¬ 
richt war zu lesen, er sei „heimtückisch, brutal, rachsüchtig“. Alle seine Biografen geben zu, dass er hin¬ 
sichtlich der Heftigkeit der instinktiven Gefühle keinem seiner wunderbaren Begleiter gegenüber nachge¬ 
geben habe, eine allgemeine Tatsache also. „Ein ungebärdiger (sich nicht o. kaum zügeln lassender) und eingebilde¬ 
ter Soldat“, sagte einer seiner Vertrauten - „er führte ein unordentliches Feben, was Frauen, Glücksspiele 
und Duelle betraf“, fügte sein Sekretär (Schriftführer) Polanco (Johannes v.Poianco, * 1576 , t?) hinzu (3). All dies 
wurde uns von einem seiner spirituellen Söhne, Hw.P.Rouquette, berichtet, der versuchte diese Heißblü¬ 
tigkeit, die sich gegebenenfalls „ad maiorem Dei gloriam“ („zur höheren Ehre Gottes“) wandelte, ein we¬ 
nig zu erklären und zu entschuldigen. 

(2) Wie Augustinus, Franz von Assisi und viele andere. 

(3) Hw.P. SJ Robert Rouquette, „Saint Ignace de Loyola“ („Ignatius von Loyola“, Ed. [Verl.] Albin Michel, Paris, 1944, S.6). 

Wie bei vielen Helden der römisch-katholischen Kirche der Fall, war, um seine Persönlichkeit zu verän¬ 
dern, ein schwerer Schicksalsschlag vonnöten. Er war Page (Edelknabe bzw. als junger Adliger am Hofe) des Schatz¬ 
meisters von Kastilien bis zu seines Herrn Ungnade. Er wurde dann Edelmann im Dienste des Vizekönigs 
von Navarra; bis dahin als Höfling (Hofmitglied) lebend, begann der junge Mann das Feben eines Soldaten - 



mit der Verteidigung Pampelunas gegen die von Graf de Foix befehligten Franzosen. Die Wunde, die sein 
künftiges Leben entschied, wurde ihm während jener Belagerung zugefügt. Mit einem von einer Kugel 
zerschmetterten Bein, wurde er von den siegreichen Franzosen zu seinem Bruder Martin Garcfa nach 
Schloss Loyola gebracht. Nun beginnt das Martyrium des chirurgischen Eingriffs ohne Anästhesie 
(Schmerzbetäubung), dem er sich ein zweites Mal unterziehen musste, da die Arbeit nicht richtig gemacht wur¬ 
de. Sein Bein ward ihm erneut gebrochen und wieder eingerichtet. Trotz all dessen wurde Ignatius hum¬ 
pelnd entlassen. Man kann verstehen, dass er nur ein Erlebnis wie dieses brauchte, um einen Nervenzu¬ 
sammenbruch zu bekommen. Die „Gabe der Tränen“, mit der er damals „reichlich“ beschenkt wurde, - 
und in der seine frommen Biografen ein Wohlwollen des Flimmels sehen - ist möglicherweise das Ergeb¬ 
nis seiner allzu leichten Erregbarkeit, die ihn künftig mehr und mehr prägen sollte. 

Verwundet und mit Schmerzen daniederliegend, bestand seine Selbstbeschäftigung in der Lektüre der 

„Vita Christi“ (ERKL.: Ludolf v.Sachsen, „Das Leben Jesu Christi“ [Johannes Verlag, Einsiedeln, 1994]) und der „Legenda aurea“ 
(ERKL.: Jacobus Voragine, „Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine“, aus d. Latein, übersetzt von Richard Benz [Hegner, Köln, Olten, 
1969]), der einzigen auf dem Schlosse zu findenden Bücher. 

Da er praktisch ungebildet war und noch unter dem schrecklichen Schock stand, hatte die Qual des Lei¬ 
dens Christi und des Martyriums der Fleiligen eine unauslöschliche Wirkung auf ihn; diese Zwangsvor¬ 
stellung führte den verkrüppelten Krieger auf den Weg des Apostolats (Apostelamtes). 

„Er ließ die Bücher Bücher sein und träumte vor sich hin. Ein klarer Fall von Tagtraum, dies war eine 
Fortsetzung des Einbildungsspiels des Kindes in die Erwachsenenjahre hinein. ... Wenn wir es den seeli¬ 
schen Bereich befallen lassen, ist das Ergebnis Neurose (seei. heilbare Erkrankung) und Aufgabe des Willens; 
was real ist, rückt an zweite Stelle! ...“ (4) 

(4) Hw.P. SJ Robert Rouquette, op.cit., S.9. 


Auf den ersten Blick scheint diese Diagnose kaum den Gründer eines derart tätigen Ordens, noch andere 

„große Mystiker“ („gefühlsbetont nach unmittelbarer Verbindung m. übersinnl. Mächten strebende große Persönlichkeiten“) und 

Schöpfer religiöser Vereinigungen, von denen alle scheinbar ein großes Organisationstalent hatten, zu 
betreffen. Doch wir stellen fest, dass sie alle unfähig sind, ihrem Übermaß an Fantasie zu widerstehen und 
für sie das Unmögliche möglich wird. 

Lesen wir was derselbe Autor zu diesem Thema sagt: „Ich möchte die offensichtlichen Folgen der Pra¬ 
xis des Mystizismus (Wunderglaubens) an jemandem mit bestechender Intelligenz aufzeigen. Der schwache 
sich dem Mystizismus hingebende Geist befindet sich auf gefährlichem Boden, doch stellt der intelligente 
Mystiker (intelligente gefühlsbetont nach unmittelbarer Verbindung m. übersinnl. Mächten Strebende) eine weitaus größere Gefahr 
dar, da sein Intellekt in breiterer und tieferer Weise wirkt. ... Wo der Mythos (Legendenschatz) in einer akti¬ 
ven Intelligenz die Realität ablöst, wird daraus reiner Fanatismus; eine Infektion des Willens, der unter 
teilweiser Erweiterung oder Verzerrung zu leiden haben wird.“ (5) 

(5) Dr.Legrain, „Le Mysticisme et la folie“ („Mystizismus und Wahn“, Ed.de l'ldee Libre, Herblay, 1931, S.14-16). 


Ignatius von Loyola war ein erstklassiges Beispiel jener „aktiven Wundergläubigkeit“ und „Willensver¬ 

zerrung“. Nichtsdestotrotz verlief die Wandlung vom Edelmann-Krieger zum „General“ des militantesten 
(kämpferischsten) Ordens innerhalb der katholischen Kirche sehr langsam; viele stockende Schritte gab es, ehe 
er seine wahre Berufung fand. Es ist nicht unsere Absicht, ihm durch alle jener verschiedenen Stadien zu 
folgen. Erinnern wir uns an die Hauptpunkte: im Frühjahr des Jahres 1522 verließ er das Stammschloss 
mit der Absicht ein Heiliger, ähnlich denjenigen zu werden, deren eindrucksvolle Heldentaten er in jenem 
großen „gotischen“ Band gelesen hatte. Übrigens, war ihm nicht eines Nachts persönlich die Madonna mit 
dem Jesuskind im Arm erschienen? Nachdem er im Kloster Montserrat eine ausführliche Beichte abgelegt 
hatte, nahm er sich vor, nach Jerusalem zu gehen. In Barzelona ging die Pest um und, da sämtlicher See¬ 
verkehr zum Erliegen gekommen war, musste er für fast ein Jahr in Manresa bleiben. Dort verbrachte er 
seine Zeit mit Gebet, langen Fastenzeiten, sich selbst geißelnd, alle Arten der Kasteiung (Selbstzucht) prakti¬ 
zierend und nie versäumend, zum „Bußgericht“ (beim Beichtvater zur Selbstanklage u. Sündenbekenntnis) zu erscheinen, 
obwohl seine Beichte in Montserrat offenbar drei ganze Tage dauerte; eine derart ausführliche Beichte 




müsste bereits einem weniger gewissenhaften Sünder ausreichend gewesen sein. All dies beschreibt den 
geistigen und nervlichen Zustand des Mannes. Schließlich von jener Zwangsvorstellung der Sünde befreit, 
indem er zu der Überzeugung kam, dass es nur eine List Satans war, widmete er sich voll und ganz den 
unterschiedlichen und reichlichen Visionen, die seinen fiebrigen Geist zu jener Zeit heimsuchten. 

„Durch ein Gesicht wird er zunächst bewogen, “ sagt H. Böhmer (Heinrich Böhmer, ev. Kirchenhistoriker, * 1869, 
fi927), „wieder Fleisch zu essen, durch eine ganze Fülle von Gesichten dann in die Geheimnisse des katho¬ 
lischen Dogmas eingeführt, so dass er das Dogma förmlich erlebt. So schaut er in Gestalt dreier Tasten 
eines Klavichords (ERKL.: eines alten Tasteninstrumentes, dessen Tasten am Ende Metallstifte o. Plättchen tragen, mit denen die waage 
recht liegenden Saiten angeschlagen werden,) die Dreieinigkeit, in Gestalt eines unbestimmten lichten Etwas, aus dem 
leuchtende Strahlen hervorbrechen, das Geheimnis der Weltschöpfung, durch »etwas« aus einem Sonnen¬ 
strahl in Gestalt von Lichtstrahlen, welche in die Hostie gerade in dem Moment herabsteigen, wo der 
Priester sie zur Anbetung emporhebt, das geheimnisvolle Herabkommen Christi im Abendmahle, in Ges¬ 
talt eines weißen Körpers die Menschheit Christi und die Jungfrau Maria, in Gestalt eines schlangenartig 
schillernden Etwas - »gleichsam viele geheimnisvoll funkelnde Augen« - den Satan.“ (6) Ist nicht dies der 
Beginn des bekannten jesuitentypischen Bildermachens? 

(6) und (7) H.Böhmer, Professor an der Universität Bonn, „Les Jesuites“ (Armand Colin, Paris, 1910, S.12-13). 

IN DEUTSCH: H.Böhmer „Die Jesuiten: eine historische Skizze“ (Teubner, Leipzig, 1913, S.8-9). 


Böhmer fügt hinzu, dass ihm die tiefe Bedeutung der Dogmen als besonderes Wohlwollen des Himmels 
durch übersinnliche Eingebungen geoffenbart wurde. „Viele Geheimnisse des Glaubens und der Wissen¬ 
schaft werden ihm da auf einmal licht und klar, so dass er später meinte, durch alles Studium habe er nicht 
so viel Erkenntnis gewonnen, wie er sie in diesen wenigen Augenblicken besessen. Und doch wusste er 
nicht anzugeben, um welche Geheimnisse es sich dabei gehandelt habe. Nur eine dunkle Erinnerung daran 
war ihm geblieben, nur ein wunderbares Nachgefühl, als sei er in diesem Momente »ein anderer Mensch 
mit einem anderen Intellekte« gewesen.“ (7) 

(6) und (7) H.Böhmer, Professor an der Universität Bonn, „Les Jesuites“ (Armand Colin, Paris, 1910, S.12-13). 

IN DEUTSCH: H.Böhmer, „Die Jesuiten: eine historische Skizze“ (Teubner, Leipzig, 1921, S.8-9). 


All dies dürfte das Ergebnis einer nervösen Störung sein und kann mit dem in Verbindung gebracht 
werden, was mit Opiumrauchern und Haschischkonsumenten passiert: jener Vergrößerung oder Erweite¬ 
rung des Bewusstseins, jener Sinnestäuschung des Schwebens über dem, was real ist, einem nur eine be¬ 
nommene Erinnerung übrig lassenden Augenflimmem. 

Wunderschöne Visionen und Erleuchtungen waren stete Begleiter des Mystikers sein ganzes Leben hin¬ 
durch. 

„An ihrer Realität hat er nie gezweifelt. Erjagt den Satan mit einem Stocke fort, wie einen bösen Hund, 
er spricht mit dem Heiligen Geiste, wie mit einer wirklich geschauten Person, er legt Gottvater, der Drei¬ 
einigkeit, der Madonna seine Entschlüsse zur Bestätigung vor, und er zerfließt in dem Momente des 
Schauens immer in Freudentränen. Denn in diesen Augenblicken erlebt er einen Vorgeschmack der Selig¬ 
keit. Der Himmel tut sich ihm auf. Die Gottheit steigt zu ihm fühlbar, sichtbar, hörbar hernieder.“ (8) 

(8) H.Böhmer, op.cit., S.14. 

DEUTSCH: S.9 

Ist dies nicht ein eindeutiger Fall einer halluzinierten (Sinnestäuschung unterlegenen) Persönlichkeit? Es wird 
dieselbe wahrnehmbare und sichtbare Gottheit sein, die die spirituellen Söhne Loyolas der Welt perma¬ 
nent offerieren - nicht nur, aus politischen Gründen, der tief verwurzelten Neigung im Herzen des Men¬ 
schen zur Götzenverehrung nachkommend und schmeichelnd, sondern auch, nach vorheriger vollkomme¬ 
ner Indoktrinierung (Verdummung), durch Überzeugung. Von Anfang an spielte der mittelalterliche Mystizis¬ 
mus in der Gesellschaft Jesu eine vordergründige Rolle; immer noch ist er, trotz seiner bereitwillig ange¬ 
nommenen weltlichen, intellektuellen und wissenschaftlichen Aspekte, der große Animateur (Unterhalter). 
Sein zentraler Grundsatz lautet: „Allen alles.“ Kunst, Literatur, Wissenschaft und sogar Philosophie sind 


bis dato lediglich Mittel oder Netze, um Seelen zu fangen - wie die leichten von seinen Kasuisten (Vertretern 
d. kathoi. Systems d. Feststellung des eben noch Erlaubten) gewährten Nachsichtigkeiten; und wegen ihrer Nachlässig¬ 
keit sind jene oft schon zurechtgewiesen worden. Für diesen Orden gibt es keinen Bereich, wo menschli¬ 
che Schwachheit nicht bearbeitet werden kann, um Geist und Willen zur Kapitulation und Rückkehr zu 
einer kindlicheren und ruhigeren Frömmigkeit zu bewegen. Und so arbeiten sie für die Herbeiführung des 
ihrer eigenen Idealvorstellung entsprechenden „Reiches Gottes“: eine große Herde unter dem Krummstab 
des Heiligen Vaters. Dass gelehrte Männer eine derart anachronistische (zeitwidrige) Idealvorstellung haben, 
scheint sehr eigenartig, und doch ist es wohl unbestreitbar und die Bestätigung einer häufig ignorierten 
Tatsache: die Vorrangstellung der Gefühle im Leben des Geistes. Kant sagte übrigens, dass jede Philoso¬ 
phie doch nur Ausdruck des Temperaments oder Charakters des Philosophen sei. 

Abgesehen von individuellen Methoden scheint das jesuitenypische „Temperament“ unter ihnen mehr 
oder weniger einheitlich. „Mischung von Frömmigkeit und Weltklugheit (Frömmigkeit u. Lebensklugheit verbunden 
m. Welterfahrenheit), von Asketik (kath. Streben nach Christi. Vollkommenheit) und Weltlichkeit, von Mysticismus (Wunder¬ 
glaube) und nüchterner Verstandesberechnung characterisierte schon Loyolas Charakter und sie wurde auch 
zur Signatur des Ordens.“ (9) 

(9) J.Huber, Professor für katholische Theologie in München, „Les Jesuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S.127). 

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.94). 


Zunächst einmal hat jeder Jesuit diesen speziellen Orden aufgrund der eigenen natürlichen Art ge¬ 
wählt; aber ein „Sohn“ Loyolas wird er erst richtig nach eingehenden Prüfungen und einer nicht weniger 
als vierzehn Jahre dauernden Ausbildung. 

Auf diese Weise besteht das Paradoxon dieses Ordens seit nunmehr vierhundert Jahren fort: ein Orden, 
der sich bemüht, „intellektuell“ zu sein, gleichzeitig aber immer schon in der römischen Kirche und der 
Gesellschaft der Verfechter der striktesten Verfügung war. 


Abschnitt I 


Kapitel 2 

Die Exerzitien 


Als für Ignatius schließlich die Zeit kam, Monresa zu verlassen, konnte er seine Bestimmung nicht vor¬ 
hersehen, doch war die sein eigenes Heil betreffende Sorge nicht mehr sein Hauptanliegen; als Missionar 
und nicht als bloßer Pilger machte er sich im März des Jahres 1523 auf den Weg ins Heilige Land. Am 
l.September erreichte er nach vielen Abenteuern Jerusalem, einzig um es kurz darauf auf Anordnung des 
franziskanischen Provinzialministers (Ordensprovinzvorstehers) wieder zu verlassen, der nicht den Wunsch hatte, 
den wackligen Frieden zwischen Christen und Türken durch einen ungelegenen Proselytismus (Bekehrungs¬ 
vorstoß) gefährdet zu sehen. 


Der enttäuschte Missionar durchreiste Venedig, Genua und Barzelona. Sein Ziel - die Universität Alcalä, 
wo er ein Theologiestudium aufnahm; dort war es auch, wo er unter freiwilligen Zuhörern mit seiner „See¬ 
lenhilfe“ begann. 

„Wie energisch er seine religiöse Methode selbst dem zarten Geschlechte gegenüber handhabte, lehrt 
schon der Umstand, dass Ohnmachtsanfälle in seinen Versammlungen eine regelmäßige Erscheinung bil¬ 
deten. Man begreift, dass dies geschäftige Konventikelwesen (Sich-Versammein wen. Gleichgesinnter) Aufsehen und 
schließlich den Argwohn der Ketzerrichter erregte. ... Im April des Jahres 1527 ließ die Inquisition sogar 
Ignaz verhaften, um einen regelrechten Ketzerprozess gegen ihn anzustrengen. Bei dem Verhöre kamen 
nun nicht nur jene sonderbaren Zufälle der frommen Weiber zur Sprache, sondern auch sehr seltsame Äu¬ 
ßerungen des Angeklagten über die wunderbare Kraft seiner Keuschheit und sehr eigentümliche Ansich¬ 
ten über den Unterschied zwischen Todsünde und lässlicher (kleinerer) Sünde, die auffällig schon an die be¬ 
kannten Definitionen der späteren jesuitischen Moralisten (Sittenlehrer) erinnern.“ (10) 

(10) H.Böhmer, op.cit., S.20-21, 25. 

DEUTSCH: S.14 


Entlassen, doch mit dem Verbot, Versammlungen abzuhalten, begab sich Ignatius nach Salamanka und 
begann alsbald mit den gleichen Aktivitäten. Ähnliche Verdächtigungen seitens der Inquisitoren führten 
zu erneuter Festnahme. Bedingung für eine Freilassung war, derartiges Verhalten zu unterlassen. So kam 
es, dass er nach Paris reiste um sein Studium am Kolleg Montaigu fortzusetzen. Seine Bemühungen, seine 
Kommilitonen (Studienkollegen) entsprechend seinen merkwürdigen Methoden zu indoktrinieren (mit psychoiog. 
Techniken auszurichten), brachten ihm wiederholt Ärger mit der Inquisition ein. Im Begriff, vorsichtiger zu sein, 
traf er sich mit nur sechs seiner Kollegiumsfreunde, von denen zwei später hoch angesehene Mitglieder 
sein werden: Salmeron (ERKL: Alfons Salmeron, *1515, fl 585) Und Lafnez (ERKL.: Jakob Lamez, * 1512 , fl 565). 

Was hatte er an sich, was einen alten Studenten für junge Menschen derart attraktiv machte? Es war sein 
Ideal und der Zauber, den er bei sich trug: ein kleines, unscheinbares Büchlein, das trotz seines geringen 
Umfanges doch zu den Schicksalsbüchem der Menschheit gehört, unzählige Male gedruckt und über 400 
mal kommentiert worden ist, das Grundbuch des Jesuitismus und zugleich der Ertrag der langen inneren 
Entwickelung seines Meisters: Die geistlichen Exerzitien. ( Übungen ; ERKL: Ignatius v.Loyola, „Die Exerzitien“, Stöcker, 
Luzern, 1946). (11) 

(11) und (12) H.Böhmer, op.cit., S.25, 34-35. 

DEUTSCH: S.17, 22 


Böhmer schreibt an späterer Stelle: 

„Ignaz hat klarer als irgendein Seelenführer („Guru“) vor ihm erkannt, dass es dann am ehesten gelingt, ei¬ 
nen Menschen nach einem bestimmten Ideale zu bilden und dauernd bei demselben festzuhalten, wenn 
man es versteht, seiner Phantasie sich zu bemächtigen. Man bringt dann »Geister in ihn hinein, die er 
schwer wieder abschütteln kann«, Geister, die länger leben als alle Grundsätze und guten Lehren, auch 
ungerufen aus verborgenen Seelentiefen oft nach langen Jahren wieder emporsteigen und stets dem Willen 
so mächtig gegenübertreten, dass er meist ohne weiteres alle entgegenstehenden Motive und Verstandes¬ 
erwägungen über den Haufen wirft, um ungeteilt ihrem unwiderstehlichen Impulse zu folgen.“ (12) 

(11) und (12) H.Böhmer, op.cit., S.25, 34-35. 

DEUTSCH: S.17, 22 

Somit müssen alle „Wahrheiten“ des katholischen Dogmas nicht nur vermittelt, sondern durch denjeni¬ 
gen, der sich diesen „Übungen“ (Exerzitien) verschreibt, mit Hilfe eines „Leiters“ gelebt und gespürt werden. 
Mit anderen Worten - er muss das Geheimnis mit der größtmöglichen Intensität begreifen und durchleben. 
Die Empfindsamkeit des Kandidaten wird imprägniert mit diesen Kräften, deren Fortbestehen in seinem 
Bewusstsein, und weit mehr noch in seinem Unterbewusstsein, so stark sein wird wie die Anstrengung, 


die er unternommen hat, um diese Kräfte zu aktivieren und zu integrieren. Abgesehen von der Rolle, die 
die anderen Wahrnehmungen wie Hören, Riechen, Schmecken und Tasten spielen. Kurzum - es ist nichts 
anderes als kontrollierte Autosuggestion (Selbstbeeinflussung bzw. -täuschung). Die Rebellion der Engel, Adam und 
Eva - aus dem Paradiese vertrieben, Gottes Gericht, die Schauplätze und Fasen des Leidens Christi wer¬ 
den sozusagen vor dem Kandidaten noch einmal erlebt. Angenehme und wunderschöne Szenen wechseln 
mit den düstersten in einem geschickt arrangierten Rhythmus. Es muss nicht gesagt werden, dass die Hölle 
die vorrangige Rolle in jener „Laterna-Magica-Schau“ („Zauberbildershow) spielt, mit ihrem Feuersee, in den 
die Verdammten geworfen werden, dem furchtbaren Chor der Schreie, dem fürchterlichen Gestank von 
Schwefel und brennendem Fleisch. Dennoch ist immer Christus da, um den Seher am Leben zu erhalten, 
der nicht weiß, wie er ihm dafür danken soll, dass Christus ihn noch nicht in die Hölle geworfen hat, um 
für seine bisherigen Sünden zu bezahlen. 

Lesen wir was Edgar Quinet schrieb: 

„Aber nicht allein diese Gesichte sind also vorgeschrieben; was man niemals vermuthen würde, selbst 
die Seufzer sind auf gezeichnet; das Einathmen und Ausathmen ist bestimmt; die Pausen, die Zwischen¬ 
räume des Schweigens sind zum Voraus wie in einem Musikbuche angegeben. Sie würden mir’s nicht 
glauben, ich muß es wörtlich aufführen: »Dritte Art zu beten, indem man auf eine gewisse Weise die Wor¬ 
te und die Zeit des Stillschweigens mißt.« Dieses Mittel besteht darin, zwischen jedem Hauche, zwischen 
jedem Athemzuge, einige Wörter auszulassen; und etwas weiter unten: »Man bemerke wohl die gleichen 
Zwischenräume zwischen dem Athmen, dem Unterdrücken der Stimme und den Worten.« (Et paria 
anhelituum ac vocum interstitia observet) (Und achte auf gleiche Abstände zwischen d. Luftho¬ 
len); das heißt, dass der Mensch, sei er begeistert oder nicht, nichts mehr ist als eine Seufz= und 
Schluchz=Maschine, die eben zum bestimmten Augenblicke und in der Ordnung, welche die Erfahrung 
als die nützlichste erwiesen hat, seufzen, weinen, schreien, ersticken muß.“ (12a) 

(12a) Michelet und Quinet: „Des Jesuites“ (Hachette, Paulin, Paris, 1845, S. 185-187). 

IN DEUTSCH: Michelet und Quinet. - „Die Jesuiten. Vorlesungen.“ (Schweighauser, Basel, 1843, S.171 -172). 


Man kann sich vorstellen, dass der Kandidat nach vier diesen intensiven „Übungen“ gewidmeten Wo¬ 
chen, mit einem Leiter als seiner einzigen Gesellschaft, reif ist für die anschließende Ausbildung und Bre¬ 
chung. 

Lesen wir, was Quinet hinsichtlich des Schöpfers einer solchen halluzinogenen (, Sinnestäuschungen hervorru¬ 
fenden,) Methode zu sagen hat: 

„Wissen Sie was ihn vor allen Asceten (streng enthaltsam Lebenden; erkl.: Asketen) der Vergangenheit auszeich¬ 
net? Daß er sich kaltblütig, logisch beobachten konnte, dass er sich in diesem Zustande der Entzückung, 
der bei allen andern selbst die Idee der Reflexion ausschließt, in’s Einzelne zersetzen konnte. Indem er 
seinen Schülern Thaten, die bei ihm selbstständig hervorgegangen sind, als »Operationen« aufdringt, sind 
ihm dreißig Tage hinlänglich, um durch diese Methode den Willen und den Verstand zu brechen, etwa wie 
ein Reiter, welcher sein Pferd zügelt. Er verlangt nur dreißig Tage, triginta dies (»dreißig Tage«), um 
eine Seele zu bändigen. Bemerken Sie in der That, dass sich der Jesuitismus zu der nämlichen Zeit entwi¬ 
ckelt wie die moderne Inquisition; während diese den Körper verrenkte, verrenkten die »geistlichen Ue- 
bungen« den Gedanken unter der Maschine Loyola’s.“ (12b) 

(12b) Michelet und Quinet: „Des Jesuites" ([„Über die Jesuiten“,] Hachette, Paulin, Paris, 1845, S.185-187). 


Jedenfalls kann man Loyolas „spirituelles“ Leben nicht gründlich genug erforschen, auch ohne die Ehre, 
Jesuit zu sein; seine Methoden sollen den Gläubigen und insbesondere den Geistlichen empfohlen werden, 
wie wir von Kommentatoren wie Hw.P. Pinard de la Boullaye, Autor von „L’Oraison mentale ä la portee 
de tous“, zu deutsch: „Innerliches Gebet für alle“, erinnert werden; inspiriert durch Sankt Ignatius, würde 
diese sehr wertvolle Hilfe für die Seele, so denken wir, weitaus deutlicher, hieße der Titel „Wahnsinnig¬ 
werden“ statt „Innerliches Gebet“. 


Abschnitt I 


Kapitel 3 

Die Gründung der Kompanie 


„Die Gesellschaft Jesu“ wurde zu Mariä Himmelfahrt (15.8.) im Jahre 1534 in der Dionysiuskapelle zu 
Montmartre (erkl.: dt. Märtyrerberg) gegründet. 

Ignatius war damals vierundvierzig Jahre alt. Nach der Kommunion (Abendmahlsfeier) gelobten der Sozial¬ 
arbeiter und seine Gefährten, sobald das Studium zu Ende sein würde, ins Heilige Land zu gehen, um die 
Ungläubigen zu bekehren. Doch fanden sie sich im darauf folgenden Jahr in Rom ein, wo der Papst, der zu 
jener Zeit mit dem deutschen Kaiser und der Republik Venedig gerade einen Kreuzzug gegen die Türken 
organisierte, ihnen darlegte, wie undurchführbar ihr Projekt in diesem Zusammenhänge sei. Also widme¬ 
ten sich Ignatius und seine Begleiter der Missionsarbeit in christlichen Ländern; in Venedig weckte sein 
Apostolat ein weiteres Mal das Misstrauen der Inquisition. Schließlich wurde im Jahre 1540 in Rom durch 
Paul IU. die Satzung der Societas Iesu (Jesuiten) entworfen und angenommen, und die Jesuiten stellten sich 
dem Papst zur Verfügung mit dem Versprechen des bedingungslosen Gehorsams. Katechese, Beichte, 
Predigt und gemeinnützige Arbeit waren die Betätigungsfelder dieses neuen Ordens, doch Auslandsein¬ 
sätze waren nicht ausgenommen, da Lranz Xaver (erkl : span. kath. Theologe, *1506, fi552) und zwei Gefährten 
Lissabon verließen um sich aufzumachen und den Lernen Osten zu missionieren. Im Jahre 1546 bekam 
ihre Karriere eine politische Seite, als der Papst Lafnez und Salmeron dazu bestimmte, ihn auf dem Tri- 
dentinum (Konzil von Trient) in der Eigenschaft »päpstlicher Theologen« zu vertreten. 

Böhmer schreibt: „Als »Kompagnie des Papstes« war mithin der Orden nur zeitweilig tätig. Aber er ent¬ 
ledigte sich seiner Aufgaben immer so prompt und geschickt, dass er schon unter Paul völlig in diesen 
seinen selbstgewählten Beruf hineinwuchs. Schon unter Paul hat er das Vertrauen der Kurie (päpsti. Regierung) 
für immer gewonnen.“ (12d) 

(12d) H.Böhmer, op.cit., S.20-21,25. 

DEUTSCH: S.24-30 

Dieses Vertrauen war völlig gerechtfertigt; die Jesuiten, und Lafnez im Besonderen, wurden, gemeinsam 
mit ihrem treuen Lreund Kardinal Morone (erkl.: Giovanni Morone, *1509, fi580), die raffinierten und unermüdli¬ 
chen Verfechter der päpstlichen Autorität und Ungreifbarkeit des Dogmas während der drei Sitzungen 
jenes im Jahre 1562 endenden Konzils (Konzil von Trient). Durch ihre cleveren Manöver und Gesprächsfüh¬ 
rungskünste erreichten sie es, den Gegner und alle „ketzerischen“ Lorderungen einschließlich Priesterehe, 
Kommunion mit den zwei Elementen, Gebrauch der Umgangssprache in Gottesdiensten und, vor allem, 
Reform des Papsttums, zu besiegen. Einzig die Reform der Nonnenklöster wurde auf der Tagesordnung 
belassen. Lafnez selbst hielt mit einem energischen Gegenangriff die Unfehlbarkeit des Pontifex aufrecht, 
die drei Jahrhunderte später vom Vatikanischen Konzil verkündet wurde. (13) Der Heilige Stuhl ging aus 
der Krise, in der er beinahe scheiterte, gestärkt hervor, dank des zuverlässigen Handelns der Jesuiten. Die 


von Paul EI. festgelegten Termini, um diesen neuen Orden in seiner Bestätigungsbulle zu definieren, wa¬ 
ren damals vollauf gerechtfertigt: „Regimini Ecclesiae militantis“ („Kämpfer. Leitung d. Kirche“). 

(13) Vatikanisches Konzil (1870). 


Der Kampfgeist bildete sich mit der Zeit immer mehr heraus, da sich neben den Auslandsmissionen die 
Aktivitäten der Söhne Loyolas auf die Seelen der Menschen vor allem unter der herrschenden Klasse kon¬ 
zentrierten. Ihr wichtigstes Betätigungsfeld ist die Politik, da sich alle Anstrengungen dieser „Leitung“ auf 
ein Ziel konzentrieren: die Unterordnung der Welt unter das Papsttum, und um dies zu erreichen, müs¬ 
sen zuerst die „Köpfe“ erobert werden. Und um dieses Ideal zu verwirklichen? Zwei ganz wichtige Waf¬ 
fen: für die Mächtigen und die in hohen Positionen der Beichtvater sein und für ihre Kinder das Erzie- 
hungs- und Bildungswesen. Auf diese Weise wird gleichzeitig die Gegenwart gesichert und die Zukunft 
vorbereitet. 

Dem Heiligen Stuhl wurde die Stärke bald bewusst, die dieser neue Orden mit sich bringen würde. Zu¬ 
nächst hielt man die Zahl seiner Mitglieder auf sechzig begrenzt, doch diese Beschränkung wurde umge¬ 
hend aufgehoben. Als Ignatius im Jahre 1556 starb, wirkten seine Söhne gerade unter den Heiden in In¬ 
dien, China, Japan, der Neuen Welt, aber auch und vor allem in Europa: Frankreich, Süd- und West¬ 
deutschland, wo sie die „Ketzerei“ bekämpften, in Spanien, Portugal, Italien und sogar England, in das sie 
über Irland kamen. Ihre wechselvolle Geschichte wird die eines „römischen“ Netzes sein, das sie stetig 
versuchen werden, über die Welt zu legen, dessen Verknüpfungen ewig zerrissen und geflickt werden. 


Abschnitt I 


Kapitel 4 

Der Geist des Ordens 


„Wir sollten nicht vergessen, “, schreibt der Jesuit Rouquette, „dass, historisch gesehen, der »Ultramon¬ 
tanismus« (»streng papstgesinnte Katholizismus«) bis heute die praktische Bestätigung des »Universalismus« gewe¬ 
sen ist. ... Dieser notwendige Universalismus wäre ein leeres Wort, würde er nicht in einen praktischen 
Zusammenhang oder Gehorsam des Christentums münden: dieses war der Grund, weshalb Ignatius wollte, 
dass seine Mannen dem Papst zur Verfügung stehen ... und Verfechter der katholischen Einheit sein soll¬ 
ten, Einheit, die nur durch erfolgreiche Unterordnung unter den Statthalter Christi sichergestellt werden 
kann.“ (13 a) 

(13 a) Hw.P. SJ Rouquette, op.cit.,S.44. 


„Die Jesuiten wollten diesen monarchischen Absolutismus (unbeschränkten Herrschaftsanspruch) in der römi¬ 
schen Kirche durchsetzen und sie behielten ihn in der bürgerlichen Gesellschaft bei, da sie die Herrscher 
als weltliche Repräsentanten des Heiligen Vaters, des wahren Hauptes des Christentums, anzusehen hat- 



ten; solange jene Monarchen ihrem gemeinsamen Herrn gegenüber völlig unterwürfig waren, waren die 
Jesuiten deren treueste Unterstützer. Wenn andernfalls diese Fürsten rebellierten, fanden sie in den Jesui¬ 
ten ihre ärgsten Feinde. 

In Europa wusste die Kurie, dass sie, wo auch immer es Roms Interessen erforderlich machten, dass sich 
das Volk gegen seinen König erhebt, oder wenn diese weltlichen Fürsten für die Kirche unangenehme 
Entscheidungen getroffen hatten, Fähigere, Raffiniertere oder Wagemutigere außerhalb der Gesellschaft 
Jesu nicht finden würde zum Zwecke der Intrige, Propaganda oder gar offenen Rebellion.“ (14) 

(14) Rene Fülöp-Miller: „Les Jesuites et le secret de leur puissance“ (Librairie Pion, Paris, 1933, S.61). 

IN DEUTSCH: Rene Fülöp-Miller: „Macht und Geheimnis der Jesuiten“ (Knaur Verlag, Berlin, 1929). 


An dem Geist der „Übungen“ haben wir gesehen wie der Gründer dieser Kompanie in seiner allzu simp¬ 
len Wundergläubigkeit, Kirchenzucht, und seiner Vorstellung von Unterordnung im Allgemeinen, hinter 
seiner Zeit zurück war. Die „Satzungen“ und „Übungen“, Grundlagen dieses Systems, lassen uns diesbe¬ 
züglich nicht im Zweifel. Was immer seine Schüler sagen würden - gerade heute, wo die modernen Auf¬ 
fassungen zu diesem Thema völlig auseinander gehen - nimmt Gehorsam einen ganz besonderen Platz 
ein, genau genommen den zweifellos ersten, fasst man die Ordensregeln einmal zusammen. Folliet mag 
behaupten, darin nichts weiter als „religiösen“, für jede Kongregation (religiöse Gemeinschaft m. lebensiängi. Gelüb¬ 
den) notwendigen „Gehorsam“ zu sehen; Hw.P.Rouquette schreibt kühn: „Weit entfernt von einer Einen¬ 
gung des Menschen, ist dieser intelligente und bereitwillige Gehorsam Freiheit in ihrer höchsten Form ... 
eine Befreiung von den eigenen Fesseln ... man muss nur jene Texte lesen, um das extreme, wenn nicht 
sogar widerwärtige Wesen dieser den Jesuiten auferlegten Unterordnung von Seele und Geist zu erkennen, 
der sie zu stets willigen Instrumenten unter der Kontrolle ihrer Oberen machenden, und noch viel mehr, 
von den frühesten Anfängen des Ordens an, zu den natürlichen Feinden jeglicher Art von Freiheit. 

Das berühmte „perinde ac cadaver“ (wie eine Feiche) kann laut Folliet in sämtlicher „spiritueller Fitera- 
tur“ und sogar im Osten, in der „Verfassung“ der Assassinen (erkl.: eines einst von den sehnt, ismaeiiten abgespaltenen 
Geheimbundes, der seine Ziele auch m. Mordanschlägen durchzusetzen sucht[e],) gefunden werden; die Jesuiten sollen als ein 
„jedem Impuls gehorchendes Personal“; „als Wachskugel, die in jede Richtung geformt und geweitet wer¬ 
den kann; als kleines nach Belieben gehobenes und bewegtes Kruzifix“ unter der Kontrolle ihrer Oberen 
sein; nichtsdestoweniger sind diese hübschen Formulierungen sehr aufschlussreich. Anmerkungen und 
Erklärungen vom Schöpfer dieses Ordens lassen uns ohne jeden Zweifel über ihre wahre Bedeutung. Ü- 
berdies müssen unter den Jesuiten nicht nur der Wille, sondern auch das logische Denken und sogar mora¬ 
lische Bedenken der ureigenen Tugend des Gehorsams, der laut Borgia „der stärkste Schutzwall der Ge¬ 
sellschaft“ ist, geopfert werden. 

„Fasst uns überzeugt sein, dass alles gut und richtig ist, wenn es der Obere befiehlt“, schrieb Foyola. 

Und nochmals: „Selbst wenn Euch Gott ein Tier ohne Verstand als Meister gäbe, werdet Ihr nicht zögern, 
ihm, als Meister und Führer, zu gehorchen, weil Gott es so verfügt hat.“ 

Und etwas noch Besseres: der Jesuit hat in seinem Oberen keinen fehlbaren (nicht gegen irrtümer, Fehler gefeiten) 
Menschen, sondern Christus selbst ZU sehen. J.Huber (ERKL.: Johann Nepomuk Huber, Philosoph und theolog. Schriftsteller, 
* 1830, ft879), Professor für katholische Theologie in München und Verfasser eines der bedeutendsten Werke 
über die Jesuiten, schrieb: „Wie man bemerkt haben will, kommen die Constitutionen (Satzungen) wohl 
500mal darauf zurück, dass man im General Christus sehen müsse.“ (15) 

(15) J.Huber: „Les Jesuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S. 71 & 73). 

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.48). 


Die derart oft als jener der Armee ähnlich angesehene Disziplin des Ordens ist also nichts mit der Reali¬ 
tät Vergleichbares. „Der militärische Gehorsam deckt sich mit dem jesuitischen noch nicht, der letztere ist 
viel umfassender, denn er nimmt immer und ungetheilt den ganzen Menschen in Anspruch und fordert 
dann nicht bloß, wie der erstere, nur die äußere That, sondern auch das Opfer des Willens und die Suspen¬ 
sion (Ausschaltung) des eigenen Urtheils.“ (16) 

(16) J.Huber: „Les Jesuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S. 71 & 73). 

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.50-51). 


Ignatius selbst schrieb in seinem Brief an die portugiesischen Jesuiten: „ ... und wenn die Kirche, was 
unserem Auge weiß erscheint, als schwarz definiert, so sind wir verpflichtet, es für schwarz zu erklären.“ 
Solcherart sind die einst von Hw.P.Rouquette gepriesene „Freiheit in ihrer höchsten Form“ und „die Be¬ 
freiung von den eigenen Fesseln“. In der Tat ist der Jesuit wirklich von sich befreit, da er völlig seinen 
Meistern unterworfen ist; jeglicher Zweifel oder Skrupel würde ihm als Sünde unterstellt. 

Bei Böhmer ist zu lesen: 

„In den Ergänzungen zu den »Satzungen« werden die Oberen angewiesen, die Novizen (die zu prüfenden Or¬ 
densneulinge), so wie es Gott mit Abraham tat, anzuweisen, offensichtlich Kriminelles unter Beweis zu stel¬ 
len; doch habe man diese Versuchungen einander der Stärke des jeweils anderen anzupassen. Es ist nicht 
schwer, sich vorzustellen, was die Folgen einer solchen Erziehung sein könnten.“ (17) 

(17) Gabriel Monod, in der Einleitung zu „Jesuites“ („Jesuiten“), von H.Böhmer, S. XVI (Armand Colin, Paris). 


Das von Höhen und Tiefen geprägte Leben des Ordens - es gab nicht e i n Land, aus dem er nicht aus¬ 
gewiesen wurde - zeugt davon, dass diese Gefahren von allen Regierungen, sogar den katholischsten, er¬ 
kannt wurden. Durch die Einbindung derart blind ihrer Sache hingegebener Männer in die Katechese unter 
den höheren Schichten wurde die Kompanie - Verfechter des Universalismus, deshalb Ultramontanismus 
- unweigerlich als Bedrohung der weltlichen Obrigkeit angesehen, da sich die Tätigkeit des Ordens, ein¬ 
fach durch die Tatsache seiner Berufung, mehr und mehr der Politik zuwandte. 

Parallel dazu entwickelte sich unter seinen Mitgliedern das, was wir den jesuitischen Geist nennen. 
Nichtsdestotrotz vernachlässigte der von den Bedürfnissen der In- und Auslands-„Missionen“ erfüllte 
Gründer nie die Geschicklichkeit. Er schrieb in seinen „Sententiae asceticae“: „Eine kluge Achtsamkeit 
zusammen mit einer mittelmäßigen Keuschheit ist besser als eine größere Heiligkeit gepaart mit einer we¬ 
niger vollkommenen Geschicklichkeit. Ein guter Seelenjäger muss vieles übersehen, als verstände er es 
nicht. Ist er aber einmal Herr des Willens geworden, dann kann er den Lehrling der Tugend leiten, wohin 
er nur immer will. Die Menschen werden durch zeitweiliges Interesse ganz aufgesogen, sodass wir mit 
ihnen nicht zu deutlich über ihre Seelen sprechen müssen: es wäre Mäuse fangen ohne Speck.“ 

Selbst die gewünschte Haltung der Söhne Loyolas wurde eindeutig festgelegt: „Man hat den Kopf leicht 
gesenkt zu halten, ohne ihn nach links oder rechts zu neigen; man hat nicht aufzuschauen und wenn man 
mit jemandem spricht, soll man ihm nicht geradewegs in die Augen sehen, gleichsam um ihn indirekt zu 
sehen. ... “(18) 

(18) Pierre Dominique: „La politique des Jesuites“ („Die Politik der Jesuiten", Grasset, Paris, 1955, S.37). 

Loyolas Amtsnachfolger behielten diese Lehre gut in Erinnerung und wandten sie ausführlich in der 
Verfolgung ihrer Pläne an. 


Abschnitt I 


Kapitel 5 



Die Privilegien der Kompanie 


Nach 1558 wurde Lainez, der raffinierte Taktiker (klug, berechnend und planvoll vorgehende Mann) des Tridenti- 
nums, zum General der Kongregation (Ordensgemeinschaft) erhoben mit der Befugnis, der eigenen Inspiration 
folgend den Orden zu organisieren. Die „Erklärungen“, die er mit Salmeron eigenhändig verfasste, wur¬ 
den den „Satzungen“ beigefügt, um einen Kommentar zu bilden; jene betonten den Despotismus (Gewalt- u. 
Willkürherrschaftsanspruch) des auf Lebenszeit gewählten Generals noch mehr. Ein Admonitor (Berater hinsichti. d. 
Gewissens d. Generals), Prokurator (Verhandlungsbeauftragter d. Generals i. Gesellschaftsangelegenheiten u.a. Dingen beim Hl.Stuhl) 
und Assistenten (Repräsentanten d. 5 Nationen), die ebenfalls alle in Rom residieren, helfen ihm im Allgemeinen 
den damals in fünf Assistenzen ( Provinzenzusammeniassungeny. Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Eng¬ 
land und Amerika, unterteilten Orden zu verwalten. Diese Assistenzen waren ihrerseits in die verschiede¬ 
nen Gemeinschaften des Ordens zusammenfassende Provinzen unterteilt. Lediglich Admonitor (oder Ge¬ 
wissensrat) und Assistenten werden von der Generalkongregation (Versammlung aller stimmberecht. Mitglieder) ge¬ 
wählt. Der General ernennt alle anderen Amtsträger, gibt die Verordnungen bekannt, die nicht die Konsti¬ 
tutionen (Satzungen) verändern sollen, verwaltet nach seinen eigenen Wünschen das Vermögen des Ordens 
und leitet dessen Aktivitäten, für die er allein dem Papst gegenüber verantwortlich ist. 

Dieser derart fest unter der Kontrolle ihres Oberhauptes stehenden Miliz (miiitär. Organisation), die die größte 
Autonomie benötigt, um ihre Aktionen effektiv zu gestalten, räumt der Papst Privilegien ein, die anderen 
Orden exorbitant (außerordenti.) Vorkommen dürften. 

Durch ihre Konstitutionen waren die Jesuiten von der Klosterregel, die das Mönchsleben ganz allgemein 
betraf, ausgenommen. Tatsächlich waren sie „in der Welt“ lebende Mönche und äußerlich unterschied sie 
nichts vom Weltklerus. Doch im Gegensatz zu jenem und anderen religiösen Kongregationen (Ordensgemein¬ 
schaften) sind sie nicht der Autorität des Bischofs unterworfen. Bereits im Jahre 1545 ermächtigte sie eine 
Bulle Pauls III. zu predigen, Beichte zu hören, die Kommunion (Hostie) auszuteilen und die Messe zu lesen; 
kurzum ihr geistliches Amt auszuüben, ohne den Bischof konsultieren zu müssen. Trauungen sind das 
Einzige was ihnen durchzuführen nicht gestattet ist. 

Sie haben die Befugnis, die Absolution (Lossprechung von Sünden) zu erteilen, Gelübde gegen andere leichter 
einzuhaltende einzutauschen oder sie sogar aufzulösen. 

Gaston Bally schreibt: 

„Die Befugnis des Generals hinsichtlich Absolution und Dispensen (Befreiungen) reicht noch weiter. Er 
kann alle über die Mitglieder vor oder nach deren Eintritt in den Orden verhängten Strafen aufheben, sie 
von ihren sämtlichen Sünden, sogar der Sünde der Ketzerei und Kirchenspaltung, Fälschung der apostoli¬ 
schen (päpsti.) Schriften etc. lossprechen. ... 

Der General spricht all jene, die in seiner Obedienz (der Gehorsamspflicht ihm gegenüber) sind, persönlich oder 
durch einen Delegaten (Bevollmächtigten) von dem unglückseligen aus der Exkommunikation (Ausschließung aus 
der Gemeinschaft), Suspension (Entziehung d. geistl. Amtsbefugnis) oder dem Interdikt (Gottesdienstverbot) erwachsenden 
Zustande frei, vorausgesetzt diese Missbilligungen wurden nicht für Exzesse erteilt, die derart ungeheuer¬ 
lich waren, dass andere, außer der päpstlichen Bußbehörde, davon wussten. 

Er spricht auch frei von aus Bigamie hervorgehender Unrechtmäßigkeit, anderen zugefügten Verletzun¬ 
gen, Mord, Attentaten ... solange diese schändlichen Taten nicht öffentlich bekannt und Ursache für einen 
Skandal waren.“ (19) 

(19) Gaston Bally: „Les Jesuites“ {„Die Jesuiten“, Chambery, Imprimerie Nouvelle, 1902, S. 11-13). 


Schließlich verlieh Gregor XIII. (erkl.: * 1502 , fi585) der Societas Iesu das Recht, sich in Handel und 
Bankgeschäften zu betätigen, ein Recht, von dem sie später ausgiebig Gebrauch machte. 

Diese Erlasse und noch nie da gewesenen Befugnisse wurden ihnen uneingeschränkt zugesichert. 

Sogar forderten die Päpste Fürsten und Könige auf, besagte Privilegien zu verteidigen; all jenen, die ver¬ 
suchen würden, letztere zu unterlaufen, drohten sie mit der großen Exkommunikation (m. der völligen AusschHe- 



ßung aus d. Kirche) „lätiC sententiie“ (allein kraft derpäpstl. Bulle, d.h. ohne Verfahren u. Richter; ERKL.: „gefällten Spruches“). Im 

Jahre 1574 verlieh eine Bulle Pius’ V. dem General das Recht, diesen Privilegien, entgegen allen Versu¬ 
chen, sie umzuarbeiten oder zu kürzen, ihren ursprünglichen Rahmen zurückzugeben, selbst wenn derarti¬ 
ge Kürzungen durch päpstliche Aufhebung offiziell dokumentiert worden waren. ... 

„Mit der Gewährung derart außerordentlicher, der veralteten Kirchenverfassung zuwiderlaufender Privi¬ 
legien beabsichtigte das Papsttum nicht allein die Ausstattung der Jesuiten mit mächtigen Waffen im 
Kampf gegen die „Ungläubigen“, sondern v.a. ihre Verwendung als Leibwache zur Verteidigung seiner 
eigenen uneingeschränkten Macht innerhalb und gegenüber der Kirche. Um die geistliche und weltliche 
Vormachtstellung aufrechtzuerhalten, die sie während des Mittelalters an sich gerissen hatten, verkauften 
die Päpste die Kirche an den Orden Jesu (Jesuitenorden) und lieferten sich ihm folglich aus. ... Wurde das 
Papsttum von den Jesuiten gestützt, so stand und fiel deren ganze Existenz mit des Papsttums geistlicher 
und weltlicher Vorherrschaft. So gesehen waren die Interessen beider Parteien aufs Engste miteinander 
verknüpft.“ (20) 

(20) Gaston Bally, op.cit., S.9-10, 16-17. 


Diese Schar Auserwählter aber benötigte, um die bürgerliche Gesellschaft zu beherrschen, eine heimli¬ 
che Hilfstruppe: eine Aufgabe, die dem verlängerten Arm der - „Jesuiten“ genannten - Kompanie zufiel. 
„So kamen mit der Societas Iesu viele bedeutende Persönlichkeiten in Verbindung: die Kaiser (deutschen 
Kaiser) Ferdinand n. (*1578, ti637) und Ferdinand HI. (* 1608 , fi657), Sigismund HI., König von Polen, der der 

Kompanie offiziell angehörte; der Kardinalinfant (Kardinalinfant Ferdinand von Österreich; ERKL.: kann nur dieser sein; Statt¬ 
halter; sein Titel „Kardinalinfant von Spanien“, weil er ursprüngl. 1. d. kirchl. Laufbahn bestimmt war u. schon als Kind z. Kardinal geweiht wurde, 

* 1609, fi64i); ein Herzog von Savoyen. Und diese waren von nicht geringem Nutzen.“ (21) 

(21) Pierre Dominique, op.cit., S.37. 


Heute ist es nicht anders; die 33.000 offiziellen Mitglieder der Kompanie operieren als deren Personal 
auf der ganzen Welt, Führungskräfte einer wirklich verborgenen Armee, in ihren Reihen Parteivorsitzen¬ 
de, hohe Funktionäre, Generäle, Richter, Ärzte, Dozenten etc., alle in dem Bestreben, in ihrem eigenen 
Bereich „den Opus Dei“, Gottes Werk, in Wirklichkeit die Pläne des Papsttums, herbeizuführen. 


Abschnitt II 

Die Jesuiten in Europa während des 16. und 17. Jahrhunderts 


Kapitel 1 

Italien, Portugal, Spanien 



„Frankreich“, schrieb Böhmer, „ist die Geburtsstätte der Gesellschaft Jesu, aber ihr Programm und ihre 
Verfassung hat sie erst in Italien erhalten. In Italien hat sie daher auch zuerst Fuß gefasst und sich ausge¬ 
breitet.“ (1) 

(1) H.Böhmer, op.cit., S.82. 

IN DEUTSCH: S.48. 

Der Autor beobachtet die wachsende Zahl der Kollegien (Jesuitengymnasien [mit Internat]) und Jesuitenakade¬ 
mien (128 im Jahre 1680); er schreibt: „mit welchem Erfolge, ... lehrt ... noch eindrucksvoller aber die 
Geschichte der italienischen Kultur im 16. und 17.Jahrhundert. Wenn das gebildete Italien wieder kirch¬ 
lich fromm wurde, sich wieder für Aszese (christi. Vollkommenheit i. kath. Sinne) und Heidenmission begeisterte, 
wieder mehr im Kirchenstile dichten und singen lernte und auch in Bild und Stein die Ideale der Kirche 
wieder mit größerem innerem Anteile zu verherrlichen begann, so ist das nicht zuletzt eine Frucht der Er¬ 
ziehung, welche die herrschenden Stände in der Schule und im Beichtstühle von den Jesuiten erhielten.“ 

( 2 ) 


(2) und (3) Böhmer, op.cit., S.82-83. 

IN DEUTSCH: S.48. 

Verloren gegangen waren „kindliche Einfalt, Freude, heitere Frische und naive Naturfreude ...“. 

„Dafür sind die Jesuitenschüler viel kirchlicher, devoter (demütiger), sentimentaler (empfindsamer), patheti¬ 
scher (feierlich-erhabener). Sie schwärmen für das Wunder und die Ekstase; sie berauschen sich förmlich an der 
Darstellung furchtbarer Kasteiungen (seibstauferiegter Bußübungen) und grässlicher Märtyrerqualen, sie bedürfen 
auch im Kultus (Kult) des Pompes, des Flitters (glitzernden Schmuckes) und der großen Gebärde (Theatraiik) der O- 
per. Ein getreuer Spiegel dieses Stimmungswandels ist die italienische Literatur und Kunst dieser Zeit. ... 
Die Unruhe, die Äußerlichkeit, die zudringliche Absichtlichkeit, die ihrem Schaffen anhaftet, verletzt auf 
Schritt und Tritt das Gemüt und erweckt statt sympathischer Hingabe eher ein Gefühl der Abneigung ge¬ 
gen den Glauben, dessen Dolmetsch und Verherrlichung sie sein möchte.“ (3) 

(2) und (3) Böhmer, op.cit., S.82-83. 

IN DEUTSCH: S.48. 

Es ist das Zeichen sui generis (eigener Art) der Kompanie. Diese Liebe für das Verzerrte, Komplizierte, 
Glitzernde, Theatralische könnte unter den von den „Exerzitien“ geprägten Mystikern seltsam erscheinen, 
würden wir nicht in ihr dieses grundsätzlich jesuitische Ziel, nämlich den Verstand zu beeindrucken, 
wahmehmen. Es ist eine Anwendung der Maxime: „Der Zweck heiligt die Mittel.“, mit Beharrlichkeit von 
den Jesuiten angewendet in Kunst, Literatur sowie Politik und moralischen Grundsätzen. 

Italien wurde kaum von der Reformation berührt. Nichtsdestotrotz schlossen sich die Waldenser, die seit 
dem Mittelalter trotz Verfolgungen überlebt hatten und sich später im Norden und Süden der Halbinsel 
niederließen, im Jahre 1532 der reformierten Kirche (der kaivinist. Konfession) an. Im Auftrag des Jesuiten Pos- 
sevin (erkl.: Antonius Possevin, päpsti. Diplomat u. Unionstheologe, *1533, fi611) leitete Emmanuel Philibert von Savoyen 
(erkl.: Herzog, *1528, fi580) im Jahre 1561 eine weitere blutige Verfolgung seiner „ketzerischen“ Untertanen 
ein. Das gleiche ereignete sich in Kalabrien, in Casale di San Sisto und Guardia Fiscale. „Auch bei dieser 
Metzelei fehlten ... die Jesuiten nicht, sie waren nämlich mit der Bekehrung der Schlachtopfer beschäf¬ 
tigt.“ 

(4) J.Huber, op.cit., S.165. 

IN DEUTSCH: S.128. 

Und Pater Possevin: „ ... hat ... als Feldprediger das katholische Heer begleitet und die Verbrennung 
der ketzerischen Priester als heilsam und notwendig bezeichnet.“ (5) 

(5) H.Böhmer, op.cit., S.165. 

IN DEUTSCH: S.52. 


Während des 16. und 17. Jahrhunderts waren die Jesuiten in Parma, am Hof der Farneses, allmächtig, 
genauso in Neapel. Doch in Venedig, wo sie stets mit Wohlwollen überschüttet wurden, wurden sie am 
14.März des Jahres 1606 „als getreueste Schildknappen (Schildträgert. d. Kampf) und Wortführer des Papstes ... 
“ ausgewiesen. 

Nichtsdestotrotz wurde ihnen im Jahre 1656 wieder erlaubt, zurückzukehren, doch sollte ihr Einfluss auf 
die Republik von nun an nur noch ein Schatten dessen sein, den sie in der Vergangenheit hatten. 

Portugal war für den Orden ein Land erster Wahl. „Schon unter Johann III. (1521-1559) (Erkl.: König von 
Portugal, * 1502 , fi557) ward er die einflussreichste geistliche Körperschaft des Reiches.“ (6) Sein Einfluss 
wuchs noch mehr nach der Revolte von 1640, die die Braganzas auf den Thron brachte. „Pater Fernandez 
wurde unter dem ersten Braganza Mitglied des Staatsrates und dann während der Minderjährigkeit Alfons 
VI. (erkl.: König, *1643, fi683) der einflussreichste Vertraute der Königin=Regentin Luise (erkl.: Luises, die anstelle 
ihres minderjähr. Sohnes Alfons vi. regierte,). Pater de Ville arbeitete 1667 erfolgreich mit an dem Sturze Alfons VI. 
und Pater Emmanuel Fernandez wurde von dem neuen König Pedro (erkl.: Peter //., * 1648, fi706) zum Danke 
für die Dienste, welche der Orden ihm geleistet hatte, 1677 sogar zum Deputierten (Abgeordneten) bei den 
Cortez (Volksvertretungen) ernannt ... Aber wenn die Patres auch keine öffentliche Stellung in dem Reiche 
bekleideten, so waren sie doch tatsächlich in keinem Lande mächtiger als in Portugal. Sie waren nicht nur 
die Gewissensleiter der ganzen königlichen Familie, sie wurden auch bei wichtigen Angelegenheiten von 
den Königen und Ministem zu Rate gezogen. Keine Stelle, bezeugt einer der Ihrigen, wird in der Verwal¬ 
tung des Staates und der Kirche ohne unsere Zustimmung besetzt, so dass der Klerus (Geistlichenstand), die 
Großen und das Volk sich wetteifernd um unsere Gunst und Verwendung bewerben, und auch die auswär¬ 
tige Politik, dürfen wir hinzufügen, stand ganz unter ihrem Einflüsse. Dass dies der Wohlfahrt des Reiches 
zuträglich gewesen sei, kann kein Einsichtiger behaupten.“ (7) 

(6) H.Böhmer, op.cit., S.85, 86, 87, 88. 

IN DEUTSCH: S.49, 50. 

(7) und (8) H.Böhmer, op.cit., S.85, 86, 87, 88. 

IN DEUTSCH: S.50, 51. 

Tatsächlich können wir die Folgen an dem dekadenten (entarteten) Zustand ablesen, in den das unglückse¬ 
lige Land verfallen war. In der Mitte des 18.Jahrhunderts war alle Energie und Weitsicht des Markgrafen 
von Pombal (ERKL.: Sebastiäo Jose de Cavalho e Mello, Conde de Oeyras, Marques de Pombal ; portug. Staatsmann, *1699, fl 782) er¬ 
forderlich, um Portugal dem Würgegriff des Ordens zu entreißen. 

In Spanien verlief das Eindringen des Ordens langsamer. Höhere Geistlichkeit und Dominikaner lehnten 
ihn lange ab. Die Herrscher ihrerseits, Karl V. und Philipp II., während sie ihre Dienste beanspruchten, 
misstrauten diesen Soldaten des Papstes und befürchteten Eingriffe in ihre Autorität. Doch mit viel List 
brach die Kompanie diesen Widerstand schließlich. „Im 17. Jahrhunderts beherrschte sie auch in Spanien 
die höheren Stände und den Hof. Ja der Pater Neidhart (ERKL. : der österr. Kardinal Johann Eberhard Graf Neidhardt, auch 

Neidhart, * 1607, fl 681), ein ehemaliger deutscher Reiteroffizier (ERKL: offensichtl. Verwechslung m. dem Deutschen August 
Wilhelm Anton Graf Neidhardt v. Gneisenau, *1760, fl 831, Kardinal Neidhardt war nie Reiteroffizier : sinnvoller, rieht. Einschub wäre: „der aus 
Oberösterreich gebürt, spätere Erzbischof [Leiter d. Kirchenprovinz-Hauptbistums] von Odessa [Edessa] u. Kardinal i. Rom“), regierte ... 
als Staatsrat (Mitgliedd. obersten Regierungsbehörde), als Premierminister (Leiterd. Regierung) und als Großinquisitor 
(obersterRichterd. span. Inquisition) geradezu das Reich ...“ (8) Die Königreiche Spanien wie auch Protugal verfie¬ 
len zeitglich wie der Orden zum Aufstieg gelangte. 

(7) und (8) H.Böhmer, op.cit., S.85, 86, 87, 88. 

IN DEUTSCH: S.50, 51. 

Lesen wir was Edgar Quinet dazu zu sagen hatte: 

„Ueberall wo eine Herrscherfamilie ausstirbt, sehe ich eine jener düstem Gestalten jesuitischer Beicht¬ 
väter aus der Erde hervorsteigen und sich wie ein böser Geist hinter ihr erheben, um sie sanft und väterlich 
in den Tod zu ziehen: den Pater Nithard (erkl.: offenbar Johann Eberhard Graf Neidhardt) bei dem letzten Erben der 
östreichischen Dynastie in Spanien; den Pater Auger, bei den Letzten der Valois; den Pater Peters, bei den 
letzten der Stuarts. ... “ (9) 





(9) Michelet und Quinet, op.cit., S.259. 


Spaniens Dekadenz (allgemeinen Verfall) kann man zugegebenermaßen nicht allein dem Orden zuschreiben. 
„Nur das ist richtig, dass der Orden im Bunde mit der Kirche und den anderen Orden ihren eigenen Nie¬ 
dergang, den Zersetzungsprozess befördert hat; während er immer reicher wurde, wurde das Land immer 
ärmer, so arm, dass beim Tode Karls II. in der Staatskasse nicht einmal mehr das Geld sich fand, um die 
üblichen 10 000 Messen für das Seelenheil des verstorbenen Monarchen zu bezahlen.“ (10) 

(10) H.Böhmer, op.cit., S.85, 86, 87, 88. 

IN DEUTSCH: S.51. 


Abschnitt II 


Kapitel 2 

Deutschland 


„Allein nicht der Süden, sondern Mitteleuropa, Frankreich, die Niederlande, Deutschland, Polen, waren 
der Hauptschauplatz des welthistorischen Ringens zwischen Katholizismus und Protestantismus. Eben 
darum wurden diese Länder auch der Hauptkriegsschauplatz der Kompagnie Jesu.“ (11) 

(11) und (12) H.Böhmer, op.cit., S.89, 104, 112, 114. 

IN DEUTSCH: S.52, 62. 

Besonders ernst war die Situation in Deutschland. „Nicht bloß notorische Schwarzseher, sondern auch 
sehr ruhige und verständige katholische Männer hielten damals die Sache der alten Kirche im deutschen 
Volksgebiet für so gut wie verloren. In der Tat war selbst in Österreich und Böhmen der Abfall so allge¬ 
mein, dass die Protestanten es sich wohl Zutrauen durften, binnen wenigen Jahrzehnten die Oberherrschaft 
zu erlangen. Wie kommt es nun, dass diese Entwickelung nicht eingetreten ist, sondern statt dessen die 
Entzweiung der Nation? Die katholische Partei ist schon Ende des 16. Jahrhunderts über die Antwort auf 
diese Frage nicht im Zweifel. Sie bezeichnet selber stets als Urheber jenes für sie soviel günstigeren Er¬ 
gebnisses: die bayerischen Wittelsbacher, die Habsburger und die Jesuiten. (12) 

(11) und (12) H.Böhmer, op.cit., S.89, 104, 112, 114. 

IN DEUTSCH: S.52, 62. 

Rene Fülöp-Miller schrieb über die Rolle der Jesuiten bei diesen Ereignissen: „Die katholische Sache 
konnte auf einen wirklichen Erfolg nur hoffen, wenn die Patres in der Lage sein würden, die Fürsten zu 
beeinflussen und zu steuern, jederzeit und unter allen Umständen. Die Beichtstühle boten den Jesuiten die 
Möglichkeit, sich einen dauerhaften politischen Einfluss und damit ein wirksames Vorgehen zu sichern.“ 

(13) 

(13) Rene Fülöp-Miller, op.cit., II, S.98, 102. 


In Bayern bat der junge Herzog Albrecht V., der Sohn eines leidenschaftlichen Katholiken war und sei¬ 
ne Ausbildung in Ingolstadt, der alten katholischen Stadt, erhielt, die Jesuiten, die Ketzerei wirksam zu 
bekämpfen: 

„Am 7.Juli des Jahres 1556 hielten acht Patres und zwölf jesuitische Scholaren (Schüler) ihren Einzug in 
Ingolstadt. Damit begann ein neues Zeitalter für Bayern. ... Selbst der Staat erhielt ein anderes Gepräge. 

... romanisch-katholische Ideale waren maßgebend für die Politik der Fürsten und die Lebensführung der 
höheren Stände. Aber der neue Geist hielt sich in den höheren Regionen. Der groben Volksseele ward er 
nicht mächtig. ... Nur wurde es unter der eisernen Zucht des Staates und der verjüngten Kirche wieder 
fromm katholisch, gehorsam, fanatisch unduldsam gegen alle Ketzerei. ... 

Eine so gewaltige Wirkung dem Einflüsse von ein paar Dutzend Fremdlingen zuzuschreiben, erscheint 
etwas gewagt. Allein die Kraft stand in diesem Falle in umgekehrtem Verhältnisse zu der Zahl, und die 
Kraft konnte in diesem Falle auch sofort ungehemmt wirken; die Sendlinge des Ignaz eroberten alsbald 
»Herz und Him« des kleinen Landes ... Ingolstadt wurde schon im Verlauf des nächsten Menschenalters 
(Zeitraumes d. nächsten Generation) die typische deutsche Jesuitenstadt.“ (14) 

(14) H.Böhmer, op.cit., S.89, 104, 112, 114. 

IN DEUTSCH: S.66-67. 

Man kann die Geisteshaltung, die die Patres in dieses Bollwerk des Glaubens hineinbrachten, beurteilen, 
wenn man das Folgende liest: 

„Auch der Ingolstädter Jesuit Mayrhofer lehrte in seinem »Predikantenspiegel« (ERKL.: Predikanten = protestan¬ 
tische Pfarrer; Spiegel = moralisch-religiöses Werk), die Tötung von Protestanten sei »nicht mehr wider die Billigkeit 
(Angemessenheit), als wenn einer sage, die Dieb’, die Münzfälscher, die Totschläger, die Aufrührer könne und 
solle man am Leben strafen.«“ (15) 

(15) Rene Fülöp-Miller, op.cit., II, S.98. 102. 

IN DEUTSCH: S.426. 

Die Amtsnachfolger Albrechts V. und insbesondere Maximilians I. (1597-1651) vollendeten sein Werk. 
Doch war Albrecht bei seiner „Pflicht“ der Sicherstellung des „Seelenheils“ seiner Untertanen gründlich. 

„Sobald die Patres in Bayern anlangten, schlug er gegenüber den Protestanten und protestantisch Ge¬ 
sinnten schärfere Töne an. Seit 1563 trieb er die Hartnäckigen unnachsichtlich aus dem Lande, kurierte die 
Täufer, wie der Jesuit Agricola rühmt, unnachsichtlich mit Feuer, Wasser und Schwert. ... Immerhin ver¬ 
ging fast ein Menschenalter, ehe die Verfolgung ihr Ziel erreichte. Noch 1586 wurden durch die mähri¬ 
schen Wiedertäufer Herzog Wilhelm 600 Leute »abpraktiziert« (»abgenommen«). Schon diese eine Angabe 
beweist, dass die Zahl der Vertriebenen sich nicht bloß auf einige Hundert, sondern auf Tausende belief. 
Für ein so dünn bevölkertes Land ein gefährlicher Aderlass! 

»Aber Gottes Ehre und das Seelenheil«, bedeutete schon Albrecht V. dem Münchner Rate, „gehen allen 
weltlichen Rücksichten vor.“ (16) 

(16) H.Böhmer, op.cit., S.89, 104, 112, 114. 

IN DEUTSCH: S.68-69. 

Stück für Stück ging sämtliche Katechese in Bayern an die Jesuiten über und wurde jenes Land Aus¬ 
gangspunkt für deren Eindringen in Ost-, West- und Norddeutschland. 

„Seit 1585 bekehrten die Väter (Patres) im Kölnischen Teile von Westfalen, 1586 erschienen sie in Neuß 
und in der Kölnischen Residenz Bonn, 1587 eröffneten sie in Hildesheim, 1588 in Münster ein Kolleg, das 
1618 schon an 1300 Schüler zählte. ... Ein großer Teil Westdeutschlands war damit dem Katholi z ismus 
wieder erobert - dank dem Hause Wittelsbach und den Jesuiten. 

Allein fast noch wichtiger als für Westdeutschland wurde das Bündnis der Wittelsbacher und der Jesui¬ 
ten für die österreichischen Lande.“ (17) 


(17) und (18) H.Böhmer, op.cit., S.117, 120. 


IN DEUTSCH: S.70, 72. 


Erzherzog Karl II., letzter Sohn Kaiser Ferdinands, heiratete im Jahre 1571 eine bayrische Prinzessin 
(ERKL.: Maria v. Bayern, * 1551 , fi608), „die alsbald die streng katholische Gesinnung und die Jesuitenfreundschaft 
des Münchner Hofes an die Burg von Graz verpflanzte“. Unter ihrem Einfluss arbeitete Karl intensiv dar¬ 
an, „die Ketzerei“ in seinem Reiche „auszurotten“ und als er im Jahre 1590 starb, ließ er seinen Sohn und 
Nachfolger Ferdinand schwören, dass dieser sein Werk fortsetzen würde. Darauf vorbereitet war Ferdi¬ 
nand ohnehin. „In Ingolstadt fünf Jahre lang von Jesuiten erzogen, kannte der sehr mäßig begabte Fürst 
kein höheres Ziel, als Herstellung der katholischen Kirche in seinen Erbländern (dynast. stammlanden). Ob das 
für seine Staaten vorteilhaft war, war ihm gleichgültig. Ich will lieber ein verwüstetes, als ein verdammtes 
Reich, erklärte er.“ (18) 

(17) und (18) H.Böhmer, op.cit., S.117. 120. 

IN DEUTSCH: S.70, 72. 

Im Jahre 1617 wurde Erzherzog Ferdinand vom Kaiser zum böhmischen König gekrönt. Beeinflusst von 
seinem jesuitischen Beichtvater Viller, begann Ferdinand unverzüglich, in seinem neuen Reich den Pro¬ 
testantismus zu bekämpfen. Dies signalisierte den Beginn jenes blutigen Religionskrieges, der Europa für 
die nächsten dreißig Jahre im Ungewissen ließ. Als im Jahre 1618 die Ereignisse in Prag das Signal für 
offene Rebellion gaben, versuchte der alte Kaiser Matthias zunächst zu vermitteln, doch hatte er nicht ge¬ 
nügend Macht, seine Absichten gegen König Ferdinand, der von seinem jesuitischen Beichtvater be¬ 
herrscht wurde, durchzusetzen; damit war die letzte Hoffnung, diesen Konflikt gütlich beizulegen, zunich¬ 
te. Zur gleichen Zeit hatten die böhmischen Fänder Maßnahmen ergriffen und feierlich beschlossen, dass 
alle Jesuiten ausgewiesen werden sollten, da man in ihnen Förderer von Bürgerkriegen sah. 

„Dem Beispiel der Stände folgten bald Schlesien und Mähren, und gleichzeitig schlossen sich auch die 
ungarischen Protestanten, gereizt durch die energische gegenreformatorische Tätigkeit des Jesuiten Peter 
Päzmäny ( ERKLPeter Pasmann, ung. kathol. Theologe u. Erzbischof von Gran, * 1570, fl 637), der böhmischen Empörung an.“ 
(19) Doch die Schlacht am Weißen Berge (1620) wurde von Ferdinand gewonnen, der nach Matthias’ 

Tode wieder zum Kaiser erhoben worden war. 

Die Jesuiten überredeten Ferdinand, über die Rebellen die grausamste Bestrafung zu verhängen; auf un¬ 
sagbar schreckliche Weise wurde der Protestantismus im ganzen Fände ausgerottet. ... Am Ende des Krie¬ 
ges war der materielle Ruin des Fandes komplett. 

„Der Jesuit Balbinus (erkl: Bohusiaus Baibinus, * 1620 o. 1621 , fi688), der Geschichtsschreiber Böhmens, wunder¬ 
te sich, dass nach allem, was hier geschehen war, überhaupt noch Einwohner gefunden wurden. Aber noch 
größeres Unglück ... war ... der Niedergang einer blühenden Bildung bei Adeligen und Bürgern, die Aus¬ 
tilgung einer nicht wieder zu ersetzenden reichen Nationalliteratur, mit einem Worte, die völlige Unter¬ 
drückung ihrer Nationalität. Massenhaft verbrannten die Jesuiten die Schätze der czechischen Fiteratur 
und ihnen fiel nun zunächst das unglückliche Fand als eine Domaine zu. Auch der große Heilige der Nati¬ 
on, Johannes Huß (erkl: *um 1370 (?), fi4i5), wurde namentlich durch ihre Künste allmählich aus dem An¬ 
denken des Volkes ausgelöscht. ... Die Blüthezeit des Jesuitenordens, sagt T o m e k (erkl.: Wenzel wiadiwoj 
Tomek [böhm. Historiker, * 1818 , fl905], „Geschichte der Prager Universität“, Haase, Prag, 1849, S.290), war für Böhmen die Zeit 
des tiefsten Verfalls der Nationalbildung überhaupt und der Wissenschaft insbesondere, und dem Einflüs¬ 
se des Ordens war es vorzüglich zuzuschreiben, dass, nach den schweren Schlägen einer inneren Umwäl¬ 
zung und eines langwierigen verheerenden Krieges, welche den Verfall herbeigeführt hatten, das Wieder¬ 
aufwachen vom Todesschlaf mehr als ein Jahrhundert lang aufgehalten wurde. 

Als es sich um Beendigung des entsetzlichen Krieges und die Herstellung eines Friedens handelte, wel¬ 
cher den Protestanten in Deutschland die politische Gleichstellung mit den Katholiken bringen sollte, bo¬ 
ten die Jesuiten alles auf um den Kaiser davon zurückzuhalten und setzten dem Fortgange des Friedens¬ 
werkes stets neue Hindernisse entgegen - freilich vergeblich.“ (20) 

(19) Rene Fülöp-Miller, op.cit., II, S.104-105. 

IN DEUTSCH: S.433. 

(20) J.Huber, op.cit., S.180-183. 

IN DEUTSCH: S.190-193. 


Von ihrem Schüler aber, Leopold dem Ersten (erkl.. König von Ungarn [seit 1655] u. Böhmen [seit 1656]), dem damals 
herrschenden Kaiser (erkl.: seit 1658), holten sie sich das Versprechen ein, die Protestanten in seinen eigenen 
Ländern, insbesondere in Ungarn, zu verfolgen. „Begleitet von kaiserlichen Dragonern nahmen die Jesui¬ 
ten vom Jahre 1671 an das Bekehrungsgeschäft auf. Die Ungarn aber empörten sich und es wurde ein 
Krieg entzündet, welcher mit wenigen Ausnahmen fast ein Menschenalter dauerte. ... Franz Rakoczy 
(ERKL.: Franz I. Räköcsi, vorgesehener Fürst von Siebenbürgen, * 1645, f1676) befehligte aber siegreich die Insurrection (Volks¬ 
erhebung) und wollte sogleich aus allen Gebieten, welche er unter seine Gewalt brachte, die Jesuiten, die 
allgemein als die Urheber der kaiserlichen Maßregeln betrachtet wurden, austreiben; aber einflussreiche 
Gönner derselben wussten die Ausführung dieser Absicht aufzuhalten. Erst im Jahre 1707 wurde dieselbe 
ins Werk gesetzt. ... 

Prinz Eugen (erkl.: Prinz Eugen v. Savoyen-Carignan, * 1663, fi 736) konnte diese Politik des Kaiserhauses und die 
Umtriebe der Jesuiten in Ungarn nicht genug tadeln. »Es hat nicht viel gefehlt«, schreibt er, »dass die Je¬ 
suiten in Ungarn durch die Verfolgung der Protestanten das Haus Oesterreich um diese Krone gebracht 
haben.« Ueberhaupt nannte er die Jesuiten nur die Marianisten, d.h. die Anhänger der Lehre des Mariana 
(erkl.: Juan de Mariana, *1536, fi624) von der Zulässigkeit des Tyrannenmordes, und einmal äußerte er in bitte¬ 
rem Sarcasmus, dass die Sittenlehre der Türken sich, wenigstens was die Ausübung anlangt, ziemlich 
stark über die ihrige erhebe. »Sie wollen ihre Herrschaft nicht allein über die Meinungen der Menschen, 
sondern geradezu über Leben und Tod ausüben.« 

Österreich und Bayern bekamen die Früchte jesuitischer Herrschaft über das Geistesleben des Volkes im 
vollsten Maaße zu kosten. Mit der Niederhaltung der vorwärtsstrebenden Regungen des Gedankens ging 
eine systematisch betriebene Volksverdummung Hand in Hand. 

Das maßlose Elend, welches der unselige Religionskrieg über Deutschland brachte, die politische Ohn¬ 
macht, den culturhistorischen (kuiturgeschichti.) Niedergang, die sittliche Verwilderung und geistige Ver¬ 
ödung, die grauenhafte Entvölkerung - auf ein Drittheil der früheren Zahl war die Bevölkerung nach dem 
Krieg zusammengeschwunden, in der Rheinpfalz sogar bis auf den fünften Theil - und die vollständige 
Verarmung unseres Vaterlandes haben wir zum nicht geringen Theil der Gesellschaft Jesu zu verdanken.“ 
( 21 ) 

(21) J.Huber, op.cit., S.183-186. 

IN DEUTSCH: S.189-190. 


Abschnitt II 


Kapitel 3 


Schweiz 


Nur während des 17.Jahrhunderts, nachdem sie während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von ei¬ 
nigen wenigen Städten der Eidgenossenschaft gerufen, dann ausgewiesen worden waren, gelang es den 
Jesuiten, sich erfolgreich in der Schweiz niederzulassen. 

Dem Erzbischof von Mailand, Karl Borromäus ( erkl ..- * 1538, fi584), der ihre Einführung 1578 in Luzem 
begünstigt hatte, wurde bald klar, was die Folgen ihrer Tätigkeit sein würden, wie wir von J.Huber erin¬ 
nert werden: „Carl Borromäus schrieb an seinen Beichtvater, dass die Gesellschaft Jesu, regirt 
durch mehr politisch= als religiös gesinnte Chefs, zu mächtig werde, um die nöthige Bescheidenheit, Un¬ 
terwürfigkeit und Mäßigung zu bewahren ... , dass sie die Könige und Päpste beherrschen, das Zeitliche 
und Geistliche regiren wolle, dass dieser der Religion fremde und entgegengesetzte Geist das fromme In¬ 
stitut des heiligen Ignatius verändert habe und dass eine so nützliche Gesellschaft endlich unterdrückt 

werden würde.“ (ERKL.: Mathieu Mathurin Tabaraud, „Essai historique et critique sur l'etat des Jesuites en France“[„Kritisch-histor. Ver¬ 
such überd. Zustand der Jesuiten i. Frankreich“], Paris, 1828, S.254 ff.) (22) 

(22) J.Huber, op.cit., S.131. 


Zur selben Zeit schrieb in Frankreich der berühmte Rechtsexperte Stephan Pasquier: „Führe mitten unter 
uns diesen Orden ein und du wirst Streit, Chaos und Verwirrung stiften.“ (23) 

(23) Zitiert aus R. Fülöp-Miller: „Les Jesuites et le secret de leur puissance“ (Pion, Paris, 1933). 

IN DEUTSCH: R. Fülöp-Miller: „Macht und Geheimnis der Jesuiten“ (Knaur Verlag, Berlin, 1929). 


Ist es nicht ein und dieselbe, immer wieder und in allen Ländern gehörte Beschwerde gegen die Kompa¬ 
nie? Es war das gleiche in der Schweiz, als der Beweis ihrer üblen Machenschaften durch den äußeren 
Anschein hindurch brach, den, sich zu geben, sie hervorragend verstand. 

„Wo die Jesuiten zu einer dauerhaften Niederlassung in der Schweiz gelangten, gewannen sie Hoch und 
Nieder, Jung und Alt. Auch hier fingen die Obrigkeiten an, in wichtigen Angelegenheiten ihren Rath zu 
suchen; Schenkungen von Lebenden und Vermächtnisse flössen ihnen reichlich zu und es währte nicht 
lange, so hatten sie alle Schulen, die Kanzeln in den meisten Kirchen und die Beichtstühle der großen Her¬ 
ren und aller Personen vom Stande (von Adel) besetzt. Als Erzieher aller Stände, als Beichtväter, Rathgeber 
und Hausfreunde der Rathsherren wuchs ihr Einfluß so sehr, dass sie auch in den Gang der öffentlichen 
Angelegenheiten bestimmend eingreifen konnten. Von Luzem und Freiburg wirkten sie auf die übrigen 
katholischen Orte und leiteten vielfach die äußere Politik der meisten katholischen Kantone. ... 

Alle Pläne Roms und anderer auswärtiger Mächte gegen den Protestantismus in der Schweiz fanden an 
ihnen eifrige und gewandte Förderer. ... 

Mit besonderer Erbitterung arbeiteten sie der Reformation in den bündnerischen Herrschaften entgegen; 
ihre wiederholten Verbannungen aus denselben hatten ihren Hass gegen die Protestanten noch glühender 
gemacht und so reizten sie im Jahre 1620 in Veltlin zur Niedermetzelung derselben auf. Ein Haufe fanati- 
sirter Katholiken machte denn auch in Tirano und im ganzen Thale des Veltlin bei 600 Menschen grausam 
nieder; der Papst aber gab hinterdrein allen, die sich an diesen Greueln betheiligt hatten, Ablaß. 

Die Jesuiten erhielten nicht bloß die Zwietracht zwischen den Eidgenossen, sondern schürten dieselbe 
bis zum blutigen Bürgerkriege. Im Jahre 1656 brach derselbe aus und sie erlitten durch die Reformirten 
(die Bemer) bei Vilmergen eine schwere Niederlage. 

Als hierauf im Juni 1712 in Aarau der Frieden unterhandelt wurde und Luzem und Uri ihn bereits ange¬ 
nommen hatten, da strengten die Jesuiten, welche von Rom und dem Nuntius dazu beauftragt waren, Alles 
an, um denselben zu verhindern. Sie forderten zu neuen Kämpfen auf und verweigerten allen denen, die 
nicht zum Schwert greifen wollten, die Absolution; sie predigten, dass man den Ketzern weder Treue noch 
Glauben schuldig sei, verdächtigten die gemäßigten Rathsherren, suchten sie aus den Behörden zu entfer¬ 
nen und wiegelten endlich in Luzem das Volk gegen die Regirung so sehr auf, dass diese endlich sich ge¬ 
zwungen sah, den Frieden wieder zu brechen. Die katholischen Orte verloren nun auch noch die zweite 
Schlacht bei Vilmergen und mussten einen harten Frieden eingehen. 

Von der Zeit an nahm der politische Einfluß des Ordens in der Schweiz mehr und mehr ab.“ (24) 


(24) J.Huber, op.cit., S.188 ff. 


IN DEUTSCH: S.147-150 


Heute verbietet Artikel 51 der Schweizer Verfassung der Gesellschaft Jesu jegliche kulturelle oder pä¬ 
dagogische Betätigung auf dem Territorium der Eidgenossenschaft, und Anstrengungen, diese Regelung 

aufzuheben, wurden bislang stets ZU Fall gebracht (ERKL.: im Laufe d. Entspannung d. Verhältnisses zwischen Kirche u. Staat 
wurden verschiedene Anläufe gemacht, die als überholt betrachteten religiösen Ausnahmebestimmungen zu streichen, im Falle der Jesuiten- u. 
der Klosterartikel [Art. 51 u. 52 Bundesverfassung] mit Erfolg: 1973 stimmten Volk u. Stände deren Aufhebung zu; die amerikanische, dieser 

Übersetzung zugrunde liegende Ausgabe von „Die verborgene Geschichte der Jesuiten“ ist m. 1975 datiert!) . 

IQ] 


Abschnitt II 


Kapitel 4 

Polen und Russland 


Die Jesuitenherrschaft war nirgends so tödlich wie in Polen. Dies wird durch H.Böhmer, einen gemäßig¬ 
ten Historiker, der keinerlei Feindseligkeit gegen die Kompanie hegt, nachgewiesen. 

„Man hat die Jesuiten wohl geradezu für den Untergang Polens verantwortlich gemacht. Allein diese 
Anklage geht sicher zu weit. Der Verfall des Staates hatte schon begonnen, als sie in Polen erschienen. 
Aber sie haben unzweifelhaft den Zersetzungsprozess beschleunigt. Wenn irgendein Staat, so musste Po¬ 
len schon im Hinblick auf die Millionen griechischer Christen (Millionen von Angehörigen d. griechisch- 
orthodoxen „Kirche von Polen“) unter seinen Untertanen in der inneren Politik die Toleranz sich zum ersten Grund¬ 
sätze machen. Die Jesuiten haben dies verhindert und nicht nur das: sie haben auch die äußere Politik Po¬ 
lens in unheilvoller Weise dem katholischen Interesse dienstbar gemacht.“ (25) 

(25) H.Böhmer, op.cit., S.135. 

IN DEUTSCH: S.81-82. 

Dies wurde gegen Ende des vergangenen ( 19 .) Jahrhunderts geschrieben; es zeigt große Ähnlichkeit zu 
dem, was Oberst Beck (erkl.: JözefBeck, * 1894, fi944), ehemaliger polnischer Außenminister von 1932-1939, 
nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sagte: 

„Einer der Hauptverantwortlichen für die Tragödie meines Landes ist der Vatikan. Zu spät erkannte ich, 

dass wir eine Außenpolitik betrieben hatten, die lediglich der egoistischen Zielsetzung der katholischen 

Kirche diente.“ (26) 

(26) Erklärung vom 6.Februar 1940. 


Und so machte sich in jener unglückseligen Nation nach mehreren Jahrhunderten derselbe verhängnis¬ 
volle Einfluss erneut einen Namen. 

„Schon im Jahre 1581 hatte der Pater Possevino als päpstlicher Gesandter in Moskau alle Künste aufge- 
boten, um Zar Iwan den Schrecklichen (erkl.: Iwan iv., gen. d.Schreckliche, *1530, fi584) zum Anschlüsse an die 













römische Kirche zu bewegen. Iwan zeigte sich in der Tat nicht abgeneigt. Froher Hoffnungen voll vermit¬ 
telte Possevino nun 1582 zwischen Russland und Polen den Frieden von Kiverowa Gora (Kiwjerowa Gora: 
erkl: südlich von Pießkau/Pskow), der Iwan aus großer augenblicklicher Verlegenheit befreite. Eben das hatte 
der schlaue Zar beabsichtigt. Von der Bekehrung der Russen war nun keine Rede mehr. Unverrichteter 
Sache musste Possevino wieder Russland verlassen. Zwei Jahrzehnte später zeigte sich den Patres eine 
neue noch verlockendere Gelegenheit, Russland zu gewinnen. Grischka Otrepjew (Gregor otrepjew; erkl.: Pseu¬ 
dodemetrius /., fi 606 ), ein entlaufener Mönch, offenbarte einem Jesuitenpater, dass er identisch sei mit Dimitri 
(erkl.: Demetrius: erkl.: * 1582, fi59i), dem ermordeten Sohne des Zaren Iwan, und erklärte sich bereit, Moskau 
Rom zu unterwerfen, falls der Thron des Zaren ihm zuteil werde. Ohne sich lange zu besinnen, nahmen 
die Jesuiten die Sache in die Hand, führten Otrepjew im Hause des Palatin (Pfalzgrafen) von Sendomir (Sando- 
mir) ein, der ihm seine Tochter zum Weibe gab, verfochten seine Ansprüche bei König Sigismund III. 

(erkl.: Sigismund in. Wasa, * 1566, fi632) und dem Papste und betrieben die Aufstellung eines polnischen Heeres 
gegen den Zaren Boris Godunow. Zum Lohne dafür schwor der falsche Dimitri in einem Jesuitenhause in 
Krakau die Religion seiner Väter ab und gewährte dem Orden nach seinem Siege über Boris unweit des 
Kreml in Moskau eine Niederlassung. 

Aber gerade die Begünstigung der katholischen Mönche zog Dimitri den Hass der rechtgläubigen Rus¬ 
sen zu. Am 27.Mai 1606 ward er mit vielen hundert Polen ermordet. Konnte man bis dahin kaum von ei¬ 
nem russischen Nationalgefühl reden, so trat dasselbe jetzt plötzlich urkräftig hervor und zwar offenbarte 
es sich jetzt zunächst ausschließlich als ein fanatischer Hass gegen die römische Kirche und gegen die 
Polen. 

Fast noch unheilvoller wurde für Polen der von dem Orden eifrig betriebene Anschluss an Österreich 
und die ebenfalls von ihm emsig befürwortete Offensivpolitik Sigismunds III. gegen die Türken. Kurz, 
kein Staat hat in seiner Entwickelung den Einfluss der Gesellschaft so stark erfahren, wie Polen. Aber in 
keinem Staate - außer Portugal - hat sie auch eine solche Machtstellung besessen. Polen hat nicht nur 
einen Jesuitenkönig erlebt, sondern in Johann Kasimir (erkl.: Johann //. Kasimir, *1609, fi672) sogar einen »Kö- 
nig=Jesuit«, d.i. einen Fürsten, der vor seiner Thronbesteigung dem Orden angehörte. ... 

Während Polen mit Riesenschritten seinem Ruine entgegentrieb, nahm die Zahl der jesuitischen Anstal¬ 
ten und Niederlassungen so zu, dass der General noch 1751 Polen zu einer eigenen Assistenz erheben 
konnte!“ (27) 

(27) H.Böhmer, op.cit., S.135 ff. ^2^ 

IN DEUTSCH: S.82-83. 


Abschnitt II 


Kapitel 5 

Schweden und England 




„In den skandinavischen Ländern“, schrieb Pierre Dominique, „vereinnahmte der Lutheranismus (luther¬ 
treue Protestantismus) alles Übrige, und als die Jesuiten ihren Gegenangriff starteten, fanden sie nicht vor, was 
in Deutschland zu finden war: eine katholische Partei, bereits in der Minderheit, aber noch stark.“ (28) 

(28) Pierre Dominique, op.cit., S.76. 


Ihre einzige Hoffnung bestand damals in der Bekehrung des Herrschers, der insgeheim dem Katholizis¬ 
mus zugetan war; außerdem hatte dieser König, Johann IE. Wasa (ERKL.: Johann ///., * 1537 , fi592) im Jahre 1568 
eine polnische Prinzessin, Katharina (erkl.: Katharina von Polen, * 1526 , fi583), eine römische Katholikin, geheira¬ 
tet. Im Jahre 1574 wurden Pater Nicolai und andere Jesuiten in die kürzlich gegründete Schule der Theo¬ 
logie eingeführt, wo sie, offiziell den Lutheranismus annehmend, inbrünstige römische Bekehrer wurden. 
Der clevere Unterhändler Possevin kümmerte sich außerdem um die Bekehrung Johanns IE. sowie die 
Sicherstellung der Bildung und Erziehung seines Sohnes Sigismund, des künftigen Sigismund IE. (erkl.: 
Sigismunds in. Wasa, *1566, fi632), König von Polen. Als die Zeit kam, Schweden dem Heiligen Stuhl zu unter¬ 
werfen, führten die Bedingungen des Königs: Priesterehe, Gebrauch der Umgangssprache in Gottesdiens¬ 
ten, und Kommunion (Abendmahlsfeier) unter beiden Gestalten (unter der Gestalt von Brot und der Gestalt von Wein), was 
von der römischen Kurie stets alles abgelehnt wurde, die Verhandlungen in eine Sackgasse. Jedenfalls 
hatte sich der König, der seine erste Frau verloren hatte, zu jener Zeit bereits mit einer schwedischen Lu¬ 
theranerin wiederverheiratet. Die Jesuiten mussten das Land verlassen. 

„Erst 2 Menschenalter später errang der Orden in Schweden noch einen großen Erfolg: Königin Christi¬ 
ne (erkl.: * 1626 , fi689), die letzte Wasa, wurde durch 2 jesuitische Professoren, die als reisende italienische 
Edelleute in Stockholm sich einführten, zum Übertritte bewogen. Aber eben um diesen Entschluss unge¬ 
hindert ausführen zu können, entsagte sie am 24.Juni 1654 der Krone.“ (29) 

(29) H.Böhmer, op.cit., S.137, 138, 139. 

IN DEUTSCH: S.83-84. 

In England wiederum erschien der Kompanie die Situation günstiger und sie konnte, zumindest für eine 
Weile, hoffen, dieses Land wieder unter die Zuständigkeit des Heiligen Stuhls bringen zu können. 

„Als Elisabeth (erkl.: Elisabeth /., * 1533 , fi603) im Jahre 1558 den Thron bestieg, war Irland noch ganz, Eng¬ 
land noch zur Hälfte katholisch. ... Schon 1542 hatten Salmeron und Broet Irland als päpstliche Missiona¬ 
re durchzogen.“ (30) 

(30) H.Böhmer, op.cit., S.137-139. 

IN DEUTSCH: S.84. 

Unter der Leitung der Jesuiten waren in Douai, Pont-ä-Mousson und Rom Seminare (Bildungsinstitute) ge¬ 
schaffen worden, mit der Absicht, englische, irische und schottische Missionare auszubilden. In Einigkeit 
mit Philipp E. von Spanien (erkl.: * 1527 , fi598) arbeitete die römische Kurie am Sturz Elisabeths zugunsten 
der katholischen Maria Stuart (erkl.: Königin, * 1542 , fi587). Ein von Rom provozierter irischer Aufstand war 
zuvor niedergeschlagen worden. Die Jesuiten aber, die im Jahre 1580 in England eingetroffen waren, hiel¬ 
ten in Southwark eine große Katholiken Versammlung ab. 

„Dann zogen sie verkleidet von Grafschaft zu Grafschaft, von Edelsitz (Adelssitz) zu Edelsitz. Abends hör¬ 
ten sie die Beichte, morgens predigten sie und spendeten sie das Sakrament (führten sie d. gottesdiensti. Handlung 
aus), dann verschwanden sie ebenso geheimnisvoll wieder, wie sie gekommen. Denn schon am 15.Juli hat¬ 
te sie Elisabeth geächtet (für vogelfrei erklärt).“ (31) 

(31) H.Böhmer, op.cit., S.140-142. 

IN DEUTSCH: S.84. 

Im Geheimen druckten und verteilten sie bösartige Streitschriften gegen die Königin und die Anglikani¬ 
sche Kirche. Einer von ihnen, Pater Campion (erkl.: Edmund Campion, * 1540 , fi58i), wurde gefasst, wegen 
Hochverrats verurteilt und gehängt. Auch in Edinburg arbeiteten sie an einem heimlichen Plan, nämlich 

König Jakob von Schottland (ERKL.: *1566, f1625, als Jakob VI. seit 1567 König von Schottland: als Jakob I. seit 1603 auch König 




von England) für ihre Sache zu gewinnen. Das Ergebnis dieser ganzen Unruhen war die Hinrichtung Maria 
Stuarts im Jahre 1587. 

Dann kam der spanische Feldzug, die unüberwindliche Armada, die England eine Zeitlang zittern mach¬ 
te und den „heiligen Bund“ um Elisabeths Thron herbeiführte. Doch verfolgte die Kompanie ihre Vorha¬ 
ben nicht minder und bildete, während unter der Leitung von Pater Garnett ihre heimliche Propaganda in 
England fortgesetzt wurde, in Valladolid, Sevilla, Madrid und Lissabon englische Priester aus. Nach der 

Pulververschwörung gegen Jakob I., Elisabeths Nachfolger (ERKE: Verschwörung kathot. Edelleutei. England unter Mit¬ 
wissen engl. Jesuiten, um Jakob I. fKönig von England, *1566, 116251 u. das Parlament bei d. Parlamentseröffnung am 5.11.1605 in die Luft zu 
sprengen; Plan wurde am 4.11. verraten), wurde besagter Pater Gamett wegen Mittäterschaft verurteilt und, wie Pa¬ 
ter Campion, gehängt. 

Unter Karl I. (ERKE: König, *1600, f1649) dann, in Cromwells Republik (ERKE: 1649-60; Oliver Cromwell ri599, fl 658], 
Führer d. puritanischen Opposition, ist gegen d. Absolutismus König Karls I. u. dessen Streben nach Ausgleich m. d. kath. Irland u. Rom, stürzt 
diesen deshalb i.J. 1649 u. errichtet die Republik England, deren Staatsratsvorsitzender er wird [deren oberster Regierungsebene er vorsitzt]; da 

diese Herrschaft auf Cromwells Person beruhte, besiegelte sein Tod d. Ende d. Republik i. J. 1660), bezahlten weitere Jesuiten ihre 
Intrigen mit dem lieben. Der Orden dachte, er würde den Sieg unter Karl U. (erkl.: König, *1630, fi685) davon¬ 
tragen, der zusammen mit Ludwig XIV. (ERKL.: gen. Sonnenkönig; König von Frankreich, * 1638, fl 715) in Dover, mit 
dem Versprechen den Katholizismus im Land wiederherzustellen, einen Geheimvertrag abgeschlossen 
hatte. 

„Die Nation erfuhr nur zum Teil von diesen Vorgängen. Aber schon das Wenige genügte, um eine un¬ 
geheure Erregung wachzurufen. Ganz England zitterte vor dem Gespenst Loyolas und vor jesuitischen 
Anschlägen.“ (32) 

(32) H.Böhmer, op.cit., S.140, 142. 

IN DEUTSCH: S.85-86. 

Ein Treffen von ihnen im Palais selbst trieb den Volkszorn auf die Spitze. 

„Karl ü„ dem das lieben eines Königs gefiel und der sich auf keine neue »Fahrt über die Meere« bege¬ 
ben wollte, hängte fünf Patres in Tybum wegen Hochverrats. ... Es entmutigte die Jesuiten nicht. Karl II. 
war jedoch zu klug und zu misstrauisch für ihre Zuneigung, stets bereit, die Jesuiten fallen zu lassen. Letz¬ 
tere dachten, der Sieg sei in Sicht, als Jakob n. den Thron bestieg. Genau genommen setzte der König 
Maria Tudors (erkl.. Königin von England. '1516, fi558) altes Spiel fort, nur dass er sanftere Mittel gebrauchte. Er 
gab vor, England zu bekehren und gründete für die Jesuiten im Savoyenschen Palais ein Kolleg, wo sich 
sofort vierhundert Schüler niederließen. Eine regelrechte Jesuitenkamarilla (jesuit. Günstiingspartei) übernahm 
das Palais. ... 

„All diese Verkettungen waren die Hauptursache für die Glorreiche Revolution (erkl.: 1688 -1689, ohne Blut¬ 
vergießen bewirkter Sturz des zum Katholizismus übergetretenen Königs Jakob II. aus d. Hause Stuart u. Thronbesteigung durch dessen protes 
tantisch gebliebene Tochter Maria II. u. deren Gemahl Wilhelm III. von Oranien . Erbstatthalter d. Niederlande u. Hauptgegner d. Vormachtpolitik 

Ludwigs xiv. von Frankreich). Die Jesuiten mussten gegen eine zu starke Strömung ankämpfen. Damals entfielen 
in England zwanzig Protestanten auf einen Katholiken. Der König wurde gestürzt; alle Mitglieder der 
Kompanie wurden verhaftet oder ausgewiesen. Die Jesuiten nahmen vorerst wieder ihre Geheimagenten¬ 
tätigkeit auf, doch war es nicht viel mehr als ein sinnloses Unterfangen. Sie hatten die Sache verloren. (33) 

(33) Pierre Dominique, op.cit., S.101. 102. 


Abschnitt II 











Kapitel 6 


Frankreich 


Im Jahre 1551 begann sich der Orden in Fran kr eich niederzulassen, d.h. siebzehn Jahre nach seiner 
Gründung in der Dionysiuskapelle zu Montmartre. 

Sie erwiesen sich zwar als erfolgreiche Gegner der Reformation, die bis dahin ein Siebentel der franzö¬ 
sischen Bevölkerung für sich gewonnen hatte, diesen zu sehr dem Heiligen Stuhl ergebenen Soldaten aber 
misstrauten die Menschen. Deshalb verlief ihre Unterwanderung auf französischem Boden zunächst lang¬ 
sam. Da in allen anderen Ländern die allgemeine Meinung nicht zu ihren Gunsten war, schlichen sie sich 
zuerst unter die Leute bei Hofe, danach, über diese, in die Oberschicht ein. Doch in Paris blieben das Par¬ 
lament, die Universität und sogar die Geistlichkeit ablehnend. Das trat deutlich zu Tage, als sie dort zu¬ 
nächst versuchten, ein Kolleg zu eröffnen. 

„Die Theologische Fakultät, deren Aufgabe es ist, die Grundlagen der Religion in Frankreich zu schüt¬ 

zen, verfügte am 1.Dezember des Jahres 1554, dass »diese Gesellschaft hinsichtlich des Glaubens außer¬ 
ordentlich gefährlich zu sein scheint, sie ein Feind des Kirchenfriedens ist, tödlich für den Mönchsstand 
und anscheinend eher dazu bestimmt, Verderben zu bringen denn Erbauung«.“ (34) 

(34) Gaston Bally, op.cit., S.69. 


Dennoch wurde den Patres gestattet, sich in Billom, einem Flecken in der Auvergne, niederzulassen. 
Von dort aus bereiteten sie eine große Aktion gegen die Reformation in den Provinzen Südfrankreichs 
vor. Der berühmte Lafnez, der Mann auf dem Trienter Konzil, machte sich mit Polemik einen Namen, 
insbesondere auf dem Religionsgespräch ZU Poissy (Meinungsaustausch im Jahre 1561 zwischen katholischen u. calvinisti- 
schen Theologen i. Poissy), in dem unglückseligen Versuch, einen Ausgleich der zwei Lehren herbeizuführen 
(1561). 

Dank der Königinmutter (Mutter d. frz. Könige Franz II., Karl IX. u. Heinrich III.,) Katharina von Medici (ERKL.: Königin, Re¬ 
gentin [1560-1563 i. der Zeit d. Minderjährigkeit ihres zweiten Sohnes Karl IX.], *1519, 11589) eröffnete der Orden seine erste Pari¬ 
ser Niederlassung, das Kolleg Clermont, das in Konkurrenz zur Universität stand. Die Opposition von der 
hiesigen Universität, die Geistlichkeit und das Parlament wurden von der Kompanie, die versprach, dem 
gemeinen Recht (allgemeinen Recht) zu entsprechen, mehr oder weniger mit Zugeständnissen beschwichtigt; 
doch hatte die Universität bis dato lange und hart dagegen gekämpft, dass, laut Stephan Pasquier, „Män¬ 
ner“ eingeführt würden, „die auf Kosten Fran kr eichs bestochen wurden, um sich gegen den König zu rüs¬ 
ten“, und seine Worte erwiesen sich bald darauf als richtig. 

Die Frage, ob die Jesuiten der Bartholomäusnacht (1572) (ERKL.: Nacht z. 24 . 8 . 1572 , in der auf Befehl Katharinas von 
Medici Tausende Hugenotten ermordet wurden) »zustimmten«, erübrigt sich. Hatten sie sie »vorbereitet«? Wer weiß. 

... Die in ihren Vorgehensweisen feinsinnige und geschmeidige Politik der Kompanie hat sehr klare Ziele; 
es ist die Politik des Papstes: »die Ketzerei vernichten«. Alles muss diesem höheren Ziel untergeordnet 
werden. „Katharina von Medici arbeitete auf dieses Ziel hin und die Kompanie konnte auf die Guises zäh¬ 
len.“ (35) 

(35) Pierre Dominique, op.cit., S.84. 


Diese höhere Absicht aber, der das Blutbad in der Nacht des 24.August des Jahres 1572 einen derartigen 
Dienst erwies, provozierte einen schrec kl ichen Ausbruch gegenseitigen Hasses. 

Drei Jahre später, war es nach der Ermordung des „König von Paris“ genannten Herzogs von Guise 

(ERKL.: Heinrichs I. von Lothringen, des 3. Herzogs von Guise, *1550, f1558) Sache der „Liga“ (ERKL.: die Katholiken schlossen 1576 












eine „Hl.Liga“ gegen die Hugenotten, woraus i. Paris die „Liga der Sechzehn“ hervorging), und erging der Appell an Seine Christ¬ 
lichste Majestät, gegen die Protestanten zu kämpfen. 

„Der kluge Heinrich in. (erkl.: König von Frankreich, * 1551 , fi589) tat sein Bestes, um einen Religionskrieg zu 
vermeiden. In Einigkeit mit Heinrich von Navarra (ERKL.: Heinrich IV., König von Frankreich [seit 1589], als Heinrich III. 
König von Navarra [seit 1572] * 1553 ,[1610 ) versammelte man die Protestanten und die meisten der Paris gegenüber 
gemäßigten Katholiken, die Liga und die besagten von Spanien unterstützten fanatischen romtreuen Ka¬ 
tholiken. ... 

Die in Paris mächtigen Jesuiten protestierten, dass der König von Frankreich der Ketzerei gegenüber ka¬ 
pituliert hätte. Der leitende Ausschuss der Liga beriet im Hause der Jesuiten auf der Antonistraße. Hielt 
Spanien Paris zu jener Zeit? Kaum. Die Liga? Die Liga war lediglich ein Instrument in geschickten Hän¬ 
den. ... Besagte Societas Iesu, die seit dreißig Jahren und auch jetzt und weiterhin im Namen Roms 
kämpfte. ... Sie war heimlicher Herr über Paris. 

Also wurde Heinrich III. Opfer eines Attentats. Da der Thronerbe ein Protestant war, schien es ein Mord 
aus anderen als aus politischen Gründen gewesen zu sein, doch ist es nicht möglich, dass jene, die ihn 
planten und den Jakobiner (frz. Dominikaner) Clement (ERKL.: Jakob Clement, frz. Dominikanermönch, *1567[?], [1589) dazu 
brachten, diesen auszuführen, gleichzeitig auf einen Aufstand des katholischen Fran kr eichs gegen den 
hugenottischen Thronerben hofften? Tatsache ist, dass Clement kurz darauf von dem Jesuiten Camelet als 
»Engel« bezeichnet wurde, und Guignard, ein weiterer Jesuit, der schließlich gehängt wurde, seinen Schü¬ 
lern, zum Zwecke ihrer Meinungsformung, tyrannenmörderische Texte als Gegenstand ihrer Lateinübun¬ 
gen gab.“ (36) 

(36) und (37) Pierre Dominique, op.cit., S.85, 86, 89. 


Diese Schulübungen beinhalteten unter anderem: „Inspiriert vom Heiligen Geist, hat Jakob Clement 
hiermit eine verdienstvolle Tat vollbracht. ... Können wir gegen den König Krieg führen, so lasset uns 
dies tun; können wir nicht gegen ihn Krieg führen, so lasset uns ihn töten. ...“ Und: „Wir haben zur Blut¬ 
hochzeit (Bartholomäusnacht) einen großen Fehler gemacht; wir hätten die königliche Ader bluten lassen sol¬ 
len.“ (37) 

(36) und (37) Pierre Dominique, op.cit., S.85, 86, 89. 


Im Jahre 1592 beichtete ein gewisser Barriere, der versucht hatte, auf Heinrich IV. ein Attentat auszu¬ 
üben, dass Pater Varade, Rektor (Leiterd. Hauses) der Jesuiten in Paris, ihn dazu gebracht hätte, dies zu tun. 
Ein weiterer Versuch wurde im Jahre 1594 von Johann Chätel (*1575, [1594) unternommen, einem ehemali¬ 
gen Schüler der Jesuiten, welche zuvor seine Beichte darüber hörten. Bei jener Gelegenheit wurden die 
bereits erwähnten Schulübungen im Hause Pater Guignards beschlagnahmt. „Der Pater wurde in Greve 
gehängt, während der König ein Edikt (Gesetz) des Parlaments (erkl.: 29 . 12 . 1594 ) bestätigte, das die Söhne 
Loyolas als „Verführer der Jugend, Landfriedensbrecher sowie Feinde des französischen Staates und sei¬ 
ner Krone ... “ des Königreiches verwies. 

Eine vollständige Umsetzung hat das Edikt nicht erfahren und im Jahre 1603 wurde es gegen den Rat 
des Parlaments vom König revoziert (aufgehoben). Acquaviva (erkl.: Claudius Acquaviva, * 1543 , [1615), der Jesuiten¬ 
general, war stets clever bei seinen Manövern und ließ König Heinrich IV. in dem Glauben, dass der in 
Fran kr eich wieder eingeführte Orden nationalen Interessen loyal dienen würdeJ Wie konnte er, scharfsin¬ 
nig wie er war, glauben, dass diese fanatischen romtreuen Katholiken tatsächlich das Edikt von Nantes 
(1498), das die Rechte der Protestanten in Frankreich festlegte, akzeptieren und, schlimmer noch, sie seine 

Pläne gegen Spanien und den Kaiser unterstützen würden? Tatsache ist, Heinrich IV. wählte Pater Cotton 
(Peter Cotton o. Coton, *1564, [1626), eines der herausragendsten Mitglieder der Kompanie, als seinen Beichtvater 
und Hauslehrer für den Delfinus (Thronfolger). (38a) Am 16.Mai des Jahres 1610, am Vorabend seines Feld¬ 
zuges gegen Österreich, wurde er von Ravaillac (erkl.: Franz Ravaiiiac, Winkeladvokat, *1578, [ 1610 ), der beichtete, 
von den Schriften der Patres Mariana und Suärez (erkl.: Franz Suärez, *1548, [1617) inspiriert worden zu sein, 
ermordet. Diese Zwei sanktionierten (befürworteten) den Mord an ketzerischen „Tyrannen“ oder jenen sich 
unzureichend den Interessen des Papsttums Widmenden. Der Herzog von Epemon (erkl.: Johann Ludwig Noga- 










retius Valetanus, * 1554, fi 642), der, während der Attentäter lauerte, den König dazu brachte, einen Brief zu lesen, 
war ein bekannter Freund der Jesuiten, und Michelet (ERKL.i Julius Micheiet, frz. Historiker, * 1798, fi874) hat nachge¬ 
wiesen, dass Letztere von dem Versuch wussten. „Wirklich ergab es sich, dass Ravaillac vor nicht langer 
Zeit dem Jesuitenpater d’Aubigny die Beichte abgelegt hatte, und als die Richter den Priester verhörten, 
antwortete dieser bloß, Gott habe ihm die Gabe verliehen, Bekenntnisse im Beichtstuhl sogleich wieder zu 
vergessen.“ (38) 

(38a) Seine Gegner pflegten zu sagen er hätte „Watte“ (frz. „cotton“ o. „coton“) in den Ohren. 

(38) Rene Fülöp-Miller, op.cit., S.113. 

IN DEUTSCH: S.141. 


Das Parlament, überzeugt, dass Ravaillac lediglich Werkzeug der Kompanie gewesen sei, gab dem 
Scharfrichter (Henker) Befehl, Marianas Buch (ERKL.: Juan de Mariana, „De rege et regis institutione“[„Über den König u. dessen 
Erziehung“], 1959) zu verbrennen. 

„Zum Glück gab es noch Acquaviva. Einmal mehr plante dieser große General gut; er verurteilte aufs 
Schärfste die Rechtmäßigkeit von Tyrannenmord. Die Kompanie hatte stets Autoren, die heimlich, still 
und leise die Doktrin in ihrer ganzen Rechtschaffenheit darlegten; sie besaß auch große Politiker, die ihr, 
falls nötig, die richtige Fassade geben würden.“ (39) 

(39) Pierre Dominique, op.cit., S.95. 


Dank Pater Cotton, der die Situation in die Hand nahm, kam die Gesellschaft Jesu unbeschadet aus dem 
Sturm. Ihr Vermögen, die Zahl ihrer Niederlassungen und Anhänger wuchs rasch. Als aber Ludwig XIII. 
(ERKL.: frz. König, * 1601 , fi643) den Thron bestieg und Richelieu die Sache des Staates in die Hand nahm, kam es 
zur Kollision der Interessen. Der Kardinal würde niemanden gegen seine Politik Vorgehen lassen. Der 
Jesuit Caussinus (ERKL.: Nicolaus Caussinus, *1583, fi651), Beichtvater des Königs, durfte das, als er in Rennes als 
Staatsverbrecher eingekerkert wurde, herausfinden. Dieser Akt brachte beste Ergebnisse. Um in Frank¬ 
reich zu bleiben, ging der Orden auch soweit, dass er mit dem gefürchteten Minister zusammenarbeitete. 

H.Böhmer schrieb darüber das Folgende: „Die Rücksichtslosigkeit, mit der die französische Regierung 
seit den Tagen Philipps des Schönen (erkl.: Philipp iv., frz. König, * 1268 , fi3i4) bei jedem Konflikte zwischen nati¬ 
onalen und kirchlichen Interessen die Kirche behandelt hat, hat auch in diesem Falle sich als beste Politik 
erwiesen.“ (40) 

(40) H.Böhmer, op.cit., S.100. 

IN DEUTSCH: S.59. 

Der Amtsantritt Ludwigs XIV. markierte den Beginn der erfolgreichsten Zeit für den Orden. Um auf 
Sünder attraktiv zu wirken, die nicht sehr darauf bedacht waren, Buße abzulegen, wurde weithin der „La¬ 
xismus“ (von der Kirche verurteilte, i. d. kathol. Moraltheologie zu findende Grundsatz, dass ein zweifelhaftes Moralgesetz nicht verpflichten 
sollte) der jesuitischen Beichtväter, besagte clevere Nachsicht, angewendet, unter dem einfachen Volk wie 
bei Hofe, insonderheit beim König, der mehr Frauenheld war als fromm. 

Seine Majestät hatte nicht die Absicht, auf seine Liebesabenteuer zu verzichten, und sein Beichtvater 
mied das Thema sorgsam, trotz des offensichtlichen Ehebruchs. Und so war in Bälde die ganze königliche 
Familie mit ausschließlich jesuitischen Beichtvätern ausgerüstet, und deren Einfluss unter der vornehmen 
Gesellschaft wuchs mehr und mehr. Die Pariser Priester attackierten in ihren „Schriften“ (i. „Briefe in die Provinz. 
Les Provinciales / Die Schriften der Pfarrer von Paris. Les Ecrits des Cures de Paris .", Lambert Schneider, Heidelberg, 1990) die lockere 
Moral der berühmten Kasuisten der Kompanie, doch vergebens. Während des großen theologischen 

Streits jener Zeit griff, zugunsten der Jansenisten (der kathol. Reformbewegung, die die ungeminderte augustin. Lehre von 
Erbsünde u. Gnade verfocht und sich durch Anerkennung der Prädestinationslehre [der Lehre von der göttl. Vorherbestimmtheit des Menschen] 
dem Kalvinismus näherte), Pascal (Blaise Pascal; frz. Religionsphilosoph, Mathematiker u. Physiker, * 1623, f1662) höchstselbst ein — 
vergeblich; er gab in seinen „Briefen in die Provinz“ deren allzu weltliche Opponenten (Streitgegner), die 
Jesuiten, der ewigen Lächerlichkeit preis. 




Trotz dessen garantierte die sichere Stellung, die sie bei Hofe hielten, letzteren den Sieg, und jene von 
Port-Royal (die Jansenisten) unterlagen. Der Orden sollte einen weiteren großen Sieg für Rom erringen, des¬ 
sen Konsequenzen gegen nationale Interessen standen. Es versteht sich von selbst, dass sie nur widerwillig 
den durch das Edikt von Nantes garantierten Religionsfrieden akzeptierten, während sie gegen die franzö¬ 
sischen Protestanten einen verborgenen Krieg weiterführten. Da Ludwig XIV. älter wurde, wandte er sich 
unter dem Einfluss von Markgräfin Maintenon (erkl.: Frangoise dAubigne, * 1635, fi7i9) und seinem Beichtvater 
Pater La Chaise (erkl.: Frangois de La Chaise, * 1624, fi709) mehr und mehr der Bigotterie (Frömmelei) zu. Im Jahre 
1681 überredeten sie ihn, die Verfolgung der Protestanten wieder aufzunehmen. Jene seiner Untertanen, 
die es ablehnten, die katholische Religion zu übernehmen, zu Vogelfreien machend, Unterzeichnete er 
schließlich am 17.Oktober des Jahres 1685 die „Aufhebung des Edikts von Nantes“. Kurz darauf began¬ 
nen, um die Bekehrungen zu beschleunigen, jene berühmten „Dragonaden“ (Gewaltmaßnahmen Ludwigs xiv. z. 
Bekehrung der Hugenotten durch Einquartierung von leichten Reitern [Dragonern])', jene Unheil verkündende Bezeichnung wur¬ 
de Teil aller nachfolgenden Versuche, mit Feuer und Ketten zu missionieren. Während die Fanatiker ju¬ 
belten, flohen die Protestanten aus dem Königreich massenweise. Laut Marschall Vauban (erkl: Sebastien ie 
Prestrede Vauban; frz. Marschall u. Festungsbaumeister, * 1633, fl 707) verlor Frankreich auf diese Weise 400.000 Einwoh¬ 
ner und 60 Millionen französische Franken. Manufakturisten (Manufakturbetreiber) und Fabrikanten, Kaufleute, 
Schiffseigner, geschickte Handwerker gingen in andere Länder und ließen diese von ihren Fähigkeiten 
profitieren. 

„Der 17.Oktober des Jahres 1685 (erkl.: Tag d. Aufhebung d. Edikts von Nantes) war daher für ihn ein Tag des Sie¬ 
ges, der endliche Lohn für mehr als 125 Jahre unverdrossen geleistete heiße Kampfesarbeit. Aber wo e r 
siegte, hatte meist der Staat die Kriegskosten zu zahlen und diese waren niemals gering. 

Entvölkerung, Verminderung des Nationalwohlstandes, das waren fast stets die empfindlichen äußeren 
Folgen seines Triumphes, dazu eine geistige Verarmung, welche auch die beste Jesuitenschule nicht wie¬ 
der gutmachen konnte. Das hat Frankreich damals erfahren und später reichlich dem Orden vergolden.“ 

(41) 

(41) H. Böhmer, op.cit., S.103. 

IN DEUTSCH: S.59-62. 

Während des darauf folgenden Jahrhunderts erlebten die Söhne Loyolas, wie nicht nur Frankreich, son¬ 
dern alle europäischen Länder sie aus ihrer Mitte verstießen - doch, wie bisher, nur für eine Zeitlang; die¬ 
se fanatischen Janitscharen waren noch nicht am Ende damit, in der Verfolgung ihres unerreichbaren 
Traumes Verderben anzuhäufen. 


Abschnitt III 

Auslandsmissionen 


Kapitel 1 

Indien, Japan, China 




Die Bekehrung von „Heiden“ war für den Begründer der Gesellschaft Jesu stets das vordergründige 
Ziel. Wenngleich die Notwendigkeit, den Protestantismus in Europa zu bekämpfen, seine Jünger mehr und 
mehr in Anspruch nahm und besagte politische wie religiöse Tätigkeit, von der wir eine kurze Zusammen¬ 
fassung gegeben haben, ihnen zur Hauptaufgabe wurde, die Missionierung ferner Länder verfolgten sie 
dennoch. 

Ihr theokratisches (von der in jeder Hinsicht religionsbeherrschten Staatsform bestimmtes) Leitbild: die Welt unter die Au¬ 
torität des Heiligen Stuhls zu bringen, verlangte, dass sie zur Eroberung der Seelen in alle Gegenden der 
Erde gehen würden. 

Franz Xaver, einer der ersten Mitstreiter des Ignatius, der, wie jener, von der Kirche heilig gesprochen 
wurde, war der große Begründer der Asienmission. Im Jahre 1542 ging er in Goa von Bord und fand da¬ 
selbst einen Bischof, eine Kathedrale und ein Kloster der Franziskaner, die bis dahin bereits, gemeinsam 
mit einigen portugiesischen Priestern, versucht hatten, um sich herum den Glauben Christi zu verbreiten. 
Franz verlieh jenem ersten Versuch einen derartig starken Auftrieb, dass er den Beinamen „Apostel In¬ 
diens“ erhielt. Eigentlich war er mehr ein Wegbereiter und „Impulsgeber“ denn einer, der wirklich etwas 
Dauerhaftes geschaffen hätte. Leidenschaftlich, begeistert, stets auf der Suche nach neuen Betätigungsfel¬ 
dern, wies er mehr den Weg, als dass er den Boden bereitete. Im Königreich Trawankur, in Malacka (erkl.: 
heute Metaka), auf den Inseln Banda, Makassar und Ceylon vollbrachten sein persönlicher Charme und seine 
wortgewandten Reden Wunder und wurden als Ergebnis 70.000 „Götzendiener“, vor allem unter der nie¬ 
deren Kaste, bekehrt. Um dies zu erreichen, verschmähte er nicht die politische und sogar militärische 
Unterstützung der Portugiesen. Diese mehr protzigen denn soliden Ergebnisse mussten einfach in 
Europa das Interesse für die Missionen wecken, verliehen sie doch der Gesellschaft Jesu in jener Zeit ei¬ 
nen prächtigen Glanz. 

Der unermüdliche, aber wenig ausdauernde Apostel brach bald von Indien nach Japan auf, dann nach 
China, in das er gerade hinein wollte, als er im Jahre 1552 in Kanton starb. 

Sein Nachfolger in Indien, Roberto de Nobili, wandte in jenem Land dieselben Methoden an, die die Je¬ 
suiten sehr erfolgreich in Europa gebrauchten. Er sprach die Oberschicht an. Den „Unberührbaren“ („kasten¬ 
losen Indern“) gab er die Hostie nur am Ende eines Stabes. 

Er übernahm Kleidung, Lebensgewohnheiten und -Stil der Brahmanen (Angehörigen der ind. Priesterkaste) ver¬ 
mischte deren Riten mit christlichen, alles mit der Zustimmung Papst Gregors XV. (*1554, fi623). Dank die¬ 
ser Zweigleisigkeit „bekehrte“ er, wie er behauptete, 250.000 Inder. „... etwa ein Jahrhundert nach seinem 
Tode aber, als der unnachgiebige Papst Benedikt XIV. (erkl: *1675, P758) die Einhaltung dieser indischen 
Riten untersagte, brach alles zusammen und die 250.000 Pseudokatholiken verschwanden.“ (1) 

(1) „Les Jesuites“ („Die Jesuiten“), im „Le Crapouillot“, Nr.24, 1954, S.42. 


In den nordindischen Territorien des Großmoguls Akbar (erkl.. * 1542 , fi605), eines toleranten Mannes, der 
sogar versuchte, in seinen Staat einen religiösen Synkretismus (Mix mehrerer Religionen bzw. Auffassungen) einzufüh- 
ren, wurde den Jesuiten gestattet, im Jahre 1575 in Lahur eine Niederlassung zu errichten. Akbars Nach¬ 
folger erwiesen ihnen dasselbe Wohlwollen. Doch Aurangseb (1666-1707) (erkl.: Großmogul von Indien, *1618, 
fi707), ein strenggläubiger Moslem, machte diesem Unternehmen ein Ende. 

Im Jahre 1549 schiffte sich Xaver mit zwei Gefährten und einem Japaner namens Jagiro, den er in Mala¬ 
cka bekehrt hatte, in Japan ein. Die Anfänge waren nicht gerade viel versprechend. „Die Japaner haben 
ihre eigene sittliche Gesinnung und sind eher reserviert; ihre Vergangenheit ließ sie in Heidentum erstar¬ 
ren; die Erwachsenen betrachten jene Fremden mit Erheiterung, und spottend folgen ihnen die Kinder.“ 

( 2 ) 


(2) „Le Crapouillot“, op.cit., S.43. 


Jagiro, dem Einheimischen, gelang es, eine kleine Gemeinschaft von einhundert Anhängern ins Leben 
zu rufen. Franz Xaver aber, der nicht besonders gut Japanisch sprach, konnte nicht mal eine Audienz (einen 



offiziellen Empfang) beim Mikado (japan. Kaiser) erreichen. Als er jenes Land verließ, blieben zwei Patres zurück, 
die eines Tages die Bekehrung des Daimios (Lehnsfürsten) von Arima und Bungo sicherstellten. Als sich letz¬ 
terer im Jahre 1578 derart entschied, hatte er 27 Jahre über diese Frage nachgesonnen. 

Das Jahr darauf ließen sich die Jesuiten in Nagasaki nieder. Sie gaben vor, 100.000 Japaner bekehrt zu 
haben. Im Jahre 1587 änderte sich der innere Zustand des von Stammeskriegen zerrissenen Landes völlig. 
„Diese Anarchie und ihre nahen Beziehungen zu den portugiesischen Händlern waren den Jesuiten sehr 
zustatten gekommen.“ (3) Inzwischen hatte Hidejoschi (ERKL.: Tojotomi Hidejoschi, *1536/37, fi598), ein Mann 
niedriger Abstammung, die Macht an sich gerissen und den Titel „Taikosama“ angenommen. Er misstrau¬ 
te dem politischen Einfluss der Jesuiten, ihrem Verhältnis zu den Portugiesen und ihren Beziehungen zu 
den großen und unbändigen Vasallen, den Samurai (jap. Rittern). 

(3) H.Böhmer, op.cit., S.162. 

IN DEUTSCH: S.97. 

Als Konsequenz wurde die junge japanische Kirche heftig verfolgt. Sechs Franziskaner und drei Jesuiten 
wurden gekreuzigt; ein Großteil der Bekehrten wurde umgebracht und der Orden geächtet. 

Trotz des Erlasses blieb den Jesuiten noch einiger Handlungsspielraum. Sie setzten ihr Apostolat im Ge¬ 
heimen fort. Im Jahre 1614 aber wurde der erste Schogun (Regent neben dem nur namentl. Kaiser), Tokugawa Jaga- 
su (erkl.: Tokugawa lejasu "1543, fi6i6), ob ihrer geheimen Betätigungen besorgt, und die Verfolgung begann 
erneut. Überdies hatten in den Handelskontoren nunmehr die Holländer den Platz der Portugiesen einge¬ 
nommen und wurden von der Regierung aufmerksam beobachtet. Ein tiefes Misstrauen gegen alle Aus¬ 
länder, Geistliche oder Laienbrüder (Ordensbrüder ohne geisti. Weihen), bestimmte von da an das Verhalten der 
Führung, und ein Aufstand der Nagasakier Christen wurde im Jahre 1638 blutig niedergeschlagen. Für die 
Jesuiten war das japanische Abenteuer zu Ende und sollte dies lange Zeit bleiben. 

In der bemerkenswerten Schrift Lord Bertrand Russells (erkl.: brit. Logiker, Philosoph u. Schriftsteller, "1872, fi970) 
„Religion und Wissenschaft“ finden wir über Franz Xaver den Wundertäter folgende pikante Passage: „Er 
und seine Mitstreiter haben viele lange Briefe geschrieben, die aufbewahrt wurden, in diesen erstatten sie 
Bericht über ihre Betätigungen, doch keiner derer, im Laufe seines Lebens geschriebenen, enthält irgend¬ 
eine Erwähnung von Wunderkräften. Joseph Acosta (ERKL.: Jose de Acosta, span. Historiker u. Naturforscher, "1539 [?], 
fi 600 ), der Jesuit, den die Tiere Perus vor so viele Fragen stellten, bestritt ausdrücklich, dass diesen Missi¬ 
onaren bei ihren Anstrengungen, die Heiden zu bekehren, durch Wunder geholfen worden wäre. Bald 
nach Xavers Tod aber begannen zahlreiche Wundergeschichten die Runde zu machen. Man sagte, dass er 
die Gabe der Zungenrede gehabt hätte, obwohl seine Briefe voll von Andeutungen über die Schwierigkei¬ 
ten waren, die er beim Erlernen der japanischen Sprache oder beim Auftreiben guter Dolmetscher hatte. 

Geschichten wurden erzählt wie er, als seine Freunde auf See Durst bekamen, Salzwasser in frisches 
verwandelt hätte. Als er sein Kruzifix ins Meer fallen ließ, hätte es ihm ein Krebs wieder zurück gebracht. 
Einer späteren Version zufolge hätte er das Kruzifix damals ins Meer geworfen, um einen Sturm zu stil¬ 
len. Als er im Jahre 1622 heilig gesprochen wurde, wurde, zur Zufriedenheit der vatikanischen Behörden, 
nachgewiesen, dass durch ihn Wunder vollbracht worden seien, da ohne diese niemand ein Heiliger wer¬ 
den kann. Der Papst gab für die Gabe der Zungenrede seine behördliche Garantie und war besonders be¬ 
eindruckt von der Tatsache, dass Xaver die Lampen mit heiligem Wasser anstelle von Öl brennen gemacht 
habe. 

Ebendieser Papst Urban VIII. (erkl.. *1568, fi644) lehnte es ab, Galileos Aussagen zu glauben. Die Legende 
wurde immer besser: eine im Jahre 1682 herausgegebene Biografie von Pater Bonhours (erkl.: Dominik Bon- 
hours, " 1628 , fi702) berichtet uns, dass durch den Heilige im Verlaufe seines Lebens vierzehn Menschen wie¬ 
der zum Leben erweckt worden wären. Katholische Autoren schreiben ihm immer noch die Gabe der 
Wunder zu; Pater Coleridge (erkl: Heinrich Jakob Coieridge, * 1822 , fi893) von der Gesellschaft Jesu formulierte in 
einer 1872 erschienen Biografie neu, dass er die Sprachengabe gehabt hätte.“ (4) 

(4) Lord Bertrand Russell: „Science et Religion“ (Ed. Gallimard, Paris 1957, S.84-85). 

IN DEUTSCH: Bertrand Russell: „Religion und Wissenschaft“ (Mutke, 1991) 


Den eben erwähnten Heldentaten nach zu urteilen, hat sich Franz Xaver seinen Heiligenschein zu Recht 
verdient. 

In China hatten die Söhne Loyolas eine lange und gute Zeit mit nur wenigen dazwischen liegenden 
Ausweisungen; sie erreichten dies unter der Bedingung, sie würden dort hauptsächlich als Wissenschaftler 
arbeiten und sich in die Jahrtausende alten Riten dieser alten Zivilisation einfügen. 

„Meteorologie war Hauptfach. Franz Xaver hatte bereits herausgefunden, dass die Japaner nicht wuss¬ 
ten, dass die Erde rund war und sehr an dem, was er sie über jenes und andere Themen lehrte, interessiert 
waren. In China wurde es offiziell und, da die Chinesen nicht fanatisch waren, entwickelten sich die Dinge 
friedlich. Ein Italiener, Pater Riccius (erkl.: Matthäus Riccius, * 1552 , fi6i0), war dessen Initiator. Auf seinem Weg 
nach Peking hatte er vor den chinesischen Wissenschaftlern, die Funktion eines Astronomen. ... Astrono¬ 
mie und Mathematik bildeten einen wichtigen Bestandteil chinesischer Institutionen. Diese Wissenschaf¬ 
ten versetzten den Herrscher in die Lage, ihre verschiedenen jahreszeitbedingten religiösen und zivilen 
Zeremonien bestimmen zu können. ... Riccius lieferte Informationen, die ihn unentbehrlich machten und 
nutzte die Gelegenheit, um über das Christentum zu sprechen. ... Er schickte nach zwei Patres, die, eine 
Harmonie zwischen dem Lauf der Gestirne und irdischen Ereignissen begründend, den traditionellen Ka¬ 
lender überarbeiteten. Riccius half gleichermaßen mit geringeren Arbeiten; er zeichnete zum Beispiel eine 
Wandkarte des Kaiserreiches, wo er gewissenhaft China in die Mitte des Universums stellte. ... “ (5) 

(5) „Le Crapouillot“, op.cit., S.44. 


Dies war in jenem Himmlischen Reich die Hauptbetätigung der Jesuiten; was die religiöse Seite ihrer 
Mission anbelangte, so war das Interesse hieran unbedeutend. Es ist schon amüsant, zu bedenken, dass die 
Patres in Peking dabei waren, die astronomischen Fehler der Chinesen zu korrigieren, während der Heilige 
Stuhl in Rom beharrlich das kopernikanische System verdammte, und das bis zum Jahrel822! 

Trotz der Tatsache, dass die Chinesen eine nur sehr geringe Neigung zum Mystizismus hatten, öffnete 
im Jahre 1599 die erste katholische Kirche in Peking. Als Riccius starb, wurde er durch einen Deutschen, 
Pater Schall von Bell (erkl.: Johann Adam Schall v.Beii, * 1592 , fi666), einen Astronomen, ersetzt, der auch einige 
bemerkenswerte Schriften in chinesischer Sprache herausgab; im Jahre 1644 erhielt er den Titel „Präsident 
des Mathematischen Tribunals“, was unter den Mandarinen (hohen chin. Beamten) Neid hervorrief. In der Zwi¬ 
schenzeit organisierten sich die christlichen Gemeinschaften selbst. Im Jahre 1617 muss der Kaiser die 
Gefahren dieses friedfertigen Eindringens vorhergesehen haben, als er die Ausweisung aller Ausländer 
verfügte. Die lieben Patres wurden in Holzkäfigen zu den Portugiesen nach Makao geschickt. Nicht lange 
danach aber wieder zurückgerufen. Waren sie doch derart gute Astronomen! 

Mit 41 Residenzen (Kollegien) in China, 159 Kirchen und 257.000 getauften Mitgliedern waren sie als Mis¬ 
sionare im Grunde genauso gut. Doch ein erneuter Widerstand gegen sie verlangte ihre Ausweisung, und 
Pater Schall wurde zum Tode verurteilt. Dieses Urteil hatte er wohl nicht nur entgegennehmen müssen für 
seine Betätigung in Mathematik! Ein Erdbeben und der Brand des Kaiserpalastes, geschickt dargestellt als 
Zeichen himmlischen Zornes, retteten ihm das Leben und er starb zwei Jahre später eines friedlichen To¬ 
des. Seine Mitstreiter aber mussten China verlassen. 

„Indes ihr Ansehen war so fest gegründet, ihre Partei so stark, dass Kaiser Kanghi ( Kangchi; erkl.: * 1654, 
fi 722 ) schon 1669 sich veranlasst sah, sie wieder zurückzurufen und dem Jam Jo Vam (Tangjo Wang) (Joh. 
Adam Schall) nachträglich ein feierliches Begräbnis zu dekretieren (anzuordnen). Diese ungewöhnliche Eh¬ 
rung war jedoch nur der Anfang von einer ganzen Reihe hoher Auszeichnungen.“ (6) 

(6) H.Böhmer, op.cit., S.168. 

IN DEUTSCH: S.100. 


Ein belgischer Pater, Verbiest (ERKL.: der Niederländer Ferdinand Verbiest, *Pitthem1623 (damals noch Spanische Niederlande, 
ab 1790,.Vereinigte Belg. Staaten 7 . fi688), folgte Schall im Vorsitz der Missionierung und auch des Kaiserlichen 
Mathematischen Amtes. Er war es, der Pekings Observatorium (Stern- u. Wetterwarte) jene berühmten Instru¬ 
mente gab, deren mathematische Genauigkeit hinter Chimären (Feuer schnaubenden Ungeheuern m. Löwenkopf, Dra¬ 
chenschwanzu. Ziegenleib), Drachen etc. verborgen liegt. Kangchi, „der aufgeklärte Despot (Willkürherrscher) “, der 




61 Jahre lang regierte, schätzte die Dienste jenes Wissenschaftlers, der ihn weise beriet, ihn in den Krieg 
begleitete und sogar eine Kanonengießerei leitete. Doch sollte diese weltliche und kriegerische Tätigkeit 
„ad maiorem Dei gloriam“ gereichen, wie der liebe Pater den Kaiser in einem kurzen Brief erinnerte, den 
er ihm vor seinem Tode sandte: „Majestät, ich sterbe glücklich, da ich nahezu jeden Augenblick meines 
Lebens dafür verwendete, Euch zu dienen. Doch ersuche ich ihn in aller Demut, nach meinem Tode daran 
zu denken, dass es, in allem was ich tat, mein Ziel war, einen Schutzherren der heiligsten Religion des 
Universums zu erlangen; und besagter Schutzherr sind Sie, der größte König des Ostens.“ (7) 

(7) Verbiest - „Correspondance“ ([„Briefe“,] Brüssel 1931, S.551). 


In China wie in Pfefferland (erkl.: heute Malabarküste) konnte diese Religion jedoch nur mit etwas List über¬ 
leben. Die Jesuiten mussten die römische Lehre auf die chinesische Ebene bringen, Gott mit dem Himmel 
(Tjen) oder dem Schang Ti (Kaiser aus der Höhe) gleichsetzen, katholische Riten mit chinesischen Riten 
harmonisieren, konfuzianische Lehren, Ahnenkult akzeptieren etc. 

Papst Klemens XI. (*1649, fi72i), dem von konkurrierenden Orden darüber berichtet wurde, verurteilte 
diesen lehrmäßigen „Laxismus“, und die ganze Missionsarbeit im Himmlischen Reich brach infolgedes¬ 
sen zusammen. 

Die Nachfolger Kangchis verboten das Christentum, und die letzten in China verbliebenen Patres star¬ 
ben dort und wurden nicht mehr ersetzt. 


Abschnitt III 


Kapitel 2 

Die Amerikas: der Jesuitenstaat Paraguay 


Die Neue Welt fanden die Missionare der Gesellschaft Jesu für ihren Proselytismus (Bekehrungseifer) weit¬ 
aus geeigneter als Asien. Dort fand man keine alten und gebildeten Zivilisationen, keine fest etablierten 
Religionen, auch keine philosophischen Traditionen, sondern nur armselige und barbarische Stämme, 
geistlich wie weltlich unbewaffnet gegenüber den weißen Eroberern. Nur Mexiko und Peru - die Azteken- 
und Inkagötter noch in frischer Erinnerung - widerstanden dieser importierten Religion recht lange. Lest 
etabliert hatten sich zudem bereits die Dominikaner und Lranziskaner. 

Unter den wilden Stämmen, nomadischen Jägern und Lischern, übten die Söhne Loyolas damals ihre 
verschlingende Tätigkeit aus; abhängig von Leindseligkeit und Widerstand der jeweiligen Bevölkerung 
variierten die Resultate, die sie erzielten. 

In Kanada wurde ihr Katechismus (mündi. Religionsunterricht) von den friedlichen und unterwürfigen Huronen 
problemlos angenommen, deren Leinde aber, die Irokesen, griffen die um Lort Sankt Marien geschaffenen 
Stationen an und metzelten die Bewohner nieder. Binnen zehn Jahren wurden die Huronen praktisch aus¬ 
gerottet und im Jahre 1649 mussten die Jesuiten mit etwa dreihundert Überlebenden die Gegend verlassen. 




Als sie durch die Territorien kamen, die heute die Vereinigten Staaten bilden, zeigten sie keine starke 
Wirkung und begannen erst während des 19. Jahrhunderts in jenem Teil des Kontinents Wurzeln zu schla¬ 
gen. 

Auf sowohl Erfolge als auch Misserfolge stieß die Tätigkeit der Jesuiten in Südamerika. Im Jahre 1546 
wurden sie von den Portugiesen gerufen, um auf deren Territorien, die jene in Brasilien besaßen, tätig zu 
werden; bei der Bekehrung der Eingeborenen kamen sie viele Male in Konflikt mit den Behörden und 
anderen Orden. Das gleiche ereignete sich in Neugranada (ERKL.: das heut. Kolumbien). 

Paraguay aber war das Land für die großartige „Erfahrung“ jesuitischer Besiedlung; dieses Land er¬ 
streckte sich zu jener Zeit vom Atlantik bis zu den Anden und bestand aus Gebieten, die heute zu Brasi¬ 
lien, Uruguay und Argentinien gehören. Einzige Zugangsmöglichkeiten durch den Urwald waren die 
Ströme Parana und Paraguay. Die Bevölkerung jenes Landes bestand aus nomadischen und unterwürfigen 
Indianern, bereit, sich, solange sie mit ausreichend Nahrung und etwas Tabak versorgt würden, jederman- 
nes Herrschaft zu beugen. 

Fern jedes verderblichen Einflusses durch Weiße und Mestizen (Mischlinge zwischen Weißen u. Indianern), konnten 
die Jesuiten keine besseren Bedingungen vorfinden, um den vollkommenen Typus einer Kolonie zu be¬ 
gründen, eine Stadt Gottes nach dem Wunsche ihres Herzens. Paraguay wurde zu Beginn des 
17.Jahrhunderts vom Ordensgeneral, dem vom spanischen Hofe alle Vollmachten übertragen worden wa¬ 
ren, zu einer Ordensprovinz ernannt, und der Jesuitenstaat blühte und gedieh. 

Besagte gute Wilde wurden ausreichend katechisiert (religiös unterrichtet) und darin ausgebildet, ein sesshaf¬ 
tes Ixben zu leben, unter sanften wie auch strengen Regeln: „als einer eisernen Hand im samtenen Hand¬ 
schuh.“ Diese patriarchalischen Gesellschaften ignorierten bewusst Freiheiten jeglicher Art. „Alles was 
der »Christ« sonst hat und braucht, die Hütte, in der er haust, die Felder, die er bestellt, das Vieh, von dem 
er sich nährt und kleidet, die Waffen, die er trägt, die Instrumente, mit denen er arbeitet, selbst das eine 
einzige Tischmesser (Essbesteckmesser), das jedes junge Paar bei der Gründung seines Hausstandes erhält, ist 
Tupambac - Eigentum Gottes. Dem entspricht es, dass der »Christ« weder über seine Zeit, noch über sei¬ 
ne Person frei verfügen kann. Nur als Säugling bleibt er in der Obhut der Mutter. Aber kaum kann er lau¬ 
fen, so kommt er unter die Aufsicht der Patres und ihrer Beamten. ... Wächst das Kind heran, so lernt es, 
falls es ein Mädchen ist, spinnen und weben, ist es ein Knabe, lesen und schreiben, aber nur in der Guara¬ 
nisprache. Denn um jeden Verkehr mit den verderbten Kreolen (Nachkommen roman. Einwanderer) abzuschnei¬ 
den, ist das Spanische in den Reduktionen (Missionsterritorien) geradezu verpönt. ... „»Sobald das Mägdlein 14, 
der Knabe 16 Jahre alt ist, eilen die Patres sie zu verehelichen und gestatten nicht leichterdings (leichter Dinge) 
einem oder dem anderen Teile, länger ledig zu verharren wegen der Gefahr ihrer fleischlichen Gebrech¬ 
lichkeit (Schwachheit).« Geistlicher oder Mönch darf keiner werden, geschweige denn Jesuit. ... “ Ihnen 
bleibt praktisch keine Freiheit mehr. Doch offensichtlich sind sie sehr zufrieden, materiell gesehen. ... „In 
Reih und Glied unter Vorantragung eines Heiligenbildes ziehen die einzelnen Abteilungen morgens mit 
Gesang nach der Messe aufs Feld, und in gleicher Weise kehren sie abends wieder heim zur Katechese 
und Rosenkranzandacht (ERKL.: Andacht, die die Rosenkranzgebet m. d. Andacht „Lauretan. Litanei“ verbindet). Es versteht sich 
danach fast von selbst, dass die Väter auch für angemessene Unterhaltung und Belustigung der »Christen« 
sorgen. ... 

Wie Väter sorgen die Patres für sie; und wie Väter strafen sie auch etwaige Vergehen. ... Prügel, Fasten, 
Gefängnis, Ausstellung auf dem Pranger (Schandort) der Plaza (Ortsmitte), öffentliche Kirchenbuße (öffenti., /. der 
Beichte auferlegte Buße), das sind die Übel, die der Christ auch für die allerschwersten Verbrechen zu vergewär- 
tigen hat. ... Die roten Kinder kennen demzufolge keine andere Obrigkeit als ihre guten Patres. Dass der 
König von Spanien eigentlich ihr Souverän (unumschränkter Herrscher) ist, dessen sind sie sich kaum klar be¬ 
wusst.“ (8) 

(8) und (9) H.Böhmer, op.cit., S.197 ff. 

IN DEUTSCH: S.115 ff. 

Ist dies nicht ein Bild, das das vollkommene Bild der idealen theokratisehen (in jeder Hinsicht religionsbeherrsch¬ 
ten) Gesellschaft karikierte (zur Karikatur machte p. 


Doch sehen wir uns an, wie es sich auf die geistige und moralische Weiterentwicklung der Nutznießer 
jenes Systems, dieser „armen Unschuldigen“, wie sie vom Markgrafen de Loreto genannt wurden, aus¬ 
wirkte: „Die hohe Kultur der Mission erscheint daher im Grunde nur als ein künstliches Treibhausprodukt, 
das den Keim des Todes von Anfang an in sich trägt. Denn trotz aller Dressur ist der Guarani (Guaraner) im 
Grunde geblieben, was er war: ein fauler, stumpfsinniger, sinnlicher, gefräßiger, schmutziger Wilder. Er 
arbeitet, wie die Väter selber versichern, nur, solange er den Stecken des Treibers hinter sich fühlt. Sobald 
man ihn sich selber überlässt, lässt er gleichmütig die Ernte auf dem Feld verfaulen, die Geräte verwahrlo¬ 
sen, die Herden zugrunde gehen, ja es kommt vor, dass er in einem unbewachten Augenblicke auf dem 
Acker die Ochsen plötzlich ausspannt und schlachtet, aus dem Pflugholz ein Feuer macht und mit seinen 
Gefährten das Fleisch halbroh verschlingt, bis nichts mehr übrig ist. Denn er weiß zwar, dass er dafür sei¬ 
ne 25 Hiebe erhält, aber ebenso, dass die guten Patres ihn unter keinen Umständen verhungern lassen.“ (9) 

(8) und (9) H.Böhmer, op.cit., S.197 ff. 

IN DEUTSCH: S.115 ff. 

In einem kürzlich veröffentlichten Buch lesen wir hinsichtlich der Strafen der Jesuiten Folgendes: „Der 
in ein Büßergewand gehüllte Missetäter wurde zur Kirche geleitet, wo er sein Vergehen beichtete. Dann 
wurde er dem Strafrecht entsprechend auf dem Marktplatz ausgepeitscht. ... Nicht allein nahmen die Mis¬ 
setäter diese Züchtigungen stets ohne Murren entgegen, sondern auch mit Dankgebeten. ... Der bestraft 
und versöhnt wordene Schuldige küsste die Hand desjenigenen, der ihn schlug und sagte: »Möge dir Gott 
erstatten, dass du mich mit dieser milden Strafe von ewigen Feiden, die mir drohten, befreit hast.«.“ (10) 

(10) Clovis Lugon: „La Republique communiste chretienne des Guaranis“ („Die kommunistisch-christliche Guaranerrepublik“), S.197. 


Dies gelesen habend, können wir H.Böhmers Schlussfolgerung verstehen: „Nur durch einige wenige 
neue, aber hier zum Teil fast fremdartig anmutende Züge hat sich unter der Zucht der Väter sein Gefühls¬ 
leben bereichert. Er ist ein abergläubisch frommer Katholik geworden, der überall Mirakel (Wunder) sieht 
und die härteste Selbstgeißelung als eine Art Genuss empfindet, er hat gehorchen gelernt und ist den guten 
Patres, die so treu für sein Wohlsein (Wohlgefühl) sorgen, mit einer zwar nicht sehr lebhaften, aber dafür um¬ 
so zäheren kindlichen Anhänglichkeit ergeben. Dies gewiss nicht sehr glänzende Ergebnis beweist zur 
Genüge, dass in der Erziehungsmethode der Väter ein Fehler steckte. Aber worin bestand der Fehler? Of¬ 
fenbar darin, dass sie nie daran dachten, die Erfindungsgabe, den Tätigkeitstrieb, das Verantwortlichkeits- 
gefühl ihrer roten Kinder zu entwickeln, dass sie selbst im Spiel und Tanz das Ausdenken, überhaupt das 
Denken für ihre Christen besorgten, statt sie zum Selbstdenken anzuleiten, dass sie sich begnügten, ihre 
Pflegebefohlenen äußerlich zu dressieren, als sie zu erziehen.“ (11) 

(11) H.Böhmer, op.cit., S.204-205. 

IN DEUTSCH: S.119. 

Wie auch anders, wo sie doch selbst eine vierzehn Jahre währende „Anlernzeit“ durchlaufen hatten? 
Wollten sie den Guaranem und ihren weißen Schülern das „selbständige Denken“ lehren, wo es ihnen 
doch strikt verboten war? 

Kein früherer, sondern ein zeitgenössischer Jesuit schreibt: „Er (der Jesuit) wird nie vergessen, dass eine 
kennzeichnende Tugend der Kompanie der Gehorsam der Tat, des Willens und sogar des Urteils ist. ... In 
entsprechender Weise sind sämtliche Oberen an Höhere gebunden und der Generalobere an den Heiligen 
Vater. ... Eingerichtet wurde dies, um die Autorität des Heiligen Stuhls allumfassend wirksam zu machen, 
und der heilige Ignatius war sich sicher, dass künftig Unterricht und Bildung ein zerrissenes Europa zu¬ 
rück zur katholischen Einheit bringen würden.“ 

Es geschieht in der Hoffnung „die Welt zu reformieren“, schrieb Pater Bonhours, „dass er insbesondere 
zu diesem Mittel griff: der Unterweisung der Jugend. ... “ (12) 

(12) Frangois Charmot SJ: „La Pedagogie des Jesuites“ („Die Pädagogik der Jesuiten“, Edit. Spes, Paris 1943, S.39). 




Die Bildung und Erziehung der Eingeborenen Paraguays geschah nach denselben Prinzipien, die die Pat¬ 
res anzuwenden pflegten, gegenwärtig anwenden und anwenden werden, an jedem und überall; ihr 
von Böhmer beklagtes Ziel, das aber in den Augen jener Fanatiker ideal ist: Verzicht auf jegliches persön¬ 
liches Urteil, jegliche Eigeninitiative, blinder Gehorsam gegen die Oberen. Ist dies nicht jene von 
Hw.P.Rouquette gepriesene „Freiheit in ihrer höchsten Form“, „die Befreiung von den eigenen Fesseln“, 
die wir bereits erwähnten? 

Tatsächlich wurden die Guaraner durch die jesuitischen Methoden mehr als einhundertfünfzig Jahre lang 
dermaßen „befreit“, dass, als ihre Meister während des 18 Jahrhunderts die Gegend verließen, sie zurück 
in ihre Wälder gingen und zu ihren alten Bräuchen zurückkehrten als wäre nichts geschehen. 


Abschnitt IV 

Die Jesuiten in der europäischen Gesellschaft 


Kapitel 1 

Die Lehre der Jesuiten 


„Die pädagogische Methode der Gesellschaft“, schrieb Hw.P.Charmot SJ (Frangois Charmot; erkl.: sj = Societas 

Jesu), „besteht zuallererst darin, dass die Schüler von einem großen Netz von Gebeten umgeben werden. ... 
66 

Später zitiert er den Jesuitenpater Tacchini (erkl.: PietroTacchini, *1838, fi905): „Möge der Heilige Geist sie er¬ 
füllen, wie Alabaster (Alabastervasen) mit Wohlgerüchen gefüllt werden; möge er sie derart durchdringen, 
dass sie mit der Zeit in der Fage sein werden, immer mehr himmlischen Duft und den Wohlgeruch Christi 
einzuatmen!“ 

Auch Pater Gandier hat einen Beitrag: „Fasst uns nicht vergessen, dass Bildung und Erziehung, wie sie 
die Kompanie versteht, der jenem der Engel ähnlichste Dienst ist.“ (1) 

(1, 2, 3) F.Charmot SJ: op.cit., S.413, 415, 417, 442, 493. 


Später hat Pater Charmot dies zu sagen: „Es soll nicht unsere Sorge sein, wo und wie Mystizismus in 
Bildung und Erziehung eingeführt wird! ... Nicht geschieht es über ein System oder künstliches Verfah¬ 
ren, sondern durch intensive Einflussnahme, durch „Endosmose“ („permanentes Eindringen“). Der enge Kontakt 
mit Meistern, die buchstäblich von ihm durchdrungen sind, führt dazu, dass die Seelen der Kinder im¬ 
prägniert werden.“ (2) 

(1, 2, 3) F.Charmot SJ: op.cit., S.413, 415, 417, 442, 493. 


Von demselben Autor lesen wir „das Ziel des Jesuitenprofessoren“: „Mit seiner Unterweisung verfolgt 
er nicht das Ziel, eine intellektuelle christliche Elite, sondern Elitechristen herauszubilden.“ (3) 



(1, 2, 3) F.Charmot SJ: op.cit., S.413, 415, 417, 442, 493. 


Diese wenigen Zitate informieren uns hinreichend über das grundlegende Ziel dieser Pädagogen. Be¬ 
trachten wir nun, wie sie besagte Elitechristen herausbilden und welche Art von Mystizismus in die ihrem 
Bildungssystem ausgesetzten Kinder „eingegeben“ (oder eingeimpft), „eingeschleust“ oder „hineinge¬ 
pumpt“ wird. 

Zuvorderst - das ist charakteristisch für diesen Orden - finden wir die Jungfrau Maria. „Ignaz hatte sich 
zum geistlichen Ritter der seligsten Jungfrau gelobt, der Mariendienst bildete den Grundton seiner religiö¬ 
sen Devotionen (Andachten) und ging von ihm auf seinen Orden über, wo er eine solche Aufnahme und Aus¬ 
bildung fand, dass man oft und nicht ohne Grund behauptet hat, die Marien=Verehrung sei die eigentliche 
Religion der Jesuiten.“ (4) 

(4) und (5) J.Huber, op.cit., S.98-99. 

IN DEUTSCH: S.315. 


Dies wurde von keinem Protestanten geschrieben, sondern von J.Huber, Professor für Katholische Theo¬ 

logie. 

Loyola selbst war davon überzeugt, dass ihn, als er die „Übungen“ verfasste, die Jungfrau inspiriert hät¬ 
te. Ein Jesuit sah in einer Erscheinung Maria, wie sie, als Zeichen ihres besonderen Schutzes, die Kompa¬ 
nie mit ihrem Mantel bedeckte. Ein Anderer, Roderich von Gois, war von ihrer unbeschreiblichen Schön¬ 
heit derart verzückt (derart in Rausch u. Begeisterung), dass man ihn in die Luft aufsteigen sah. Ein Novize dieses 
Ordens, der im Jahre 1581 in Rom starb, wurde bei seinem Kampf gegen die Versuchungen des Teufels 
durch die Jungfrau bewahrt; sie gab ihm, um ihn zu stärken, von Zeit zu Zeit von ihres Sohnes Blut sowie 
„die Süßigkeit ihrer Brüste“ (5). 

(4) und (5) J.Huber, op.cit., S.98-99. 

IN DEUTSCH: S. S.316. 


Duns Scotus’ (ERKL.: Johannes Duns Scotus, schotast. [auf die antike Philosophie gestützter, christl. Dogmen verarbeitender] Philosoph u 
Theologe, *1266, fl308) Lehre von der Unbefleckten Empfängnis (Die kathol. Lehre, dass Maria, die Mutter Jesu Christi, durch 
besondere Gnade Gottes^^^^^^ empfangen worden sei,) wurde mit Begeisterung vom Orden aufgenommen, der 
diese durch Pius IX. (erkl.: * 1792 , fi878) im Jahre 1854 zum Dogma erhob. 

Erasmus (ERKL.: Erasmus v.Rotterdam, ndrl. Humanist u. Theologe, *1466 0 . 1469, [1536) Stellte die Marienverehrung seiner 
Zeit satirisch dar. Während des vierten (bestimmt fälschlicherweise statt „des vierzehnten“) Jahrhunderts wurde das 
Märchen von Lorettos Haus (ERKL.: das Hl. Haus d. Hl. Farn, von Nazareth soll nach im 15.Jh. niedergeschriebener Legende auf 
wunderbare Weise über Zwischenstationen am 7.9.1295 nach Loreto gelangt und i. einem Lorbeerhain aufgestellt worden sein) erfunden; 
angeblich wurde dieses Haus von Engeln aus Palästina geholt. Die Jesuiten begrüßten und stützten diese 
liegende. Canisius (erkl.: Petrus Canisius, erster dt. Jesuit, * 1521 , [1597) fertigte sogar Briefe Mariens an und es be¬ 
gann dank dem Orden großer Reichtum nach Loretto zu fließen (wie in Lourdes, Fatima [Fatima i. Portugal] 
etc.). 

„In dem Jahre 1597 erschien eine sehr merkwürdige L i t a n e y (schrifti. Bittgebetsvorgabe) z u d e n 
Heiligen und Freunden Gottes, deren Gedächtniß Reliquien und Hei¬ 
ligthum in der Kirchen des heil. Erzengels,und Himmelsfürsten Mi¬ 
chaels nach uraltem katholischem Gebrauche demüthig verehret und 
herrlich aufbehalten worden, mit angehängtem kurzen Verzeichniß, zu was Zeit ein jeder 
derselben Heiligen gelebt, oder gelitten habe. ... Nebst 9 ansehnlichen Kreuzpartikeln und in der Litaney 
angemerkten Heiligthümem, die Jesus merkwürdig gemacht hat, wird gesprochen von Reliquien vom heil. 
Schleyer Mariä, von Kleidungen, und was über alles ist, von allerley Büschelein Haare, sammt 
einem Stück vom allerheiligsten Kamm. ... 

Stellt sich hernach P. (Pater) Pontan (erkl.. Jacobus Pontanus; Humanist, * 1542 , [1626) die Jungfrau Maria wieder im 
Geiste schon größer vor, so weiß er sich auch nichts Schöneres zu denken, als ihre Brüste, nichts Süßeres, 
als ihre Milch, und nichts Vortrefflicheres, als ihren Bauch.“ (6) 








(6) Buchers Sämtliche Werke (München 1819, I, S.84, 86, II, 478). 


Diese Zitate ließen sich endlos fortsetzen. Ignatius wollte, dass seine Jünger eine „spürbare“ oder sogar 
sinnliche Frömmigkeit, ähnlich der seinen, haben sollten, und sie hatten offensichtlich Erfolg. Kein Wun¬ 
der, dass sie derart erfolgreich bei den Guaranern waren; dieser erotische Fetischismus passte zu jenen 
vollkommen. Die lieben Patres aber dachten stets, er würde zu den „Weißen“ genauso passen. Da das 
Fundament ihrer Fehre eine völlige Verachtung des Menschen als solcher ist, sind „Weiße“ oder „Rote“ 
ein und dasselbe, und beide sind zu behandeln, als wären sie Kinder. 

Sie arbeiten also ohne Unterlass daran, diesen Geist und diese götzendienerischen Praktiken zu vermeh¬ 
ren; infolge des Einflusses, den sie über den Heiligen Stuhl, für den sie unverzichtbar sind, ausüben, 
zwingen sie dies der römischen Kirche, trotz des Widerstandes, der allmählich zugenommen hat, auf. 

„Der Pater Barri (erkl: Paul de Barry, *1585, fi 661) verfasste eine Schrift: »Fe paradis ouvert ä Philagie par 

Cent devotions a la Mere de Dieu (von R.P. Paulo De Bar, „Einöde für Philagia, Das ist, Weiß unnd Manier, die Geistliche Exercitia 
einmal im jahr acht oder zehn tag lang nützlich zuverrichten: Neben den Betrachtungen, Bedencken, Examen, und Geistlichem lesen, so alsdan 
zugebrauchen“; Michael Demen, Köln, 1646)«, welche auf dem Grundsatz basirt, dass es gleichgültig sei, wie man in 
den Himmel kommt, wenn man nur hineinkommt. Demnach werden nun eine Reihe äußerlicher An¬ 
dachtsübungen zu Maria aufgezählt, welche ebensoviel Himmelsschlüssel sein sollen; so z.B. der Maria 
den Morgen= und Abendgruß sagen; den Engeln häufig den Auftrag geben, Maria zu grüßen; den 
Wunsch zu äußern ihr mehr Kirchen zu bauen, als alle Monarchen zusammen gethan haben; Tag und 
Nacht in Braceletform (Armbandform) einen Rosenkranz (ERKL.: eine i. einem Kreuz endende Kette aus 6 größeren u. 53 kleine¬ 
ren Perlen o. Kugeln i. bestimmter Anordnung, die der Abfolge d. Gebete zu Ehren d. kath. Maria entsprechen) oder das Bild der Jung¬ 
frau zu tragen u.s.w. Dergleichen reicht zum Seligwerden aus und sollte der Teufel in der Todesstunde 
dennoch Anspruch auf unsere Seele erheben, so braucht man ihm nur einfach zu bemerken, dass Maria für 
uns einstehe und er die Sache mit ihr auszumachen habe.“ (7) 

(7) und (8) J.Huber, op.cit., S.106-108. 

IN DEUTSCH: S.322. 


In seiner „Pietas quotidiana erga SD Mariam“ (J.Pemble, „Marienbüchlein“, Pietas quotidiana erga SD Matrem Mariam; in 
Buchers Sämtliche Werke, Bd.l, S.144 ff..München 1819) empfiehlt Pater Pemble (ERKL.: Vorstand d. Marianistenkongregation der 
Gelehrten i. München) Folgendes: „sich Geißeln oder Ohrfeigen geben und die Schläge durch die Hände Ma¬ 
riens Gott aufopfem lassen; mit dem Finger, wo nicht mit dem Messer, den hl. Namen Maria auf die Brust 
schreiben oder ätzen; sich bei Nacht hübsch ehrbar zudecken, damit die frommen Augen Mariens nicht 
beleidigt werden; der Jungfrau Maria sagen, dass man geneigt wäre, ihr seinen Platz im Himmel einzu¬ 
räumen, wenn sie nicht schon einen eigenen hätte; wünschen, dass man lieber nicht auf der Welt oder gar 
lieber in der Hölle wäre, wenn nicht Maria gelebt hätte; keinen Apfel essen, weil Maria von der Schuld 
des Apfelessens freigeblieben - und dergleichen läppische Dinge mehr.“ (8) 

(7) und (8) J.Huber, op.cit., S.106-108. 

IN DEUTSCH: S.322-323. 

Das alles wurde im Jahre 1764 geschrieben, doch braucht man nur ähnliche, heutzutage in großer Zahl 
erscheinende Schriften oder nur die katholische Presse zu überfliegen, um nachzuweisen, dass diese zügel¬ 
lose Götzenverehrung zweihundert Jahre lang doch nichts anderes tat als wachsen und Blüten treiben. Der 
späte Papst Pius XII. tat sich hinsichtlich des Eigentums Mariens hervor. Unter seiner Regierung glich 
sich ein Großteil der römischen Kirche an. 

Überdies versuchen die Söhne Foyolas, die stets darauf bedacht sind, mit dem Zeitgeist konform zu ge¬ 
hen, bis heute, diese mittelalterlichen Kindlichkeiten anzupassen, und es gibt mehrere unter der Schirm¬ 
herrschaft des „Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung“ (C.N.R.S.) („Centre National de la Recher¬ 
che Scientifique“) von diesen lieben Patres herausgegebene Schriften. 

Fügen wir dem die Skapuliere (Schulterüberwürfe) verschiedener Farben mit ihren entsprechenden Tugenden 
hinzu, die Verehrung von Heiligen, Bildern, Reliquien, die Verteidigung von „Wundem“, die Herz-Jesu- 

Verehrung (ERKL.: besonderer Typ d. kathol. Jesusmystik u. -Verehrung [d. Verehrung Jesu sowie d.gefühlsbetonten Bemühung nach 


unmittelbarer Verbindung m. ihm], die d. Herz Jesu als Symbol des ganzen Menschen Jesus, v.a. seiner aufopfernden Liebe, versteht), dann 
bekommen wir eine Vorstellung von dem „Mystizismus“, mit dem „die Seelen der Kinder imprägniert 
werden“ durch ihren Kontakt mit Meistern, „die von ihm durchdrungen sind“ - wie Hw.P.Charmot im 
Jahre 1943 schrieb. 

Es gäbe keinen anderen Weg, „Elitechristen“ herauszubilden. 

Nichtsdestotrotz mussten die Jesuitenkollegien, wollten sie ihren Kampf gegen die Universitäten gewin¬ 
nen, ihren Unterricht ausweiten und säkulare Fächer mit einbeziehen, da die Renaissance Wissensdurst 
geweckt hatte. Wir wissen, dass sie dies gern realisierten, wobei sie alle notwendigen Vorkehrungen tra¬ 
fen, dem vorzubeugen, dass diese Wissensaneignung dem Ziele ihres Unterrichts, nämlich den völligen 
Gehorsam des Denkens unter die Kirche aufrecht zu erhalten, entgegenliefe. 

Das ist es, warum ihre Schüler zuallererst von besagtem „großen Netz von Gebeten umgeben werden“, 
das nicht ausreichend wäre, würde das vermittelte Wissen nicht sorgsam von sämtlichem andersgläubigem 
Geiste und Gedankengute gereinigt. Also studierte man wegen ihres literarischen Wertes Griechisch und 
Latein (Latein genießt in diesen Kollegien ein sehr hohes Ansehen); der „antike“ rechtgläubige Gedanke 
aber wurde ausreichend genug behandelt, um eine so genannte höhere scholastische Philosophie zu be¬ 
gründen. Diese „Humanisten“, die sie zu jener Zeit ausbildeten, waren in der Lage, Lehr reden zu verfas¬ 
sen und lateinische Verse, alleiniger Herr über ihre Gedanken aber war der heilige Thomas von Aquin, ein 
Mönch des 13. Jahrhunderts (ERKL.: bedeutendster Theologe u. Philosoph d. Mittelalters, * 1224/25 , fl 274). 

Lesen wir „Ratio Studiorum“ („Studienordnung“), grundlegende Abhandlung der Jesuitenpädagogik, zitiert 
von Hw.P.Charmot: „Wir werden säkulare Fächer, die nicht im Sinne der guten Sitten und Frömmigkeit 
sind, sorgsam verwerfen. Wir werden Gedichte schreiben; doch mögen unsere Dichter Christen sein und 
nicht Anhänger der Ungläubigen, die Musen anrufen, Bergnymphen, Meemymphen, Kalliope (erkl.: rang¬ 
höchste Muse), Apoll (erkl.: grch.-röm. Gottd. Dichtkunst) etc. ... oder andere Götter und Göttinnen. Sollten diese 
schließlich erwähnt werden müssen, so geschehe es, da sie lediglich Dämonen sind, mit der Absicht, sie 
zu karikieren. ... “ (9) 

(9, 10, 11) F.Charmot SJ, op.cit., S.318-319, 508-509, 494. 


Alle Wissenschaften - und insbesondere Naturwissenschaften - werden demnach entsprechend „ver¬ 
dolmetscht“. 

Hw.P.Charmot versucht es in der Tat nicht zu verbergen indem er im Jahre 1943 über den Jesuitenpro¬ 
fessen sagte: „Er gibt Unterricht i n , doch nicht wegen den Wissenschaften, sondern einzig mit der 
Absicht, die höchste Herrlichkeit Gottes herbeizuführen. Es ist die von Sankt Ignatius in seinen »Satzun¬ 
gen« aufgestellte Regel.“ (10) 

(9, 10, 11) F.Charmot SJ, op.cit., S.318-319, 508-509, 494. 


Und noch einmal: „Wenn wir von einer umfassenden Bildung sprechen, meinen wir damit nicht, dass 
wir alle Fächer und Wissenschaften unterrichten, sondern wir erteilen literarischen und naturwissenschaft¬ 
lichen Unterricht, der nicht ausschließlich säkular und undurchdringlich für das Licht der Offenbarung 
ist.“ (11) 

(9, 10, 11) F.Charmot SJ, op.cit., S.318-319, 508-509, 494. 


Die von den Jesuiten gegebene Instruktion konnte daher zwangsläufig nur eher protzig als solide sein, 
oder „formalistisch“ (die Form überbetonend), wie sie oft genannt wurde. „Sie glaubten nicht an Freiheit, was 
hinsichtlich der Wissensvermittlung verhängnisvoll war“, schrieb Böhmer. 

„Wie schon bemerkt wurde, können wir dem jesuitischen Unterrichtswesen nur einen relativen und 
zeitweiligen Werth zuerkennen. Je nachdem derselbe in einer Epoche des allgemeinen Standes der Wis¬ 
senschaft und der Pädagogik in Betracht gezogen wird, gestaltet sich das Urtheil darüber anders. Wie es 
keinem Zweifel unterliegt, dass der Orden auf diesem Gebiete seine Verdienste hat, ebenso gewiß ist es, 
dass dieselben in dem Maaße sich mindern mussten, als Wissenschaft, Unterrichts= und Erzie- 


hungs=Wesen fortschritten und mit freiem Geiste, mit größerer Berücksichtigung der Realien (Naturwissen¬ 
schaften) und auf der Grundlage eines tiefem Begriffs der Humanität (Menschlichkeit) sich entfalteten. 

Buckle (Heinrich Thomas Buckle, brit. Kunsthistoriker, * 1821, fi 862 ), welcher der Unterrichtswirksamkeit der Jesuiten 
in der ersten Zeit sein Lob nicht vorenthält, sagt ganz richtig: »Wie die Civilisation vorrückte, verloren die 
Jesuiten gleichwie alle anderen Hierarchen (Herrschaft innehabenden Priester), die die Welt bis jetzt gesehen hat, 
an Boden und nicht sowohl wegen ihres eigenen Verfalls als wegen des veränderten Geistes ihrer Umge¬ 
bung. ... Im 16.Jahrhundert waren die Jesuiten ihrer Zeit voraus, im 18. waren sie hinter ihr zurück.«“ 

( 12 ) 

(12) J.Huber, op.cit., II, S.177. 

IN DEUTSCH: S.380. 


Abschnitt IV 


Kapitel 2 

Die Moral der Jesuiten 


Der erobernde Geist ihrer Gesellschaft, der brennende Wunsch, die Gewissen an sich zu ziehen und die¬ 
se unter ihrem alleinigen Einfluss zu halten, konnte die Jesuiten nur dazu bringen, mit ihren Beichtkindern 
nachsichtiger zu sein als Beichtväter anderer Orden oder des Weltklerus. „Mit Speck fängt man Mäuse.“, 
sagt richtig das Sprichwort. 

Wie wir bisher gesehen haben, drückte Ignatius mit anderen Begriffen denselben Gedanken aus und sei¬ 
ne Söhne schöpften daraus ihre Inspiration. 

„Schon die ungeheure Betriebsamkeit des Ordens auf dem Gebiete der Moraltheologie zeigt, dass diese 
scharfsinnige Wissenschaft für ihn eine viel größere praktische Bedeutung besaß als die übrigen Wissen¬ 
schaften.“ (13) 

(13) und (14) H.Böhmer, op.cit., S.244-246. 

IN DEUTSCH: S.140. 

Böhmer, der den Satz, den wir eben zitierten, schrieb, erinnert uns, dass Beichte während des Mittelal¬ 
ters sehr selten war und die Gläubigen nur im äußersten Notfall darauf zurückgriffen. Der herrschsüchtige 
Charakter der römischen Kirche aber bewirkte, dass sie sich ausbreitete und stetig wuchs. Tatsächlich 
wurde die Beichte im 16.Jahrhundert zu einer religiösen Pflicht, die sorgsam wahrgenommen wurde. Igna¬ 
tius erachtete sie als am wichtigsten und empfahl seinen Jüngern, dass so viele Gläubige wie möglich die¬ 
se regelmäßig wahmehmen sollten. 

„Der Erfolg war außerordentlich. Der jesuitische Beichtvater genoss bald überall ein ebenso hohes An¬ 
sehen wie der jesuitische Professor, und der Beichtstuhl konnte bald überall in dem gleichen Maße als ein 
Symbol für die Macht und die Tätigkeit des Ordens gelten wie das Katheder und die lateinische Gramma¬ 
tik. ... 


Lesen wir die Instruktion hinsichtlich des Ignatius über das Beichthören und die Moraltheologien, so 
können wir nicht leugnen, dass der Orden von Anfang an sich geneigt zeigte, den Sünder milde zu behan¬ 
deln, dass er im Laufe der Zeit immer milder ward, bis schließlich die Milde ganz in Schwäche ausartete. 

Der Grund liegt auf der Hand: eben auf jener klugen Milde beruhte nicht zuletzt sein Erfolg im Beicht¬ 
stühle. Eben sie erwarb ihm namentlich den Beifall und die Gunst der Großen und Mächtigen dieser Welt, 
die auch im Beichtstuhl immer mehr der Nachsicht bedurft haben, als das gemeine Volk der kleinen Sün¬ 
der. 

Das Mittelalter kennt noch keine mächtigen Hofbeichtväter. Erst die neuere Zeit hat die charakteristi¬ 
sche Figur des Hoflebens geschaffen, aber kreiert hat sie überall erst der Jesuitenorden.“ (14) 

(13) und (14) H.Böhmer, op.cit., S.244-246. 

IN DEUTSCH: S.141-142. 

Böhmer schrieb: „So erlangten die Beichtväter im 17.Jahrhunderts nicht nur überall einen meist nicht 
geringen politischen Einfluss, sondern sie übernahmen bisweilen sogar ausgesprochen politische Ämter 
oder Funktionen. Pater Neidhardt trat damals als Premierminister und Großinquisitor an die Spitze der 
spanischen Regierung, Pater Femandez erhielt Sitz und Stimme im portugiesischen Staatsrate (erkl.: /. Par¬ 
lament derportug. Cortes), und Pater Lachaise (La Chaise) und seine Nachfolger versahen am französischen Hofe 
förmlich die Funktionen eines Ministers der geistlichen Angelegenheiten. 

Erwägt man nun weiter, welche Rolle die Patres auch außerhalb des Beichtstuhls in der großen Politik 
spielten - Pater Possevino als päpstlicher Gesandter in Schweden, Polen und Russland, Pater Petre (erkl.: 
Eduard [Edward] Petre, *1631, fi699) als englischer Minister, Pater Vota (erkl.: Karl Moritz Vota, *1629, fi 715) als vertrau¬ 
ter Ratgeber Johann Sobieskis von Polen (erkl.. Johann ///. Sobjeski, König, *1629, fi696), als polnischer »Königs¬ 
macher«, als Vermittler bei der Erhebung Preußens zum Königreich -, so muss man doch bekennen, dass 
es nie einen Orden gegeben hat, der so viel Interesse und Geschick für die Politik besaß und so viel mit 
der Politik sich befasste, wie der Jesuitenorden.“ (15) 

(15) und (16) H.Böhmer, op.cit., S.247-248, 238 ff. 

IN DEUTSCH: S.138, 142. 

Diente die „Nachsicht“ dieser Beichtväter ihren erhabenen Beichtkindern gegenüber sehr den Interessen 
des Ordens und der römischen Kurie, so geschah in den bescheideneren Bereichen, wo die Patres ähnliche 
bequeme Methoden anwandten, das Gleiche. Mit ihrem akribischen (äußerst gründi.) und auch aufdringlichen 
Geist, den sie von ihrem Gründer übernommen hatten; die berühmten „Kasuisten“ wie Eskobar (Antonio 
Escobary Mendoza, *1589, f1669), Mariana, Sänchez (Thomas Sänchez, *1551, f1610), Busenbaum (Hermann Busenbaum, 
* 1600 , fi668) etc. gaben sich Mühe, jede Regel gesondert zu studieren sowie deren Anwendung für jeden 
Fall, der im Bußgericht (beim Beichtvater zur Selbstanklage u. Sündenbekenntnis durch das Beichtkind) dargelegt werden 
könnte; ihre Schriften zur „Moraltheologie“ brachten der Kompanie, da ihre Raffiniertheit beim Verdre¬ 
hen und Pervertieren deutlicher moralischer Gesetze derart offensichtlich war, einen allgemeinen Ruf. 

Hier einige Beispiele dieser Akrobatik: „ ... das göttliche Gesetz gebietet: du sollst keinen Meineid 
(Falscheid) leisten. Aber ein Meineid liegt nur dann vor, wenn der Schwörende beim Eide bewusst solche 
Worte gebraucht, die unter allen Umständen den Richter täuschen müssen. Der Gebrauch zweideuti¬ 
ger Rede ist also zulässig, ja und unter Umständen selbst der Gebrauch des geheimen Vorbehaltes (des Ab¬ 
gebens einer Erklärung nur zum Schein). .. . Wenn eine Ehebrecherin von ihrem Manne gefragt wird, ob sie die Ehe 
gebrochen habe, so darf sie dies ohne weiteres in Abrede stellen, da die Ehe ja noch besteht. Ist sie bereits 
im Beichtstühle deswegen absolviert (der Absolution teilhaft, geworden), so darf sie sogar schwören: ich bin ohne 
Schuld, indem sie dabei an die Absolution denkt, welche sie von der Schuld der Sünde ja entlastet hat. Ist 
der Mann dann immer noch misstrauisch, so kann sie ihn beruhigen durch die Versicherung: ich habe kei¬ 
nen Ehebruch begangen, indem sie bei sich denkt: keinen Ehebruch, der dir offenbar gemacht werden 
müsste.“ (16) 

(15) und (16) H.Böhmer, op.cit., S.247-248, 238 ff. 

IN DEUTSCH: S.138, 142. 




Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass eine derartige Theorie erfolgreich war bei ihren schönen Da¬ 
men! 

Ihre charmanten Begleitungen wurden im Grunde gleicherweise behandelt: „Das göttliche Gesetz gebie¬ 
tet weiter: du sollst nicht töten. Aber nicht jeder, der einen Menschen tötet, sündigt wider dies Gebot. 
Wenn z.B. ein vornehmer Mann mit Ohrfeigen oder Stockschlägen bedroht wird, so darf er den Attentäter 
auf der Stelle töten. Aber wohlgemerkt, nur ein vornehmer Mann, nicht ein Plebejer (gewöhn!., ungebildeter 
Mensch). Denn für einen Plebejer sind Ohrfeigen keine Schande. ... Desgleichen ist es keine schwere Sün¬ 
de, wenn ein Diener seinem Herrn dabei behilflich ist, ein Mädchen zu schänden, wofem (sofern) er im Falle 
der Weigerung mer kl ichen Schaden, also üble Behandlung usw. befürchten muss. Desgleichen darf man 
bei einem schwangeren Mädchen Abortus (Schwangerschaftsabbruch) bewirken, falls ihr Fehltritt über sie oder 
gar über eine Person geistlichen Standes Schande bringen würde.“ (17) 

(17) und (18) H.Böhmer, op.cit., S.238, 241. 

IN DEUTSCH: S.138-139. 

Und Pater Benzi hatte seine Stunde des Ruhmes, als er erklärte, dass es „nur eine lässliche Sünde ist, 
Weibspersonen, z.B. Nonnen, die Brüste zu betasten!“, infolge dessen die Jesuiten scherzhaft „Mamil- 
lärtheologen“ („Busentheologen“) genannt wurden. 

Was jenes betrifft, so verdient den Preis aber der berühmte Kasuist Thomas Sänchez für seine Schrift 
„Sakrament der Ehe“ (herausgegeben von d. Theolog. Fakultät Granada), in welcher der fromme Autor mit schockie¬ 
renden Details alle Varianten „fleischlicher Sünde“ eingehend betrachtet. 

Studieren wir diese praktischen Grundsätze fernerhin auch hinsichtlich der Politik, jene vor allem, die 
relevant sind für die Fegitimität der Ermordung von „Tyrannen“, die man für schuldig befand wegen 
Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen des Heiligen Stuhls. Böhmer hat Folgendes zu sagen: „Nach 
alledem ist es gar nicht so schwer, sich vor Todsünden zu hüten. Man mache nur, wo es angeht, Gebrauch 
von den trefflichen Kunstmitteln der Patres, von der zweideutigen Rede und von dem geheimen Vorbe¬ 
halt, und man wird, ohne sich mit schwerer Schuld zu belasten, Taten begehen können, die der unwissen¬ 
de Haufe vielleicht für Verbrechen hält, aber an denen selbst der strengste Beichtvater kein Quentchen 
Todsünde entdecken kann.“ (18) 

(17) und (18) H.Böhmer, op.cit., S.238, 241. 

IN DEUTSCH: S.138-139. 

Zu den kriminellsten jesuitischen Grundsätzen gehört einer, der die öffentliche Entrüstung auf den 
höchsten Punkt trieb und verdient, geprüft zu werden; er lautet: „Einem Ordensbruder oder Priester ist es 
erlaubt, jene zu töten, die bereit sind, ihn oder seine Gemeinschaft zu verleumden.“ 

Der Orden gibt sich also selbst das Recht, seine Gegner und sogar jene seiner aus ihm ausgetreten Mit¬ 
glieder, die sich zu gesprächig zeigen, zu eliminieren. Dieses Kleinod findet sich in „Theologie du Pere 
L’Amy“ (ERKL.: „Pater L'Amys Theologie“). 

Es gibt einen weiteren Fall, in dem dieses Prinzip Anwendung findet. Besagter Jesuit nämlich war hin¬ 
reichend zynisch, zu schreiben: „Missbraucht ein Pater, der Versuchung nachgebend, eine Frau und sie 
macht, was geschehen ist, bekannt und schadet somit seinem Ansehen, kann sie ebendieser Pater, um 
Schande zu vermeiden, töten!“ 

Ein weiterer von der „Großen Leuchte“ Caramuel (Johann Caramuei, Zisterzienser, *1606, fi 682 ) zitierter Sohn 
Loyolas ist der Ansicht, dass dieser Grundsatz zu wahren und zu verteidigen sei: „ ... kann der Pater hier¬ 
von Gebrauch machen, als Entschuldung die Frau zu töten und so seine Ehre retten.“. Diese ungeheuerli¬ 
che Theorie wurde angewendet, um viele von Geistlichen begangene Verbrechen zu decken und war im 

Jahre 1956 der Grund, wenn nicht gar die Ursache, für die leidvolle Geschichte von Uruffe ( erkl. : Der Pfarrer 
des lothring. Dorfes Uruffe, Guy Desnoyer, erschießt am 3.12.1956 seine von ihm geschwängerte 19-jähr. Geliebte Regine Fays, schlitzt ihr d. 
Bauch auf, entnimmt d. Fötus, tötet ihn ebenfalls, mit einem Messer, u. versucht ihn unkenntl. zu machen. Gegen den Willen der empörten 
Öffentlichkeit, die seine Hinrichtung fordert, wird er zwei Tage später zu lebenslängl. Haft verurteilt. Er wird nach 22 Jahren unter Auflagen frei¬ 
gelassen und lebt seit dem angeblich i. einem Kloster). 








Abschnitt IV 


Kapitel 3 

Das „Verschwinden“ der Kompanie 


Wenn auch durch einige unglückliche Umstände unterbrochen, so sicherten doch die Erfolge, die die 
Gesellschaft Jesu in Europa und fernen Ländern erzielte, ihr auf lange Zeit eine beherrschende Position. 
Doch wie wir bereits erwähnten, arbeitete die Zeit nicht zu ihren Gunsten. Da Ideen zur Reife gelangten 
und der Fortschritt der Wissenschaften dahin ging, das Denken zu liberalisieren (zu befreien), empfanden 
gewöhnliche Menschen als auch Monarchen die Vormachtstellung dieser „Theokratie“-Verfechter (Verfech¬ 
ter d. „Gottesherrschaft") zunehmend als unerträglich. 

Auch im Innern der Gesellschaft bauten viele, aus ihren Erfolgen heraus entstandene Missbräuche Hin¬ 
dernisse auf. Neben der Politik, in der sie, wie bis zuletzt zu sehen war, zum Nachteile nationaler Interes¬ 
sen sehr aktiv war, machte sich ihre verschlingende Tätigkeit bald auch in der Wirtschaft bemerkbar. 

„Die Patres engagierten sich zu sehr in Angelegenheiten, die mit Religion nichts zu tun hatten, im Han¬ 
del, Tauschgeschäft, als Konkursverwalter. 

Das Collegium Romanum (Die Gregoriana ; ERKL.: seit 1566 » Gregoriana« u. Universität . auf Anregung von Ignatius v.Loyoia 1551 

als »Collegium Romanum« gegründete päpstt. Universität i. Rom), das ein geistiges und moralisches Modell aller Jesuiten- 
kollegien geblieben sein sollte, besaß in riesigen Mengen in Macerata (Macerata /. Italien) gefertigtes Tuch und 
verkaufte es zum niedrigen Preis auf Märkten. Ihre Zentren in Indien, Antillen (auf den Antillen), Mexiko und 
Brasilien begannen bald Handel mit Kolonialwaren zu treiben. Auf Martinik schuf ein Prokurator riesige 
Plantagen, die von Negersklaven bewirtschaftet wurden.“ (19) 

(19) Pierre Dominique, op.cit., S.190-191. 


Dies ist die kommerzielle Seite der Auslandsmissionen, die heute genau die gleiche ist. Die römische 
Kirche verschmähte es nie, aus ihren „geistlichen“ Eroberungen weltlichen Profit zu schlagen. Was das 
betrifft, so waren die Jesuiten genau wie alle anderen Orden; nur dass sie jene übertrafen. Jedenfalls wis¬ 
sen wir, dass die weißen Patres zuletzt zu den reichsten Grundbesitzern Nordafrikas (erkl.: vmti. Verwechslung 
zählten. 

Die Söhne Loyolas bemühten sich so intensiv darum, aus der Arbeit der „Heiden“ das Beste zu machen, 
wie um das Gewinnen ihrer Seelen. 

„In Mexiko hatten sie Silberminen und Zuckerraffinerien; in Paraguay Tee- und Kakaoplantagen, Tep¬ 
pichmanufakturen; sie züchteten auch Vieh und führten jährlich 80.000 Maultiere aus.“ (20) 

(20) Andre Mater, zitiert von Pierre Dominique, op.cit., S. 191. 











Wie zu sehen, war die Missionierung ihrer „roten Kinder“ eine gute Einnahmequelle. Und um noch grö¬ 
ßeren Profit zu machen, scheuten sich die Patres nicht, die Staatskasse zu betrügen, wie die wohlbekannte 
Geschichte von den in Kadi^ cn 11 adencn Pralinenschachteln berichtet, die voller Goldstaub waren. 

Bischof Palafox (ERKL.: Johannes v.Palafox, *1600, fl 659), von Papst Innoz e nz Vin. (?; ERKL.: *1432, fl492, FALSCH - 
kann nur Innozenz X.\ *1574, t1655, sein! ) als apostolischer (päpstl.) Visitator (Kontrolleur) geschickt, schrieb diesem im 
Jahre 1647: „Sämtlicher Reichtum Südamerikas ist in der Hand der Jesuiten.“ 

Bankgeschäfte waren genauso vorteilhaft. Die Ordenskasse tätigte in Rom im Namen der portugiesi¬ 
schen Regierung Zahlungen an die portugiesische Botschaft. Als sich August der Starke (August n., der starke; 
König u. Kurfürst, *1670, fi733) nach Polen begab, eröffneten die Wiener Patres bei den Warschauer Jesuiten für 
diesen bedürftigen Monarchen ein Konto. In China verliehen die Patres den Kaufleuten Geld gegen 25, 50 
und sogar 100 % Zinsen.“ (21) 

(21) Pierre Dominique, op.cit., S.191. 


Die unerhörte Gier des Ordens, seine gelockerten Sitten, seine endlosen politischen Intrigen, seine Ein¬ 
griffe in die Rechte der Welt- und Ordensgeistlichkeit hatten von Anfang an allerorten Hass und Feind¬ 
schaft bis auf den Tod hervorgerufen. Unter den höheren Ständen geriet er in totalen Verruf, und! in Frank¬ 
reich zumindest wichen seine Bemühungen, die Menschen in einer formalistischen und unterwürfigen 
Frömmigkeit zu halten, der unvenneidlichen Emanzipation des Denkens. 

Nichtsdestotrotz beließen der von der Kompanie genossene materielle Wohlstand, die an den Höfen er¬ 
worbenen Positionen sowie insbesondere die Unterstützung des Heiligen Stuhls, die sie für unerschütter¬ 
lich hielten, die Jesuiten selbst am Vorabend ihres Endes in ihrer Selbstsicherheit. Hatten sie nicht schon 
mehrere Stürme durchlebt, hatten von der Zeit ihrer Gründung bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts an die 
dreißig Ausweisungen erlitten? Fast jedes Mal sind sie über kurz oder lang zurückgekommen, um ihre 
verlorenen Positionen erneut zu besetzen. 

Besagter sie bedrohende Niedergang aber sollte dieses Mal nahezu total sein und mehr als vierzig Jahre 

dauern. 

Das Eigenartige ist, dass der erste Angriff gegen die mächtige Kompanie vom streng katholischen Por¬ 
tugal, einem ihrer wichtigsten Zentren in Europa, ausging. Der seit Beginn des Jahrhunderts von England 
auf jenes Land ausgeübte Einfluss war möglicherweise einer der Gründe für das Aufbegehren. 

Durch einen zwischen Spanien und Portugal im Jahre 1750 abgeschlossenen, die Grenzen in Amerika 
festlegenden Vertrag erhielten die Portugiesen ein riesiges Territorium östlich des Uruguay, wo die Jesui¬ 
ten agierten. Infolgedessen mussten sich die Patres mit ihren Bekehrten nach diesseits der neuen Grenze, 
auf spanisches Territorium, zurückziehen. Sie bewaffneten deshalb ihre Guaraner, führten einen langen 
Guerillakrieg („Kleinkrieg“) und blieben schließlich Herren des Landes, das an Spanien zurückgegeben wurde. 

Markgraf Pombal, der portugiesische Premierminister, empfand dies als sehr beleidigend. Überdies hatte 
der ehemalige Schüler der Jesuiten deren „Handschrift“ nicht beibehalten und ließ sich lieber von franzö¬ 
sischen und englischen Philosophen inspirieren, als von seinen alten Pädagogen. Im Jahre 1757 vertrieb er 
die jesuitischen Beichtväter aus der Königsfamilie und verbot den Mitgliedern der Kompanie das Predi¬ 
gen. Er veröffentlichte nach mehreren Streitigkeiten mit ihnen Kampfschriften - deren eine: „Die Repu¬ 
blik der Jesuiten, oder das umgestürzte Paraguay“ (erkl.. Amsterdam, 1758) lautete und für großes Aufsehen 
sorgte - , erlangte von Papst Benedikt XIV. eine Untersuchung hinsichtlich deren Verhalten und verbann¬ 
te die Kompanie schließlich aus allen seinen Territorien. 

Die Vorgänge wurden in Europa zur Sensation, vor allem aber in Frankreich, wo bald darauf der Bank¬ 
rott Pater La Valettes (erkl.: Anton La Vaiettes, *1708, fi767) ausbrach; er war ein „Geschäftsmann“, der für die 
Kompanie riesige Transaktionen (Geldgeschäfte) mit Zucker und Kaffee durchführte. Deren Weigerung, die 
Schulden des Paters zu begleichen, war schicksalhaft. Das Parlament, mit einer Zivilverurteilung nicht 
zufrieden, prüfte ihre|Satzungen. erklärte ihre Organisation in Frankreich für illegal und verbot vierund¬ 
zwanzig ihrer Hauptautoren. 

Es veröffentlichte am 6.April des Jahres 1762 eine „Klage“ (Anklageschrift) folgenden Inhalts:(,,Die be¬ 
sagte Gesellschaft ist in keinerlei zivilisiertem Staate zulässig, da sie mit ihrem Wesen sämtlicher geistli¬ 
cher wie zeitlicher Autorität feindlich gegenübersteht; unter dem plausiblen Deckmantel einer religiösen 



























Gesellschaft versucht sie, in die Kirche und Staaten nicht einen Orden einzuführen, der ein aufrichtiges 

Verlangen danach hat, evangelische Vollkommenheit (ein Leben nach den Evangel. Räten, d.h. ein Leben i. Armut. Keusch¬ 

heit u. Gehorsam) zu verbreiten, sondern vielmehr eine politische Körperschaft, die uneimüdlich mit allen Ar¬ 
ten von direkten, verborgenen und unlauteren Mitteln daran arbeitet, alle Autorität an sich zu reißen. 

Die Lehre der Jesuiten wurde abschließend wie folgt beschrieben: „eigensinnig, eine Vernichterin sämt¬ 

licher religiöser und ehrlicher Grundsätze, christliche Moral beleidigend, schädlich für die Zivilgesell¬ 
schaft, feindlich gegenüber den Rechten der Nation, der Macht der Krone und sogar der Sicherheit der 
Herrscher und Gehorsamkeit ihrer Untertanen; geeignet, um in den Staaten größte Unruhen zu schaffen, 

die schlimmsten Arten von Verdorbenheit im Herzen des Menschen herbeizuführen und aufrecht zu erhal¬ 

ten.“ 

In Fran kr eich wurde das Eigentum der Kompanie zu Gunsten der Krone konfisziert und es wurde kei¬ 
nem der Mitglieder gestattet, im Königreich zu verbleiben, es sei denn, er würde seine Gelübde widerru¬ 
fen und schwören, sich den allgemeinen Regeln der Geistlichkeit Frankreichs unterzuordnen. 

In Rom erlangte Jesuitengeneral Riccius (ERKL.: Lorenzo Ricci, * *1703, fi775) von Papst Klemens XIII. (erkl.: 

*1669, fi709) eine die Privilegien des Ordens bestätigende und seine Unschuld erklärende Bulle. Doch es war 
zu spät. In Spanien lösten die Burbonen sämtliche Niederlassungen der Kompanie auf, diejenigen im Lan¬ 
de wie die in den Kolonien. Und so endete Paraguays Jesuitenstaat. Auch die Regierungen Neapels, Par¬ 
mas und sogar der Großmeister von Malta verwiesen die Söhne Loyolas aus ihren Territorien. Die 6.000, 
die in Spanien waren, hatten, nachdem sie inhaftiert worden waren, ein seltsames Erlebnis: „König Karl 
TU . (erkl.: *1716, fi 788) sandte alle seine Gefangenen zum Papst, mit einem Bewilligungsbescheid, in dem er 
schrieb, dass er »sie dem weisen und unmittelbaren Befehle Eurer Heiligkeit« untersteh hätte. Als aber die 
armen Kerle in Civita Vecchia im Begriff waren, von Bord zu gehen, wurden sie mit Kanonendonner 
empfangen, auf Befehl ihres eigenen Generals, der sich bereits um die portugiesischen Jesuiten zu küm¬ 
mern hatte und nicht einmal diese auch nur ernähren konnte. Es gelang lediglich, eine armselige Zuflucht 
für sie auf Korsika zu finden.“ (22) 

(22) Pierre Dominique, op.cit., S.209. 


„Klemens XIII., gewählt am 6.Juli des Jahres 1758, widerstand lange Zeit den eindringlichen, die Auflö¬ 
sung der Jesuiten fordernden Gesuchen mehrerer Nationen. Er war im Begriffe, nachzugeben und hatte 
bereits ein Konsistorium (Zusammentreffen der Kardinale unter seinem Vorsitz) für den 3.Februar 1769 anberaumt, auf 
dem er die Kardinäle über die Resolution zur Entsprechung der Anliegen dieser Höfe unterrichten sollte; 
in der Nacht vor jenem besonderen Tage erkrankte er plötzlich und begab sich gerade zu Bette, als er aus¬ 
rief: »Ich sterbe ... «. Die Jesuiten anzugreifen, ist eine sehr gefährliche Angelegenheit!“ (23) 

(23) Baron von Ponnat, „HISTOIRE DES VARIATIONS ET DE CONTRADICTIONS DE L’EGLISE ROMAINE“ („GESCHICHTE D. ABWEI¬ 
CHUNGENU. WIDERSPRÜCHE D. ROM. KIRCHE“), S.215, Bd.II. 


Ein Konklave (aus d. Kardinäien bestehendes Gremium z. Wahl d. Papstes) trat zusammen und dauerte drei Monate. 
Schließlich setzte sich Kardinal Ganganelli (ERKL.: Giovanni Vincenzo Antonio Ganganelli) die Mitra (Bischofsmütze) auf 
und nahm den Namen Klemens der XIV. (erkl.: *1705, fi774) an. Die Höfe, von denen die Jesuiten ausgewie¬ 
sen worden waren, hielten daran fest, die völlige Auflösung der Kompanie zu fordern. Das Papsttum indes 
hatte keine Eile, das ureigenste Instrument zur Realisierung seiner Politik abzuschaffen, und es vergingen 
vier Jahre bis Klemens XIV., gezwungen durch die starre Haltung seiner Widersacher, die Teile des Kir¬ 
chenstaates besetzt hatten, im Jahre 1773 das Aufhebungsbreve (Aufhebungsschreiben) „Dominus ac Redemp- 
tor“ (erkl.:„H err u. Erlöser“) Unterzeichnete. Riccius, der Ordensgeneral, wurde sogar in der Engelsburg inter¬ 
niert und! starb wenige Jahre später. 

„Der Gehorsam, mit dem sich die Jesuiten dem Urtheilsspruch des Papstes unterwarfen, war mehr 
scheinbar als aufrichtig ... So gingen denn aus ihrer Mitte zahllose Pamphlete und aufrührerische Schrif¬ 
ten gegen den Papst hervor, mit lügnerischen Angaben über die bei der Besitznahme ihrer Güter in Rom 
an ihnen verübten Grausamkeiten.“ (24) 


(24) J.Huber, op.cit., S.365. 































IN DEUTSCH: S.546. 


Der Tod Klemens’ XIV., vierzehn Monate später, wurde von einem Teil der europäischen Meinung 
denn auch auf die Jesuiten zurückgeführt. 

Im Prinzip und im Endeffekt bestanden die Jesuiten nicht mehr weiterhin fort. „Nachdem er das berühm¬ 
te Aufhebungsbreve unterschrieben hatte, sagte er, indem er sich auf seinen Schreibtisch lehnte: nun ist sie 
denn also geschehen, die Aufhebung. Es gereuet mich nicht. ... Ich habe geglaubt, es sey meine Pflicht, 
solches zu thun, und wenn ich es nicht gethan hätte, würde ich es noch thun, aber diese Aufhebung wird 
mich das Leben kosten.“ (25) 

(25) Caraccioli: „Vie du Pape Clement XIV“ (Desaint, Paris 1776, S.313). 

IN DEUTSCH: „Leben des Pabstes Clemens des XIV.“ (van Düren, Frankfurt u. Leipzig, 1784, S.245). 


Ganganelli hatte Recht; bald begannen an den Palastmauem Plakate sichtbar zu werden, auf denen aus¬ 
nahmslos diese fünf Buchstaben: I.S.S.S.V. standen, und jedermann fragte sich, was dies bedeutete. Kle¬ 
mens verstand sofort und erklärte mutig: „Es bedeutet »In Settembre, Sara Sede Vacante« (»Im September 
wird der Bischofsstuhl frei sein« [, dass der Papst tot sein wird])“. (26) 

(26) Baron de Ponnat, op.cit., S.223. 


Lesen wir eine weitere Aussage: „»Der Pabst Ganganelli überlebte nicht lange die Aufhebung des Or¬ 
dens.“, so Scipion de Riccius, „Die Berichte über seine Krankheit und seinen Tod, die durch den spani¬ 
schen Gesandten zu Rom nach Madrid gesandt wurden, lieferten die unzweideutigsten Beweise, dass er 
vergiftet worden ist; aber weder die Kardinäle noch der neue Pabst haben so viel man ersehen hat, keinen 
Schritt gethan, diese Begebenheit aufzuklären. Der Urheber dieser verfluchten und gotteslästerlichen That, 
hat sich folglich vor den Augen der Welt verbergen können, allein er wird der Gerechtigkeit des Schöpfers 
nicht entgehen, von der ich wünsche, dass sie ihm noch in diesem Leben zu Theil werde.«“ (27) 

(27) Potter: „Vie de Scipion de Ricci“ (Brüssel, 1825), I, S.18. 

IN DEUTSCH: Potter: „Das Leben und die Memoiren des Scipio von Ricci“ (Stuttgart, 1826), I, S.27. 


„Wir können mit Bestimmtheit bestätigen, dass Papst Klemens XIV. am 22.September 1774 durch Ver¬ 
giftung starb.“ (28) 

(28) Baron de Ponnat, „Histoire des variations et de contradictions de l’Eglise romaine“ (Charpentier, Paris, 1882, II, S.224) 


Unterdessen hatte auch die österreichische Kaiserin Maria Theresia (erkl.: *1717, fi780) die Jesuiten aus al¬ 
len ihren Staaten ausgewiesen. Lediglich Lriedrich von Preußen (erkl. : Friedrich //., dem Großen, König, * 1712 , fi786) 
und der russischen Kaiserin Katharina II. (erkl.: Katharina //., der Großen; Kaiserin, * 1729, fi796) waren sie als Päda¬ 
gogen willkommen. In Preußen gelang es ihnen aber nur, für zehn Jahre zu bleiben, bis zum Jahre 1786. 
Russland zeigte sich ihnen gegenüber länger freundlich, doch riefen sie schließlich auch dort und aus 
demselben Grunde die Leindschaft der Regierung hervor. 

„ ... Die Bekämpfung des Schismas tSich-nicht-Unterordnens unter den Papst) sowie das Abhängigmachen Russ¬ 
lands vom Papst zogen sie an wie das Licht die Motte. Sie starteten ein aktives Propagandaprogramm in 
Armee und Aristokratie und bekämpften die durch den Zaren geschaffene Bibelgesellschaft. Sie errangen 
mehrere Erfolge und bekehrten Lürst Gallitzin (erkl. : Aiexandr Nikotajewitsch Knjasch Gotizyn, *i 773, fi844), den Nef¬ 
fen des Ministers für Kirchenangelegenheiten. Also kam es zum Einschreiten des Zaren und seinem Ukas 
(Erlass) vom 20.Dezember des Jahres 1815.“ 

Dass die Gründe für diesen Ukas (Erlass des Zaren), der die Jesuiten aus Sankt Petersburg und Moskau ver¬ 
bannte, die gleichen waren wie in allen andern Ländern, muss nicht gesagt werden. „Wir mussten feststel¬ 
len, dass sie die von ihnen erwarteten Aufgaben nicht erfüllten. ... Statt in einem fremden Lande als fried¬ 
liche Bewohner zu leben, störten sie die Griechische Religion (russ.-orthodoxe Religion), die von alters her in 
unserem Reiche die vorherrschende ist und auf der Lrieden und Glück der Nationen unter unserem Zepter 








ruhen. Sie haben das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbraucht und die ihnen anvertraute Jugend 

sowie inkonsequente Frauen von unserer Kirche abgewandt. ... Wir sind nicht überrascht, dass dieser Or¬ 
den aus jedem Lande ausgewiesen worden ist und seine Betätigungen nirgends toleriert wurden.“ (29) 

(29) Pierre Dominique, op.cit., S.220. 


Im Jahre 1820 wurden schließlich generelle Maßnahmen zu ihrer Vertreibung aus ganz Russland ergrif¬ 
fen. 

Infolge dies begünstigender politischer Ereignisse aber fassten sie erneut Fuß in Westeuropa, als ihr Or¬ 
den durch Papst Pius VII. (erkl.: *1742, fi823) im Jahre 1814 feierlich wieder ins Leben gerufen wurde. 

Daniel-Rops (erkl.: frz. Schriftsteller u. Historiker, * 1901 , fi965), ein großer Freund der Jesuiten, bringt den politi¬ 
schen Stellenwert dieser Entscheidung klar zum Ausdruck. Hinsichtlich des „Wiederauftauchens der Söh¬ 
ne Loyolas“ schrieb er: „Es war unmöglich, hierin nicht einen Akt der Konterrevolution zu sehen.“ (30) 

(30) Daniel-Rops von der französischen Akademie: „Die Neugründung der Gesellschaft Jesu“ (Etudes, September 1959) 


Abschnitt IV 


Kapitel 4 

Wiedergeburt der Gesellschaft Jesu während des 19 Jahrhunderts 


Wir erwähnten, dass, als Klemens XIV. gezwungen war, den Jesuitenorden aufzuheben, es war, als sagte 
er: „Ich habe mir soeben meine rechte Hand abgeschnitten.“ 

Der Satz scheint ausreichend plausibel. Natürlich fiel es dem Heiligen Stuhl schwer, sich bei der Beherr¬ 
schung der Welt von seinem wichtigsten Instrument zu trennen. Die Ungnade des Ordens, eine durch die 
Umstände auferlegte politische Maßnahme, wurde von Pius VI. (erkl.: *1717, fi799) und Pius VH., den 
Amtsnachfolgern Klemens’ XIV., allmählich abgeschwächt; und wenn das offizielle Verschwinden der 
Jesuiten vierzig Jahre dauerte, dann infolge der aus der Französischen Revolution resultierenden Umwäl¬ 
zungen. Jedenfalls war jenes Verschwinden nie ein völliges. 

Sich unter die Geistlichkeit mischend, sind die meisten Jesuiten in Österreich, Frankreich, Spanien, Ita¬ 
lien geblieben. Man traf sich oder versammelte sich so oft es ging in großer Zahl. Johann von Tournely 
(erkl. : fal sch - kann nur Leonor-Franz u. Tourneiv sein!) gründete im Jahre 1794 in Belgien die „Gesellschaft des hei¬ 
ligsten Herzens Jesu“ als Kollegium (Gymnasium). Viele Jesuiten schlossen sich ihr an. Drei Jahre später 
gründete derlTiroler Paccanar| (erkl.: Nikolaus Paccanari, * 1773 , fi820[?]), der dachte, er wäre ein weiterer Ignati¬ 
us, die Societas fidei Iesu (Glaubensgesellschaft Jesu). Im Jahre 1799 schlossen sich die Gesellschaften zusam¬ 
men, mit Pater Clariviere als Vorsteher; er war der einzige überlebende französische Jesuit. Im Jahre 1803 
schloss man sich den russischen Jesuiten an. Etwas Zusammenhängendes wurde wieder lebendig, was der 
Wahrnehmung der breiten Masse aber, und sogar der meisten Politiker zunächst entging.“ (31) 

(31) Pierre Dominique, op.cit., S.219 - Über den seltsamen Tod Paccanaris, des Gründers der Societas fidei Iesu , ist bei Daniel-Rops zu lesen: 

„Er wurde vor den Heiligen Stuhl gebracht, in der Engelsburg eingekerkert und schließlich «Opfer eines Attentats' ember 1959). 

















Die Französische Revolution (Die Frz. Revolution von 1789 - 99) sowie das nachherige Kaiserreich (erkl.: Erstes [frz. 
Kaiserreich [1804 -14] unter Napoleon i.) gaben der Societas Iesu eine unerwartete neue Glaubwürdigkeit; es kam zu 
einer Abwehrreaktion gegen in den alten Monarchien aufkommende neue Ideen. 

Napoleon I. ( erkl . Kaiser der Franzosen, *1769, fi 82 i) beschrieb die Kompanie als „sehr gefährlich; sie werden 

niemals im Reich erlaubt sein.“ Als aber die „Heilige Allianz“ (ERKL.: Christi. Staats-Grundsätze propagierender, der 
Unterdrückung freiheitl.-demokrat. Bewegungen dienender Bund zwischen Russland, Österreich u. Preußen [1815], dem später alle „christli¬ 
chen“ europäischen Mächte außer Großbritannien u. dem hi. Stuhl beitraten) siegte, verschmähten die neuen „Monarchen“ 
beim Zurückbringen des Volkes unter strikten Gehorsam die Hilfe dieser Absolutisten (Unterstützerd. unkontrol¬ 
lierten Alleinherrschaft) nicht. 

Die Zeiten aber hatten sich geändert. Alle Geschicklichkeit der lieben Patres konnte die Verbreitung li¬ 
beralen Gedankenguts lediglich verzögern und nicht stoppen und ihre Anstrengungen waren eher schäd¬ 
lich denn nützlich. In Frankreich erlebte dies die Restauration (Bestrebung aller europäischer Staaten, die Verhältnisse 
vord. frz. Revolution wiederherzustellen) auf bittere Weise. Ludwig XVIII. (ERKL.: frz. König, *1755, fl824), ungläubig und 
cleverer Politiker, versuchte, soweit er irgend konnte, das Emporkommen der „Ultras“ (Ultramontanen) aufzu¬ 
halten. Unter Karl X. (erkl.: frz. König, *1757, fi836) aber, engstirnig und sehr fromm, hatten es die Jesuiten 
leicht. Das Gesetz, das sie im Jahre 1764 verbannte, war noch in Kraft. Völlig egal. Der berühmten „Kon¬ 
gregation“ (Ordensgemeinschaft), dem Opus Dei (Werk Gottes) erster Sorte, wurde Leben eingeblasen. Vorgebend, 
die Armee, das Richteramt, die Verwaltung, das Lehramt zu „reinigen“, war diese fromme, aus Geistli¬ 
chen und Laien zusammengesetzte Bruderschaft allerorts zu finden; überall im Land hielt sie „Missionie¬ 
rungen“ ab, Gedenkkreuze aufstellend, wohin sie auch kam; viele davon gibt es noch heute; sie stiftete die 
Gläubigen dazu an, die Ungläubigen zu bekämpfen und ward selbst derart von Hass erfüllt, dass sogar der 
SO katholische und SO legitimistische (die Unabsetzbarkeit d. angestammten /Herrscherhauses vertretende) Montlosier (ERKL. 
Frangois Dominique de Reynaud, Comte de Montlosier; frz. Publizist, *1755, fl838) ausrief: 

„Überall legen unsere Missionare Leuer. Wollte wer uns irgendetwas schicken, hätten wir lieber die Pest 
von Marseille (erkl.: im Jahre 1720 [70.000 Tote]) als mehr Missionare.“ 

Im Jahre 1828 entzog Karl X. dem Orden das Lehrrecht, doch war dies zu spät. Die Dynastie brach im 
Jahre 1830 zusammen. 

Verhasst und mit Schande bedeckt, blieben die Söhne Loyolas dennoch in Lrankreich, aber im Verbor¬ 
genen, da der Orden offiziell noch aufgehoben war. Ludwig Philipp (ERKL.: König der Franzosen, der „Bürgerkönig“, 
* 1773 , fi850) und Napoleon HI. (erkl.: Kaiser der Franzosen, *1808, fi873) tolerierten sie. Von der Republik, unter 
Julius Lerry (ERKL.-.Juies Frangois Camille Ferry, frz. Politiker, *1832, fi893), wurden sie im Jahre 1880 lediglich ver¬ 
streut. Die Schließung ihrer Einrichtungen war nur im Jahre 1901, unter dem Trennungsgesetz (von 1899 - 
1905 geltenden Gesetz z. Trennung von Kirche u. Staat i. Frankreich), wirksam. 

Beim Kampf gegen neue Ideen war die Geschichte der Kompanie während des 19.Jahrhunderts in Ame¬ 
rika und halb Europa genauso voller Höhen und Tiefen wie in der Vergangenheit. 

„Siegten irgendwo die Liberalen (Freiheitlichen), so wurden sie meist ausgetrieben. Siegte dagegen die Re¬ 
aktion (Gesamtheit d. fortschrittsfeindi. Kräfte), dann stellten auch sie bald in aller Stille sich wieder ein, um Thron 
und Altar zu verteidigen. So wurden sie in Portugal 1834, in Spanien 1820, 1835 und 1868, in der 
Schweiz 1848, in Deutschland 1872, in Lrankreich 1880 (erkl.: e.P aris: 1880 und 1901) ausgewiesen, in Italien 
seit 1859 allmählich all ihrer Schulen und Häuser beraubt, so dass sie darauf verzichten mussten, in der 
durch das Statut vorgeschriebenen Lorm zu wirken. Nicht anders erging es ihnen aber in den Republiken 
des lateinischen Amerika. In Guatemala wurde der Orden 1872, in Mexiko 1873, in Brasilien 1874, in 
Ekuador und Kolumbien 1875, in Costarika 1884 unterdrückt. 

Ganz unbehelligt blieb er nur in den überwiegend protestantischen Staaten England, Schweden, Däne¬ 
mark, den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Diese Tatsache erscheint auf den ersten Blick sehr wun¬ 
derlich. Aber sie erklärt sich einfach aus dem Umstande, dass die Patres hier nie daran denken konnten 
und daher auch meist nie daran dachten, Einfluss auf die innere Politik zu gewinnen. Das taten sie jedoch 
auch hier mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe. Denn anderwärts waren sie durchaus nicht so 
zurückhaltend, sondern benutzten jede Gelegenheit, um auf Gesetzgebung und Verwaltung in ihrem Sinne 







einzuwirken, sei’s direkt durch geschickte Bearbeitung der regierenden Kreise, sei’s indirekt durch fleißi¬ 
ge Agitation unter den katholischen Massen.“ (32) 

(32) H.Böhmer, op.cit., S.285. 

IN DEUTSCH: S.165. 

In Wahrheit war diese Unempfindlichkeit der Protestantischen Länder gegen jesuitische Unternehmun¬ 
gen weit entfernt davon, vollkommen zu sein. 

„In den Vereinigten Staaten“, schrieb Fülöp-Miller, „hat die Gesellschaft, gesetzlich in keiner Weise an- 
gefochten, seit langem eine planmäßige und sehr wirkungsvolle Tätigkeit entfalten können. ... »Mir ge¬ 
fällt die Auferstehung der Jesuiten nicht«, hatte schon im Jahre 1816 der Altpräsident (Vorgängerpräsident) der 
Union (USA) John Adams (erkl.: Johann Adams, 2 . Präsident, * 1735, fi826) an seinen Nachfolger Thomas Jefferson 
(erkl: 3. Präsident, * 1743 , fi 826 ) geschrieben. »Werden wir nicht ganze Schwärme von ihnen hier haben, in so 
vielen Formen und Verkleidungen, als nur je ein Zigeunerkönig sie angenommen hat, in der Verkleidung 
von Druckern, Verlegern, Schriftstellern und Schulmeistern? Wenn je eine Vereinigung von Menschen 
ewige Verdammnis auf Erden und in der Hölle verdient hat, dann ist es die Gesellschaft Loyolas. Trotz¬ 
dem aber muss unser System der religiösen Freiheit auch ihnen ein Asyl bieten. ... « Und Jefferson hatte 
seinem Vorgänger geantwortet: »Gleich Ihnen missbillige auch ich die Wiederherstellung der Jesuiten, 
denn dieses Ereignis bedeutet einen Schritt nach rückwärts vom Licht zur Dunkelheit.«“ (33) 

(33) Rene Fülöp-Miller, op.cit., S.149-150. 

IN DEUTSCH: S.475-476. 

Die so ausgedrückten Befürchtungen sollten sich, wie wir sehen werden, ein Jahrhundert später bewahr¬ 
heiten. 


Abschnitt IV 


Kapitel 5 

Das Zweite Kaiserreich und das Fallouxgesetz - der Krieg von 
1870/71 


Im vorangegangenen Kapitel erwähnten wir die in Frankreich unter Napoleon III. von der Gesellschaft 
Jesu genossene große Toleranz, obwohl sie offiziell verboten war. Anders konnte es auch nicht sein, da 
jenes Regime seine Existenz - zumindest großteils - der römischen Kirche verdankte, deren Unterstüt¬ 
zung, solange das Regime währte, nie ausblieb. Doch sollte es Frankreich teuer zu stehen kommen. 

Die Leser des „Progres du Pas-de-Calais“, einer Publikation, für die der spätere Kaiser in den Jahren 
1843 und 1844 Beiträge verfasste, konnten ihn damals der Milde gegenüber dem „Ultramontanismus“ 
nicht verdächtigen, wie folgendem zu entnehmen ist: 






„Die Geistlichkeit fordert im Namen der Freiheit des Unterrichtes das Recht, die Jugend zu unterrichten. 
Der Staat seinerseits fordert in seinem eigenen Interesse das Recht, den öffentlichen Unterricht allein zu 
leiten. Dieser Kampf kommt nothwendig aus einer Verschiedenartigkeit der Ansichten, der Meinungen, 
der Gefühle zwischen der Regierung und der Kirche. Jede möchte zu ihrem Nutzen in einem entgegenge¬ 
setzten Sinne die werdenden Geschlechter bevormunden und leiten. Wir denken nicht, wie ein berühmter 
Schriftsteller, daß um dieser Trennung ein Ende zu machen, es nothwendig sei, alle Bande zu zerreißen, 
welche die Geistlichkeit an die bürgerliche Macht knüpfen. Unglücklicherweise sind die Diener der Reli¬ 
gion in Frankreich im allgemeinen den democratisehen Interessen entgegen; wollte man ihnen erlauben, 
ohne Controle Schulen zu errichten, so würde man damit ihnen zugestehen dem Volke den Haß gegen die 
Revolution und die Freiheit einzuflößen.“ 

Und noch einmal: „Die Geistlichkeit wird aufhören ultramontan (streng papstgesinnt) zu sein, wenn man sie 
nöthigt sich wie vordem in den Wissenschaften zu erheben und sich mit dem Volke zu verschmelzen, da¬ 
durch, dass sie ihre eigene Erziehung an denselben Quellen wie die gro¬ 
ße Mehrzahl der Bürger schöpfen wird.“ 

Hinsichtlich der Art und Weise wie deutsche Priester ausgebildet wurden, ist der Autor zu folgender An¬ 
sicht gelangt: „Anstatt von Kindheit an von der Welt abgeschlossen zu sein, und in den Seminarien einen, 
der Gesellschaft, in welcher sie leben sollen, feindlichen Geist einzuathmen, lernen sie frühzeitig Bürger 

sein, bevor sie Priester werden.“ (34) 

(34) CEvres de Napoleon III (Amyot et Pion, Paris, 1856, II, S.31 und 33). 

IN DEUTSCH: Werke Napoleons III. (Voigt & Günther, Leipzig, 1857-58, II, S.22 und 23). 


Dies hat den politischen Klerikalismus (f. den Drang d. Geistlichkeit nach mehr Einfluss im Staat u. i. dessen Politik) für den 

künftigen Herrscher und damaligen „Carbonari“ (ERKL.: Angehörigen der Carboneria [d. Köhlerbundes], eines polit. Geheim¬ 
bundes i. Italien, dessen Zeremoniell dem Brauchtum d. Köhler entlehnt war u. dessen Ziele die Unabhängigkeit Italiens sowie eine liberale 
Verfassung waren) nicht gerade ermuntert. Das Bestreben aber, alsbald auf dem Thron zu sitzen, machte ihn 
Rom gegenüber sanftmütiger. War es nicht Rom höchstselbst, das ihm half, die erste Sprosse zu erklim¬ 
men? Am lO.Dezember des Jahres 1848 zum Präsidenten der Republik ernannt, schart Fudwig Napoleon 
Bonaparte (Napoleon in.) mehrere Minister um sich, einer von ihnen ist Falloux (ERKL.: Alfred Friedrich Faiioux, Minis¬ 
ter, * * 1811 , fi886). Wer dieser Falloux ist? Ein Werkzeug der Jesuiten. ... Am 4.Januar des Jahres 1849 ruft er 
eine Kommission ins Feben, deren Aufgabe es ist, „eine große legislative (vom Gesetzgeber durchgeführte) Bil¬ 
dungsreform vorzubereiten“. ... Im Verlaufe der Besprechung erlaubt sich Cousin (erkl.: Victor Cousin, frz. 
Philosoph u. Politiker, * 1792 , fi867) zu bemerken, dass die Kirche möglicherweise einen Fehler darin begeht, sich 
an die Jesuiten zu binden. Monsignore Dupanloup (erkl.: Felix Dupanioup, Bischof, * 1802 , fi878) verteidigt die 
Kompanie mit Entschiedenheit. ... Sogleich wird ein Gesetz „zur Entschädigung“ der Jesuiten vorbereitet. 
In der Vergangenheit seien Staat und Universität gegen Eingriffe der Jesuiten geschützt worden; wir seien 
im Unrecht gewesen und ungerecht; wir hätten gefordert, die Regierung solle ihre Gesetze gegen diese 
Vertreter einer ausländischen Regierung zur Anwendung bringen, und wir würden die Jesuiten dafür um 
Vergebung bitten. Sie seien gute Bürger, die verleumdet und falsch beurteilt worden seien; was wir tun 
könnten, um ihnen die Achtung und Wertschätzung zu erweisen, die ihnen zustehen? 

„Ihnen die Unterweisung der jungen Generationen anvertrauen. 

Das ist, genau genommen, das Ziel des Gesetzes vom 15.März 1850. Dieses Gesetz sieht einen obersten 
Rat für öffentlichen Unterricht vor, in dem die Geistlichkeit dominiert, (erster Par.); es macht die Geist¬ 
lichkeit zu Schulmeistern, (Par.44); es gibt Religionsgemeinschaften das Recht, freie Schulen zu schaffen, 
ohne über nicht zugelassene Kongregationen (Vereinigungen) (Jesuiten) Erklärungen abgeben zu müssen, 

(Par.17, 2); es besagte, dass die Gehorsamsbriefe (ERKL.: Urkunden, die religiöse Anschauungen u. Gehorsamkeit mehr beto¬ 
nen als pädagog. Kenntnisse o. Eignung; gleichzeitig mussten Laienlehrer f. d. Diplom die Prüfung über Allgemeinwissen u. Pädagogik ablegen, 
ihre Diplome seien, (Par.49); Barthelemy-Saint-Hilaire (ERKL.: Julius Barthelemy-Saint-Hilaire, Gelehrter u. Staatsmann, 

*1805, fi895) versucht vergeblich nachzuweisen, dass das Ziel der Urheber jenes Projektes darin besteht, der 
Geistlichkeit das Monopol zu verschaffen und dass dieses Gesetz der Universität zum Verhängnis werden 
würde. ... Victor Hugo ruft, ebenfalls vergeblich, aus: »Dieses Gesetz ist ein Monopol in der Hand jener, 
die darum bemüht sind, dass die Unterweisung aus der Sakristei (erkl.: Aufenthalts- u. Ankieideräumiichkeit der Geistli¬ 
chen) stamme und die Regierung aus dem Beichtstühle.«“ (35) 














(35) Adolphe Michel, op.cit., S.66 f. 


Die Versammlung aber ignoriert diese Protesterklärungen. Sie zieht es vor, auf von Montalembert (erkl.: 
Karl Graf v. Montalembert; frz. Publizist u. Politiker, * 1810, fi870) zu hören, der ausruft: „Gebieten wir der gegenwärtigen 
Tendenz zu Rationalismus und Demagogie (gewissenloserpolit. Hetze) nicht unverzüglich Einhalt, dann werden 
wir aufgesogen werden; Einhalt kann ihr überdies nur mit Hilfe der Kirche geboten werden.“ 

Um sicherzustellen, dass die Bedeutung dieses Gesetzes gut beschrieben würde, fügt er diese Worte hin¬ 
zu: „Und es gilt, der demoralisierenden (sittenlos machenden) und anarchischen (gesetzlosen) Armee der Lehrer 
die Armee des Klerus entgegenzusetzen.“ Das Gesetz trat in Kraft. Nie je zuvor in Fran kr eich hatten die 
Jesuiten einen vollständigeren Sieg errungen. 

Von Montalembert gab es stolz zu ... Er sagte: „Ich verteidige soeben die Gerechtigkeit durch bestmög¬ 
liche Unterstützung der Regierung der Republik, die bis jetzt so viel getan hat, um die Ordnung aufrecht¬ 
zuerhalten und die Einigkeit der Franzosen zu wahren; sie insbesondere erwies der katholischen Kirche 
mehr Dienste als sämtliche anderen während der letzten zwei Jahrhunderte im Amt gewesenen Regierun¬ 
gen.“ (36) 

(36) Adolphe Michel, op.cit., S.55, 66. 


Dies alles geschah vor mehr als einhundert Jahren, kommt einem heute aber recht bekannt vor. Doch se¬ 
hen wir wie die von Ludwig Napoleon geleitete „Republik“ damals gerade international agierte. Neben 
anderen Auswirkungen hatte die 1848er Revolution (erkl.: die frz. „Februarrevolution“ vom 24 . 2 .1848) soeben eine 
Erhebung der Römer gegen Papst Pius IX., ihren zeitlichen Herrscher, provoziert, der bereits nach Gaeta 
(erkl.: neapoiitan. Grenzfeste i. heut. Italien) geflohen war. Die Römische Republik war ausgerufen worden. Durch 
eine schockierende Paradoxie (Widersinnigkeit) war es die Französische Republik, die, in Einigkeit mit den 
Österreichern und dem König von Neapel, den unerwünschten Herrscher (erkl.: Papst) zurück auf den Thron 
brachte. 

„Ein französisches Regiment belagerte Rom, nahm es am 2.Juni des Jahres 1849 ein und stellte die pon- 
tifikale Gewalt wieder her; sich zu halten gelang letzterer mit Hilfe einer französischen Besatzungseinheit, 
die Rom erst nach der ersten Katastrofe im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 / 71 verließ.“ (37) 

(37) Grand dictionnaire encyclopedique Larousse, VII, Librairie Larousse, Paris, 1982, S.371. 


Dieser Anfang war sehr viel versprechend. 

„Der Staatsstreich vom 2.Dezember 1851 brachte die Proklamation des Reiches. Bis dahin hatte der Prä¬ 
sident der Republik, Ludwig Napoleon, die Jesuiten in jeder Hinsicht begünstigt. Nunmehr Kaiser gewor¬ 
den, verwehrte er seinen Komplizen und Verbündeten nichts. Über die Massaker und Verbote des 
2.Dezember ergossen sich großzügig Segen und »Te Deum« (»Dich, Gott [loben wir]«) der Geistlichkeit. Der für 
diesen abscheulichen Hinterhalt Verantwortliche wurde als durch Vorsehung bestimmter Erlöser angese¬ 
hen: »Der Erzbischof von Paris, Monsignore Sibour (erkl.. Marie Dominik August Sibour, * 1792 , fi862), der die Mas¬ 
saker auf dem Boulevard sah, ruft aus: 

»Der Mann, der von Gott bereitet wurde, ist gekommen; nie war der Finger Gottes je sichtbarer als in 
den Ereignissen, durch die diese großartigen Resultate hervorgebracht wurden.«“ 

Der Bischof von Saint-Flour sprach von seiner Kanzel: „Gott wies auf Ludwig Napoleon hin; Er hatte 
ihn bereits zum Kaiser auserkoren. Ja, Gott weihte ihn im Voraus, meine geliebten Brüder, durch den Se¬ 
gen Seiner Päpste und Priester; Er selbst hat ihn proklamiert; können wir Gottes Auserwählten nicht er¬ 
kennen?“ 

Der Bischof von Nevers salutierte voll Falschheit mit „Sichtbares Werkzeug der Vorsehung“. 

„Diese jämmerlichen Schmeicheleien, die noch weiter fortgesetzt werden könnten, verdienten eine Be¬ 
lohnung. Diese Belohnung war eine den Jesuiten gewährte komplette Freiheit, solange das Reich währte. 
Für achtzehn Jahre war die Gesellschaft Jesu Herr über Frankreich im wahrsten Sinne des Wortes. ... Sie 
bereicherte sich, vermehrte ihre Niederlassungen und erweiterte ihren Einfluss. Ihr Wirken war zu spüren 




in allen wichtigen Ereignissen jener Zeit, insbesondere bei der Expedition nach Mexiko und der Kriegser¬ 
klärung im Jahre 1870.“ (38) 

(38) Adolphe Michel, op.cit., S.71-72. 


„Das Reich bedeutet Frieden“, verkündete der neue Herrscher. Knapp zwei Jahre aber nachdem er den 
Thron bestiegen hatte, begann der erste all jener Kriege, die während seiner Regierungszeit aufeinander 
folgten; die Geschichtswissenschaft könnte die Beweggründe, die zu diesen Kriegen geführt haben, als 
zusammenhanglos betrachten, würden wir nicht sehen, was sie verbindet: die Verteidigung der Interessen 

der römischen Kirche. Der Krimkrieg (d. Krieg, den d. Osman. Reich u. an seiner Seite Großbritannien u. Frankreich 1853 / 54 - 
56 gegen Russland führten), die erste dieser Wahnsinnsunternehmungen, die uns (Frankreich) schwächte und natio¬ 
nal nicht dienlich war, ist ein charakteristisches Beispiel. 

Kein Kirchenfeindlicher war es, sondern Abt (ERKL.: Titel f. frz. Weltgeistliche [Geistliche, die nicht Mitglied eines Mönchsor¬ 
dens sind]) Brugerette, der schrieb: „Man muss die Reden lesen, die der berühmte Theatiner (erkl: ein Mitglied 

des 1524 i. Rom von Cajetan v.Tiene u. Johann Peter Carafa, dem späteren Papst Paul IV., gegründeten Männerordens nach der Augustinerre¬ 
gel) (Pater Ventura) im Jahre 1857 während der Fastenzeit in der Ziegeleikapelle gehalten hat. Die Restau¬ 
ration des Reiches stellte er als Gotteswerk dar ... und lobte Napoleon UI. für die Verteidigung der Reli¬ 
gion auf der Krim und ließ ein zweites Mal die großen Tage der Kreuzzüge im Osten aufleuchten. ... Man 
betrachtete den Krimkrieg als Kompliment an den römischen Feldzug. ... Von der ganzen Geistlichkeit 
wurde er gelobt, voll Bewunderung für die religiöse Begeisterung der Sebastopol (Sewastopol) belagernden 
Truppen. Sainte-Beuve (ERKL.: Charles Augustin Sainte-Beuve, frz. Literaturkritiker u. Schriftsteller, *1804, f 1869) schilderte er¬ 
greifend, wie Napoleon der französischen Flotte ein Bild der Jungfrau schickte.“ (39) 

(39) Abt J.Brugerette: „Le pretre frangais et la societe contemporaine“ {„Der frz. Priester u. die moderne Gesellschaft“; Lethellieux, Paris, 1933, 

I, S.168 und 180). 


Was war das für eine Expedition, die die Geistlichkeit begeisterte. Paul Leon, Mitglied des „Instituts“ 
(ERKL.: vmtl. Frz. Instituts, der seit 1795 höchsten Körperschaft f. Wissenschaft u. Kunst i. Frankreich), erläutert: „Ein Streit zwi¬ 
schen Mönchen belebt die Frage des Ostens wieder neu: geboren wurde sie aus Rivalitäten zwischen den 
lateinischen (kathoi. Ostkirchen) und orthodoxen (östi. papstablehnenden) Kirchen hinsichtlich des Schutzes der Hei¬ 
ligen Stätten (in Palästina). Wer würde über Bethlehems Kirchen wachen, die Schlüssel haben, die Arbeit 
ausrichten? Wie ist es möglich, dass derartige Kleinigkeiten zwei große Reiche gegeneinander aufstellen? 

... Hinter den lateinischen (z. Ostkirche gehörenden kathoi.) Mönchen aber steht die katholische Partei Frank¬ 
reichs, ausgestattet mit alten Privilegien und Anhänger des neuen Regimes; hinter den wachsenden Forde¬ 
rungen der Orthodoxen (papstablehnenden Ostkirchier), die mittlerweile immer zahlreicher geworden waren, steht 
der russische Einfluss.“ (40) 

(40) und (41) Paul Leon, vom „Institut“, „La guerre pour la Paix“ {„Der Krieg f. d. Frieden“, Ed. Fayard, Paris, 1950, S.321-323). 


Der Zar beruft sich auf den Schutz der orthodoxen Kirche, den er zu gewährleisten habe und besteht 
darauf, dass, um dies sicherzustellen, seine Flotte die Dardanellendurchfahrt nutzen müsse; England, das 
von Fran kr eich unterstützt wird, lehnt ab und der Krieg bricht aus. 

„Frankreich und England können den Zaren nur über das Schwarze Meer und die türkische Allianz er¬ 
reichen. ... Von nun an wird der Krieg Russlands zum Krimkrieg und konzentriert sich ganz auf die Bela¬ 
gerung Sebastopols, eine kostspielige Episode ohne Ausgang. Blutige Schlachten, tödliche Seuchen und 
unmenschliche Leiden kosten Fran kr eich einhunderttausend Tote.“ (41) 

(40) und (41) Paul Leon, vom „Institut“, „La guerre pour la Paix“ („Der Krieg f. d. Frieden“, Ed. Fayard, Paris, 1950, S.321-323). 


Wir müssen daraufhinweisen, dass diese einhunderttausend Toten christliche Soldaten und verehrungs¬ 
würdige „Märtyrer des Glaubens“ gewesen seien, laut Monsignore Sibour, Erzbischof von Paris, der da¬ 
mals verkündete: „Der Krimkrieg zwischen Fran kr eich und Russland ist nicht ein politischer Krieg, son- 















dem ein heiliger Krieg; er ist nicht ein einen anderen Staat bekämpfender Staat, andere Menschen be¬ 
kämpfende Menschen, sondern einzig und allein ein Religionskrieg, ein Kreuzzug.)... “ (42) 

(42) Zitiert von Monsignore Journet: „Exigences chretiennes en politique“ („Christi. Forderungen an die Politik“, Ed. L.V.F., Paris, 1945, S.274). 


Das Eingeständnis ist eindeutig. Hörten wir das gleiche in identischer Weise dargelegt, nicht unlängst 
erst, während der deutschen Besetzung, von den Prälaten Seiner Heiligkeit Pius des XII. und von Pierre 
Laval (ERKL.:frz. Politiker, *1883, fi945), Ratspräsident von Vichy, höchstselbst? 

Im Jahre 1863 ist es die Expedition nach Mexiko. Worum geht es? Eine Laienrepublik (Laizismusrepublik) in 
ein Kaiserreich umzuwandeln und dieses Maximilian, dem Erzherzog von Österreich ( erkl ..- * 1832, fi867), 
anzubieten. Österreich ist des Papsttums Stütze Nummer eins. Ziel ist es außerdem, eine Barriere zu er¬ 
richten, die den Einfluss der protestantischen Vereinigten Staaten auf die Staaten Südamerikas, Hochbur¬ 
gen der römischen Kirche, eindämmen würde. 

Albert Bayet schrieb mit Scharfsinn: „Das Ziel des Krieges ist es, in Mexiko ein katholisches Kaiser¬ 
reich zu begründen sowie das Recht der Völker auf Selbstverwaltung zu beschneiden; er neigt, wie wäh¬ 
rend des syrischen Feldzuges und den zwei chinesischen Feldzügen, im Besonderenldazu, katholischen 
Interessen zu dienen.“ (43) 

(43) Albert Bayet: „Histoire de France“ („Geschichte Frankreichs“, Ed. du Sagittaire, Paris, 1938, S.282. 


Mittlerweile wissen wir, dass, nachdem sich die französische Armee wieder eingeschifft hatte, Maximi¬ 
lian, der erfolglose Verfechter des Heiligen Stuhls, im Jahre 1867, als Queretaro (erkl.: bedeutende Stadt /. Mexi¬ 
ko) kapitulierte, gefangen genommen wurde und, den Weg für eine Republik freimachend, deren Präsident 
der Sieger Juärez (erkl.: Benito Juärez Garcia, *1806, fi872) war, erschossen wurde. 

Nichtsdestotrotz rückte die Zeit näher, wo Fran kr eich einmal mehr weit teurer für die politische Unter¬ 
stützung, die der Vatikan dem Kaiserthron zusicherte, zu zahlen hatte. Währenddessen die französische 
Armee in aller Welt ihr Blut vergoss und bei der Verteidigung der Interessen, die nicht die ihrigen waren, 
immer schwächer wurde, war, um die deutschen Staaten in einem einzigen Block zu vereinen, Preußen 
unter der harten Hand des späteren „eisernen Kanzlers“ (erkl.: Otto Eduard Leopold, Fürst v.Bismarck, Herzog 
v.Lauenburg, *1815,11898) im Begriff, seine militärische Stärke auszubauen. Preußischen Wollens und Vollbrin- 
gens erstes Opfer war Österreich. In Einigkeit mit Preußen, das das dänische Herzogtum Schleswig und 
Holstein erobern sollte, wurde Österreich von seinem Komplizen getäuscht. Der Krieg, der folgte, wurde 
alsbald am 3.Juli des Jahres 1866 bei Königgrätz (tschech.: Hradec Kräiove; /. Böhmen) von Preußen gewonnen. Ein 
furchtbarer Schlag für die alte Habsburgermonarchie, die gerade im Niedergang begriffen war; genauso 
schwer war der Schlag für den Vatikan, war doch im deutschsprachigen Raum bis dato Österreich derart 
lange sein zuverlässigstes Bollwerk. Von nun an wird über jene das protestantische Preußen seine Hege¬ 
monie (Vormachtstellung) ausüben. Es sei denn ... die römische Kirche findet einen fähigen „weltlichen Arm“, 
um die Ausdehnung dieser „ketzerischen“ Macht zum völligen Stillstand zu bringen. 

Wer aber kann in Europa diese Rolle übernehmen, ausgenommen das französische Kaiserreich? Napo¬ 
leon HI., „der Mann, den die Vorsehung schickte“, wird die Ehre haben, Königgrätz zu rächen. Bereit ist 
die französische Armee nicht. „Die Artillerie (Geschützausrüstung) ist veraltet. Geladen werden unsere Kano¬ 
nen noch durch die Mündung“, schrieb Rothan (erkl.. Gustav Rothan, * 1822 , fi890), französischer Gesandter in 
Frankfurt, der die Katastrofe kommen sieht. „Preußen weiß um seine Überlegenheit und unsern Mangel an 
Vorbereitung“, fügt er mit vielen anderen Beobachtern hinzu. Die Kriegsanstifter ficht dies nicht an. An¬ 
lass für jenen Konflikt ist die Kandidatur eines Hohenzollern für den vakanten (leeren) spanischen Thron; 
auch Bismarck (ERKL.: Otto Eduard Leopold, Fürst v.Bismarck, Herzog v.Lauenburg, *1815, f1898) will es. Als er die Emser 
Depesche (ERKL.: von Bismarck durch Kürzungen u. Umformulierungen verschärfte Fassung eines Telegramms aus Bad Ems [13.7.1870] 
über Unterredungen König Wilhelms i. m. d. frz. Botschafter) fälschte, hatten die Kriegsbefürworter das Spiel in ihrer Hand 
und erregten die öffentliche Meinung. 

Frankreich höchstselbst erklärte den Krieg, besagten „Krieg von 1870 / 71. den die Geschichtswissen¬ 
schaft als Werk der Jesuiten|nachwies“, wie Gaston Bally schrieb. 
























Die Zusammensetzung der Regierung, die Frankreich in die Katastrofe schickte, wird von dem angese¬ 
henen Historiker Adrien Dansette (ERKL: * 1901 , fi976) wie folgt beschrieben: „Napoleon EL begann Victor 
Duruy (erkl.: trz. Historiker u. Politiker, * 1811 , fi894) zu opfern und beschloss dann, die Regierung Männern aus dem 
Volke zu übertragen (Januar 1870). Die neuen Minister waren fast alle aufrichtige Katholiken oder an den 
Sozialkonservatismus (Grundsatz d. Verantwortung gegenüber Armen, Schwachen, dem Proletariat, nach I.Kor 12, 26,) gläubige 
Geistliche.“ (44) 

(44) Adrien Dansette: „Histoire religieuse de la France contemporaine“ („Religionsgeschichte d. modernen Frankreich", Ed. Flammarion, Paris, 
1948, I, S.432). 

Das Unerklärliche ist nunmehr leicht zu verstehen: die Eile der Regierung, aus besagter gefälschter De¬ 
pesche, noch vor Erhalt einer Bestätigung, einen „Casus Belli“ („Kriegsgrund“) herauszulesen. 

„Die Folgen waren: der Zusammenbruch des Kaiserreichs und im Anschluss daran der Gegenangriff auf 
den päpstlichen Thron. ... Das kaiserliche Gebäude und das päpstliche Gebäude, gekrönt von den Jesui¬ 
ten, Stürzten trotz Unbefleckter Empfängnis (ERKL.: d. kathol. Lehre, dass Maria, die Mutter Jesu Christi, durch besondere 
Gnade Gottes ohne Erbsünde empfangen worden sei) und Unfehlbarkeit des Papstes in denselben Dreck! Aber ach! 

Den Dreck über der Asche Fran kr eichs.“ (45) 

(45) Gaston Bally, op.cit., S.100, 101. 


Abschnitt IV 


Kapitel 6 

Die Jesuiten in Rom - der Syllabus 


In einem Buch von Abt Brugerette findet sich in dem Kapitel „Die Geistlichkeit unter dem Zweiten Kai¬ 
serreich“ die folgende Passage: 

„Immer mehr wurden besondere Anbetungen, alte oder neue, gepflegt, zu einer Zeit, wo noch, zum 
Nachteile der nüchternen Vernunft, Romantik die Sinne pries. Die derart lange vom kalten Hauch des Ra¬ 
tionalismus zurückgehaltene Verehrung von Heiligen und ihren Reliquien hatte neuen Elan bekommen. 
Dank den Erscheinungen in La Salette (erkl.: La Saiette-Faiiavaux; /. d. frz. Alpen) und Lourdes erlangte die Vereh¬ 
rung der heiligen Jungfrau außerordentliche Beliebtheit. Die Wallfahrten zu diesen durch Wunder privile¬ 
gierten Orten mehrten sich. 

Neue Anbetungen wurden vom französischen Episkopat (Bischofsapparat) ... favorisiert (begünstigt). Herzlich 
und dankbar begrüßte er im Jahre 1854 die das Dogma der Unbefleckten Empfängnis (Dogma, dass Maria, die 
Mutter Jesu Christi, durch besondere Gnade Gottes ohne Erbsünde empfangen worden sei,) verkündende Enzyklika (, als Rundschrei¬ 
ben verschickte Mitteilung) Pius’ IX. ... Ebenfalls der Episkopat war es, der im Jahre 1856 in Paris zur Taufe des 
Reichsfürsten (reichsunmitteibaren Fürsten) zusammenkam, welcher Pius den IX. darum bat, dass aus dem Herz- 
Jesu-Fest ein feierliches Fest der universalen Kirche gemacht werden solle.“ (46) 


(46) Abt J. Brugerette: „Le pretre frangais et la societe contemporaine“ (Lethellieux, Paris, 1933, I, S.183-184). 






Diese wenigen Zeilen zeigen deutlich den unter dem Zweiten Kaiserreich durch die Jesuiten ausgeübten 
entscheidenden Einfluss auf Fran kr eich wie den Heiligen Stuhl gleichermaßen. Wie wir bereits sahen, 
waren und blieben sie die großen Propagatoren (Propagandamacher) für „besondere Anbetungen, alte oder 
neue, diese „spürbare“ und geradezu sinnliche Frömmigkeit machte die Massen in religiösen Dingen über¬ 
trieben gewissenhaft, Frauen insbesondere. Was jenes betrifft, so müssen wir zugeben, dass sie Realisten 
waren. Die Zeiten, wo sich die Allgemeinheit als Ganzes, Gebildete wie Ungebildete, eingehend mit theo¬ 
logischen Fragen beschäftigte, waren vorbei - bereits unter Napoleon EI. Intellektuell war der Katholi¬ 
zismus mit seiner Karriere am Ende. 

Mehr notwendigerweise denn infolge ihrer Ausformung war es demnach, dass sich die Söhne Foyolas 
während des 19.Jahrhunderts und heutzutage angestrengt haben, abergläubische Religiosität zu wecken, 
insbesondere unter Frauen, die das Gros der Herde bilden; sein sollte dies ein Gegengewicht zum „Ratio¬ 
nalismus“. 

Für die höhere Mädchenbildung förderte der Orden die Gründung mehrerer Frauenkongregationen (Frau¬ 
enorden). „Die berühmteste und einflussreichste derselben ist die Kongregation (Ordensgemeinschaft) 
der Da men des hl. Herzens Jesu (dames du sacre coer); sie zählte 1880 (E. Paris: i830) bereits 
105 Häuser mit 47000 (E.Paris: 4.700) Arbeiterinnen und besitzt namentlich in den vornehmen Kreisen einen 
großen Einfluss.“ (47) 

(47) H.Böhmer, op.cit., S.290. 


Was die Marienverehrung angeht, die den Jesuiten stets so lieb und teuer war, so wurde sie durch die un¬ 
ter dem Zweiten Kaiserreiche sehr gelegen kommenden „Erscheinungen“, die eine kleine Fourder Hirtin 
hatte, deutlich gefördert; dies geschah zwei Jahre nachdem Pius IX. auf Betreiben der Societas Iesu das 
Dogma von der Unbefleckten Empfängnis verkündete (1854). Die wichtigsten Taten dieses Pontifikats 
(Amts-Zeitraumes d. Papstes) waren allesamt Siege für die Jesuiten, deren allmächtiger Einfluss auf die Römische 
Kurie sich immer mehr bestätigte. 

Im Jahre 1864 veröffentlichte Pius IX. die Enzyklika „Quanta CUl a^^(t/"?/Ct. Enzyklika gegen Peligionsfreiheit, Libe¬ 
ralismus u. Ökumene; „Welche Sorge") Samt dem „Syllabus“ („Verzeichnis", ERKL.: an d. Bischöfe verschickter Katalog über 80 „Zeitirr- 
tümer"), der die besten politischen Prinzipien der modernen Gesellschaften mit dem Kirchenbann belegte. 

„Verdammt ist alles, was dem heutigen Frankreich lieb und teuer ist! Das heutige Frankreich will des 
Staates Unabhängigkeit; der »Syllabus« lehrt, dass die kirchliche Gewalt ihre „Autorität ohne die Zu¬ 
stimmung und Genehmigung der bürgerlichen Gewalt“ auszuüben habe. Das heutige Frankreich will die 
Gewissensfreiheit und die Religionsfreiheit; der Syllabus lehrt, dass die römische Kirche das Recht habe, 
Gewalt einzusetzen und die Inquisition wieder einzuführen. Das heutige Fran kr eich erkennt die Existenz 
mehrerer Arten der Gottesverehrung an; der „Syllabus“ besagt, dass die Katholische Religion als alleinige 
Staatsreligion betrachtet werden müsse und alle anderen ausgeschlossen seien. Das heutige Frankreich 
erklärt, dass das Volk souverän sei; der „Syllabus“ verdammt ein allgemeines Wahlrecht. Das heutige 
Fran kr eich bekundet, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich seien; der „Syllabus“ bekräftigt, dass 
Geistliche von ordentlichen Zivil- und Strafgerichten freigestellt seien. 

Das sind die von den Jesuiten in ihren Kollegien gelehrten Doktrinen. Sie stehen an der Spitze der Ar¬ 
mee der Konterrevolution. ... Ihre Aufgabe besteht in der Erziehung der ihr anvertrauten Jugend zum 
Hass auf die Grundsätze, auf denen die französische Gesellschaft beruht, Grundsätze, die die vorangegan¬ 
genen Generationen um einen hohen Preis schufen. Durch ihre Unterweisung versuchen sie, Fran kr eich in 
zwei Teile zu teilen und alles, was seit dem Jahre 1789 (seit Beginn d. Frz. Revolution im Jahre 1789) geleistet wurde, 
infrage zu stellen. Wir wollen Harmonie, sie wollen Konflikt; wir wollen Frieden, sie Krieg; wir wollen 
ein freies Frankreich, sie ein versklavtes; sie sind eine ihre Befehle von außerhalb erhaltende Kampfge¬ 
sellschaft; sie bekämpfen uns jetzt in diesem Moment - verteidigen wir uns!; sie bedrohen uns - entwaff¬ 
nen wir sie!“ (48) 


(48) Adolphe Michel: „Les Jesuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1879, S.77 f.). 












Der ewige Anspruch des Heiligen Stuhls, die Zivilgesellschaft zu beherrschen, wurde damals erneut 
ZUm Ausdruck gebracht, wie es Renan (ERKLi Ernest Renan, frz. Religionswissenschaftler, Orientalist u. Schriftsteller, *1823, 
fl892) bereits im Jahre 1848 in einem Artikel (ERKL.: in einem 1848 i. der 1847 gemeinsam m. der ersten frz. Freidenkerorgani¬ 
sation i. Paris gegründeten Freidenker-Zeitschrift „Liberte de Penser [„Gedankenfreiheit“] erschienenen Artikel ) mit dem Titel „Uber 
den kirchlichen Liberalismus“ schrieb: „Er hat demonstriert, dass die Volkssouveränität, die Gewissens¬ 
freiheit und sämtliche heutigen Freiheiten von der Kirche verdammt wurden. Er hat die Inquisition als 
»die logische Kons equenz des ganzen rechtgläubigen Systems« dargelegt, als >die Zusammenfassung des 
Geistes der Kirche«“. Der Hl.Stuhl fügte hinzu: „Wenn sie dazu in der Lage sein wird, wird die Kirche die 
Inquisition zurückbringen; tut sie es nicht, dann weil sie es nicht tun kann.“ (49) 

(49), (49a) und (50) Abt Brugerette, op.cit., S.221, 223. 


Wenige Jahre nach dem „Syllabus“, als das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit verkündet wurde, 
zeigte sich die Macht der Jesuiten über den Vatikan noch stärker; Abt Brugerette schrieb, dass dieses 
Dogma „über die schlimmen Jahre von 1870-1871, die Frankreich in Trauer versetzten, die Helligkeit 
einer großen christlichen Hoffnung legen“ sollte. 

Derselbe Autor fügte hinzu: „Man kann sagen, dass während der ersten Hälfte des Jahres 1870 die Kir¬ 
che Frankreichs nicht mehr in Fran kr eich war; sie war in Rom, inbrünstig mit dem allgemeinen Konzil 
(Weitkonzil) beschäftigt, das Pius IX. in den Vatikan einberufen hatte. ... “ Laut Monsignore Pie (erkl.: Ludwig 
Franz Desiderius Eduard Pie, Bischof von Poitiers, *1815, fi880) hatte besagte französische Geistlichkeit ihre eigenen Liv¬ 
reen (uniformart. Dienerkleidung), Grundsätze sowie französischen oder gallischen Freiheiten (erkl.: gailikanischen 
Freiheiten; 1594 veröffentlichte d. Parlamentsabgeordnete Peter [Pierre] Pithou 83 gallikan. Freiheiten, die die Autorität d. Päpstl. Stuhls gegen¬ 
über d. frz., d.h. gallikan. Kirche einschränkten u. dem König weitgehende Vollmachten zuspielten; wur den 1682 i. d. „viergailikanischen Arti - 

keln“ erklärt u. blieben trotz formaler Zurücknahme i. Jahre 1693 bis z. Franzos. Revolution in Geltung) vollständig fallengelassen.“ 
Dem fügte der Bischof von Poitiers hinzu, verzichtet habe man darauf zugunsten des Autoritätsprinzips, 
gesunder Lehre und gemeinen Rechts; sie habe all dies unter die Füße des Oberhirten gelegt, ihm daraus 
einen Thron bereitet und mit der Posaune geblasen mit den Worten: „Der Papst ist unser König; nicht al¬ 
lein ist sein Wille unser Befehl, sondern sind seine Wünsche unsere Regeln.“ (49a) 

(49), (49a) und (50) Abt Brugertette, op.cit., S.221,223. 


Deutlich genug ist die Selbstauslieferung der Gesamtheit der „nationalen“ Geistlichkeit in die Hände der 
römischen Kurie und infolgedessen die Unterwerfung der französischen Katholiken unter den Willen ei¬ 
nes ausländischen Despoten, der, unter dem Deckmantel von Dogma bzw. Moral, ihnen ungeachtet jedes 
Einspruches seine politischen Richtungen aufzuzwingen gedachte. Die liberalen Katholiken protestierten 
vergeblich gegen den unverschämten Anspruch des Heiligen Stuhls, seine Gesetze im Namen des Heiligen 
Geistes zu diktieren. Abt Brugerette lässt uns wissen, dass von Montalembert, deren Kopf, in der „Gazette 
de France“ einen Artikel veröffentlichte, in dem er vehement gegen jene protestierte, die „Gerechtigkeit 
und Wahrheit, Vernunft und Geschichte dem Götzen opfern, den sie im Vatikan aufgestellt haben.“ (50) 

(49), (49a) und (50) Abt Brugertette, op.cit., S.221,223. 


Mehrere bekannte Bischöfe wie die Patres Hyacinth Loyson (erkl.. Pseudonym von Charles Loyson, * 1827, fi9i2) 
und Gratry (erkl.: Auguste Joseph Aiphonse Gratry, *1805, fi872) schlossen sich dem an; letzterer nicht ohne Lebhaf¬ 
tigkeit; Pater Gratry sagte: „Er eröffnete Monsignore Deschamps nacheinander seine vier »Briefe«. Er 
behandelte darin nicht nur historische Ereignisse wie zum Beispiel die Verdammung von Papst Honorius 
(erkl.: Honorius /., f638), der sich, nach seiner Aussage, gegen die Proklamation der päpstlichen Unfehlbarkeit 
gestellt habe; sondern er prangerte scharf und verbittert die von maßgeblichen Katholiken betriebene Ge¬ 
ringschätzung der Wahrheit und wissenschaftlichen Integrität (Glaubwürdigkeit) an. Einer von ihnen, ein geist¬ 
licher Bewerber für den Doktortitel der Theologie, hatte es sogar gewagt, vor der Pariser Fakultät (Lehrer- u. 
Studentenschaft d. Fakultät) gefälschte Dekretalen (päpstl. Rechtsentscheidungen) zu rechtfertigen mit der Erklärung, »es 
war kein abscheulicher Betrug«“. Und Gratry fügte hinzu: „Noch heutzutage wird erklärt, dass Galileos 
Verdammung angebracht gewesen sei. 










Ihr Kleingläubigen, mit elendem Herzen und schmutziger Seele! Eure Schliche sind skandalös. An dem 
Tage, wo die großen Naturwissenschaften über die Welt hinausgehoben wurden, da habt Ihr sie verdammt. 

Ihr braucht nicht überrascht zu sein, wenn Menschen, ehe sie Euch vergeben, von Euch Beichte, Buße, 
tiefe Reue und Genugtuung für von Euch begangenes Verschulden erwarten.“ (51) 

(51) Pater Gratry, zitiert von Abt J.Brugerette, op.cit., S.229. 


Es erübrigt sich, zu sagen, dass die Jesuiten, inspirierende Agenten Pius’ IX. und allmächtig über das 
Konzil (Treffen d. Bischöfe f. wicht Entscheidungen), in einer Zeit, wo sie das Ziel, das sie sich einst Mitte des 
16.Jahrhunderts auf dem Tridentinum gesteckt hatten, auf Beichte, Buße, Genugtuung oder Entschädigung 
nicht bedacht waren. Bereits zur damaligen Zeit befürwortete Lafnez die päpstliche Unfehlbarkeit. 

Einzig galt es, einen Anspruch, beinahe so alt wie das Papsttum selbst, zum Dogma zu erheben. Es zu 
bestätigen, war bis dahin kein anderes Konzil bereit, doch schien damals der Augenblick gekommen; au¬ 
ßerdem hatte die ausdauernde Arbeit der Jesuiten die nationale Geistlichkeit zur Preisgabe ihrer letzten 
Freiheiten vorbereitet; der drohende Zusammenbruch der zeitlichen Macht der Päpste - dazu kam es, be¬ 
vor das Konzil abstimmte - verlangte, so die Ultramontanen, nach einer Stärkung seiner geistlichen Auto¬ 
rität. Das Argument setzte sich durch und verhalf mitten im 19.Jahrhundert dem „Dictatus Papae“ („Diktat d. 
Papstes“) Gregors VII. (erkl.: *zwischen 1019 u. 1030, floss), d.h. Lehrsätzen der mittelalterlichen Theokratie (in jeder 
Hinsicht religionsbeherrschten Staatsform), zum Triumph. 

Was das neue Dogma vor allem weihte, war die Allmacht der Societas Iesu in der römischen Kirche. 

„Unter dem Schutze der Jesuiten, die sich soeben im Vatikan niedergelassen hatten, da diese von den 
säkularen Mächten bis zuletzt als kriminelle Vereinigung aus sämtlichen freien Ländern verstoßen worden 
waren, arbeitete das Papsttum auf neue Ziele hin. 

Diese Übelgesinnten, die aus dem Evangelium bis heute ein Blut- und Tränenspektakel gemacht haben 
und die ärgsten Feinde der Demokratie und Gedankenfreiheit bleiben, beherrschen die römische Kurie; all 
ihre Anstrengungen konzentrieren sich auf die Aufrechterhaltung ihrer verderblichen Vorherrschaft und 
schändlichen Lehren in der Kirche. 

Als unnachgiebige Theokratieapostel (Apostel d. „Gottesherrschaft“) der Sache der extremen Zentralisierung ver¬ 
schrieben, werden sie als Meister des modernen Katholizismus angesehen und drücken seiner Theologie, 
seiner offiziellen Frömmigkeit sowie seiner korrupten Politik ihren Stempel auf. 

Als regelrechte vatikanische Janitscharcn stiften sie alles an, bestimmen alles, dringen überall ein, be¬ 
gründen »Durchdringung« als Regierungssystem, ein einer Kasuistik anhangendes, deren völlige Verdor¬ 
benheit von der Geschichtswissenschaft bis heutigentags aufgedeckt wurde und zu Pascals unvergessenen, 
erhabenen Spottblättem anregte. Über den »Syllabus« vom Jahre 1864, den sie selbst aufstellten, erklärte 
Pius IX. aller Freigeisterei (von v.a. religiöser Lehre freien Denkweise) den Krieg und billigte das Dogma der Infalli- 
bilität (Unfehlbarkeit), das ein wahrhafter historischer Anachronismus (histor. Vorgang d. Zeitwidrigkeit) ist und um den 
sich die moderne Wissenschaft nicht weniger kümmern könnte.“ (52) 

(52) Louis Roguelin: „L’Eglise chretienne primitive et le catholicisme“ („Christi. Urkirche u. Katholizismus“, Paris, Maurice Boivent, 1927, S.79 bis 
81). 

Für diejenigen, die in den Zeilen, die wir eben zitiert haben, wider alle Wahrscheinlichkeit, unbedingt 
eine boshafte Übertreibung sehen möchten, können wir nichts Besseres tun, als aus Daniel-Rops’ streng¬ 
gläubiger Feder die Bestätigung besagter Tatsachen schlechthin zu erbringen. Diese Bestätigung wiegt 
noch schwerer durch die Tatsache, dass sie im Jahre 1959 unter dem Titel „Die Wiederherstellung der 
Societas Iesu“ in der jesuiteneigenen Publikation „Etudes“ („Studien“) veröffentlicht wurde. Es ist daher eine 
wahrhaftige Verteidigungsrede, aus der wir lesen: 

„Die Reorganisation ( Neugestaltung ) der Societas Iesu hatte aus vielfältigen Gründen beträchtliche histori¬ 
sche Bedeutung. Der Heilige Stuhl hatte diese, ihrer Sache völlig hingegebene, treue Truppe, die alsbald 
hierauf benötigt werden sollte, wieder entdeckt. Viele Patres sollten während jenes Jahrhunderts und bis 
heute hinein einen diskreten, aber entscheidenden Einfluss auf bestimmte vom Vatikan angenommene 
Wesensarten ausüben; eine Art Sprichwort konnte man sogar in Rom hören: »Die Federhalter des Papstes 








sind Jesuiten«. Ihr Einfluss bei der Herausbildung der Herz-Jesu-Verehrung wie auch bei der Verkündi¬ 
gung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis, bei der Herausgabe des »Syllabus« wie auch bei der 
Definition der »Infallibilität« war offensichtlich. Die Gedanken des Papstes während des gesamten Ponti¬ 
fikats Pius’ IX. wiederzugeben, war die Aufgabe der von dem neapolitanischen Jesuiten Karl Curci (erkl.: 
Karl Maria Curci, *1810, fl 891) gegründeten »Civiltä Cattolica« (»Kath. Zivilisation >«).“ (53) 

(53) Daniel-Rops: „Le retablissement de la Compagnie de Jesus“ („Die Wiederherstellung der Societas lesu“, Etudes, September 1959). 


Dieses Bekenntnis ist deutlich genug. Wir würden nur den seligen Geist dieses frommen Akademikers 
(Hochschulstudierten) daran erinnern, dass, folgerichtig und aus dem vorangegangenen Zusammenhänge heraus 
beurteilt, es in der Tat die Gedanken des Papstes waren, die in den Anschauungen der »Civiltä Cattolica« 
wiedergegeben wurden. 

Es braucht nicht gesagt zu werden, dass die gleichermaßen ihres Geistes wie ihrer Organisation wegen 
in Rom allmächtigen Jesuiten gedachten, das Papsttum mehr und mehr in die internationale Politik zu 
verwickeln, wie Louis Roguelin schrieb: „Da sie ihre zeitliche Macht verloren hatte, nutzte die Kirche 
Roms jede Gelegenheit, den Boden zurück zu gewinnen, den sie, durch wiederholtes Auftreten diplomati¬ 
scher Aktivitäten, gezwungen war, aufzugeben; da ihr schlau verstecktes Programm darin besteht, zu tei¬ 
len, um zu herrschen, hat sie jeden Konflikt zu ihren Gunsten zu wenden versucht.“ 

Gemäß dem Plane der loyolaschen Ziele begünstigte das Dogma der Päpstlichen Unfehlbarkeit dieses 
Wirken des Heiligen Stuhls, dessen Bedeutung man an der Tatsache ablesen kann, dass die meisten Staa¬ 
ten einen bei ihm ak kr editierten (bevollmächtigten) Vertreter haben. Unter dem Deckmantel von Dogma und 
Moral, Gegenstände, die im Grunde das unfehlbare Wort beschneiden, verfügt der Papst heute über eine 
uneingeschränkte Autorität über die Gewissen der Gläubigen. 

So sehen wir, dass der Vatikan während des 20.Jahrhunderts aktiv in der Innen- und Außenpolitik von 
Ländern engagiert ist und letztere, dank katholischer Parteien, sogar regiert. Wir sehen darüber hinaus, 
dass er Männer der „Vorsehung“, wie beispielsweise Mussolini und Hitler, unterstützt, die, infolge seiner 
Hilfe, Katastrofen schlimmster Art auslösen. 

Großzügig würdigte Christi Stellvertreter die Dienste dieser famosen (großartigen) Gesellschaft, die derart 
hart und gut zu seinen Gunsten arbeitete. Diese „Söhne Satans“, wie manche mutigen Geistlichen sie ein¬ 
stuften, sind voll des Schmutzes, können sich andererseits aber des erhabenen Zeugnisses der völligen 
Zufriedenheit rühmen, das ihnen der selige Papst SH (Seine Heiligkeit; erkl.: Papsttitel) Pius XII. ausstellte, dessen 
Beichtvater, das wissen wir, ein deutscher Jesuit war. 

Lesen wir diesen am 9.August 1955 bei „La Croix“ erschienenen Text: „Die Kirche will Soldaten von 
keiner andern Art als jene dieser Kompanie. ... Mögen die Söhne Loyolas bestrebt sein, auf den bußspu¬ 
ren ihrer Vorgänger und Vorvorgänger zu wandeln. ... “ 

Sie tun es heute wie damals, zum großen Leidwesen der Nationen. 


Abschnitt IV 


Kapitel 7 


Die Jesuiten in Frankreich von 1870 bis 1885 


Man würde meinen, der Zusammenbruch des Kaiserreiches sollte eine Reaktion gegen den ultramonta¬ 
nen Geist in Fran kr eich hervorgebracht haben. Doch dem war nicht so, wie Adolphe Michel aufzeigt: 

„Als am 2.Dezember der Thron in den Dreck von Sedan stürzte, als Fran kr eich definitiv besiegt war, als 
im Jahre 1871 in Bordeaux die »Versammlung« zusammentrat und darauf wartete, nach Versailles zu zie¬ 
hen, war die klerikale Partei kühner denn je. In sämtlichen der Heimat widerfahrenden Katastrofen trat sie 
als Herrin auf. Wer erinnert sich nicht der großspurigen Bekundungen der Jesuiten und ihrer unverschäm¬ 
ten Drohungen in diesen letzten Jahren? Wie eines gewissen Paters Marquigny, der die zivile Bestattung 
der Grundsätze von ’89 bekannt gab; oder de Belcastels, der Fran kr eich eigenmächtig dem Herzen Jesu 
weihte; der Jesuiten, die in Paris auf dem Montmartre eine Kirche errichteten und dieserart der Revolution 
spotteten; der Bischöfe, die Fran kr eich veranlassten, Italien den Krieg zu erklären, um so die zeitliche 
Macht des Papstes wiederherzustellen. ... “ (54) 

(54) Adolphe Michel: op.cit., S.72, 73. 


Den Grund für jene paradox erscheinende Situation erklärt sehr gut Gaston Bally: „Während jener ver¬ 
heerenden Katastrofe zogen sich die Jesuiten wie immer in ihr Loch zurück und ließen die Republik, so 
gut diese es vermochte, sich selber aus dem Schlamassel ziehen. Als aber die meiste Arbeit getan, unser 
Territorium von der preußischen Invasion befreit war, begann wieder die schwarze Invasion und »holte 
die Kastanien aus dem Feuer«. Gerade bewegte sich das Land aus einem Alptraume, einem furchtbaren 
Schrecken heraus - und es war genau der richtige Moment, sich der von Panik ergriffenen Massen zu be¬ 
mächtigen.“ (55) 

(55), (56) und (57), Gaston Bally, op.cit., S.101, 107, 108, 109. 

Doch ist es nicht das Gleiche wie nach jedem Kriege? Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass die rö¬ 
mische Kirche von den großen öffentlichen Katastrofen stets profitiert hat; dass Tod, Elend und Leid aller 
Art die Massen dazu anstiften, in frommen Übungen nach trügerischem Trost zu suchen. Auf diese Art 
wird die Macht derer, die die Katastrofen ausbrechen ließen, durch die Opfer höchstselbst gestärkt, wenn 
nicht gar vergrößert. Was das betrifft, hatten die zwei Weltkriege die gleichen Folgen wie der Krieg von 
1870/71. 

Fran kr eich wurde damals eingenommen; als im Jahre 1873 ein den Bau einer Herz-Jesu-Basilika auf 
dem Montmartre erlaubendes Gesetz verabschiedet wurde, war es andererseits ein glanzvoller Sieg für die 
Societas Iesu. Diese, zweifellos in grausamer Ironie, als „nationaler Wunsch“ beschriebene Kirche war im 
Begriff, den Triumph des Jesuitentums an der Stelle, wo es sein Dasein begonnen hatte, in Stein zu ver¬ 
ewigen. 

Diese von den Jesuiten gepriesene Anrufung des Heiligen Herzens Jesu mag, obwohl schändlich göt¬ 
zendienerisch, auf den ersten Blick recht unschuldig erscheinen. 

„Um uns die Gefahr vor Augen zu führen“, schrieb Gaston Bally, „müssen wir hinter die Fassade sehen, 
Zeuge der Seelenmanipulation werden und das Ziel ihrer verschiedenen Verknüpfungen sehen, wie: der 
Bruderschaft der „Ewigen Anbetung“ (ERKL.: der „Tag und Nacht fortgesetzten Verehrung des ausgesetzten Allerheiligsten [i. 

Schaugefäß befindlichen Abendmahls-Brotes]“)', der Bruderschaft der „Ehrenwache“ (ERKL.: Die „Ehrenwache [d. göttl. Herzens 
Jesu]“ war ein besonderes „Demutskonzept“ m. d. Selbstverständnis d. Exklusivität, da sich ihre Mitglieder „als Leibgarde d. göttlichen Herzens 
Jesu“ verstanden u. sich i. individuell ausgesuchter Stunde verpflichteten, sich „im Geiste vor dem Tabernakel [Altarschrein z. Aufbewahrung d. 

geweihten Hostie] einzufinden u. dem »Herzen Jesu« alle Gedanken, Worte, Werke u. Leiden zu opfern“.)', des Gebetsapostolats (ERKL. 
Die Vereinigung vom Gebetsapostolat entstand im 19. Jh. auf Anregung eines frz. Jesuiten. Zentrales Anliegen ist eine fruchtbare apostol. 
Durchdringung d. Alltags. Neue Impulse hat d. Gebetsapostolat durch d. Bewegung d. Charismat. Erneuerung i. der kathol. Kirche i. Frankreich 
erhalten. Weltweit ist d. Gebetsapostolat derzeit i. rund 1.600 Bistümern verbreitet. Konkret nehmen die Christen, die in dieser Tradition des 

Gebetsapostolats stehen, die monatl. Gebetsanliegen von Papst u. Kirche auf.)', der Sühnekommunion (von Millionen Katholiken an 
Jedem ersten Freitag d. Monats empfangene stellvertretende Kommunion zur Sühnung [Abbüßung] d. Undanks vieler sündiger Menschen; 
ERKL.: wird i.d. kathol. Kirche auf die Aussagen d. Marienerscheinung vom Jahre 1917 i. Fatima [insgesamt 6 Erscheinungen Jeweils am 13. d. 
Monate Mai bis Oktober] zurückgeführt, die angeblich versprach, den die Sühnekommunion Praktizierenden „i. der Todesstunde mit den Gna¬ 
den, diez. Heil erforderlich sind, “ beizustehen ) usw'. usw. Die Bruderschaften, Ordensfrauen, Apostel, Missionare, 



Anbeter, Eiferer, Ehrenwächter, Wiederhersteller, Vermittler und anderen mit dem Herzen Jesu Verknüpf¬ 
ten beabsichtigen anscheinend ausschließlich, der Aufforderung Mademoiselle Alacoques folgend (erkl.: 

Marguerite-Marie, * 1647, fl690, von ihrer Mutter als Kind der „Allerheiligsten Jungfrau“ geweihte frz. Salesianerin; fühlte sich infolge mehrerer 
Visionen, die sie hatte, u.a. zur Verbreitung d. Herz-Jesu-Verehrung sowie der Sühnekommunion berufen; d. Herz-Jesu-Verehrung u. die damit i 
Zusammenhang stehende Sühnekommunion gehen nach einzelnen Ansätzen bei d. Kirchenvätern u. i. Mittelalter besonders auf die Visionen 
von M.-M.Alacoque zurück u. breiteten sich v.a. i. 19. u. 20.Jh. aus), ihre Huldigung ZU jenen der neun Engelchöre (ERKL.: 
kanonische [den Bestimmungen d. kathol. Kirche entsprechende], sich auf die Bibel berufende Lehre von neun existierenden Engelchören i. 
folgender Rangordnung: I.Serafim, Cherubim, Throne, 2. Herrschaften, Mächte, Gewalten, 3. Fürstentümer, Erzengel, Engel; 3x3 = 9-* vmtl. 
aufgrund d. Zahlenmystik [Anschauung, dass den Zahlen eine bestimmte übernatürl. Bedeutung innewohne], nach der die Drei auch Zahl der 

göttl. Vollendung u. der Trinität ist) ZU vereinen. 

In Wirklichkeit ist es also alles andere als harmlos. „Mehrmals haben die Bruderschaften ihre Ziele er¬ 
klärt. Mich der Verleumdung zu bezichtigen, würden sie nicht in der Lage sein; vielmehr werde ich noch 
einige Passagen aus ihren klarsten Aussagen zitieren und ihre Bekenntnisse nebeneinander stellen. 

Als die Opfer des „Wohltätigkeitsbasars“ (des Großbrandes d. Filmpavillons auf dem Wohltätigkeitsbasar d. Pariser Weltaus¬ 
stellung am 5.5.1897, der nach unterschiedlichen Angaben 121-167 Todesopfer gefordert haben soll,) beerdigt wurden, war die Öf¬ 
fentliche Meinung über die Äußerungen Pater Oliviers entsetzt. Der Ordensbruder hatte in der Katastrofe 
einen neuerlichen Beweis göttlicher Milde gesehen. Gott sei durch unsere „Fehler“ traurig gemacht und 
fordere uns nun sanft zur Buße auf. 

„Dies schien ungeheuerlich. Das Gebäude der Basilika auf dem Montmartre war zwar ein Ergebnis des¬ 
selben »Gedankens«, aber das hatte man vergessen.“ (56) 

(55), (56) und (57), Gaston Bally, op.cit., S.101, 107, 108, 109. 

Was war demnach die schreckliche Sünde, die Frankreich hätte bekennen sollen? Der oben erwähnte 
Autor antwortet: „ ... DIE REVOLUTION“. 

Dies ist das abscheuliche Verbrechen, für das wir (f. das d. Franzosen) „zu büßen“ haben. 

„Und die Herz-Jesu-Basilika symbolisiert Frankreichs Reue (Sacratissimo Cordi Iesu Christi Gallia 
paenitens et devota [„Ein dem Herzen Jesu Christi reuiges und angelobtes Frankreich“])', sie bringt zudem unsere feste Ab¬ 
sicht zum Ausdruck, die Missetaten zu sühnen (abzubüßen). Sie ist ein Mahnmal der Sühne und 
Buße. ... “ (57) 

(55), (56) und (57), Gaston Bally, op.cit., S.101, 107, 108, 109. 

Zur Hymne der Moralischen Ordnung wurde: „Rom und Frankreich im Namen des Herzens Jesu retten“. 
„Und so waren wir imstande, gegen alle Hoffnungen zu hoffen“, schrieb Abt Brugerette, „und vom »be¬ 
friedeten Himmel« einst das große Ereignis der Wiederherstellung der Ordnung und die Rettung der Hei¬ 
mat zu erwarten.“ (58) 

(58) und (59) Abt Brugerette, op.cit., II, S.10 bis 14. 


Dennoch schien der über das Frankreich der Menschenrechte erzürnte „Himmel“ durch den Bau der be¬ 
rühmten Basilika, der drei Kerzenlöscher (erkl.. d. dreitürm. Baus), nicht ausreichend befriedet gewesen zu 
sein, da die „Wiederherstellung der Ordnung“, oder vielmehr die monarchische Wiederherstellung, paral¬ 
lel nur langsam verlief. Selbiger Autor erklärt es auf folgende Weise: 

„Auch wenn die grandiosen Manifestationen des katholischen Glaubens während der dem Krieg von 
1870 / 71 folgenden Jahre eindrucksvoll erscheinen mögen, wäre es mangelnde Wahrnehmung, würde die 
französische Gesellschaft jener Epoche alleinig auf der Grundlage jener äußerlichen Frömmigkeit beur¬ 
teilt; wir würden auch psychologischen Sinnes ermangeln und wären jenseits der Wahrheit. Vielmehr 
müssen wir uns fragen, ob die religiöse Meinung für die Gesamtheit jener Gesellschaft auf den Glau¬ 
bensausdruck, der sich in den von den Bischöfen organisierten, beeindruckenden Wallfahrten offenbarte, 
sowie auf die Ernsthaftigkeit der Massen in den Kirchen eine direkte Antwort war. ... 

Ohne in irgendeiner Weise die Bedeutung der durch die zwei Kriege von 1870 / 71 und 1914 herbeige¬ 
führten Glaubensbewegung in Frankreich, die auch derart große Hoffnungen weckte, abschwächen zu 



wollen, müssen wir jedoch zugeben, dass diese Erweckung nicht die Tiefe, noch den Umfang hatte, die 
eine wirkliche religiöse Erneuerung haben würde. ... 

Denn bereits damals bestand die Kirche Fran kr eichs nicht nur aus Tausenden von Ungläubigen und 
Gegnern, sondern auch aus einer großen Anzahl jener, die nur dem Namen und nicht der Überzeugung 
nach Katholiken waren. Es wurden religiöse Übungen abgehalten, nicht aus Überzeugung, sondern viel¬ 
mehr aus der Gewohnheit heraus. ... 

Kaum hatte es ihn getan, schien Fran kr eich den Verzweiflungsschritt, dass es eine katholische Mehrheit 
in die Nationalversammlung schickte, zu bereuen, denn fünf Monate später, bei den Ergänzungswahlen 
(nachträgl. Hinzuwahlen weiterer Mitglieder durch die bereits bestehenden) am 2.Juli (d. Jahres 1871) schwenkte es um! Das Land 
sollte an jenem Tage 113 Abgeordnete wählen. Absoluter Verlierer waren die Katholiken, und Sieger zwi¬ 
schen 80 und 90 Republikaner. Die ganzen den Bestimmungen des allgemeinen Wahlrechts folgenden 
Umengänge hatten selbigen Charakter der republikanischen und antiklerikalen Opposition. Es wäre kind¬ 
lich, so zu tun, als wären sie nicht Ausdruck der Meinungen und Wünsche der Gesellschaft.“ (59) 

(58) und (59) Abt Brugerette, op.cit., II, S.10 bis 14. 


Der von den großen, zur „Aufrichtung des Landes“ organisierten Wallfahrten sprechende Abt Brugerette 
gibt zu, dass sie Ursache „einiger Irrtümer und Auswüchse“ waren, die das Misstrauen der „Kirchengeg¬ 
ner“ hervorriefen. 

„Für letztere werden die Wallfahrten von der Geistlichkeit organisierte Unternehmen zur Restauration 
(Wiederherstellung) von Monarchie und päpstlicher Macht in Rom sein. Und die von der Geistlichkeit zu diesen 
zwei Zielen vertretene Meinung wird die Vorwürfe vor der nichtreligiösen Presse rechtfertigen wollen und 
somit, wie wir später sehen werden, einen wesentlichen Anstoß zum Antiklerikalismus (Kirchenhass) geben. 
Ohne mit ihren während der Jahre nach dem Kriege derart wieder zu neuem Leben erwachten religiösen 
Gewohnheiten zu brechen, wird, wie es Gambetta (erkl.: Leon Gambetta, frz. Politiker, * 1838, fi 882 ) brandmarkte, die 
französische Gesellschaft gegen diese „Priesterregierung“ rebellieren. Tief im Innern hatte sich das fran¬ 
zösische Volk einen unbezwingbaren Instinkt des Widerstands gegen alles erhalten, was auch nur irgend¬ 
wie nach Herrschaft der Kirche aussah. Generell liebte diese Nation die Religion, doch machte ihr das von 
der regierungsfeindlichen Presse wieder belebte Gespenst der »Theokratie« Angst. Die älteste Tochter der 
Kirche wollte keineswegs vergessen, dass sie auch die Mutter der Revolution war.“ (60) 

(60) Abt Brugerette, op.cit., II, S.164, 165. 


Und doch unternahm die Geistlichkeit indes, mit den Jesuiten an der Spitze, derartige Anstrengungen, 
um das französische Volk zu überreden, dem republikanischen Geiste abzuschwören! 

„Da das Fallouxgesetz in Kraft trat, erweiterten die Jesuiten ihre Kollegien, wo sie die Kinder des herr¬ 
schenden Bürgertums erzogen, und brachten ihnen offensichtlich keine große Liebe für die Republik bei. 
66 

Die im Jahre 1845 von Pater d’Alzon (erkl.. Emmanuel d'Atzon, *1810, fi880) geschaffenen „Assumptionisten“ 
(ERKL.: unter Linierten u. Orthodoxen tat. Kongregation nach d. Augustinerregel) wollten ihrerseits dem Volke den Glauben 
zurückgeben, den es verloren hatte. ... “ (61) 

(61) Adrien Dansette, op.cit., S.29. 


Doch gab es noch viele weitere neidische Lchrorden: Oratorianer (d. Oratorium d. hi. Filippo Neri; erkl.: 1575 von 
Filippo Neri i. Rom gegründete, 1575 päpstlich anerkannte Vereinigung von Priestern u. Laien, die sich d. Wissenschaft u. Seelsorge widmen), 

Eudisten (ERKL.: 1643 von d. frz. Priester Johannes Eudes gegründete Weltpriester-Kongregation [in Bistumsdienst stehende Ordensge¬ 
meinschaft] zur Heranbildung von Geistlichen in Seminaren v.a. auch z. Bekämpfung d. romfeindl. Jansenismus [des kathol. Reformbestrebens, 
das die ungeminderte augustin. Lehre von Erbsünde u. Gnade verfocht und sich durch Anerkennung der Prädestinationslehre dem Kalvinismus 

näherte] u. für Volksmissionen), Dominikaner des Dritten Ordens (Laiendominikaner; ERKL.: neben den Brüdern [Erster Orden] u. 
Schwestern [Zweiter Orden] i. den Klöstern sind Dominikaner des Dritten o. Drittordens Gläubigenvereinigungen, die an ihrem Platz „in der Welt 
nach d. Spiritualität der Dominikaner leben wollen), Mariamten (Marianisten; ERKL.: 1817 v.a. f. Mission u. Schulunterricht gegründeter 
kathol. Orden m. Sitz des Genraloberen i. Rom), Mansten (1816 gegründeter kathol. Orden m. Sitz des Generaloberen i. Rom; widmen sich 



v.a. d. Mission), die für Jules Simon (erkl.: Jules Simon, frz. Politiker u. Philosoph, *1814, fi896) der in Eselshaut gebundene 
„zweite Teil“ der Jesuiten waren, und die „Brüder der Christlichen Schulen“ (erkl.: 1680 von Jean Baptiste de La 
Salle gegründete kathol. Laienkongregation f. Erziehung u. Unterricht, m. Sitz des Generaloberen i. Rom), besser bekannt unter dem 
Namen „Schulbrüder“, die, außer den Sprösslingen des Bürgertums, mehr als anderthalb Millionen Kinder 
einfacher Leute in der „guten Lehre“ unterwiesen. 

Es überrascht nunmehr nicht, dass diese Situation die republikanische Lührung in die Defensive brachte. 
Ein im Jahre 1879 von Julius Lerry vorgeschlagenes Gesetz sah vor, die Geistlichkeit aus dem Bildungs¬ 
rat, in den sie durch die Gesetze von 1850 und 1873 eingeführt worden war, zu entfernen sowie das allei¬ 
nige Recht zur Verleihung von Lehrerdiplomen wieder den staatlichen Lakultäten zu übertragen. Zudem 
ist es nach Artikel 7 dieses Gesetzes „niemandem, der einer nicht zugelassenen Kongregation (Ordensgemein¬ 
schaft) angehört, gestattet, öffentlichen oder kostenlosen Unterricht zu erteilen.“ 

Die Jesuiten werden in jenem berühmten Artikel 7 vor allen anderen angesprochen. Die Geistlichen des 
Dechanats (kath. Kirchenbez.) Moret (Seine et Marne) (Bez.) werden also erklären, sie seien „auf Seiten sämtli¬ 
cher Religionsgemeinschaften, einschließlich der ehrwürdigen Patres der Societas Iesu. Sie zu schlagen,“, 
schreiben sie, „hieße uns selbst schlagen. ... “ Das Bekenntnis ist eindeutig. 

Abt Brugerette, der jene Passage schrieb, kennzeichnet den Widerstand der Katholiken gegen das, was 
er „heimtückischer Angriff“ nennt, fügt aber hinzu: 

„Nach wie vor ignoriert die Geistlichkeit das immense Voranschreiten des Laienstandes; sie hat bis heu¬ 
te nicht begriffen, dass sie infolge ihrer Ablehnung der Grundsätze von ’89 nunmehr jeden entscheidenden 
Einfluss auf die Richtung der öffentlichen Gesinnung in Lrankreich verloren hat.“ (62) 

(62), (63), (64) und (65) Abt Brugerette, op.cit., II, S.164, 165, 166, 167, 176, 185. 

Artikel 7 wird vom Senat abgelehnt, doch Julius Lerry beruft sich auf die bestehenden, die Kongregatio¬ 
nen betreffenden Gesetze. 

Infolgedessen enthält am 29.April 1880 das „Journal Officiel“ (ERKL.: 1848 gegründetes, offizielles Presseorgan d. frz. 
Regierung; erkl.: „Amtsblatt“) zwei Gesetze, die die Jesuiten zwingen, sich aufzulösen, sowie sämtliche nicht 
zugelassenen Männer- und Lrauenkongregationen, sich innerhalb von drei Monaten die „Anerkennung 
und Zulassung ihrer Richtlinien und Rechtsstellung ... “ einzuholen. 

Unverzüglich organisiert man eine Bewegung des Widerstands; Debidour schreibt: „Die schwer getroff- 
ne Kirche ist erregt“. Nach dem 11.März brachten Leo XIII. ( erkl ..- *1810, fi903) und sein Nuntius (Botschafter) 
ihren schmerzerfüllten Protest zum Ausdruck. ... 

„Es ist nun an den Bischöfen, die Orden energisch zu verteidigen.“ (63) 

(62), (63), (64) und (65) Abt Brugerette, op.cit., II, S.164, 165, 166, 167, 176, 185. 

Die Söhne Loyolas wurden dennoch ausgewiesen. Doch lesen wir, was zu diesem Thema Abt Brugerette 
zu sagen hat: „Trotz allem hatten die Jesuiten, Spezialisten im Wiedereinstieg durch die Lenster, nachdem 
sie zur Tür hinausgeworfen wurden, ihre Kollegien bereits erfolgreich unter die Kontrolle von Laienbrü¬ 
dern oder Weltgeistlichen (Geistlichen, die nicht Mitglied eines Mönchsordens sind,) gebracht. Obwohl nicht in besagten 
Kollegien wohnend, konnte man sie zu bestimmten Tageszeiten kommen sehen, um Leitungs- und Kon- 
trollaufgaben wahrzunehmen.“ (64) 

(62), (63), (64) und (65) Abt Brugerette, op.cit., II, S.164, 165, 166, 167, 176, 185. 

Den Betrug hatte man aber entdeckt und die Jesuitenkollegien schließlich geschlossen. Die Verordnun¬ 
gen vom Jahre 1879 wurden gegen 32 Kongregationen durchgesetzt, die sich weigerten, sich den rechtli¬ 
chen Verordnungen zu unterwerfen. Vielerorts führte man die Ausweisung gegen den durch die Patres 
hervorgerufenen Widerstand der Gläubigen mittels Waffengewalt „manu militari“ durch. Nicht allein 
lehnten diese es ab, um eine rechtliche Genehmigung zu ersuchen, sondern auch, eine Verzichtserklärung 
über jeden Gedanken des Widerstands gegen die bestehende Ordnung zu unterschreiben; de Lreycinet 
(erkl.: Charles Louis de Sauices de Freycinet, frz. Politiker, *1828, fi923), dem damaligen, sie begünstigenden, Präsidenten 



des Rates hätte dies genügt, um sie noch zu „tolerieren“. Als sich die Orden dafür entschieden, die besagte 
förmliche Loyalitätserklärung zu unterschreiben, war der Schachzug hinfällig und de Freycinet zum Auf¬ 
geben gezwungen, denn er hatte versucht, die Übereinkunft gegen den Willen des Parlaments und seiner 
Kabinettskollegen auszuhandeln. 

Zu der Erklärung, welche die Orden unterschreiben mussten und derart widerwärtig fanden, bemerkt 
Abt Brugerette: 

„Diese Erklärung über die Respektierung der Institutionen, die Frankreich so frei war, sich zu geben, 
dürfte heutigentags sehr harmlos und unverfänglich erscheinen, verglichen mit dem feierlichen Treueid 
(Treueschwur), den das Konkordat vom 20.Juli des Jahres 1933 zwischen Heiligem Stuhl und Deutschem 
Reich den Bischöfen abverlangte. 

Artikel 16 - »Bevor die Bischöfe von ihrer Diözese (Bischofsprovinz) Besitz ergreifen, leisten sie in die Hand 
des Reichs Statthalters (Amtes z. Durchsetzung d. Hitlerpolitik auf Länderebene) in dem zuständigen Lande bzw. des 
Reichspräsidenten (dt. Staatsoberhauptes) einen Treueid nach folgender Formel: "Vor Gott und auf die heiligen 
Evangelien schwöre und verspreche ich, so wie es einem Bischof geziemt, dem Deutschen Reich und dem 
Lande ... Treue. Ich schwöre und verspreche, die verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten und 
von meinem Klerus achten zu lassen. In der pflichtmäßigen Sorge um das Wohl und das Interesse des 
deutschen Staatswesens werde ich in Ausübung des mir übertragenen Amtes jeden Schaden zu verhüten 
trachten, der es bedrohen könnte."« (Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen 
Reich).“ (65) 

(62), (63), (64) und (65) Abt Brugerette, op.cit., II, S.164, 165, 166, 167, 176, 185. 

Es ist selbstverständlich ein großer Unterschied zwischen einem bloßen Versprechen des Nichtwider¬ 
stands gegen Frankreichs Führung und der feierlichen Zusicherung, den NS-Staat zu unterstützen. Eben so 
groß wie der Unterschied zwischen den zwei Regierungsystemen, demokratisch und liberal das eine, des¬ 
halb von der römischen Kirche gehasst, totalitär und rücksichtslos intolerant das andere, gewollt und in¬ 
stalliert durch die vereinten Anstrengungen des päpstlichen Geheimkämmerers Franz von Papen und 
Monsignore Pacellis, Nuntius (päpsti. Botschafter) in Berlin und späterer Papst Pius XII. 

Es ist wiederum Abt Brugerette, der, nachdem er erklärt hatte, dass, was die Societas Iesu betrifft, das 
Regierungsziel erreicht wurde, auch zugibt: 

„Von der Vernichtung der Ordensinstitution konnte keine Rede sein. Die weiblichen Kongregationen 
blieben unangetastet und die zugelassenen, für den Laien gefährlich wie die anderen, bestanden nach wie 
vor. Auch wussten wir, dass nahezu sämtliche infolge der Verordnungen vom Jahre 1880 aus ihren Häu¬ 
sern vertriebenen Männerkongregationen still und heimlich wieder in ihre Klöster zurückgekehrt waren.“ 
( 66 ) 

(66) und (67) Abt Brugerette, op.cit., S.185, 196, 191. 

Doch diese Ruhepause war von kurzer Dauer. Die Absicht des Staates, Steuern und Nachfolgerechte auf 
das Vermögen der kirchlichen Gemeinschaften zu erheben, löste unter diesen eine allgemeine Entrüstung 
aus, da, sich dem gemeinen Recht unterzuordnen, nicht ihre Absicht war. „Die Widerstandsorganisation 
war ein Werk eines von den PP. (Patres) Bailly (erkl.: Vincent de Paul Baiiiy, *1832, fi 912), „Assumptionist“, Stanis- 
las, einem Kapuziner, und Le Dore, Superior (Oberer) der Eudisten (erkl.. Ange Le Dore, *1834, fi9i9) geleiteten 
Komitees. ... Den großen Eifer der Geistlichkeit erweckte Pater Bailly damals zu neuem Leben indem er 
schrieb: „wie Sankt Laurentius (ERKL.: Diakon i. Rom u. Märtyrer, *1832, f1912, wurde nach Legende auf glühendem Rost zu Tode 
gefoltert) müssen die Mönche und Nonnen eher zu Streckbank und Daumenschrauben zurückkehren, als dass 
sie sich ergeben.“ (67) 

(66) und (67) Abt Brugerette, op.cit., S.185, 196, 191. 

Wie durch Zufall war der Haupterwecker jenes „großen Eifers“, Bailly, ein „Assumptionist“ oder, ge¬ 
nauer gesagt, ein getarnter Jesuit. Hinsichtlich Streckbank und Daumenschrauben hätten wir den guten 


Pater daran erinnern können, dass diese Folterinstrumente in der Tradition des Heiligen Stuhls stehen und 
nicht des republikanischen Staates. 

Die Kongregationen zahlten am Ende doch - etwa die Hälfte ihres Besitzes - und, wie oben erwähnter 
Abt zugibt, „wurde dem Gedeih ihrer Arbeit kein Abbruch getan“, was man sich gut vorstellen kann. 

Wir können nicht ins Detail gehen hinsichtlich der Gesetze von 1880 und 1886, die dazu neigten, die 
konfessionelle Neutralität der staatlichen Schulen abzusichern, diese „Säkularisierung“ (67a), die für Tole- 
ranzler als selbstverständlich angesehen, von der römischen Kirche aber abgelehnt wird als abscheulicher 
Versuch des Gewissenszwanges, den sie doch stets für sich selbst beansprucht hat. Man konnte davon 
ausgehen, dass sie für dieses so genannte Recht so heftig kämpfen würde wie für ihre finanziellen Privile¬ 
gien. 

(66) und (67) Abt Brugerette, op.cit., S.185, 196, 191. 

(67a) siehe Jean Cotereau: „Anthologie des grands textes lai'ques“ (/Anthologie der großen Laientexte,] Fischbacher, Paris) 


Durch Verdammung bestimmter, Moral und bürgerlichen Unterricht behandelnder Schulbücher tritt im 

Jahre 1883 die vom Jesuitismus inspirierte Indexkongregation (kathoi. Zensurbehörde; er kl.: 1571 errichtet, gingen 
1917 ihre Befugnisse i. das 1542 errichtete Offizium [oberste Kurialamt] über, das 1965 i. die „Kongregation f. d. Glaubenslehre“ umgewandelt 
wurde) in den Kampf ein. Die Angelegenheit ist selbstverständlich ernst zu nehmen: einer der Autoren, Paul 
Bert, wagte es zu schreiben, dass „dem kritischen Geiste“ schon die Wunder- Idee „weichen muss!“. 
Ergo verkünden mehr als fünfzig Bischöfe die Indexentscheidung mit schimpfenden Kommentaren, und 
einer von ihnen, Monsignore Isoard, erklärt in seinem Hirtenbrief vom 27.Februar des Jahres 1883, dass 
die Lehrer, die Eltern und die Kinder, die sich weigerten, besagte Bücher zu vernichten, von den Sakra¬ 
menten ausgeschlossen würden. (67 b) 

(67b) Siehe Jean Cornec: „Lai'cite“ („ Laizismus ", Sudel, Paris). 


Die Gesetze von 1886, 1901 und 1904, die besagen, dass von Mitgliedern religiöser Gemeinschaften 
keine Lehrtätigkeit ausgeübt werden könne, setzten für ihren Teil eine Protestflut seitens des Vatikans und 
der „französischen“ Geistlichkeit in Gang. Wobei sich die unterrichtenden Mönche und Nonnen lediglich 
hätten „verweltlichen“ müssen. Das einzig positive Ergebnis dieser rechtlichen Verfügungen war, dass die 
Professoren an den so genannten „freien“ Schulen ab sofort pädagogische Professionalisierung (eine berufi. 
Anerkennung als Pädagoge) nachweisen mussten, eine gute Sache, wenn wir wissen, dass vor dem letzten Kriege 
die katholischen Grundschulen in Fran kr eich 11.655 mit 824.595 Schülern zählten. 

Was die „freien“ Kollegien und insbesondere die der Jesuiten betrifft - wenn deren Zahl derzeit verrin¬ 
gert würde, so infolge mehrerer Faktoren, die mit den Rechts Streitigkeiten nichts zu tun haben. In der von 
der Mehrheit der Eltern bestätigten Überlegenheit des Hochschulunterrichts sowie seine Unverändertheit 
der letzten Zeit bestehen die Hauptgründe für dessen wachsende Beliebtheit. Die Gesellschaft Jesu hat die 
Zahl ihrer Schulen nunmehr übrigens freiwillig reduziert. 


Abschnitt IV 


Kapitel 8 



Die Jesuiten und General Boulanger 
Die Jesuiten und die Dreyfußaffäre 


Die Feindseligkeit am Ende des 19.Jahrhunderts seitens des Staates, deren Opfer die fromme Partei zu 
sein vorgab, wird wohl der Berechtigung nicht ermangelt haben, wenngleich diese Feindseligkeit oder 
besser gesagt Skepsis bis dahin weit positiver aussah. Genau genommen zeigte sich laut Abt Brugerette 
der geistliche Widerstand gegen das Regierungssystem, das sich Frankreich freiwillig gab, bei jeder Gele¬ 
genheit. Obwohl von der Geistlichkeit stark unterstützt, schlug im Jahre 1873 der Versuch, die Monarchie 

mit Graf von Chambord (ERKL.: Heinrich Karl von Bourbon, Graf v.Chambord; frz. Kronprätendent [Thronanwärter], *1820, f1883) 

wiederherzustellen, fehl, weil der Prätendent (Thronbewerber) sich hartnäckig weigerte, die dreifarbige Fahne, 
für ihn das Symbol der Revolution, zu übernehmen. 

„So wie er leibt und lebt, scheint der Katholizismus der Politik oder einer bestimmten Art von Politik 
verpflichtet. ... Monarchietreue wurde von Generation zu Generation weitergegeben, in den alten Adels¬ 
familien genauso wie im Bürgertum und im gemeinen Volk, in den katholischen Gebieten im Westen und 
im Süden. Deren Nostalgie eines alten und idealisierten, in einem abenteuerlichen Mittelalter angesiedel¬ 
ten »Regimes« (Regierungssystems) war verbunden mit dem Verlangen glühender Katholiken, deren Hauptsor¬ 
ge in der Rettung der Religion bestand; mit dem rechtmäßigen und frommen, als für die Kirche günstigste 
Regierungsform angesehenen Königshaus von Chambord stellten sich diese geschlossen hinter Veuillot 
(ERKL.: Louis Frangois Veuillot; frz. Schriftsteller, ab 1848 Chefredakteur d. kathol. Zeitschrift „L'Univers“[„Das Universum“], *1813, [1883). 
Jenseits des Zusammenschlusses dieser politischen und religiösen Kräfte wurde in der angespannten Si¬ 
tuation nach dem Kriege eine Art reaktionäre (fortschrittsfeindi.), von Monsignore Pie, Bischof von Poitiers, 
perfekt veranschaulichte Mystik (gefühlsbetonte Bestrebung nach unmittelbarer Verbindung m. übersinnl. Mächten) geboren 
sowie deren beste Inkarnation (Verkörperung) in der kirchlichen Welt: „Frankreich, das ein anderes Oberhaupt 
erwartet und nach einem Meister ruft ... , erhält von Gott erneut »das Zepter des Universums, das ihm für 
eine Zeitlang aus den Händen gefallen war«, an dem Tage, wo es wieder gelernt haben wird, auf seine 
Knie zu gehen.“ (68) 

(68) Adrien Dansette, op.cit., II, S.37, 38. 


Dieses von einem katholischen Historiker gezeichnete Bild ist aussagekräftig. Es hilft, die Schritte zu 
verstehen, die wenige Jahre später dem vergeblichen Restaurationsversuch (Wiederhersteilungsversuch) des Jah¬ 
res 1873 folgten. 

Derselbe katholische Historiker beschreibt die damalige politische Haltung des Klerus folgendermaßen: 

„Zur Wahlzeit werden die Presbyterien (Altarräume) zu Zentren für reaktionäre Kandidaten; die Priester und 
diensthabenden Pfarrer machen zwecks Wahlpropaganda Hausbesuche, verleumden die Republik und 
deren neue Unterrichtsgesetze; sie erklären, dass jene, die für die Freigeister, die derzeitige Regierung 
oder Freimaurer - als »Banditen«, »Gesindel« und »Diebe« beschrieben - stimmen, sich der Todsünde 
schuldig machen. Einer erklärt, dass einer Ehebrecherin leichter vergeben werde als jenen, die ihre Kinder 
in Faienschulen schicken, ein anderer: dass es besser sei, ein Kind zu erwürgen, als das Regiemngssystem 
zu unterstützen, ein dritter: dass er jenen, die für die Anhänger des Regierungssystems stimmen, die Ster¬ 
besakramente verweigern werde. Die Drohungen werden wahr gemacht: republikanische und antiklerikale 
(kirchenfeindi.) Geschäftsleute werden boykottiert; Mittellosen wird jede Hilfe verweigert und Arbeiter werden 
entlassen.“ (69) 

(69) und (70) Adrien Dansette, op.cit., II, S.46, 47, 48. 


Diese Auswüchse seitens eines immer mehr vom jesuitischen Ultramontanismus beeinflussten Klerus 
sind umso weniger akzeptabel angesichts der Tatsache, dass sie „von Geistlichen ausgehen, die, da das 
Konkordat noch in Kraft ist, von der Regierung bezahlt werden“. 



Auch ist die Mehrheit der öffentlichen Meinung über den Druck auf die Gewissen alles andere als er¬ 
freut, wie oben erwähnter Autor schreibt: 

„Wie bis jetzt zu sehen war, ist das französische Volk in seiner Gesamtheit religiösen Fragen gegenüber 
gleichgültig, und die Pflege religiöser Praktiken können wir nicht mit wahrem Glauben verwechseln. ... 
Tatsache ist, dass die politische Landkarte Frankreichs identisch ist mit dessen religiöser Landkarte. ... 
Man kann sagen, dass die Franzosen in Gebieten, wo der Glaube stark ist, für katholische Kandidaten 
stimmen; andernorts wählt man bewusst kirchenfeindliche Abgeordnete und Senatoren. ... Klerikalismus, 
also ki rchliche Autorität in Sachen Politik, mit der üblichen Bezeichnung »Priesterregierung«, wollen letz¬ 
tere nicht. 

Ein Großteil der Katholiken hat genug von der Tatsache, dass der Priester, diese lästige Person, über 
Predigtanweisungen und Beichtvorschriften Gedanken, Meinungen, Handlungen, Essen und Trinken, ja 
sogar die Intimitäten (Intimsphäre) des Ehelebens kontrolliert und sich so in das Verhalten der Gläubigen ein¬ 
mischt; durch Wahrung ihrer Selbständigkeit als Bürger beabsichtigen sie, seine Herrschaft wenigstens 
einzuschränken.“ (70) 

(69) und (70) Adrien Dansette, op.cit., II, S.46, 47, 48. 


Auch heute würden wir gerne noch diesen Selbständigkeitssinn wahmehmen. 

Doch wenn auch jener „Großteil der Katholiken“ eine derartige Meinung besaß, so würden die Ultra¬ 
montanen keineswegs abrüsten und nehmen bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Kampf gegen das 
verhasste Regierungssystem wieder auf. Eine Zeitlang dachten sie, sie hätten den „Mann der Vorsehung“ 
in der Person General Boulangers (erkl.: Georges Bouianger, *1837, fi89i), im Jahre 1886 Kriegsminister, gefun¬ 
den, der, seine persönliche Propaganda außerordentlich gut organisiert habend, nach einem zukünftigen 
Diktator aussah. 

„Zwischen dem General und den Katholiken“, schrieb Adrien Dansette, „wird ein stillschweigendes Ab¬ 
kommen getroffen, das im Laufe des Sommers Gestalt annimmt. ... Er hat außerdem soeben ein Geheim¬ 
abkommen mit royalistischen (königstreuen) Parlamentsmitgliedern, wie z.B. Baron de Mackau (erkl.: Armand 
de Mackau, *1832, f1918) Und Graf de Mun (ERKL : Albert de Mun, frz. Sozialpolitiker, *1841, f1914), treuen Kirchenverteidi- 
gern in der Versammlung, geschlossen. ... 

Der phlegmatische Innenminister Constans (erkl: Ernest Constans, *1833, fi9i3) droht damit, ihn verhaften zu 
lassen und der Diktatorenanwärter flieht am 1 .April (am i.April des Jahres 1889) mit seiner Geliebten nach Brüs¬ 
sel. 

Mit dem » B O U1 an g 1S m U S « (der autoritär~nationalist. Bewegung der Konservativen [am Hergebrachten Festhaltenden, die sich nur 
ungern auf Neuerungen einlassen], {Radikalen n [Anhängern d. autoritären Herrschaftsstils Napoleons I. u. Napoleons III.], die 

sich um Bouianger gesammelt hatten,) geht es von nun an rasch bergab. Frankreich wurde nicht eingenommen: es 
erholt sich wieder. ... Bei den Stimmabgaben am 22.September und 6.Oktober des Jahres 1889 erleidet 
der »Boulangismus« eine vernichtende Niederlage. ... “ (71) 

(71) und (72) Adrien Dansette, op.cit., II, S.114 ff. 


Aus der Feder desselben Historikers können wir lesen, was bezüglich dieses Abenteurers die Haltung 
des Papstes war; d.h. Leos XIII., der im Jahre 1878 die Nachfolge Pius’ IX., des Syllabuspapstes, angetre¬ 
ten hatte, und der so tat, als riete er den Gläubigen Frankreichs, sich auf die Seite des republikanischen 
Regierungssystems zu stellen: 

„Im August (1889) gibt der deutsche Botschafter beim Vatikan vor, der Papst sehe in dem General 
(Bouianger) den Mann, der die französische Republik zu Fall bringen und den Thron wiederherstellen 
würde; wir können einen Artikel lesen, in welchem sich der »Moniteur de Rome« (der»Römische Beobachter«; 
erkl.: damal. päpsti. Amtsblatt) mit der Hoffnung trägt, dass der Diktatorenanwärter die Macht übernehmen und 
die Kirche »sehr davon profitieren können« werde. ... General Bouianger schickt einen seiner ehemaligen 
Offiziere nach Rom, mit einem Brief an Leo Xffl., worin er dem Papst verspricht, „dass an dem Tage, wo 
er das Schwert Frankreichs in seinen Händen hielte, er sein Möglichstes zur Wahrnehmung der Rechte des 
Papsttums tun würde.“ (72) 






(71) und (72) Adrien Dansette, op.cit., II, S.114 ff. 


Solcherart war der Jesuitenpapst; sein Übermaß an „Liberalismus“ (Prinzipienlosigkeit) wurde von den radika¬ 
len Geistlichen missbilligt! 

Die boulangistische (die die autoritär-nationalist. Bewegung der Konservativen, Radikalen u. Bonapartisten um Boulanger betreffende) 

Krise machte das von der religiösen Partei unter dem Deckmantel des Nationalismus gegen die Laienre¬ 
publik betriebene Vorgehen deutlich genug. Hatten doch die farblose Art der Hauptperson wie auch der 
Widerstand der Mehrheit der Nation den Versuch trotz dieser ganzen Agitation zunichte gemacht. Den¬ 
noch hatten sich diese chauvinistischen Methoden als sehr effektiv, vor allem in Paris, erwiesen und soll¬ 
ten bei einer anderen, besseren Gelegenheit genutzt werden. Es kam dies zustande - oder wurde es her¬ 
vorgerufen? - und die Schüler Loyolas standen natürlich an der Spitze dieser Bewegung. „Dies sind ihre 
Freunde“, schrieb Pierre Dominique, „ein bigotter (frömmelnder) Adel, eine Voltaire ablehnende Bourgeoisie 
und viele Militärs (hohe Offiziere). Sie werden insbesondere auf die Armee einwirken und das Ergebnis wird 
die berühmte Allianz von „Säbel und Weihwedel“ (ERKL.: Weihwedel o. Aspergill: liturg. Gerät z. Besprengen m. Weihwas¬ 
ser) sein. 

„Im Jahre 1890 ist es nicht mehr das Gewissen des französischen Königs, das sie beherrschen, sondern 

der Generalstab (ERKL.: zentrale Kreis besonders ausgebildeter Offiziere z. Unterstützung d. obersten militär. Führung) oder zumin¬ 
dest sein Chef; damals bricht die „Dreyfus- oder Dreyfußaffäre“ aus, ein regelrechter Bürgerkrieg, der 
Fran kr eich in zwei Teile teilt.“ (73) 

(73) Pierre Dominique, op.cit., S.239. 


Der katholische Historiker Adrien Dansette fasst die Affäre wie folgt zusammen: 

„Am 22.Dezember des Jahres 1894 wird der Artilleriehauptmann Albert Dreyfuß (erkl.: Dreyfus o. Dreyiuß, 

*1859, fi935) des Landesverrats für schuldig befunden, zu Deportation auf Lebenszeit und unehrenhafter Ent¬ 
lassung verurteilt. Drei Monate zuvor hatte unser Nachrichtendienst in der Deutschen Botschaft eine Liste 
geheimer Dokumente zur Landesverteidigung gefunden; dieser stellte eine Ähnlichkeit zwischen Haupt¬ 
mann Dreyfußens Handschrift und jener auf der Liste fest. Sofort rief der Generalstab aus: »Der ist das; 
der Jude.«. Dieser Annahme war man nur, da es für den Landesverrat keine psychologische Erklärung gab 
(Dreyfuß hatte einen guten Ruf, war reich und führte ein geregeltes Leben); dennoch wird der Unglückli¬ 
che inhaftiert und nach einer derart schnellen und parteilichen Untersuchung durch ein Militärtribunal 
verurteilt, dass die richterliche Entscheidung nur vorgefasst worden sein kann. Schlimmer noch - es wird 
sich später heraussteilen, dass ohne Wissen des Anwalts des Angeklagten den Richtern ein geheimes Do¬ 
kument übergeben worden war ... 

Zudem kam es im Generalstab nach Dreyfußens Verhaftung zu Indiskretion, und Offizier Picquart (erkl.. 
Georges Picquart, *1854, fi 914), nach dem Juli des Jahres 1895 Chef des Nachrichtendienstes, erfährt von einem 
gewissen, „Petit bleu“ („Kleiner blauer“) (gemeint sind Eilbriefe) genannten Projekt zwischen dem deutschen 
Militärattache (dem f. militär. Fragen zuständ. Offizier d. dt. dipiomat. Vertretung) und dem französischen Offizier (ungari¬ 
scher Herkunft) Esterhazy (ERKL.: Marie Charles Ferdinand Walsin Esterhäzy [Eszterhäzy], *1847, fl923); letzterer ein zwie¬ 
lichtiger Mann, der für seine Wahlheimat nichts als Hass und Verachtung hat. Ein Beamter des Nachrich¬ 
tendienstes aber, Offizier Henry (erkl.: Hubert Joseph Henry, *1847, fi898) fügt der Dreyfußakte - wie wir sehen 
werden - ein gefälschtes Dokument bei, das, wäre es echt, für den jüdischen Beamten erdrückend sein 
würde; auch entfernt und überschreibt er auf dem „Petit bleu“den Namen Esterhazys, um so den Eindruck 
zu vermitteln, das Dokument sei gefälscht. Ergo fiel Picquart im November des Jahres 1896 in Ungnade.“ 
(74) 

(74) und (78) Adrien Dansette, op.cit., II, S.263, 264. 


Die Ungnade über den Chef des Nachrichtendienstes ist kaum verwunderlich: sein Eifer, Licht in das 
dichte Dunkel zu bringen, ging zu weit. Der zuverlässigste Beweis findet sich in dem nach seinem Tode 
im Jahre 1930 erschienenen Buche „Die Wahrheit über Dreyfus“ (erkl.: Maximilian v.Schwartzkoppen: Die Wahrheit 
über Dreyfus. Aus dem Nachlass hrsg. von Bernhard Schwertfeger, Berlin, 1930). Es war Esterhazy und nicht Dreyfuß, von 



dem der Autor, damaliger Militärattache an der deutschen Botschaft in Paris, geheime Dokumente der 
französischen Landesverteidigung erhielt. 

„Schon vorher, im Juli, hielt Picquart den Augenblick für gekommen, dem Generalstabschef, welcher in 
Vichy (frz. Badeort) war, brieflich Mitteilung von seinem Verdacht gegen Esterhazy zu machen. Und am 
5.August 1896 fand die erste Unterredung mit ihm statt. General Boisdeffre (erkl.: Charles de Boisdeffre, * 1839, 
ti9i9) billigte alles, was Picquart bisher in der Angelegenheit getan hatte, und genehmigte, dass er seine 
Nachforschungen fortsetzte. 

Auch der Kriegsminister, General Billot (erkl.: Jean Baptiste Biiiot, * 1828, fi907), wurde noch im August von 
dem Verdacht Picquarts in Kenntnis gesetzt und billigte die von ihm getroffenen Maßnahmen. Esterhazy 
hatte, nachdem er von mir entlassen war, durch den Deputierten Jules Roche sich bemüht, ins Kriegsmi¬ 
nisterium kommandiert zu werden, wohl um dadurch die Verbindung mit mir wieder aufnehmen zu kön¬ 
nen, und hatte verschiedene Briefe sowohl an den Kriegsminister wie an dessen Adjutanten (beigeordneter 
Offizier) geschrieben. Einer dieser Briefe wurde an Picquart gegeben, welcher dadurch in den Besitz der 
Handschrift von Esterhazy gelangte, und er stellte zum ersten Male fest, dass die Handschrift dieselbe war 
wie diejenige des Bordereaus (Verzeichnisses )\ Eine Photographie dieses Briefes zeigte er du Paty (erkl.: Ar¬ 
mand du Paty de dann, Major, * 1895, f1948) Und Bertillon (ERKL.: Alphonse Bertillon, frz. Anthropologe [Menschenkundler] u. Kriminalist, 
* 1853, fi9i4), ohne natürlich zu sagen, von wem der Brief geschrieben ist. ... Bertillon sagte: 

»Ah, c’est la - criture du bordereau!« (»Ah, das ist die Handschrift des Bordereaus«)“ 
(75) 

(75) und (77) „Les Carnets de Schwartzkoppen“, Rieder, Paris, 1933, S.147, 148, 162. 

IN DEUTSCH: „Die Wahrheit über Dreyfus“, Verlag für Kulturpolitik, Berlin, 1930, S.85, 86, 93, 94. 


„Spürend wie seine Überzeugtheit von Dreyfußens Schuld bröckelte, beschloss Picquart die »kleine Ak¬ 
te« zu befragen, die nur den Richtern gegeben worden war. Archivar Gribelin händigte sie ihm aus. Es 
war Abend. Schließlich allein in seinem Büro, öffnete Picquart Henrys unverschlossenen Umschlag, auf 
dem sich Henrys mit blauem Stift geschriebener Paraph (Namenszug) befand. ... Groß war seine Verwunde¬ 
rung, als ihm die Nichtigkeit jener jämmerlichen Dokumente klar wurde, von denen nicht eines auf Drey- 
fuß angewendet werden konnte. Erstmalig wusste er, dass der Verurteilte auf der »Ile du Diable« (Teufels¬ 
insel) (kleine insei d. Salutinseln, io km vor d. NO-Küste Südamerikas) unschuldig war. Tags darauf schrieb Picquart einen 
Brief an General Boisdeffre, in welchem er sämtliche Anklagepunkte gegen Esterhazy sowie seine jüngste 
Entdeckung offen legte. Als er von jener »Geheimakte« las, sprang der General auf und schrie: »Warum 
wurde sie nicht verbrannt wie vereinbart?«“ (76) 

(76) Armand Charpentier, „Histoire de l’affaire Dreyfus“ („Geschichte der Dreyfußaffaire“, Fasquelle, 1933, S.73). 


Weiter schrieb von Schwartzkoppen (ERKL.: Maximilian v.Schwartzkoppen, damal. dt. Militärattache): „Meine Situation 
wurde außerordentlich peinlich. Es trat nunmehr die Frage an mich heran, ob ich zur Aufklärung des be¬ 
dauerlichen schrecklichen Irrtums mit der ganzen Wahrheit hervortreten und dadurch die Befreiung des 
unschuldig Verurteilten herbeiführen solle? Hätte ich handeln können, wie ich wollte, so hätte ich diesen 
Schritt sicher getan! Bei näherer Überlegung kam ich jedoch zu dem Entschluß, mich nicht in diese Ange¬ 
legenheit zu mischen, da man, wie die Dinge nun einmal lagen, mir doch nicht geglaubt hätte, auch aus 
diplomatischen Rücksichten ein derartiger Schritt nicht angezeigt gewesen wäre. Auch die Überlegung, 
dass die französische Regierung nunmehr in die Lage versetzt war, selber die nötigen Schritte zu tun, um 
das geschehene Unrecht aufzuklären und wieder gutzumachen, bestärkte mich in meinem Entschluß.“ (77) 

(75) und (77) „Les Carnets de Schwartzkoppen“, Rieder, Paris, 1933, S.147, 148, 162. 

IN DEUTSCH: „Die Wahrheit über Dreyfus“, Verlag für Kulturpolitik, Berlin, 1930, S.85, 86, 93, 94. 


„Man kann sehen, wie die Taktik des Generalstabs zum lieben erwacht“, bemerkt Adrien Dansette: „Ist 
Esterhazy schuldig, dann sind auch die Beamten schuldig, die die rechtswidrige Verurteilung Dreyfußens 
verursacht haben, allen voran der damalige Kriegsminister General Marcier. Die Armeeinteressen erfor¬ 
dern das Opfer Dreyfußens; das Urteil vom Jahre 1894 dürfen wir nicht antasten.“ (78) 


(78) siehe vorhin. 


Bei dem Gedanken, dass ein derartiges Argument bemüht werden könnte, um, man möchte sagen, eine 
skandalöse Verurteilung zu rechtfertigen, verschlägt es einem heutzutage die Sprache. So sollte es die 
ganze Affäre hindurch gehen, die damals gerade erst begann. Natürlich befanden wir uns (befand sich Frank¬ 
reich) damals in einem antisemitischen Rausch. Tagtäglich wurden die Kinder Israels (Juden; von den gna¬ 
denlosen Abhandlungen Edouard Drumonts (ERKL.: frz. Journalist, Schriftsteller, royalist. Katholik, Nationalist sowie Vordenker 
d. modernen frz. Antisemitismus, "1844 , fl 917) in der „Libl'C Parole“ (ERKL.: „Freies Wort“; von E. Drumont herausgegebenes antise- 
mit. Hetzblatt der frz. Rechten) als Vertreter der nationalen Korruption und Auflösung entlarvt. Das so geschaffene 
Negativvorurteil machte einen Großteil der öffentlichen Meinung „a priori“ („ohne weitere Beweise“) glauben, 
Dreyfuß sei schuldig. Später aber, als die Unschuld des Angeklagten offensichtlich wurde, hielt man an 
dem ungeheuerlichen Argument der „Unfehlbarkeit“ des Militärtribunals immer noch fest, und von jetzt 
an mit absolutem Zynismus. 

War es der Heilige Geist, der jene Richter in Uniform, die keinerlei Fehler machen konnten, inspirierte? 
Es wäre verlockend, an jene himmlische Eingebung zu glauben - ganz ähnlich derjenigen, die die päpstli¬ 
che Unfehlbarkeit garantiert - wenn wir von Pater du Lac von der Societas Iesu lesen, der mit der Affäre 
eine Menge zu tun hatte: 

„Er leitete das Kolleg der Rue des Postes, wo von den Jesuiten die Kandidaten (Novizen) auf größere Schu¬ 
len vorbereitet wurden. Er ist ein sehr intelligenter Mann mit wichtigen Verbindungen. Er bekehrte Dru¬ 
mont, ist der Beichtvater de Muns und de Boisdeffres, des Armeegeneralstabschefs, den er täglich sah.“ 
(79) 

(79) Pierre Dominique, op.cit., S.240. 


Abt Brugerette erwähnt zudem die auch von Joseph Reinach (erkl.: frz. Politiker, "1856, fi92i) genannten Tat¬ 
sachen: „Ist es nicht dieser Pater du Lac, der Drumont bekehrte und ihn dazu drängte, »La France juive« 
(»Das jüdische Frankreich» ) zu schreiben, der die Gelder zur Schaffung der »Libre Parole« bereitstellte? Hatte 
General de Boisdeffre nicht täglich mit dem allzu bekannten Jesuiten zu tun? Der Generalstabschef trifft 
keinerlei Entscheidung, ohne zuvor seinen Leiter konsultiert zu haben.“ (80) 

(80), (83) und (85) Abt Brugerette, op.cit., II, S.454, 432, 467. 


Dort auf der Teufelsinsel, die ihrem Namen bei jenem Klima alle Ehre macht, verfuhr man mit dem Op¬ 
fer dieser abscheulichen Verschwörung, nachdem die antisemitische Presse die Meldung verbreitet hatte, 
er habe zu fliehen versucht, extrem grausam. Kolonialminister Andre Lebon (erkl.: "1859, fi938) gab ent¬ 
sprechend Order. 

„Am Morgen des 6.Septembers, einem Sonntage, setzte Oberaufseher Lebar seinen Gefangenen davon 
in Kenntnis, dass er sich ab sofort nicht mehr in dem ihm Vorbehalten gewesenen Teile der Insel zu bewe¬ 
gen sowie Hüttenarrest habe. Am Abend teilte man ihm mit, dass er über Nacht angekettet würde. Am 
Fußende seines aus drei Brettern bestehenden Bettes wurden zwei doppelte Eisenfesseln angenietet, die 
die Füße des Strafgefangenen umschlossen. Wenn die Nächte glühend heiß waren, erwies sich diese Strafe 
als besonders schmerzhaft. 

Bei Tagesanbruch machten die Wärter den Gefangenen los, dem die Beine schlotterten, als er aufstand. 
Ihm wurde untersagt, seine Hütte zu verlassen, in der er sich Tag und Nacht aufzuhalten hatte. Am Abend 
wurde er wieder gefesselt, und dies ging vierzig Nächte so. Irgendwann waren seine Fußgelenke ringsum 
voller Blut und mussten verbunden werden; seine Wärter, von Mitleid ergriffen, wickelten heimlich seine 
Füße, bevor sie sie fesselten, ein.“ (81) 

(81) Armand Charpentier, op.cit., S.75. 



Nichtsdestotrotz bekundete der Strafgefangene nach wie vor seine Unschuld; er schrieb seiner Frau: „Es 
muss doch irgendwo in diesem schönen und großzügigen Lande Fran kr eich einen Menschen von Ehre 
geben, der Manns genug ist, die Wahrheit zu suchen und aufzudecken.“ (82) 

(82) „Briefe eines Unschuldigen“; in „Le Siede“ vom Januar und Februar 1895. 


An der Wahrheit gab es im Grunde keinen Zweifel mehr. Woran es mangelte, war der Wille, sie hervor¬ 
brechen zu lassen. Zeugnis von der Tatsache gibt seinerseits Abt Brugerette: 

„Die Unschulds vermutungen (Schuldlosigkeitserklärungen aufgrund des bisher fehlenden Beweises der Schuld) bezüglich des 
Strafgefangenen auf der Teufelsinsel mehren sich vergeblich; von Bülows (erkl. : Bernhard Heinrich Martin Graf [sei 
1899], Fürst v.Büiow[seit 1905]; Politiker, *1849, fi929) Erklärungen auf dem Reichstag sowie jene durch dessen Ge¬ 
sandten, Hrn. von Münster (erkl.: Georg Herbert Graf zu Münster, *1820, fi902), der französischen Regierung über¬ 
mittelten bekennen sich vergeblich zu Dreyfußens Unschuld; einer Unschuld, die auch Kaiser Wilhelm 
(erkl.: Wilhelm ii.; dt. Kaiseru. König von Preußen, *1859, fi94i) bekundete, die bestätigt wurde, als man, sowie 
Esterhazy von Mathieu Dreyfus (Bruder des Strafgefangenen) angeklagt wurde, Schwartzkoppen (den 
deutschen Militärattache) nach Berlin zurückbeorderte. Der Generalstab behielt seine ablehnende Flaltung 
gegen jede nochmalige Überprüfung des Gerichtsverfahrens bei. ... Jemand ist eifrig dabei, Esterhazy zu 
decken. Man lässt ihm geheime Dokumente zu seiner Verteidigung zukommen und sogar seine Hand¬ 
schrift mit jener auf der »Liste« zu vergleichen, wird untersagt. ... 

Auf diese Weise abgeschirmt, entblödet (scheut) sich Schurke Esterhazy nicht, um Vorladung vor ein Mi¬ 
litärgericht zu bitten. Dort wird er am 17.Januar des Jahres 1898 nach dreiminütiger Beratung einstimmig 
freigesprochen.“ (83) 

(80), (83) und (85) Abt Brugerette, op.cit., II, S.454, 432, 467. 


Erwähnen müssen wir, dass, wenige Monate später, als Oberst Henry wegen Fälschung verurteilt wurde, 
Esterhazy nach England floh und endlich eingestand, dass er der Autor der berüchtigten, Dreyfuß ange¬ 
dichteten „Liste“ war. 

Wir können nicht alle der vielen Ereignisse dieses Dramas anführen, wie die von Fälschungen gefolgten 
Fälschungen beim Versuch, eine offensichtliche Wahrheit zu verbergen, die Entlassung des Generalstabs¬ 
chefs, den Absturz von Ministem, den Selbstmord des auf dem Mont Valerien (erkl.: Berg bei Paris) inhaftier¬ 
ten Henry, der sich die Kehle durchgeschnitten und so sein Schuldbekenntnis mit dem eigenen Blute un¬ 
terschrieben hat. 

Im Dezember des Jahres 1898 wurde von der deutschen Presse diese halboffizielle Meldung veröffent¬ 
licht: „Aus den Erklärungen der Kaiserlichen Regierung ergibt sich, dass keine deutsche Persönlichkeit 
irgendwelche Beziehungen zu Dreyfus unterhalten hat. Von deutscher Seite können also einer vollständi¬ 
gen Veröffentlichung des geheimen Dossiers keinerlei Bedenken gegenüberstehen.“ (84) 

(84) Maurice Paleologue: „Journal de l’Affaire Dreyfus“ (Pion, Paris, 1955, S.149). 

IN DEUTSCPI: Maurice Paleologue: „Tagebuch der Affäre Dreyfus“ (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1957, S. 107). 


Die unvermeidliche nochmalige Überprüfung wird endlich durch den Obersten Gerichtshof beschlossen. 
Am 3.Juni des Jahres 1899 „ ... hat der Kassationsgerichtshof (d. oberste Berufungsgericht) in gemeinsamer Sit¬ 
zung aller Kammern, an der die Richter in roter Robe teilnahmen, einstimmig einen Beschluß verkündet, 
durch den das gegen Dreyfus am 22. Dezember 1894 gefällte Urteil aufgehoben und das Verfahren an das 
Kriegsgericht in Rennes zurückverwiesen wird.“ (85) Womit eine weitere Tortur für Dreyfuß beginnt. Er 
konnte nicht ahnen, dass er auf abstoßenderen Hass treffen sollte, wie den, als er ging und dass seine frü¬ 
heren Chefs, die sich dazu verschworen hatten, ihn wieder auf die Teufelsinsel zu schicken, kein Mitleid 
mit diesem armen, elenden Manne haben würden, der dachte, er hätte nunmehr alles I^eid ertragen, das es 
zu ertragen gebe. 

(85) Maurice Paleologue: „Journal de l'Affaire Dreyfus“ (S.?). 

IN DEUTSCPI: Maurice Paleologue: „Tagebuch der Affäre Dreyfus“ (S.137). 


„Und so“, schrieb Abt Brugerette, „wird das Militärgericht in Rennes der Ungerechtigkeit des Prozesses 
von 1894 lediglich ein neues Unrecht folgen lassen. Die Gesetzwidrigkeit dieses Verfahrens, die Schuld 
Esterhazys, die kriminellen Winkelzüge Henrys werden während der neunundzwanzig Sitzungen jenes 
Verfahrens in Rennes nicht zu übersehen sein. Doch das Militärgericht ... wird sich mit Dreyfuß wegen 
sonstiger Spionage befassen, die nie je Grund für eine Anklage oder Meldung war. Alle bisherigen Indis¬ 
kretionen werden ihm zugeschrieben und Dokumente beigebracht, die nichts mit ihm zu tun haben. ... 
Schließlich und entgegen allen unseren Rechtstraditionen werden wir (d. Franzosen) verlangen, dass Dreyfuß 
selbst nachweist, dass ein derartiges Dokument oder Papier nicht von ihm weitergegeben worden sei, als 
wäre nicht, das Verbrechen weiter zu beweisen, Aufgabe der Anklage gewesen.“ (86) 

(86) und (89) Abt Brugerette, op.cit., II, S.469, 471,472. 


Die Parteilichkeit der Ankläger Dreyfußens war derart offensichtlich, dass außerhalb Frankreichs die öf¬ 
fentliche Meinung wach wurde. In Deutschland veröffentlichte die liberal-demokratische Tageszeitung 
„Stuttgarter Tagblatt“ am 29.August mitten in den Gerichtsverhandlungen einen Artikel, dem wir folgende 
Formulierung entnehmen: „Deutschland hat weit mehr gethan, als es nötig hatte. Wenn es durch den 
Mund des Staatssekretärs v. Bülow die bekannte Erklärung zu Dreyfus’ Gunsten abgab, so ist das eine 
Staatsaktion gewesen, wie sie vollwichtiger nicht gedacht werden kann. Wenn der Minister des Auswärti¬ 
gen in solcher Form redet, dann redet er als Vertreter des Reichs und als Vertreter des deutschen Kaisers. 
Solche Worte haben ein unbedingtees Anrecht auf Glaubwürdigkeit; denn es ist ausgeschlossen, dass ein 
anständiger und vornehmer Staat unter solchen Umständen etwas anderes aussagen könnte als die reinste 
Wahrheit. Dazu kommt, dass im November 1897 Herr v. Schwartzkoppen auf sein Ehrenwort versichert 
hat, niemals weder mittelbar noch unmittelbar mit Dreyfus Beziehungen unterhalten zu haben, und dass 
der deutsche Botschafter diese Erklärung amtlich dem französischen Minister des Auswärtigen übermittelt 
hat. Wenn es in Frankreich Feute giebt, die dennoch die Richtigkeit solcher Erklärungen bezweifeln, so 
spricht das nur gegen ihren eigenen Charakter und gegen ihre eigene Gesinnung. Die Feststellung einer 
solchen Thatsache, unter der ein Unschuldiger leiden muß, ist beklagenswert; unter keinen Umständen 
kann aber Deutschland sich dazu hergeben, für seine feierlich abgegebene Erklärung einen weiteren Be¬ 
weis anzutreten, sei es durch Vorbringung von Zeugen oder durch Vorbringung von materiellen Bewei¬ 
sen.“ (Zitiert nach „Neues Tagblatt“, Stuttgart, v. 29. 8. 1899.) (87) 

(87) Maurice Paleologue, op.cit., S.237. 

IN DEUTSCH: Maurice Paleologue, op.cit., S.175. 


Der Hass, Irrsinn und Fanatismus aber erfuhr trotz all dessen keine Entschärfung. Selbst neuerliche Fäl¬ 
schungen fanden Gebrauch, jene ersetzend, die inzwischen alles Vertrauen verspielt hatten. Alles in allem 
war es nicht mehr, als eine üble Posse (übte Karikatur seiner selbst). Deren Schluss war die Verurteilung Dreyfu¬ 
ßens zu zehn Jahren Haft mit mildernden Umständen! 

Dieser furchtbare Prozess rief weltweit empörtes Staunen hervor. Man sah mit Abscheu auf Frankreich. 
„Wer hätte ein derart furchtbares Feid voraussehen sollen?“ (88) rief Clemenceau (ERKL.: Georges Benjamin 
Ciemenceau, frz. Staatsmann, *1841, fi929) beim Fesen englischer und deutscher Zeitungen aus. Das Gebot der 
Stunde hieß Erbarmen. Eine Umkehr in dem militärischen Versagen anstrebend, dessen Opfer er war, so 
sagte er, habe es Dreyfuß akzeptiert, dass »weitergemacht« würde. Für diese Umkehr mit der Gerechtig¬ 
keit der Kriegsräte zu rechnen, war zwecklos. Wie diese Gerechtigkeit arbeitet, hatte man gesehen! Ein 
weiteres Mal kam sie vom obersten Berufungsgericht, das, nach eingehenden Untersuchungen und langen 
Debatten, das Urteil von Rennes (das oben genannte, 1899 in Rennes gefällte Urteil, das Dreyfußens 1894 erfolgte Verurteilung 
wegen Landesverrats bestätigte u. eine 10-jähr. Haftstrafe m. mildernden Umständen festlegte,) ein für alle Male aufhob. Wenige 
Tage später nahmen Versammlung und Senat über eine feierliche Abstimmung Dreyfuß wieder in die 
Armee auf: Dreyfuß, der zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen und öffentlich rehabilitiert wurde.“ (89) 


(88) „L'Aurore“, 14.September, 1899. 

(89) siehe vorhin. 


Diese derart mühsam erreichte späte Umkehr war „ehrenhaften und mutigen“ Männern zu verdanken, 
wie jenen, deren Heraustreten sich der Unschuldige auf der Teufelsinsel zu sehen gewünscht hatte. Ihre 
Zahl wuchs mehr und mehr, so die Wahrheit ans Licht kam. Nach dem raschen Freispruch des Verräters 
Esterhazy durch einen Kriegsrat im Januar des Jahres 1898 veröffentlichte Emile Zola in Clemenceaus 
Publikation „Aurore“ seinen berühmten offenen Brief „Ich klage an“. Er schrieb: „Ich klage schließlich 
das erste Kriegsgericht (ERKL.: = den ersten Kriegsrat) an, das Recht verletzt zu haben, indem es einen Angeklag¬ 
ten aufgrund eines geheimgehaltenen Schriftstücks verurteilte, und ich klage das zweite Kriegsgericht 
(ERKL.: = den zweiten Kriegsrat) an, diese Gesetzwidrigkeit in höherem Auftrag gedeckt zu haben, indem es in 
wissentlichem Freispruch eines Schuldigen ein Justizverbrechen beging.“ 

Die „Ritter“ aber unserer berühmten Kompanie waren darauf bedacht, alles, wodurch die Öffentlichkeit 
aufgeklärt werden könnte, zu vertuschen. Eine Interpellation (pariamentar. Anfrage) des katholischen Abgeord¬ 
neten de Mun brachte Zola vor das Schwurgericht (ERKL.: aus Berufsrichtern u. Schöffen bestehendes, f. besonders schwere 
Straftaten zuständ. Gericht) Seine (des Bez. Seine u. Marne) und der mutige Schriftsteller wurde im Ergebnis dieses 
skandalösen Verfahrens zur Höchststrafe von einem Jahr Gefängnis verurteilt. 

Die öffentliche Meinung wurde durch die lautstarken Proteste der „religiösen Nationalisten“ derart gut 
getäuscht, dass die Wahlen im Mai des Jahres 1898 zu Gunsten letzterer ausfielen. 

Das Aufdecken der Fälschungen, die Entlassung des Generalstabschefs, die offensichtliche kriminelle 
Parteilichkeit der Richter öffneten nichtsdestotrotz zunehmend die Augen der aufrichtig die Wahrheit Su¬ 
chenden. Die aber fast ausschließlich aus den Reihen der Protestanten, Juden und Laienbrüder kamen. 

„Die Katholiken in Frankreich, die für Dreyfuß Partei ergriffen, waren rar, einige unter ihnen Prominen¬ 
te. ... Das Wirken dieser Handvoll Menschen war unmerklich. Umgeben von verabredetem Stillschwei¬ 
gen. ... “ (90) 

(90) und (91) Adrien Dansette, op.cit., II, S.275, 276. 


„Die meisten Priester und Bischöfe blieben von Dreyfußens Schuld überzeugt“, schrieb Abt Brugerette. 
Auch erklärt Georges Sorel (ERKL.ifrz. Publizist u. Soziaiphiiosoph, *1847, fi922): „Während mit der Dreyfußaffäre ein 
Riss durch alle sozialen Gruppen ging, war sich gegen eine nochmalige Überprüfung die katholische Welt 
absolut einig. Peguy ( erkl.: Charles Pierre Peguy: frz. Schriftsteller, *1873, fi914) seinerseits gibt zu, dass sämtliche poli¬ 
tischen Kräfte der Kirche bislang stets gegen Dreyfuß waren.“ 

Müssen wir an die von „Libre Parole“ und „La Croix“ veröffentlichten Spenderlisten zugunsten der 
Witwe des Fälschers Henry, der Selbstmord beging, erinnern? Die Namen der spendenden Priester hatten 
oft „nicht sehr missionarische Bemerkungen“ als Zusatz , wie uns Adrien Dansette wissen lässt, der die 
Besagten wiedergibt: 

„Ein gewisser Abt Cros bat um einen Bettvorleger aus Judenhaut, auf dem er früh und abends herumtre¬ 
ten könne; ein junger Priester möchte mit seinem Absatz Reinachs Nase zertreten; drei Priester würden 
liebend gerne dem Juden Reinach (erkl.: Joseph Reinach; frz. Politiker, *1856, fi92i) einen Schlag in seine dreckige 
Visage verpassen.“ (91) 

(90) und (91) Adrien Dansette, op.cit., II, S.275, 276. 


Allein der Weltklerus ist noch etwas zurückhaltend. In den Kongregationen (Ordensgemeinschaften) geht es 
bösartiger zu: 

„Am 15.Juli des Jahres 1898, dem Tag der Preisverleihung des von Generalissimus (dem höchstrang. Offizier) 
Jamont (erkl.: Edouard-FernandJamont, *1831, fi918) (Vizepräsident des Obersten Kriegsrats) geleiteten Kollegs 
zu Arcueil, hielt Pater Didon (erkl.: Henri Didon; frz. Dominikanerpater, *1840, fi900), Rektor (Leiter) der Albertus- 
Magnus-Schule, eine heftige Rede, in der er es befürwortete, Gewalt gegen die Männer anzuwenden, de¬ 
ren Verbrechen die mutige Anklage gegen ein militärisches Versagen war. ... 

»Haben wir«, so der beredte ('redegewandte,) Mönch, »die Gottlosen als Freie zu entlassen? Mitnichten! Der 
Feind heißt: der Gewaltverachtung vorgebende Intellektualismus (Philosoph. Weg der Verstandesbevorzugung vor wnien 
u. sinnt. Wahrnehmung) und das Militär unterordnen wollende Zivilisten. Wo Überzeugungsarbeit nicht ausrei- 










chend, wo Liebe (!) unwirksam war, dort müssen wir das Schwert schwingen, Schrecken verbreiten, Köp¬ 
fe abhacken, Krieg führen, dreinschlagen. ... « 

Diese Rede schien ein Schlag ins Gesicht aller Sympathisanten jenes armen Verurteilten.“ (92) 

(92) Abt Brugerette, op.cit., II, S.451. 


Wie viele davon aber haben wir seither gehört? Diese Aufrufe adliger Geistlicher zu blutigen Repressio¬ 
nen (Unterdrückungen), insbesondere während der deutschen Besatzung! Hinsichtlich des Aufrufs zum Hass 
gegen den Intellektualismus können wir dessen perfekte Wirkung in der Erklärung eines gewissen Gene¬ 
rals finden: „Spreche mir wer von Intelligenz und ich ziehe meinen Revolver.“ 

Denken gewaltsam ausschalten ist ein Grundsatz der römischen Kirche, der sich nie geändert hat. 

Abt Brugerette wundert sich jedoch über die Tatsache, dass nichts den Klerus in seiner Überzeugtheit 
von Dreyfußens Schuld zu erschüttern vermochte: „Ein derart einschneidendes und dramatisches, gleich¬ 
sam einem Donnerschlage aus heitrem Himmel herabkommendes, die im Generalstabe arbeitende Fäl¬ 
schungsabteilung ans Licht bringendes Ereignis muss doch selbst jenen nicht die Wahrheit finden Wollen¬ 
den inzwischen die Augen geöffnet haben. Wir beziehen uns hier auf die Entdeckung der von Henry ange¬ 
fertigten Fälschungen. ... 

War es nicht für den französischen Klerus und die Katholiken an der Zeit, einem Versagen, das sich zu 
lange fortsetzte, entgegenzutreten. ... Sie, die Priester und die Gläubigen, hätten, wie die in den Evangelien 
genannten Arbeiter, geschlossen um die elfte Stunde gegangen sein können, um die Reihen der Verteidi¬ 
ger von Gerechtigkeit und Wahrheit zu stärken. Doch erleuchten noch so offensichtliche Tatsachen das 
von Vorurteilen beherrschte Denken nicht immer, denn Vorurteile sind gegen Überprüfung und rebellieren 
von Natur aus gegen Beweise.“ (93) 

(93), (94) und (96) Abt Brugerette, op.cit., II, S.443, 444, 448. 


Was werden nicht alles für Anstrengungen unternommen, auf dass Katholiken im Irrtum verharren! 
„Konnten sie ahnen, dass sie schändlich betrogen wurden von einer Presse, die hartnäckig sämtliche Un¬ 
schuldsbeweise, sämtliche den Strafgefangenen auf der Teufelsinsel begünstigenden Zeugenaussagen ver¬ 
deckte und es auch beschlossen hatte, mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Gerechtigkeit Genüge ge¬ 
schähe?“ (94) 

(93), (94) und (96) Abt Brugerette, op.cit., II, S.443, 444, 448. 


An vorderster Front jener Presse standen, wie wir gesehen haben, die mit Hilfe des Jesuitenpaters du Lac 
geschaffene „La Libre Parole“ (erkl.: „Das Freie Wort“) und die „La Croix“ des „Assumptionisten“ Pater Bailly. 
Der Orden der „Assumptionisten“, ein getarnter Zweig der Societas Iesu - auf ihn haben wir die Inan¬ 
griffnahme und Durchführung der Anti-Dreyfuß-Kampagne zurückzuführen. 

Ein nicht sehr verdächtiger Zeuge, Pater Lecanuet (erkl: EdouardLecanuet), schreibt mutig: „Die Historiker 
der Affäre haben die Kongregationen (Ordensgemeinschaften) und insonderheit die Jesuiten entlarvt. Und wir 
müssen diesmal zugeben, dass die Jesuiten in sehr unüberlegter Tollkühnheit (Waghalsigkeit) den ersten 
Schuss abgaben.“ (95) 

(95) Pater Lecanuet, „Les signes avant-coureurs de la Separation“ („Die Vorboten der Trennung“), S.179. 


„Die katholischen Regionalzeitungen, wie der so informative und weit verbreitete Lyoner »Nouvelliste«, 
werden sich fast alle an der düsteren Verschwörung gegen Wahrheit und Gerechtigkeit beteiligen. Es 
schien, als würde, das durchbrechende Licht aufzuhalten und die Öffentlichkeit im Dunkeln zu lassen, als 
Losung herumgereicht.“ (96) 


(93), (94) und (96) Abt Brugerette, op.cit., II, S.443, 444, 448. 









In Wirklichkeit brauchte man eine eigenartige Blindheit, um nicht hinter dem von „La Croix“ in Paris 
und den Provinzen veranstalteten Aufruhr die von Abt Brugerette erwähnte „Losung“ zu erkennen. Und 
man wäre auch sehr naiv, wüsste man nicht die Herkunft. (96a) 

(96a) Die Zeitung „La Croix“ wurde damals in großer Zahl publiziert. (Anmerkung d. Verfassers). 


Adrien Dansette des weiteren: „Der »Assumptionisten«-Orden in seiner Gesamtheit und samt ihm die 
Kirche sind es, die durch die »La Croix«-Kampagne entlarvt wurden. ... Pater Bailly prahlt damit, dass 
ihm der »Heilige Vater« zugestimmt hätte.“ (97) 

(97) Adrien Dansette, op.cit., S.277. 


In der Tat bestand über jene Zustimmung kein Zweifel! Waren nicht die Jesuiten, für die die „Assumpti- 
onisten“ ihren Namen hergaben, von ihrer Gründung an des Papstes politische Instrumente? Zum Lächeln 
ist doch die geschickt in Umlauf gebrachte Geschichte - die von apologetischen (die Lehren u. Ansichten verteidi¬ 
genden) Historikern aufgegriffen wird - dass Leo XIII. offensichtlich den „La Croix“-Leitem zur „Mäßi¬ 
gung geraten“ hätte. Ein uralter Trick, aber nach wie vor nicht uneffektiv. Es gibt heute immer noch eini¬ 
ge, die an eine Art „Unabhängigkeit“ des offiziellen Organs des Heiligen Stuhls glauben! 

Sehen wir nun, was in Rom selbst von der „Civiltä Cattolica“, der offiziellen Zeitschrift der Jesuiten, un¬ 
ter dem Titel „II Caso Dreyfus“ (Erkl.: „Der Fall Dreyfuß“) veröffentlicht wurde: 

„Die Judenemanzipation ist nunmehr das Ergebnis der so genannten Grundsätze von 1789 (der im ersten Jahr 
u. im Rahmen d. Frz. Revolution, am 26.8.1789 verkündeten Menschen- u. Bürgerrechte), deren Joch schwer auf dem gesamten 
französischen Volke lastet. ... Die Republik ist in jüdischer Hand und mehr hebräisch denn französisch. 

... Der Jude ist von Gott geschaffen worden, um, wo auch immer man Verrat vorbereitet, als Spion zu 
dienen. ... Nicht allein an Fran kr eich ist es, sondern auch an Deutschland, Österreich und Italien, die Ju¬ 
den aus der Nation auszuschließen. So werden in dem wiederhergestellten großen Einklänge früherer Zei¬ 
ten Nationen ihr verlorenes Glück wieder finden.“ (98) 

(98) „Civiltä Cattolica“ vom 5.Februar 1898. 


In den vorangegangenen Kapiteln haben wir eine kurze Zusammenfassung des „großen Einklanges“ und 
„Glücks“ gegeben, die die Nationen dort genossen, wo die Söhne Loyolas die Beichte hörten und die Kö¬ 
nige inspirierten. Wie wir eben erst gesehen haben, herrschte auch „Einklang“, als sie die Beichtväter und 
Ratgeber der Chefs des Generalstabs waren. 

Laut Abt Brugerette schmeckte General de Boisdeffre, Beichtkind von Jesuitenpater du Lac, dieselbe 
Bitternis wie viele andere vor ihm, die in gleicher Weise von diesen „Gewissensführem“ getäuscht wur¬ 
den. Die Geständnisse des Fälschers Henry ließen ihm keine andere Wahl als zurückzutreten. Als Mann 
von großer Ehre wird er seinerseits erklären, dass er »schändlich getäuscht« worden und jenen, die ihn 
kannten, klar sei, dass er aufgrund der »Verschwörung«, deren Opfer er sei, tiefe Verbitterung empfände. 
(99) 

(99) Abt Brugerette, op.cit., II, S. 435, 454. 


Und Abt Brugerette fügt hinzu, dass er „alle Verbindungen“ zu seinem einstigen Beichtvater abbrach 
„und es selbst ablehnte jenen zu sehen, als er starb“. 

Nach all dieser in der „Civiltä Cattolica“ geschriebenen und veröffentlichten Lektüre wäre es überflüs¬ 
sig, sich noch eingehender mit der Schuldhaftigkeit des Ordens zu befassen und wir können dem nur bei- 
pflichten, was Joseph Reinach damals schrieb: „Die diese dunkle Affäre ausgeheckt haben, sind, wie zu 
sehen, die Jesuiten. Und Dreyfuß ist ihnen lediglich Vorwand. Was sie wollen und auch zugeben, ist die 
Strangulierung (Überflüssigmachung) des Laienstandes und eine Neuausrichtung der Französischen Revolution 
... , die Abschaffung fremder Götter, der Dogmen von 1789 (der im ersten Jahr u. im Rahmen d. Frz. Revolution, am 
26.8.1789 verkündeten Menschen- u. Bürgerrechte).“ 




Das ist deutlich genug. Während aber allen Beweisen zum Trotz immer noch einige darauf beharren, 
dass es möglicherweise ein Missverständnis zwischen dem Papst und seiner Geheimarmee, zwischen den 
Absichten des einen und dem Handeln des anderen gegeben habe, ist es leicht, einer derartigen Spekulati¬ 
on ihre Haltlosigkeit nachzuweisen. Sehr aufschlussreich ist hier die Kausa Bailly (Prüfungsprozedurz. Seligspre¬ 
chung Baillys). 

Was ist in der „La Croix“ vom 29.Mai 1956 zu lesen? Nichts weniger als das: „Wie wir angekündigt 
hatten, ordnete Seine Eminenz (Hoheit [Kardinalsanrede]) Kardinal Feltin (Erkl.: * 1883, fi975) eine Untersuchung zu 
Pater Baillys Schriften an; er war der Begründer unserer Zeitschrift und der »Maison de la Bonne Presse« 
(des »Hauses der Guten Presse«). Hier nun der Wortlaut jener mit dem 15.Mai 1956 datierten Verordnung: 

»Wir, Maurice Feltin von Gottes Gnaden Erzbischof von Paris, Fegat des Apostolischen Stuhles (Legat d. 
Papstamtes), Kardinalpriester der Heiligen Römischen Kirche mit der Titel ki rche Sankt Maria vom Frieden 

(mit der ihm i. Rom zugewiesenen Kirche St.Maria vom Frieden; ERKL.: jeder Kardinal hat in Rom, zum Zeichen der engen Papstverbundenheit, 
seine Titelkirche, über die er praktisch aber nur Schirmherr ist). 

Betreffend das von der Kongregation (Ordensgemeinschaft) der Assumptionisten vorgelegte und von uns an¬ 
erkannte Vorhaben, die Kausa (Prüfungsprozedurz. Seligsprechung) des Ehrw. Dieners Gottes, Vincent de Paul 
Bailly, des Gründers von »Fa Croix« und »Bonne Presse«, in Rom einzuleiten. Betreffend Anordnungen 
... und Weisungen des Heiligen Stuhles hinsichtlich der Seligsprechung und der Untersuchung der Schrif¬ 
ten von Gottesdienern: Haben Wir beschlossen und beschließen: Jeder, der diesen Diener Gottes gekannt 
hat oder der uns etwas Besonderes über sein Feben berichten kann, hat uns dies wissen zu lassen. ... Je¬ 
der, der Geschriebenes dieses Dieners Gottes besitzt, hat uns dies vor dem 30.September 1956 zukommen 
zu lassen, seien es gedruckte Bücher, handschriftliche Notizen, seien es Briefe, Mitteilungen ... auch von 
ihm nicht geschriebene Anweisungen oder Bescheide, die er aber diktiert hat. ... Für alle diese Mitteilun¬ 
gen bestellen wir Hm. Domkapitular (den Kirchenbezirksgeistlichen) DuBois, Sekretär unseres Erzbistums (Kirchen¬ 
provinz-Hauptbistums) Und Glaubensanwalt (Prälat und Theologe in Einem, der die Wahrheit der vom Postulator [Beauftragten, der 
Priester ist u. während d. gesamtem Seligsprechungsverfahrens in Rom wohnt, um die Anliegen z. Seligsprechung bei den kirchl. Amtsstellen zl 
vertreten,] vorgelegten Punkte herauszufinden hat,) für den Einzelfall.«“ (100) 

(100) „La Croix“ vom 29.Mai 1956. 


Hier ist ein „Diener Gottes“ auf dem besten Wege, den wohlverdienten Föhn für seine treuen Dienste in 
Gestalt eines Heiligenscheins zu erhalten. Und was sein „Geschriebenes“ angeht, das derart sorgfältig er¬ 
forscht wurde, so wird der „Glaubensanwalt“ daraus wohl sehr vieles auswählen müssen. Hinsichtlich des 
„Gedruckten“ wird die Sammlung der „Fa Croix“-Nummern, v.a. zwischen 1895 und 1899, den erbau¬ 
lichsten Charakter vorlegen. 

„Ihre Haltung (der katholischen Zeitungen), und die der »Fa Croix« insonderheit, ist für alle Aufgeklär¬ 
ten und Aufrechten momentan Ausdruck dessen, was Paul Violet, katholisches Mitglied des Instituts 
(erkl.: vmti. Frz. Instituts), einen »unbeschreiblichen Skandal« nennt; und dieser Skandal hält in der Dreyfußaf- 
färe fest an schockierendstem Versagen, am Sich-Stellen und Verbrechen gegen die Wahrheit, Aufrichtig¬ 
keit und Gerechtigkeit. Er setzt fort: »Dies weiß der Römische Hof (Päpstliche Hof; erkl.: seit 1968„Päpstliches 
Haus“; Sitz u. Hofstaat d. Papstes) und wissen alle anderen Höfe in Europa.«“ (101) 

(101) Abt Brugerette, op.cit., S.443. 


Nur wusste es der Römische Hof besser als alle anderen! Wie wir 1956 sehen konnten, hatte er der 
frommen Heldentaten seines „Dieners Gottes“ nicht vergessen, dessen Seligsprechung er doch nunmehr 
vorbereitete. 

Zweifelsohne schrieb der Glaubensanwalt unserem künftigen „Heiligen“ jene berühmten Spendenlisten 
zugunsten der Witwe des Fälschers Henry zu, von denen Abt Brugerette sagt: „Betrachten wir heute jene 
Aufrufe, die Inquisition zurückzubringen, die Juden zu verfolgen, Dreyfußens Verteidiger zu ermorden, 
dann ist es, als hörte man die Wahnsinnsfantasien wilder und absurder Fanatiker. Nichtsdestotrotz werden 
uns diese von »Fa Croix« als erhebendes, erbauendes und froh stimmendes Spektakel dargeboten.“ (102) 


(102) Abt Brugerette, op.cit., II, S.450. 









All jene frommen, die Juden betreffenden Wünsche, hatte Pater Bailly zu seinen Lebzeiten nicht die 
Freude, sie durch besagte wilde Fanatiker, unter dem Hakenkreuz, verwirklicht zu sehen. Er konnte ledig¬ 
lich seine Freude haben an jenem „erhebenden, erbauenden und froh stimmenden Spektakel“ des Him¬ 
mels, wenngleich laut den Gelehrten und insbesondere laut dem „Engel der Schule“ (dem zentralen „göttlichen 
Boten“ d. „Schulwissenschaft“ Scholastik), dem Heiligen Thomas von Aquin, Spektakel jener Sorte dort oben recht 
verbreitet seien: 

„Damit den Heiligen die Seligkeit besser gefalle und sie Gott noch mehr dafür danken, dürfen sie die 
Strafen der Gottlosen vollkommen schauen. ... Die Heiligen werden ihre Wonne haben an den Qualen der 
Gottlosen.“ (Sancti de poenis impiorum gaudebunt.) (103) 

IP Pfl „Somme theol ogique“, im S upplement, XCIV, I, 3. 

IN DEUTSCH: Thomas v.Aquin|„Die katholische Wahrheit oder die theologische Summa des heiligen Thomas von Aquin“, Verlags=Anstalt 
vorm. G.J.Manz, Regensburg, 1886, im Supplement, XCIV, I. 


Wie zu sehen, hatte Pater Bailly, Gründer von „La Croix“, das Zeug zum Heiligen: die Unschuldigen 
verfolgen, die sich gegen ihn Wehrenden verfluchen, sie ermorden lassen, mit aller Macht an Lüge und 
Unrecht festhalten, Unfrieden und Hass schüren; das sind solide Ehrentitel in den Augen der Römischen 
Kirche, und wir können ihren Wunsch verstehen, dem Urheber dieser frommen Taten den Heiligenschein 
zu verleihen. 

Bliebe allerdings die Frage offen: War dieser »Diener Gottes« auch ein Wundertäter? Denn wie wir wis¬ 
sen, muss man, um sich eine derartige Beförderung zu verdienen, restlos überprüfte Wunder vollbracht 
haben. 

Welche waren die vom Leiter-Gründer der „La Croix“ vollbrachten Wunder? War es die Umwandlung 
für seine Leser von Schwarz in Weiß und Weiß in Schwarz? Eine Lüge als Wahrheit dargestellt zu haben 
und die Wahrheit als Lüge? Klar doch bestand ein größeres Wunder in der Tatsache, dass er, einen ersten 
Fehler begangen habend, und als dieser Fehler entdeckt wurde, Mitglieder des Generalstabs (und dann die 
Öffentlichkeit) davon überzeugte, dass es jenen zur „Ehre“ gereichen würde, die Beweise abzustreiten und 
so den Fehler in Machtmissbrauch zu verwandeln! „Errare humanum est, perserverare diabolicum.“ („irren 
ist menschlich, Beharren indes teufiisch.i) Jenem Sprichworte schenkte der „Diener Gottes“ hierbei kaum Beachtung. 
Statt sich von ihm leiten zu lassen, verbarg er es unter seiner Sutane (kath. Priesteroberbekleidung). Im Grunde 
genommen ist das „mea culpa“ (Aussprechen d. Worte „mea culpa“[„meine Schuld“] des allgemeinen u. öffentl. Sündenbekenntnis¬ 
ses „Confiteor“ [„ich bekenne“] zu Beginn d. Messe) für die einfachen Gläubigen und nicht für die Geistlichen, noch - 
wie wir eben gesehen haben - für die militärischen Führer, die jesuitische Beichtväter haben. 

Das Ergebnis war - wie gewünscht - das Hochlebenlassen von Parteileidenschaften (parteiischen Leidenschaf¬ 
ten) und die Spaltung der Franzosen. 

Lesen wir die Aussage des bedeutenden Historikers Pierre Gaxotte (erkl.: * 1895, fi982): „Die Dreyfußaffäre 
war der entscheidende Wendepunkt. ... Von Offizieren verhandelt, bezog sie die militärische Institution 
ein. ... Die Affäre weitete sich aus, wurde zum politischen Konflikt, spaltete Familien, zerschnitt Frank¬ 
reich. Ihre Wirkungen waren die eines Religionskrieges. ... Sie schuf Hass gegen die Offizierskorps (Offi¬ 
zierskörperschaftend. Regimenter) ... löste Antimilitarismus (d. grundlegende Ablehnung jeder Form militär. Rüstung) aus.“ (104) 

(104) Pierre Gaxotte, von der Französischen Akademie, „Histoire de Franpais“ („Geschichte des Französischen“, Flammarion, Paris, 1951, Bane 
II, S.516, 517). 

Wo wir an das Europa jener Zeit denken, an das mit Waffen überversorgte und von seinen zwei Verbün¬ 
deten (u. von seinen zwei durch d. so genannten „Dreibund“ [1881-1914] m. ihm Verbündeten, nämlich Österreich-Ungarn u. Italien,) umge¬ 
bene Deutschland, wo wir uns der Verantwortlichkeit des Vatikans für den Konflikt von 1914 (f. die durch d. 
Attentat von Sarajewo am 28.6.1914 ausgelöste internationale so genannte „Julikrise“, die über d. österr. Kriegserklärung an Serbien vom 
28.7. 1914 den i. Weltkrieg auslöste,) erinnern, können wir nicht glauben, dass die Verringerung der Stärke unseres 
(des frz.) militärischen Potentials nicht vorsätzlich war. 

Wie könnten wir übersehen haben, dass die „Dreyfußaffäre“ just im Jahre 1894, dem Jahr des franzö¬ 
sisch-russischen Zweiverbands (dem Jahr d. Wirksamwerdens d. militär. Vereinbarung des dem Dreibund entgegen gestellten frz.- 






russ. Zweiverbandes), begann. Die Sprecher des Vatikans äußerten sich damals sehr offen über das Abkommen 
mit einer „schismatischen“ („sich nicht unter d. Papst unterordnenden“) Macht, das in deren Augen ein Skandal war. 
Auch heute noch hat ein „Prälat Seiner Heiligkeit (d. Papstes)“, Monsignore Cristiani (erkl . Leon Cristiani, * 1879, 
fi97i), keine Scheu, zu schreiben: 

) 

(105) Msgr. (Monsignore) Cristiani, „Le Vatican politique“ („Derpolitische Vatikan“, Edition du Centurion, Paris, 1957, S.102). 


Für den ehrwürdigen Prälaten stellte der Dreibund (Deutschland, Italien, Österreich-Ungarn) keinerlei 
Bedrohung gegenüber niemandem dar und Frankreich ging fehl, angesichts eines derartigen Blockes nicht 
isoliert zu bleiben. Mit drei gegen einen wäre der „Coup“ einfacher gewesen und unser Heiliger Vater, der 
Papst, hätte nicht 1918 die Niederlage seiner Verfechter beklagen müssen. 


Abschnitt IV 


Kapitel 9 

Die Jahre vor dem Krieg - 1900-1914 


Wie also Abt Brugerette schrieb: „Unter dem Bild des Gekreuzigten, dem göttlichen Symbol des Ge¬ 
rechtigkeitsgedankens, hatte „La Croix“ all die Zeit leidenschaftlich am Werk der Täuschung und des 
Verbrechens gegen die Wahrheit, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit mitgewirkt.“ (106) 

(106) Abt Brugerette, op.cit., II, S.478. 


Die Gerechtigkeit trug am Ende dennoch den Sieg davon und Abt Fremont, der keine Furcht zeigte, in 
Bezug auf die Affäre den von Innozenz III. (erkl.: * 1160 / 61 , fi 2 i 6 ) geleiteten unheilvollen Kreuzzug gegen 

die Albigenser (ERKL.: „Albigenser“ ist d. Name d. Katharer, der bedeutendsten inoffiziellen Christi. Gruppe d. Mittelalters, i. ihrem Haupt- 
Verbreitungsgebiet Südfrankreich, wo sie sich auch mit am längsten hielten. Zentrum u. Namensgeber d. Albigenser war d. Stadt Albi. Sie vertra 
ten Armut, Absage an ird. Güter u. d. These von einem guten Schöpfer des Geistigen sowie einem bösen d. Leibes. Fast d. gesamte Adel zählte 
z. ihren Anhängern. Als d. Grafen v. Toulouse u. Foix sich gegen d. kath. Kirche u. d. König von Frankreich wandten, begann Papst Innozenz III. 
i.J. 1209 einen Kreuzzug gegen diese „Ketzer“, der bis 1229 dauerte und als „Albigenserkriege“ bekannt wurde. Die Albigenser wurden dabei 
brutal vernichtet u. weite Teile Südfrankreichs, dessen Zivilisation damals der anderer Teile Europas weit voraus war, in Schutt und Asche ge¬ 
legt. Kleine Gruppen retteten sich jedoch i. abgelegene Gegenden und trotzten der Inquisition bis ins 14. Jh.) ZU erwähnen, schien ein 
wahrer Prophet zu sein, als er sagte: 

„Die Katholiken siegen und denken nun, sie werden die Republik stürzen, aus Hass auf die Juden. Sie 
werden aber, so fürchte ich, nur sich selber stürzen.“ (107) 

(107) Agnes Siegfried: „L’Abbe Fremont“ ([„Abt Fremont“,] F.AIcan, Paris, II, S.163). 


Wo die Meinung aufgeklärt war, war in der Tat die Reaktion tödlich. Rane hatte nunmehr aus der Affäre 
gelernt, als er ausrief: „Die Republik wird die Macht der Kongregationen brechen oder stranguliert wer- 








den.“ Im Jahre 1899 wurde ein Ministerium „für die Verteidigung der Republik“ eingerichtet; Pater Picard 
(erkl.: Frangois Picard, *1831, fi903), dem Superior der „Assumptionisten“, Pater Bailly, dem Leiter der „La 
Croix“ sowie zehn weiteren Mitgliedern jenes Ordens wurde vor dem Zivilgericht Seine wegen Verlet¬ 
zung des Vereinsrechts der Prozess gemacht. Die Kongregation (Ordensgemeinschaft) der „Assumptionisten“ 
wurde aufgelöst. 

Ministerpräsident (Regierungschef) Waldeck-Rousseau (erkl.: Pierre Waideck-Rousseau, *1846, fi902) erklärte in einer 
am 28.Oktober 1900 in Toulouse gehaltenen Rede: „Aufgehoben, aber nicht unterdrückt, formierten sich 
die Orden aufs Neue, in größerer Zahl und kämpferischer; sie überziehen das Land mit dem Netz einer 
politischen Organisation, dessen Verknüpfungen unzählige sind und sehr dicht, wie uns eben erst ein Ge¬ 
richtsverfahren vor Augen geführt hat.“ 

Im Jahre 1901 schließlich tritt ein Gesetz in Kraft, das regelt, dass keine Kongregation (Ordensgemeinschaft) 
ohne Zulassung gebildet werden kann und dass jene, die letztere nicht innerhalb der gesetzlichen Frist 
einholen, automatisch aufgelöst werden. 

Diese ganz natürlichen Bestimmungen seitens staatlicher Stellen, deren Aufgabe es ist, die in ihrem Be¬ 
reich befindlichen Vereine zu übeiprüfen, wird man den Katholiken als unerträgliche Beleidigung darstel¬ 
len. Heißt es nicht: „Jedermann ist Herr in seinem Hause.“?; doch davon will die Kirche nichts wissen: für 
sie gelte das gemeine Recht nicht. 

Der Widerstand der Geistlichen gegen die Anwendung des Gesetzes würde hinreichend sein, um zu zei¬ 
gen, wie nötig es war. Dieser Widerstand wird die Regierung in ihrer Haltung nur bestärken, v.a. unter 
Minister Combes (erkl.: Emile Combes, *1835 , ti92iy, und Roms Unnachgiebigkeit, insbesondere, als Pius I. 

(Papst, 1 - 154/155 (?): falsch -kann nur Pius x., *1835, ti 914 sein!) die Nachfolge Leos XIII. antrat, wird das die Lehror¬ 
den aufhebende Gesetz von 1904 herbeiführen. 

Danach werden die Reibungen zwischen französischer Regierung und Heiligem Stuhl von Dauer sein. 
Übrigens geschah die Wahl des neuen Papstes unter bezeichnenden Umständen. 

Leo XT TT . (erkl: *i8io) starb am 20.Juli 1903. Das zur Benennung seines Nachfolgers zusammentretende 
Konklave (aus d. Kardinäien bestehende Gremium) stimmt nach mehreren Wahlgängen mit 29 Stimmen für Kardinal 
Rampolla (erkl.: Mariano Rampoiia Marchese de Tindaro, *1843, fi9i3) - 42 sind erforderlich, um gewählt zu werden -, 
als sich der österreichische Kardinal Puzyna (erkl.: JanMaurycyPawelPuzyna, *1842, fi9i perhebt und erklärt, dass 
Seine Apostolische (vom Papst beauftragte) Majestät, der Kaiser von Österreich und König von Ungarn (erkl: 

Franz Joseph /., *1830, fi 916), inspiriert sei, auf offiziöse (haibamti.) Weise gegen den Staatssekretär Leos XIII. 

(gegen Rampolla, den derzeit höchsten Geistlichen des Vatikans nach d. Papst sowie ersten offiziellen polit. u. allgemeinkirchl. Berater Leos 
xiii.; erkl.: gegen d. Kardinalstaatssekretär Leos xiii.) das Ausschlussveto auszusprechen. Kardinal Rampolla ist be¬ 
kanntermaßen pro-französisch. (108) 

(108), (109) und (110) Adrien Dansette, op.cit, S.317, 318, 319. 


Gewählt wird Kardinal Sarto (erkl.: Giuseppe Sarto; späterer Papst Pius x.). Durch das Manöver Österreichs, das, 
um die Kardinäle des Konklaves (d. Papstwahl-Gremiums) zu „inspirieren“, in die Rolle des Heiligen Geistes 
geschlüpft war, ist diese Wahl ein Sieg für die Jesuiten. Tatsächlich ist der als eine Mischung aus „Dorf¬ 
pfarrer und Erzengel mit feurigem Schwert“ beschriebene neue Pontifex nach den Vorstellungen des Or¬ 
dens der ideale Mann. Lesen wir, was Adrien Dansette dazu schreibt: 

„Wo wir den Papst lieben, schränken wir den Bereich, in dem er seinen Willen ausüben kann und muss, 
nicht ein.“ (109) 

(108), (109) und (110) Adrien Dansette, op.cit, S.317, 318, 319. 


Oder etwas aus seiner ersten Konsistorialrede (Rede vor d. Konsistorium [der Versammlung d. Kardinäle unter Vorsitz d. 
Papstes]): „Wir wissen, dass sich viele Menschen entrüsten, wo wir erklären, dass wir uns politisch betäti¬ 
gen. Jeder aber, der gerecht urteilen will, kann sehen, dass der von Gott mit höchster Autorität ausgestatte¬ 
te Oberhirte nicht das Recht hat, Politik vom Bereich des Glaubens und der Moral zu trennen.“ (110) 


(108), (109) und (110) Adrien Dansette, op.cit, S.317, 318, 319. 



Also erklärte Pius X., sobald er den Stuhl Petri bestiegen hatte (das Papstamt antrat), öffentlich, dass für ihn 
die Autorität des Papstes in jedem Bereich zu spüren sein müsse und dass politischer Klerikalismus (dass d. 
Drang d. Geistlichkeit nach mehr Einfluss im Staat u. i. dessen Politik) nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei. Auch 
wählte er als seinen Staatssekretär (rangersten offiziellen poiit. u. allgemeinerem. Berater) einen spanischen Prälaten, 
Monsignore Merry del Val (erkl.: Raffaeie Merrydei Val, *1865, fi930), achtunddreißigjährig und, wie er, leiden¬ 
schaftlich pro-deutsch und anti-französisch. Diese Geisteshaltung ist nicht überraschend, wenn wir im 
folgenden Abt Fremonts Worte lesen: 

„Merry del Val, den ich im Römischen Kolleg kennen gelernt hatte (i. d. Gregoriana kennen gelernt hatte; erkl.: seh 
1566 „Gregoriana“ u. Universität; auf Anregung von Ignatius v.Loyola 1551 als „Collegium Romanum“ [„Röm. Kolleg“] gegründete päpstl. Univer 
sität i. Rom), war der »Lieblingsschüler« der Jesuiten.“ (111) 

(111) Agnes Siegfried, op.cit., S.342. 


Die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Fran kr eich bekamen die Auswirkungen jener Wahl 
bald zu spüren. Was als erstes zum Konflikt führte, war die Ernennung von Bischöfen durch die Zivilge¬ 
walt. 

„Vor dem Krieg von 1870 / 71 erfuhr der Heilige Stuhl die Namen der neuen Bischöfe erst nachdem 
diese ernannt worden waren. Der Papst behielt sich das Recht vor, so er jemand für ungeeignet hielt, die¬ 
sen durch Verweigerung der kirchlichen Weihe nicht mehr Bischof sein zu lassen. In der Tat waren die 
Schwierigkeiten enorm, da die Regierungen unter jeglicher Regierungsform sorgsam darauf achteten, dem 
bischöflichen Amte würdige Kandidaten zu wählen.“ (112) 

(112) Adrien Dansette, op.cit., S.323. 


Sobald Pius X. Papst war, lehnte Rom die meisten Ernennungen neuer Bischöfe ab. Zudem war der 
Nuntius in Paris, Lorenzelli (erkl.: Benedetto Lorenzein, * 1853, fi915), wie uns Adrien Dansette wissen lässt, „ein 
Theologe, der sich in die Diplomatie verirrt hat und eine fanatische Feindseligkeit gegen Fran kr eich“ Heg¬ 
te. Mancher wird sagen: „Halt wieder einer von denen!“ Doch lassen sich bei einer derartigen Wahl für 
einen derartigen Posten die Absichten der Römischen Kurie gegenüber unserem Land (Frankreich) schwerlich 
übersehen. 

Diese systematische Feindseligkeit hatte vor, sich im Jahre 1904 noch unübersehbarer zu zeigen, als sich 
Loubet, Präsident der Republik, nach Rom begab, um den ihm vor einiger Zeit vom König von Italien, 
Viktor Emanuel (erkl.: Viktor Emanuei in., *1869, fi947), abgestatteten Besuch zu erwidern. 

Auch wünschte Loubet (erkl.: Emile Loubet, *1838, fi929), vom Papst empfangen zu werden. Die Römische 
Kurie aber holte ein angebliches, „unabänderliches Protokoll“ hervor: „Der Papst könne kein Staatsober¬ 
haupt empfangen, das mit der Abstattung eines Besuchs beim König von Italien in Rom offensichtlich die 
»widerrechtliche Aneignung« jenes alten Kirchenstaates als rechtmäßig anerkenne.“ Doch gab es Präze¬ 
denzfälle: zweimal, im Jahre 1888 und 1903 ist ein Staatsoberhaupt - und kein geringes - in Rom vom 
König und vom Papst empfangen worden. Besagter Besucher war freilich nicht Präsident einer Republik, 
sondern der deutsche Kaiser Wilhelm II. (erkl.: *1859, fi94i). ... Die gleiche Ehre ist Eduard VII. (erkl.: *1841, 
fi9i0), König von England, sowie dem Zaren erwiesen worden. 

Die beleidigende Absicht jener Weigerung war unverkennbar und wurde durch eine vom Staatssekretär 
(derzeit höchsten Geistlichen des Vatikans nach d. Papst sowie ersten offiziellen poiit. u. allgemeinkirchl. Papstberater) Merry del Val der 
verschiedenen Kanzleien (Regierungsbehörden) zugesandte Note (förmi. schrifti. Mitteilung) noch betont. Ein katholi¬ 
scher Autor, Charles Ledre, schrieb unlängst hierzu: 

„Konnte der päpstlichen Diplomatie das maßgebliche Ziel, das hinter dem Rombesuch Präsident Lou- 
bets in der Tat gerade Gestalt annahm, verborgen geblieben sein?“ (113) 

(113) Charles Ledre: „Un siede sous la tiare“ („Ein Jahrhundert unter der Tiara“, Katholische Amiot-Dumont-Bibliothek [Bibliotheque catholique 
Amiot-Dumont], Paris). 


Natürlich wusste der Vatikan von dem Plane der Trennung Italiens von seinen Dreibundpartnem: von 
Deutschland und Österreich-Ungarn, diesen zwei deutschen Mächten, die die Römische Kirche als ihre 



besten weltlichen Arme ansah. Darin lag der Hund begraben und lag der eigentliche Grund für die häufi¬ 
gen Zomesausbrüche des Vatikans. 

Zu anderen Auseinandersetzungen kam es hinsichtlich französischer Bischöfe, die Rom zu republika¬ 
nisch waren. Ermüdet von den andauernden aus der Nichteinhaltung der Konkordatsvereinbarungen durch 
den Vatikan erwachsenden Schwierigkeiten, machte die französische Regierung am 29.Juli 1904 den 
„durch den Heiligen Stuhl ihres Inhaltes beraubten Beziehungen“ schließlich ein Ende. 

Dass der Abbruch der diplomatischen Beziehungen bald darauf zur Trennung von Kirche und Staat führ¬ 
te, war zwangsläufig. 

„Wir finden es heute normal“, schrieb Adrien Dansette, „dass die diplomatischen Beziehungen zum Hei¬ 
ligen Stuhl von Frankreich aufrechterhalten und dass Staat und Kirche in Trennung leben sollten. Diplo¬ 
matische Beziehungen sind notwendig, da Frankreich, unabhängig von jeglicher dogmatischer Betrach¬ 
tung und wo immer es seine Interessen zu wahren hat, vertreten sein muss. Trennung hingegen ist not¬ 
wendig, da in einer Demokratie, die sich auf die Souveränität eines in mehrere Überzeugungen geteilten 
Volkes gründet, der Staat der Kirche lediglich Freiheit schuldet.“ (114) Und der Autor fügt hinzu: „So ist 
zumindest die übliche Auffassung.“ 

(114) und (117) Adrien Dansette, op.cit., S.333, 361. 


Dieser vernünftigen Auffassung können wir nur beipflichten, ohne zu vergessen, freilich, dass das Papst¬ 
tum sie niemals billigen würde. Die Römische Kirche hörte nie auf, ihre eigene ganze Geschichte hin¬ 
durch ihre Vorrangstellung gegenüber der bürgerlichen Geschichte zu verkünden und in Ermangelung der 
Fähigkeit, diese in jüngerer Zeit öffentlich durchzusetzen, tat sie ihr Bestes, sie mithilfe ihrer geheimen 
Armee, der Societas Iesu, einzupflanzen. 

Damals war es übrigens, dass Pater Wemz (ERKL.: Franz Xaver Wernz, * 1842, fi9i4), General besagten Ordens, 

schrieb: „Der Staat untersteht der Jurisdiktion der Kirche; weshalb die säkulare Obrigkeit in der Tat der 

kirchlichen unterworfen ist und Gehorsam zu leisten hat. “1(115) 

(115) Pierre Dominique, op.cit., S.241. 


Das ist die Doktrin dieser unnachgiebigen Theokratieverfechter, Ratgeber sowie jener, die ihre Befehle 
ausführen, die sich im Vatikan in einem Maße unentbehrlich gemacht haben, dass es heute absolut unmög¬ 
lich wäre, auch nur den kleinsten Unterschied zwischen „schwarzem Papst“ und „weißem Papst“ auszu¬ 
machen; sie sind ein und dasselbe. Und wo wir uns auf die Politik des Vatikans beziehen, meinen wir 
schlichtweg die Politik der Jesuiten. 

Mit vielen anderen kompetenten Beobachtern gibt Abt Fremont es wie folgt zu: „Den Vatikan beherr¬ 
schen die Jesuiten.“ (116) 

(116) Agnes Siegfried, op.cit., S.421. 


In Anbetracht des absoluten Widerstandes der in der Kirche allmächtigen Jesuiten gegenüber der Repu¬ 
blik sieht sich der Staat genötigt, mit mehreren Änderungen, dem Trennungsgesetz von 1905 bis 1908 
Geltung zu verschaffen. Das Vermögen der Kirche und ihre Andachtshäuser zu verringern, sah dieses Ge¬ 
setz nicht vor. Die Gläubigen können sich unter der Feitung des Priesters in örtlichen Vereinigungen for¬ 
mieren. Was gedenkt nun Rom zu tun? 

„In der Enzyklika (ERKL:päpstl., als Rundschreiben verschickten Mitteilung) »Vehementer« (ERKL.: „Beklagenswert“) 

(11.Februar 1906) verdammte Pius X. den Grundsatz der Trennung als auch jenen hinsichtlich örtlicher 
Vereinigungen. Doch geht es ihm nur um die Grundsätze? (117) Wir werden es in Bälde sehen. Entgegen 
dem Rate des französischen Episkopats (Bischofskörpers) lehnt er in der Enzyklika »Gravis simo officii« (erkl.: 
„Die Schwere des Amtes“) am lO.August 1906 jede Einigung ab. 


(114) und (117) Adrien Dansette, op.cit., S.333, 361. 










Für die liberalen Katholiken eine weitere Enttäuschung: „Wenn ich bedenke“, ruft Brunetiere (erkl.: Fer¬ 
dinand Brunetiere; frz. Literaturhistoriker, * 1849, fi906) aus, „dass man, obwohl man weiß, dass das einen Religionskrieg 
in unser den Frieden so sehr brauchendes armes Land bringen wird, dennoch den französischen Katholi¬ 
ken verwehrt, was man den deutschen Katholiken zugesteht, dass dort die „örtlichen Vereinigungen“ seit 
dreißig Jahren zu jedermannes Zufriedenheit funktionieren, dann bleibt mir als Patriot und Katholik nur 
noch, höchst ungehalten zu sein.“. (118) 

(118) Adrien Dansette, op.cit., S.363. 


Bei einer Aufnahme (Bestandsaufnahme) der Kirchengüter kam es in der Tat zu Widerständen, aber nicht 
zum Religionskrieg. ... Als die Kirche, statt sich den gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen 
zu fügen, lieber dem Staat einen Teil ihres Besitzes zurückgab, sorgten zwar die Ultramontanen für Unru¬ 
hen, doch die Bevölkerung als Ganzes blieb ruhig. 

Erfasste der Autor Brunetiere damals im Vollumfange den Grund für jene Unterschiedlichkeit, in der der 
Heilige Stuhl mit den französischen Katholiken und mit den deutschen Katholiken verfuhr? Der Erste 
Weltkrieg sollte dessen Bedeutung voll und ganz offenbar machen. 

Während die Jesuiten über die „Dreyfußaffäre“ erfolgreich an der Spaltung der Franzosen und Schwä¬ 
chung des Ansehens unserer (d. französischen) Armee arbeiteten, taten sie in Deutschland genau das Gegenteil. 

Bismarck, der in der Vergangenheit den „Kulturkampf“ gegen die katholische Kirche selber eingeleitet 
hatte, ihn überschüttete sie nun mit ihrem Wohlwollen. Dies teilt uns der katholische Autor Joseph Rovan 
mit und erklärt es auch: 

„Bismarck erhält als erster Protestant den »Christusorden« mit Brillanten, eine der höchsten Auszeich¬ 
nungen der Kirche. Die deutsche Regierung erlaubt den mit ihr konformen Zeitungen die Tatsache zu ver¬ 
öffentlichen, dass der Kanzler (ERKL.: = Reichskanzler; i. Dt.Reich [1871-1918] höchster vom Kaiser ernannter, allein verantwort!, u. 
einz. Minister, der d. Politik d. Reiches leitete u. d. Vorsitz i. Bundesrat führte; Otto Eduard Leopold, Fürst v. Bismarck, Herzog v.Lauenburg, 

*1815, fi898) die Bestrebungen des Papstes nach einer partiellen Wiederherstellung seiner weltlichen Autori¬ 
tät zu unterstützen bereit wäre.“ (119) 

(119) und (121) Joseph Rovan, op.cit., S.121, 150 ff. 


„Im Jahre 1886 stellte sich die katholische deutsche Zentrumspartei gegen die von Bismarck vorgelegten 
Militärprojekte. Als sich Leo XIII. in die deutschen inneren Angelegenheiten einmischte - zugunsten Bis¬ 
marcks. Sein Staatssekretär schrieb dem Nuntius in München: »In Anbetracht der bevorstehenden Überar¬ 
beitung der Religionsgesetze, die, so unsere begründete Annahme, in ausgleichender Weise stattfinden 
wird, wünscht der Heilige Vater, dass das »Zentrum« (d. Zentrumspartei) den Projekten des Militärs in jeder 
Hinsicht zur Seite stehe.“ (120) 

(120) Jean Bruhat: „Der Vatikan gegen die Völker” (Paralleles, 21 .Dezember 1950). 


Lesen wir von Joseph Rovan dies: „Die deutsche Diplomatie - eine alte Gewohnheit bereits - interve¬ 
niert beim Vatikan, der Papst solle Einfluss auf die (katholische) Zentrumspartei nehmen, um so die mili¬ 
tärischen Projekte zu begünstigen. ... Die deutschen Katholiken machen sich daran, von der großen »poli¬ 
tischen Mission« Deutschlands zu sprechen, die gleichzeitig eine universelle moralische Mission sei. ... 
Die Zentrumspartei zeichnet auch verantwortlich für das Sich-Hinziehen einer Herrschaft, die, angefangen 
von Schwächegejammer, militanten Reden, über Flottenaufrüstungen, bis hin zu zunehmend militanter 
(kämpferischer) werdenden Ansprachen, Deutschland schließlich in die Katastrofe führen wird. ... Überzeugt 
von der Aufrichtigkeit, Unschuld und moralischen Integrität der Führer ihres Landes, von der Überein¬ 
stimmung ihrer Ausrichtung und ihrer Pläne mit den Plänen zur ewigen Gerechtigkeit, tritt die Zentrums¬ 
partei in den Krieg (von 1914) ein.“ (121) 


(119) und (121) Joseph Rovan, op.cit., S.121, 150 ff. 






Wie man sieht, hatte das Papsttum, um diese Überzeugung einzupflanzen, das Nötige getan. Wie es üb¬ 
rigens Monsignore Frühwirth (erkl.: Andreas Frühwirth, *1845, fi933) 1914 aussprach: 

„Deutschland ist es, in das der Heilige Vater große Hoffnungen setzen kann und muss.“ 


Abschnitt V 

Der Teufelskreis 


Kapitel 1 

Der Erste Weltkrieg 


Der im Vatikan durch den französisch-russischen Zweiverband erzeugten und in der Dreyfußaffäre der¬ 
art sichtbaren Wut, dem Ärger, den das französisch-italienische Zusammengehen heraufbeschwor und von 
dem der Loubet-Zwischenfall klar Zeugnis abgab, wurde ein durch die Entente Cordiale mit England (durch 

die seit 1904 bestehenden bündnisähnl. Beziehungen zwischen Großbritannien u. Frankreich zum Zwecke militär. Absprachen f. d. Fall eines 
Krieges gegen d. Dt.Reich; ERKL.: „Herzt. Einvernehmen m. England“) verursachter bitterer Groll noch hinzugefügt. Frank¬ 
reich war fest entschlossen, seinem „schwierigen Nachbarn“ sowie Österreich-Ungarn gegenüber nicht 
alleine da zu stehen. Die Monsignore Cristiani zufolge derart „blinde und unüberlegte“ Politik (Politik Frank¬ 
reichs) wurde vom katholischen Allerheiligsten für äußerst ungünstig befunden. Denn besagte Politik war 
neben der Gefährdung der „völligen Ausblutung“, die Fran kr eich bräuchte, eine unbezahlbare Unterstüt¬ 
zung des schismatischen Russlands, dieses verlorenen Schafes, für dessen Rückkehr in die römisch- 
katholische Gemeinde man die Hoffnung nie aufgegeben hatte, auch wenn ihre Vollendung einen Krieg 
bedeuten dürfte. 

Die orthodoxe Kirche aber blieb auf dem Balkan vorerst fest im Sattel, vor allem in Serbien, das der den 

Balkankonflikt (die zwei Balkankriege von 1912-13 zwischen d. „christlichen“ Balkanstaaten u. d. Türkei, die dabei bis auf einen kleinen 
Teil von Thrakien ihre europäischen Besitzungen verlor,) beendende Vertrag von Bukarest (Bukarester Friedensschluss vom 
10 . 8 . 1913 , der den Zweiten Balkankrieg beendete,) zu einem Anziehungspunkt der Südslawen machte, und insbesonde¬ 
re jener unter dem Joche Österreichs. Die ehrgeizigen Pläne des Vatikans und der apostolische Imperia¬ 
lismus (vom Papst beauftragte Großmachtsdrang) der Habsburger befanden sich wie bisher in völligem Einklang. 

Für Rom und Wien etikettierte die wachsende Stärke Serbiens dieses als den zu besiegenden Feind. 

In der Tat begründet dies ein in den österreichisch-ungarischen Archiven gefundenes diplomatisches 
Dokument; es unterrichtet den österreichischen Minister Berchtold (erkl.: Leopold Graf Berchtoid, *1863, ti942) 
Über die Gespräche, die Fürst Schönburg (ERKL.: Alois Fürst Schönburg-Ftartenstein; dt.-österr. General u. Politiker, *1858, 
ti944) im Oktober-November 1913 im Vatikan führte: 

„Bei den in der vergangenen Woche zunächst mit dem Kardinalstaatssekretär (höchsten Geistlichen d. Vatikans 
nach d. Papst sowie ersten offiziellen polit. u. allgemeinkirchl. Berater d. Papstes,) |Merry del Val) besprochenen Themen wur¬ 
de, wie zu erwarten war, die Serbienfrage angeschnitten. Als erstes brachte der Kardinal seine Freude über 
unsere feste und opportune (d. jeweiligen Situation angepasste) Haltung der letzten Monate zum Ausdruck. Wäh¬ 
rend der Audienz, die ich an jenem Tage bei Seiner Heiligkeit, dem Heiligen Vater, hatte, der das Ge¬ 
spräch mit der Erwähnung unserer in Belgrad unternommenen energischen Schritte begann, machte er 


einige charakteristische Bemerkungen: »Besser wäre freilich gewesen“, sagte Seine Heiligkeit, „hätte Ös¬ 
terreich-Ungarn die Serben bestraft, für all die Untaten, die sie begangen haben.«“ (1) 

(1) Politisches Archiv (P.A.), XI, 291. 


Und so wurden bereits 1913 die militanten Gefühle Pius’ X. klar zum Ausdruck gebracht. Daran ist, zie¬ 
hen wir die Inspiratoren der römischen Politik in Betracht, nichts Überraschendes. 

„Was blieb den Habsburgem zu tun? Serbien - eine orthodoxe Nation - zu züchtigen. Das Ansehen Ös¬ 
terreich-Ungams, dieser Habsburger, die mit Spaniens Burbonen der Jesuiten letzte Unterstützer waren, 
und insbesondere das Ansehen des Thronfolgers Franz Ferdinand (erkl.: * 1863, [1914), ihres Verbündeten, 
würde stark gehoben. Für Rom erlangte die Angelegenheit fast religiöse Bedeutung; ein Sieg der apostoli¬ 
schen (vom Papst beauftragten) Monarchie über den Zarismus könnte als Sieg Roms über das östliche Schisma 
gesehen werden.“ (2) 

(2) und (3) Pierre Dominique, op.cit., S.245, 246, 250. 


Allerdings zog sich die Angelegenheit durch das ganze Jahr 1913. Doch am 28.Juni 1914 wurde in Sara¬ 
jewo Erzherzog Franz Ferdinand ermordet. Die serbische Regierung hatte mit diesem von einem mazedo¬ 
nischen Studenten begangenen Verbrechen nichts zu tun, doch war es für Kaiser Franz Joseph (erkl.: Franz 
Joseph /.; Kaiser von Österreich u. König von Ungarn, *1830, fi9i6) ein hervorragender Grund, mit Feindseligkeiten zu 
beginnen. 

„Graf Sforza (erkl: Carlo [Karl] Graf Sforza; "1872, fi952) behauptet, das vorrangige Problem sei gewesen, Franz 
Joseph von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Der Rat des Papstes und seines Sekretärs 
seien das gewesen, was ihn am besten hätte beeinflussen können.“ (3) 

(2) und (3) Pierre Dominique, op.cit., S.245, 246, 250. 


Selbstverständlich erging besagter Rat an den Kaiser und dergestalt wie er von diesem Papste und sei¬ 
nem Sekretär, „dem Lieblingsschüler der Jesuiten“, zu erwarten war. Während Serbien versuchte, durch 
Eingehen auf sämtliche Wünsche der österreichischen Regierung, die Belgrad eine Drohnote (förmi. schrifti. 
Mitteilung einer Drohung) zugesandt hatte, einzugehen, übergab der österreichische Vertreter beim Vatikan, Graf 
Pälffy, seinem Minister Berchtold am 29.Juli eine Zusammenfassung der Gespräche, die er am 27. mit 
Kardinalstaatssekretär Merry del Val hatte; Thema besagter Unterredung seien „die großen Fragen und 
Probleme, die Europa heute beschäftigen“, gewesen. 

Höhnisch weist der Diplomat die „menschliche Phantasie“ hinsichtlich der angeblichen Intervention des 
Papstes zurück, der sich doch „mit der Bitte an Seine k.u.k. Apostolische (vom Papst beauftragte) Majestät ge¬ 
wendet hätte, den christlichen Völkern die Schrecknisse eines Krieges zu ersparen“. Die besagten „gedan¬ 
kenlosen“ Vermutungen abgehandelt habend, legt er somit die „wahre Denkart der Kurie“ dar, wie sie ihm 
der Staatssekretär vermittelt hatte: 

„Von einer besonderen Milde oder Versöhnlichkeit war aber in den Bemerkungen Seiner Eminenz (Papst 
Pius des x.) Nichts zu fühlen. Die an Serbien gerichtete Note, die er als äußerst scharf bezeichnete, billigte er 
trotzdem rückhaltlos und gab gleichzeitig indirekt der Hoffnung Ausdruck, dass die Monarchie durchhal¬ 
ten werde. Freilich meinte der Kardinal, sei es schade, dass Serbien nicht schon viel früher »klein ge¬ 
macht« worden sei, denn damals wäre dies vielleicht ohne einen so großen Einsatz an unübersehbaren 
Möglichkeiten durchführbar gewesen, wie heute. Diese Äußerung entspricht auch der Denkungsart des 
Papstes, denn im Verlauf der letzten Jahre hat Seine Heiligkeit mehrmals das Bedauern geäußert, dass 
Oesterreich-Ungarn es unterlassen habe, seinen gefährlichen Nachbar an der Donau zu »züchtigen«.“ (4) 

(4) „Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs“, 26, Wien-Leipzig, 1930, S.893, 894. 


Zugegebenermaßen ist dies das genaue Gegenteil zu „der menschlichen Phantasie“ hinsichtlich einer 
päpstlichen Intervention zugunsten des Friedens. 


Dabei ist der österreichische Diplomat auch nicht der einzige, der Bericht erstattet, über die „wahre 
Denkart“ des Römischen Bischofs (d. Papstes) und seines Sekretärs. 

Tags zuvor, am 26 Juli (erkl.: falsch: richtig: Drei Tage zuvor, am 24 . 7 . r 1914 H). hatte der bayrische Vatikange¬ 
sandte Baron Ritter an seine Regierung geschrieben (erkl.: teiegraf.): 

„Papst billigt scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien und schätzt im Kriegsfälle mit Deutschland 
russische und französische Armee nicht hoch ein. Karsek (erkl.: Abk. f. „Kardinalstaatssekretär“) hofft ebenfalls, 
dass Österreich diesmal durchhält, und wüsste nicht, wann es sonst noch Krieg führen sollte, wenn es 
nicht einmal ausländische Agitation, die zum Morde des Thronfolgers geführt hat und außerdem bei der 
jetzigen Konstellation Österreichs Existenz gefährdet, entschlossen ist, mit Waffen zurückzuweisen.“ (5) 

(5) Diese Mitteilung findet sich in „Bayerische Dokumente zum Kriegsausbruch“, Band 3, S.205. 


Der Heilige Stuhl war sich demnach der „unübersehbaren Möglichkeiten“ vollends bewusst, die eine ös¬ 
terreichisch-serbische Auseinandersetzung in sich barg, tat aber dennoch, um letztere zu begünstigen, alles 
in seiner Macht Stehende. 

Das den „christlichen Völkern“ drohende Leid kümmerte weder den Heiligen Vater noch seine jesuiti¬ 

schen Ratgeber! Es war nicht das erste Mal, dass diese Nationen für die Zwecke der römischen Politik 
herhalten mussten. Endlich war sie gekommen, die herbeigesehnte Gelegenheit für den Einsatz des deut¬ 
schen weltlichen Armes gegen das orthodoxe Russland, das „gottlose“ Frankreich, das eine „völlige Aus¬ 
blutung“ brauchte, und, als Zugabe, gegen das „ketzerische“ England. Alles schien einen „lebhaften und 
freudigen“ Krieg zu versprechen. 

Dessen Entwicklung und Ergebnis, beide im Widerspruch zum Vorhergesagten Pius X., erlebte letzterer 
nicht. Er starb zu Kriegsbeginn, am 20.August 1914. Vierzig Jahre später aber wurde der ehrwürdige 
Papst durch Pius XII. kanonisiert (heilig gesprochen), und der für den Kirchenkatechismus (kath. Katechismus) ver¬ 
wendete „Precis d’Histoire sainte“ (Grundriss der Heiligengeschichte) (erkl.: verfasstu. herausgegeben von den 
Maristen; Lyon, 1909) widmete ihm diese erhebenden Worte: 

„Pius X. tat alles, um den Beginn des Krieges von 1914 zu verhindern und starb voller Schmerz ange¬ 
sichts des Leides, das dieser Krieg bringen würde.“ 

War dies Satire, so hätte sie in besserer Weise nicht formuliert werden können! 

Wenige Jahre vor 1914 sagte Yves Guyot (erkl.: frz. Schriftsteller, *1843, fi928), ein wahrer Prophet: „Wenn je¬ 
mals der Krieg ausbricht - hört es wohl, ihr Frauen, die ihr beichten geht, ihr Männer, die ihr die Kirche 
als eine Bürgschaft für Ordnung und Frieden betrachtet, und ihr Einfältigen, die ihr glaubt, der Weihwedel 

könne Brände verhüten und auslöschen - wenn je der Krieg ausbricht, so suchet die Verantwortlichkeit 

nirgends anders als im Vatikan: er wird dafür verantwortlich sein, wie er auch verantwortlich ist für den 

Krieg von 1870!“ (6) 

(6) Yves Guyot: „Bilan social et politique de l’Eglise“, S.139. 

IN DEUTSCH: Yves Guyot: „Soziale und politische Bilanz der römischen Kirche“, S.76. 


Der Vatikan, Initiator des Abschlachtens, beabsichtigte diesmal nicht weniger hinterhältig seine öster¬ 
reichisch-deutschen Verfechter den ganzen Krieg hindurch zu unterstützen. Die Truppen, die der deutsche 
Kaiser sich brüstete, nach Fran kr eich schicken zu wollen, brachte man an der Marne zum Stehen und 
schlug den Aggressor nach jedem seiner heftigen Angriffe in die Defensive zurück. Die päpstliche Diplo¬ 
matie aber ließ dem Kaiser letztlich alle erdenkliche Hilfe zukommen, was nicht überrascht, bedenkt man, 
dass die göttliche Vorsehung das Begünstigen der Mittelmächte (Deutschlands, Österreichs u. ihrer Verbündeten i. 

1. Weltkrieg; ERKL.: i. d. Mitte zwischen den Alliierten liegend) ZU lieben schien. 

In der Tat war der als pro-französisch geltende - und aus diesem Grunde auf ein Veto Österreichs hin 
vom päpstlichen Throne ausgeschlossene - Kardinal Rampolla nicht mehr unter jenen, die hätten Papst 
werden können, da er wenige Monate vor Pius X. gestorben war, ein, wie es scheint, sehr gelegener Tod. 

Doch dies soll nicht das Eingreifen „Gottes“ in seiner Gesamtheit gewesen sein: Wie er es versprochen 
hatte, ernannte der neue Papst Benedikt der XV. (erkl.: *1854, fi922) noch vor Stattfinden der Abstimmung 
Kardinal Ferrata (erkl.: Domenico Ferrata, *1847, fi9i4) zum Staatssekretär. 





















Doch hatte der Kardinal (7) gar nicht erst die Zeit, seinen neuen Posten richtig anzutreten. Er war gegen 
Ende September 1914 gerade erst in das Sekretariat eingezogen, als ER am 20.Oktober nach der Einnah¬ 
me eines „IMBISSES“ einem furchtbaren Unwohlsein zum Opfer fiel und PLÖTZLICH STARB. 

(7) Er war den Jesuiten nicht freundlich gesinnt. 


„Er saß gerade an seinem Schreibtische, als ihm unvermittelt speiübel wurde. Wie vom Blitz getroffen 
stürzte er zu Boden. Die Bediensteten eilten ihm zu helfen. Der unverzüglich herbeigerufene Arzt erfasste 
sofort den Emst der Lage und bat um rasche Rücksprache. Was Ferrata betraf, so hatte er bereits verstan¬ 
den und wusste, dass es keine Hoffnung gab. ... Er ersuchte inständig, dass man jenen zum Sterben nicht 
im Vatikan beließe. ... Ohne Verzug kam es zu der ärztlichen Rücksprache mit sechs Medizinern in sei¬ 
nem Hotel. ... Ein ärztliches Bulletin (ärztt. Schreiben in Form eines Berichts überd. Zustand des Kranken f. d. Facharzt; ERKL.: 
Krankenbericht über eine Person d. öffenti. Lebens) anzufertigen, lehnten sie ab; ein solches erschien dann doch, aber 
ohne Unterschriften.“ (8) Wonach er zuletzt an keinerlei Krankheit oder Gebrechlichkeit gelitten habe. 

(8) und (9) Abt Daniel: „Le bapteme de sang“, („Die Bluttaufe“, Ed. de l’ldee Libre, Herblay, 1935, S.28-30). 


„Das Aufsehen, das dieser Tod erregte, war derart, dass sich eine Untersuchung seiner Ursache nicht 
vermeiden ließ. Deren Ergebnis: in dem Büro sei ein Glas zu Bruch gegangen. Dieserart erklärte man ganz 
einfach das Vorhandensein zerstoßenen Glases in der vom Kardinal verwendeten Zuckerdose. Wozu Kris¬ 
tallzucker so nütze ist! Damit wurde die Untersuchung beendet. ... “ (9) 

(8) und (9) Abt Daniel: „Le bapteme de sang“, („Die Bluttaufe“, Ed. de l’ldee Libre, Herblay, 1935, S.28-30). 


Abt Daniel fügt hinzu, dass wenige Tage später die plötzliche Abreise des Dieners des verstorbenen 
Kardinals nicht wenige Bemerkungen nach sich gezogen haben soll, v.a. da er offenbar, bevor sein Herr 
die Weihe (Priesterwürde) empfangen habe, der Diener von Monsignore von Gerlach gewesen sei. Dieser 
deutsche Prälat und berüchtigte Spion soll 1916 aus Rom geflohen sein: er sei im Begriff gewesen, verhaf¬ 
tet und angeklagt zu werden wegen Sabotage des italienischen Schlachtschiffes „Leonardo da Vinci“, das 
zusammen mit 21 Offizieren und 221 Matrosen im Golf von Tarent explodiert sei. „1919 kam es zur Wie¬ 
deraufnahme seines Verfahrens. Von Gerlach erschien nicht und wurde zu zwanzig Jahren harter Arbeit 
verurteilt.“ (10) 

(10), (11) und (13) Abt Brugerette, op.cit., III, S.553, 528, 529. 


Durch das Beispiel dieses „Ehrenkämmerers“ (päpsti. Finanzbeamten; erkl.: Geheimkämmerers) und Herausgebers 
des „Osservatore Romano“ bekommen wir eine klare Vorstellung von der Geisteshaltung in den höheren 
Sphären des Vatikans. 

Es ist wieder Abt Brugerette, der das „Gefolge des Heiligen Stuhls“ beschreibt: „Professoren oder Geist¬ 
liche, es gibt keinerlei Hindernis, das sie abhält von ihrem Bestreben, dem italienischen Klerus und der 
katholischen Welt in Rom Respekt und Bewunderung für die deutsch-österreichische Armee, Hass und 
Verachtung für Frankreich einzuschärfen.“. (11) 

(10), (11) und (13) Abt Brugerette, op.cit., III, S.553, 528, 529. 


Ferrata, der für Neutralität war, war zur rechten Zeit gestorben und Staatssekretär wurde Kardinal 
Gasparri (erkl.: Pietro Gasparri, * 1852, fi934)] in völliger Übereinstimmung mit Benedikt XV. tat dieser sein Bes¬ 
tes, den Interessen der Mittelmächte zu dienen. 

„In anbetracht all dessen ist es nicht mehr überraschend, dass Papst Benedikt XV. in den nächsten Mo¬ 
naten hart daran arbeitete, Italien auf dem Interventionskurs zu halten, der den mit den Habsburgern be¬ 
freundeten Jesuiten den größten Dienst erweisen würde. ... “ (12) 


(12) Pierre Dominique, op.cit., S.252. 



Gleichzeitig wurde der Kampfgeist der Alliierten auf raffinierte Weise untergraben. 

„Am 10.Januar 1915 ordnete ein von Kardinal Gasparri, dem Staatssekretär Benedikts XV., unterschrie¬ 
benes Dekret an, zur Beschleunigung des Friedens einen Gebetstag abzuhalten. ... Eine der Frömmigkeits- 
Pflichtübungen war das Rezitieren eines von Benedikt XV. höchstselbst verfassten Gedichts. ... Die fran¬ 
zösische Regierung gab Order, das päpstliche Dokument einzuziehen. Zu einer Zeit, wo die deutschen 
Horden soeben den unaufhaltsamen Druck spürten, der unser Land von ihnen befreien würde, und wo sich 
dem Kaiser die furchtbare Strafe ankündigte, die seine unentschuldbaren Verbrechen verdienten, sah man 
in diesem Friedensgebet eine aufweichende und zersetzende Bekundung, dazu geeignet, unsere Armeen 
zu entmotivieren. ... Der Papst, so sagte man, habe Frieden um jeden Preis gewollt, der zu jener Zeit nur 
zugunsten der Mittelmächte habe sein können. Der Papst könne Fran kr eich nicht ab; er sei »deutsch«.“ 

(13) 

(10), (11) und (13) Abt Brugerette, op.cit., III, S.553, 528, 529. 


Charles Ledre, ein anderer katholischer Autor, bestätigt: „Bei zwei in einigen wohlbekannten Artikeln 
der »La Revue de Paris« erwähnten Gelegenheiten forderte der Heilige Stuhl Italien und später die Verei¬ 
nigten Staaten auf, sich aus dem Kriege herauszuhalten und zeigte dieserart, dass er nicht allein ein ra¬ 
scheres Ende des Konfliktes wünschte. ...Abt Brugerette zufolge habe dies den Interessen unserer Feinde 
gedient und uns entgegengearbeitet.“ (14) 

(14) Charles Ledre, op.cit., S.154. 


Das Wirken aber der Jesuiten, und somit des Vatikans, war nicht nur in Italien und den Vereinigten 
Staaten zu spüren. Recht ist ihnen jegliches Mittel, jeder Ort. 

„Verwunderlich ist es also nicht, zu sehen, wie die päpstliche Diplomatie von Beginn an eifrig unsere 
Lebensmittelversorgung behindert; die Neutralen davon abbringt, sich an unsere Seite zu stellen, um die 
die »Entente« (Mitteimächtegegner) zusammenhaltenden Bande zu zerstören. ... Nichts wurde als zu unbedeu¬ 
tend angesehen, konnte es der großen Aufgabe zunutze sein und durch Hervorrufen so mancher Schwäche 
unter den Alliierten den Frieden herbeibringen. 

Es kam schlimmeres: das Drängen nach einem Separatfrieden (nureinseit. m. nur einem d. Gegner abgeschlossenen 
Frieden). Zwischen dem 2. und 10. Januar 1916 begaben sich einige deutsche Katholiken nach Belgien, um, 
wie sie sagten, im Namen des Papstes einen Separatfrieden zu propagieren. Die belgischen Bischöfe be¬ 
schuldigten jene der Lüge, Nuntius und Papst indes hüllten sich in Schweigen. ... 

Der Heilige Stuhl gedachte damals, Fran kr eich und Österreich zusammenzubringen in der Hoffnung, 
Frankreich unterschreibt einen Separatfrieden, oder zu fordern, es solle mit seinen Verbündeten einen all¬ 
gemeinen Frieden aushandeln. ... Wenige Wochen später, am 31.März 1917, übergab Prinz Sixtus von 
Burbon (ERKL.: Sixtus Prinz v.Burbon-Parma; belg. Offizier, * 1886, f1934) den berühmten Brief Kaiser Karls (ERKL.: Karl /., 
Kaiser von Österreich u. König von Ungarn, * 1881 , fl922) dem Präsidenten der Republik. 

Da diesseits der Alpen das Manöver fehlgeschlagen war, musste der Versuch unbedingt an anderer Stel¬ 
le wiederholt werden, in England, in Amerika und vor allem in Italien. ... 

Aufbrechen der weltlichen Kräfte der »Entente«, um ihre Offensiven zu stoppen, Zunichtemachen ihres 
moralischen Ansehens mit dem Ziel, ihr den Mut zu nehmen und Bedingungen aufzuzwingen. ... Diese 
zwei bilden die Politik Benedikts XV. und sämtliche Anstrengungen seiner Unparteilichkeit zielten und 
zielen weiter darauf ab, uns lahm zu legen.“ (15) 

(15) Louis Canet: „Die Politik Benedikts XV.“ (Revue de Paris, 15.Oktober und 1.November 1918). 


Soweit die Aussage des bekannten Katholiken Louis Canet; hören wir Abt Brugerette: 

„Wir erfuhren vier Jahre später nur, über Erzbergers ( erkl.: Matthias Erzberger; Politiker, * 1875, fi92i) in der »Ger¬ 
mania« vom 22.April 1921 erschienene Erklärungen, dass dem vom Papst im August 1917 bekannt 




gegebenen Friedensangebot ein »Geheimabkommen« zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland vo¬ 
rausging.“ (16) 

(16) Abt Brugerette, op.cit., III, S.543. 


Interessant auch, dass der Kirchendiplomat, der besagtes „Geheimabkommen“ aushandelte, der Nuntius 

in München, Monsignore Pacelli, späterer Papst Pius XII., war. 

Einer seiner Apologeten (Verteidiger), PJ Femesole (Jesuitenpater Fernesole; ERKL.: Pater der Jesuiten; Pierre Fernesole), 
schrieb: „Am 28.Mai (1917) legte Monsignore Pacelli dem bayrischen König seine Ernennungsurkunden 
vor. ... Er gab sich große Mühe, Wilhelm den II. und Kanzler Bethmann Hollweg (erkl.. Theobald v. Bethmann 
Hoiiweg, * 1856 , f?92pfür eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Am 29.Juni wurde Monsignore Pacelli von Kai¬ 
ser Wilhelm II. feierlich im Kreuznacher Hauptquartier empfangen.“ (17) 

(17) Hw.P.SJ Fernesole: „Pro Pontifice“ („Fürd. Pontifex“), Imprimatur 26.Juni 1947 (Beauchesne, Paris, 1947, S.15). 


Und somit begann der künftige Papst seine zwölf Jahre als Nuntius in München, später Berlin, in dem 
Willen, seinen Kurs fortzusetzen, denn während jener Jahre mehrte er die Intrigen zum Sturze der nach 
dem Ersten Weltkrieg gegründeten Deutschen Republik (gegründeten u. nach d. ersten Tagungsort d. Nationalversammlung 
benannten Weimarer Republik) und zur Vorbereitung der Revanche von 1939 durch die Inthronisierung Hitlers. 

Als aber die Alliierten im Juli 1919 den Versailler Vertrag (d. Friedensvertrag zwischen d. Dt.Reich u. d. Ententemäch¬ 
ten) Unterzeichneten, war ihnen die vom Vatikan in diesem Kriege gespielte Rolle derart bewusst, dass sie 
letztere sorgsam vom Konferenztisch fernhielten. Was noch mehr überrascht, ist, dass es der katholischste 
Staat, also Italien, war, der auf deren Ausklammerung bestand. 

„Durch den Artikel XV des Londoner Paktes (d. Londoner Vertrages vom 26.April 1915, i. dem d. Ententemächte Großbritan¬ 
nien, Russland u. Frankreich Italien f. d. Fall seines Kriegseintritts an d. Seite Großbritanniens u. Frankreichs Gebietserweiterungen auf Kosten 
Österreich-Ungarns zusicherten), der die Teilnahme Italiens am Kriege regelte, hatte Baron Sonnino (erkl.: Giorgio 
Sydney Baron Sonnino; itai. Politiker, * 1847, fi922) bei den anderen Alliierten durchgesetzt, dass sie jede Mitwirkung 
des Heiligen Stuhles auf der Friedenskonferenz ablehnen sollten.“ (18) Eine kluge Maßnahme, aber unzu¬ 
reichend. Statt die Sanktionen gegen den Heiligen Stuhl, der diese für das Hervorrufen des Ersten Welt¬ 
krieges verdient hatte, zur Anwendung zu bringen, unternahmen die Sieger zur Vorbeugung weiterer In¬ 
trigen der Jesuiten und des Vatikans nichts; diese führten schließlich 20 Jahre später in eine noch schlim¬ 
mere Katastrofe, die vielleicht schlimmste, die die Welt je gesehen hat. 

(18) Charles Pichon: „Histoire de Vatican“ (Sefi, Paris, 1946, S.143). 

IN DEUTSCFI: Charles Pichon: „Geschichte des Vatikans“ (Fredebeul & Koenen, Essen, 1950, S.108) 


Abschnitt V 


Kapitel 2 

Vorbereitungen auf den Zweiten Weltkrieg 






Die bitteren Früchte ihrer verbrecherischen Politik ernteten die Söhne Loyolas 1919. Fran kr eich hatte 
sich der „völligen Ausblutung“ nicht ergeben. Das apostolische (vom Papst beauftragte) Reich der Habsburger, 
die von ihnen ermutigt worden waren, „die Serben zu bestrafen“, war zerfallen und hatte so die orthodo¬ 
xen Slawen vom Joche Roms befreit. Russland war, statt in die römische Gemeinde zurückzukehren, mar¬ 
xistisch, kirchenfeindlich und offiziell atheistisch geworden. Und das unbesiegbare Deutschland, es ver¬ 
sank im Chaos. 

Eine Sünde aber zu bekennen, würde der stolzen Natur der Kompanie nie in den Sinn kommen. Als Be¬ 
nedikt XV. 1922 starb, war sie bereit, auf neuer Basis neu zu beginnen. War sie nicht in Rom allmächtig? 

Lesen wir Pierre Dominique: „Der neue Papst Pius XI. (erkl.: * 1857, fi939), der, wie einige sagen, Jesuit 
sei, versucht, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Er bittet den Jesuitenpater d’Herbigny (erkl.: Michel 
d’Herbigny, * 1880, fi957), nach Russland zu gehen, in dem Versuch, alles zu sammeln, was vom Katholizismus 
übriggeblieben sei und vor allem zu schauen, was getan werden könne. Eine vage und große Hoffnung: 
die verfolgte orthodoxe Welt um den Pontifex zu sammeln. 

In Rom gibt es neununddreißig kirchliche Hochschulen, deren Gründung die Zeitpunkte großer Gegen¬ 
angriffe markiert; die meisten dieser Gegenangriffe waren in ihrer Wirkungsweise und Ausrichtung jesui¬ 
tisch: Deutsch-Ungarisches Kolleg (1552), Englisches (1578), Irisches (1628, wiedergegründet 1826), 
Schottisches (1600), Nordamerikanisches (1859), Kanadisches (1888), Äthiopisches (1919, wiedereinge¬ 
richtet 1930). 

Pius XI. begründet das Russische Kolleg (Ponteficio Collegio Russo dedicato a S.Teresa del Bambino 
Gesü) (Päpstliches Russ. Kolleg z. Hi.Theresia vom Jesuskind) und gibt es unter die Obhut der Jesuiten. Diese betreuen 
außerdem noch das Orientalische Institut, das Johannes-Damascenus-Institut, das Polnische und später das 
Litauische Kolleg. Sind dies Erinnerungen an Pater Possevin, Iwan den Schrecklichen und den falschen 
Dimitri? Das zweite der drei großen Ziele aus der Zeit des Ignatius rückt vor auf Platz eins. Einmal mehr 
sind die inspirierenden Agenten und Darsteller jenes großen Unternehmens die Jesuiten.“ (19) 

(19) und (20) Pierre Dominique, op.cit., S.253, 254. 


In ihrer gerade erlittenen Niederlage wird für die Söhne Loyolas der Ansatz eines Hoffnungsschimmers 
erkennbar. Hatte nicht die Russische Revolution durch die Beseitigung des Zaren, des Beschützers der 
orthodoxen Kirche, dem großen Rivalen den Kopf abgehauen und der römischen Kirche geholfen, einzu¬ 
dringen? Man soll das Eisen schmieden solange es heiß ist! Das berühmte „Russicum“ (Russ. Kolleg) wird 
gegründet und die frohe Botschaft von seinen heimlichen Missionaren in dieses schismatische Land ge¬ 
bracht. (19a) Ein Jahrhundert nach ihrer Ausweisung durch Zar Alexander den Ersten (erkl.. *1777, fi825) 
werden sich die Jesuiten erneut an die Eroberung der slawischen Welt machen. Ihr General war seit 1915 
Halke von Ledochowski (ERKL.: Wladimir [Halke v.] Ledochowski, *1868, fl942). 

(19a) Siehe auch Frederic Hoffets „L’Equivoque catholique et le nouveau clericalisme“ („Die kath. Zweideutigkeit und d. neue Klerikalismus“), 
Fischbacher, Paris. 


Und wieder Pierre Dominique: „Mancher mag sagen, ich sehe überall Jesuiten! Aber ich fühle mich ge¬ 
drungen, ihre Anwesenheit und Aktivitäten zu betonen; zu sagen, dass sie hinter der Monarchie Alfons des 
XE (erkl.: König von Spanien, *1886, fi941) standen, dessen Beichtvater Pater Lopez war; dass, als die spanische 
Monarchie beendet und ihre Klöster und Kollegien niedergebrannt wurden, sie wiederum hinter Gil- 
Robles (erkl.: Jose Maria GH (-) Robies Qihones; span. Politiker, *1898, fi980) zu finden waren, später, als es zum Bürger¬ 
krieg kam, hinter Franco. In Portugal unterstützen sie Salazar (erkl.: Antonio oiiveira Saiazar■; Politiker, *1889, fi976, 
mittlerweile muss es lauten: unterstützten sie die amerikanische, dieser Übersetzung zugrunde liegende Ausgabe von „Die verborgene 
Geschichte der Jesuiten“ ist m. 1975 datiert!) . In Österreich und Ungarn Kaiser Karl, der dreimal abgesetzt wurde 
(Welche Rolle haben sie gespielt bei jenen Versuchen, die ungarische Krone wiederzuerlangen? Wer 
weiß!); ohne groß zu wissen für wen oder was - man hielt den Platz warm. Monsignore Seipel, (erkl.: Ignaz 
Seipel, *1876, fl932) Dollfuß (ERKL.: Engelbert Dollfuß; österr. Politiker, *1892, fl934) Und Schussnigg (ERKL.: Kurt (v.) Schusch¬ 
nigg, auch Schussnigg; österr. Politiker, *1897, fi977) kommen aus ihren Reihen. Eine Zeitlang träumt man von einem 
Großdeutschland mit katholischer Mehrheit, zu dem notwendigerweise auch die Österreicher gehören 
würden: eine moderne Version der alten Allianz des 16.Jahrhunderts zwischen den Wittelsbachem und 





Habsburgen. In Italien unterstützen sie zunächst Don Sturzo (erkl.: Luigi sturzo; kath. Theologe u. itai. Politiker, *1871, 
fl 959), den Gründer der Volkspartei (der 1926 aufgelösten, ein klassenübergreifendes Reformprogramm auf d. Basis d. kath. Sozial¬ 
lehre vertretenden Ital. Volkspartei[Partito Popolare Italiano]), dann Mussolini. ... Der Jesuitenpater Tacchi Venturi (ERKL: 
Pietro Tacchi Venturi, * 1861 , fi956), Generalsekretär (oberster Geschäftsführer) der Kompanie, fungierte als Mittelsmann 
zwischen Pius XI., dessen Beichtväter die Patres Alissiardi und Celebrano (Jesuiten) sind, und Mussolini. 

Im Februar 1929, um die Zeit des Lateranvertrages (Abschlusses d. dreiteil. Übereinkunft der nach ihrem Abschlussort, derr 
ehern, röm. Papstpalast Lateran, benannten Lateranverträge zum Zwecke d. Lösung d. Konflikts zwischen Kurie u. ital. Regierung), wird 
Mussolini vom Papst als »der Mann, den uns die Vorsehung hat treffen lassen«, bezeichnet. Rom verur¬ 
teilt, was gemeinhin der „Überfall auf Äthiopien“ genannt wird, nicht und Mussolinis aufrichtiger Freund 
ist der Vatikan auch 1940 noch. 

In ihm haben die Jesuiten ihren geheimen Aufenthaltsort. Von dort aus inspizieren sie die allumfassende 
Kirche mit dem kalten und berechnenden Auge des Politikers.“ (20) 

(19) und (20) Pierre Dominique, op.cit., S.253, 254. 


Das ist die perfekte Zusammenfassung der Jesuitentätigkeit zwischen den zwei Weltkriegen. Der „ge¬ 
heime Aufenthaltsort“ der Söhne Loyolas ist das politische Gehirn des Vatikans. Die Beichtväter Pius’ XI. 
sind Jesuiten; jene seines Nachfolgers, Pius des XE., werden ebenfalls Jesuiten sein und in nicht geringem 
Maße Deutsche. Egal ob so die Verschwörung offensichtlich wird: alles ist, wie es scheint, bereit zur Re¬ 
vanche. 

Unter dem Pontifikat Pius’ XI. aber läuft die Fase der Vorbereitung. Noch liegt das Schwert des besiegt 
wordenen deutschen „weltlichen Arms“ am Boden. Darauf wartend, es wieder aufzunehmen, wird in Eu¬ 
ropa der seiner künftigen Großtaten würdige Boden bereitet und vor allem das bedrohliche Emporkommen 
der Demokratie zum Stillstand gebracht. 

Erstes Betätigungsfeld wird Italien sein. Dort gibt es einen lautstarken Sozialistenführer, der Veteranen 
um sich schart. Dieser Mann verkündet eine offensichtlich kompromisslose Lehre, ist aber soweit ambiti¬ 
oniert und Herr der Lage, sich trotz seiner maßlosen Großtuerei seiner gefahrvollen Position bewusst zu 
werden. 

In Kürze wird er sich von der jesuitischen Diplomatie gewinnen lassen. 

Francois Charles-Roux (erkl.: *1909, fi999) vom Institut, der damals unser (d.h. französischer) Botschafter 
beim Vatikan war, sagt: „Zu der Zeit, als der spätere Duce noch ein einfacher Abgeordneter war, hatte 
Staatssekretär Kardinal Gasparri eine geheime Unterredung mit ihm. ... Der Faschistenführer hatte sich 
unverzüglich damit eins gemacht, dass der Papst über einen Teil Roms eine weltliche Herrschaft ausüben 
solle. ... 

Mir von jener Unterredung berichtend, folgerte Kardinal Gasparri: »Mit dieser Zusage war mir klar - 
käme dieser Mann an die Macht, so wäre der Erfolg unser.« 

Von dem Bericht über die Verhandlungen zwischen den Geheimagenten Pius’ XI. und Mussolini ganz 
zu schweigen. ... “ (21) 

(21) Frangois Charles-Roux: „Huit ans au Vatican“ („Acht Jahre im Vatikan“), Flammarion, Paris, 1947, S.47 ff. 


Besagte Geheimagenten - deren wichtigster der Jesuitenpater Tacchi Venturi - erfüllten ihre Mission 
außerordentlich gut. Dies verwundert nicht, wenn man weiß, dass er der Sekretär der Societas Iesu und zur 
gleichen Zeit Mussolinis Beichtvater war. In diese „Liebedienerei“ des Faschistenführers wurde er letzt¬ 
lich vom General seines Ordens, Halke von Ledochowski, „hineingeleitet“, wie uns Gaston Gaillard be¬ 
richtet. (22) 

(22) Gaston Gaillard, S.353, „La Fin du Temps“ ([„Das Ende d. Zeit“,] Ed. Albert, Paris, 1933). 


„Die im Jahre 1921 im Zeichen des nationalen Blocks gewählte Kammer sollte dann am lö.November 
( 16 .November 1922 ) mit dreihundertsechs gegen hundertsechzehn Stimmen Mussolini ihr Vertrauen ausspre- 


chen, und man erlebte bei dieser Sitzung, dass die Fraktion der katholischen Volkspartei (von Don sturzo), die 
sich als christliche Demokratie ausgab, einstimmig für die erste faschistische Regierung stimmte.“ (23) 

(23) Pietro Nenni, „Sei anni di Guerra civile in Italia“ (Lecconi editore, Paris, 1929). 

IN DEUTSCH: Pietro Nenni, „Todeskampf der Freiheit“ (Dietz, Berlin, 1930, S. 113). 


Zehn Jahre später führte das gleiche Manöver zu einem ähnlichen Ergebnis in Deutschland. Die massive 
Stimmabgabe der katholischen Zentrumspartei von Monsignore Kaas (erkl. : Ludwig Kaas, *1881, fi952) sorgte 
für die Sicherstellung der Diktatur des Nationalsozialismus. 

Im Grunde war Italien 1922 Versuchsfeld für die neue Formel des autoritären Konservatismus (autoritären, 
am Hergebrachten Festhaltenden, das sich nur ungern auf Neuerungen einlässt)', bei Bedarf mit einem Schuss Pseudsozialis- 
mus verfeinerter Faschismus (, nach d. Führerprinzip organisierter, national ist., antidemokrat., rechtsradikaler Regierungsstil) — je 
nach örtlicher Gegebenheit. Ab sofort richteten sich sämtliche Anstrengungen der Vatikanjesuiten auf die 
europaweite Verbreitung dieser neuen in ihrer Zweideutigkeit jesuitentypischen „Fehre“. 

Noch heute sind aus Sicht der italienischen Christdemokraten weder der Zusammenbruch des Mussolini¬ 
regimes, noch die Niederlage, noch die Ruinen hinreichend genug, den ihrem Fände vom Vatikan aufge¬ 
zwungenen größenwahnsinnigen Diktator in Zweifel zu ziehen. Allein äußerlich verstoßen, bleibt in den 
Herzen der Geistlichen sein Ansehen unbeschadet. Folgendes konnte man in der Presse lesen: 

„Wir haben uns entschieden: zu den Olympischen Spielen 1960 nach Rom kommende Besucher werden 
erleben können, wie der von Benito Mussolini zu seinen eigenen Ehren errichtete marmorne Obelisk vom 
Tiberufer aus das Olympiastadion dominiert. Dieses dreiunddreißig Meter hohe Denkmal trägt die In¬ 
schrift »Mussolini Dux« und wird geschmückt von - den Faschismus lobpreisenden - Mosaiken. Mehr als 
einhundertmal wird der Satz »Hoch lebe der Duce!« wiederholt und ebenfalls mehrere Male die Fosung 
»Viel Feind, viel Ehr!«. Das Monument hat auf jeder Seite Marmorblöcke, die der wichtigsten Ereignisse 
des Faschismus gedenken, von der Gründung der Zeitschrift »Popolo d’Italia« durch Mussolini bishin zur 
Errichtung des kurzlebigen faschistischen Staates und einschließlich des Krieges in Äthiopien. Als Krö¬ 
nung des Obelisken war ein gigantisches, Mussolini als fast einhundert Meter hohen nackten Athleten 
darstellendes Standbild geplant. Bevor aber dieses merkwürdige Projekt seine Realisierung erfuhr, brach 
das Regime zusammen. 

Nach einjähriger Kontroverse hat die Regierung Segni (erkl.: Regierung Antonio Segnis ["1891, fi972]> soeben be¬ 
schlossen, der Duce-Obelisk solle stehen bleiben.“ (24) 

(24) Italienische Presse, New York Herald Tribüne, Time und Paris-press, 3.November 1959. 


Ungeachtet des Krieges, des Blutes, das in Strömen floss, der Tränen, der Ruinen. Sind es doch nur 
Kleinigkeiten, kleine Flecken an dem Monument, errichtet zu Ehren desjenigen, den Pius XI. als den 
„Mann, den uns die Vorsehung hat treffen lassen“, beschreibt. 

Kein Irren, Versagen oder Verbrechen, das dieses vordergründigste Verdienst auszulöschen vermag: die 
Tatsache nämlich, dass er die weltliche Macht des Papstes wiederherstellte, den römischen Katholi z ismus 
zur Staatsreligion erklärte und mittels Gesetzen, die immer noch in Kraft sind, dem Klerus die absolute 
Macht über das Feben der Nation verlieh. 

Auf dass dies bezeugt würde, hatte Mussolinis Obelisk im Herzen von Rom Stand zu nehmen, zuguns¬ 
ten der ihn bewundernd oder ironisch betrachtenden Touristen und in der Hoffnung auf bessere Zeiten, in 
denen es schließlich möglich sein würde, ihn zu errichten - den einhundert Meter hohen „nackten Athle¬ 
ten“ und symbolischen Vatikanverfechter. 

Der Fateranvertrag, mit dem Mussolini dem Papsttum seine Dankbarkeit zeigte, brachte dem Heiligen 
Stuhl außer der Zahlung von 750 Millionen Eire (d.h. € 20.000.000 [erkl: u. 2006 j) auch die weltliche Herr¬ 
schaft über das Gebiet der Vatikanstadt. Die Signifikanz dieses Ereignisses erklärt Monsignore Cristiani, 
Prälat Seiner Heiligkeit: 

„Es steht außer Frage - für die Etablierung des Papsttums als politische Macht war die Gründung der 
Vatikanstadt eine Angelegenheit von vorderster Wichtigkeit.“ (25) 

(25) Monsignore Cristiani: „Le Vatican politique”, Imprimatur 15.Juli 1956 ([„Derpolit. Vatikan";] Ed. Du Centurion, Paris, 1957, S.136). 




Wir sparen uns die Zeit für den Versuch, dieses eindeutige Bekenntnis mit dem derart oft gehörten Satz 
„Die Kirche betätigt sich nicht in der Politik.“ in Einklang zu bringen. Betonen werden wir die einzigarti¬ 
ge Weltstellung eines sowohl säkularen als auch geistlichen und somit in seinem Wesen doppeldeutigen 
Staates und die sich aus dieser Stellung ergebenden Folgen. 

Welches sind die schlauen jesuitischen Kunstgriffe, eingesetzt von dieser Macht, die, um von sämtlichen 
durch internationale Gesetze festgelegten Regelungen ausgenommen zu sein, je nach den Umständen, in 
ihrer säkularen oder geistlichen Gestalt auftritt? 

Bis zum heutigen Tage haben die Nationen ihrerseits dieser Trickserei die Hand gereicht und ihm so für 
das Eindringen in ihre Mitte Tür und Tor geöffnet - dem Trojanischen Pferd des Klerikalismus (d. Bestrebens 
d. kath. Kirche, das gesamte öffentl. Leben zu beeinflussen). 

„Zu sehr schien der Papst sich mit den Diktatoren zu identifizieren.“ (26), schrieb der französische Bot¬ 
schafter beim Vatikan, Fran§ois Charles-Roux. Aber wie hätte es anders sein können, wo der Heilige 
Stuhl diese Männer doch selbst erst an die Macht gebracht hatte? 

(26) Franpois Charles-Roux: op.cit., S.231. 


Von jener Reihe der Männer der „Vorsehung“, dieser Schwertträger, die die Revanche für 1918 vorbe¬ 
reiten würden, war Prototyp (Vorbild) Mussolini der Inaugurator (Wegbereiter). Von Italien aus, wo der Fa¬ 
schismus unter Pater Tacchi Venturi und seinen Helfershelfern derart gut gedieh, sollte er alsbald nach 
Deutschland exportiert werden. „Hitler erhält seinen Anstoß von Mussolini; das Ideal der Nazis ist dassel¬ 
be wie das in Italien. ... Berlin werden sämtliche Sympathien zuteil, weil Mussolini an der Spitze steht,. 

... Der Nationalsozialismus des letzteren und der Faschismus gehen 1923 zusammen. Mussolini wird Hit¬ 
lers Freund und versorgt diesen mit Waffen und Geld.“ (27) 

(27) Antonio Aniante: „Mussolini” (Grasset, Paris, 1923, S.123 ff.). 


Zu jener Zeit ist Monsignore Pacelli, späterer Pius XII. und damaliger bester Diplomat der Kurie, Nunti¬ 
us in München, der Hauptstadt des katholischen Bayern. Von dort aus beginnt der Stern des kommenden 
deutschen Diktators seinen Aufstieg; er ist katholisch wie die meisten seiner wichtigsten Vertrauten. Von 
jenem Fände und Schoss des Nazismus lässt uns Maurice Faporte wissen: „Seine zwei Feinde heißen Pro¬ 
testantismus und Demokratie.“ 

Preußens Besorgtheit ist somit verständlich. 

„Welche Art besonderer Fürsorge der Vatikan Bayern angedeihen lässt, das ihm mit seinem Hitlerschen 
Nationalsozialismus die stärksten Kontingente rekrutiert, ist leicht zu erraten.“ (28) 

(28) Maurice Laporte: „Sous le casque d’acier” ([„Unterm Stahlhelm”;] A.Redier, Paris, 1931, S.105). 


Das „ketzerische“ Preußen der Fenkung des „weltlichen Armes“ entledigen und sie dem katholischen 

Bayern übertragen; was für ein Traum! Um ihn zu verwirklichen, tut Monsignore Pacelli in Zusammenar¬ 

beit mit dem Oberhaupt der Societas Iesu alles in seiner Macht Stehende. 

Nach dem letzten Krieg (1914-1918) hatte sich Jesuitengeneral Halke von Fedochowski einen gewalti¬ 
gen Plan zurechtgelegt: ... die Schaffung einer Föderation katholischer Nationen in Mittel- und Osteuro¬ 
pa, mit oder ohne Habsburgerkaiser: Österreich, Slowakei, Böhmen, Polen, Ungarn, Kroatien und natür¬ 
lich Bayern. 

„Dieses neue Reich der Mitte hätte an zwei Fronten kämpfen müssen, im Osten gegen die Sowjetunion, 
im Westen gegen Preußen, das protestantische Großbritannien und das republikanische Fran kr eich. Mon¬ 
signore Pacelli, späterer Pius XII., war damals Nuntius in München, danach in Berlin, und war enger 
Freund von Kardinal Faulhaber, von Fedochowskis wichtigstem Mitarbeiter. Der Fedochowskiplan war 
Pius’ XII. Jugendtraum.“ (29) 


(29) „La Tribüne des Nations”, 30.Juni 1950. 










War es aber nur ein Jugendtraum? Abgesehen von dem Vorhandensein der nicht allzu gefährlichen 
Minderheit des lutherischen Preußens und den anerkannten Einflusszonen, die - vorübergehend vielleicht 
- zu Italien gehört hätten, kam das „Mitteleuropa“, das Hitler zu organisieren versuchte, jenem Plane sehr 
nahe. Angepasst an die Erfordernisse der Zeit, war es in der Tat der Ledochowskiplan, den der Führer 
unter der Schirmherrschaft des Heiligen Stuhls, mit Hilfe des päpstlichen Geheimkämmerers Franz von 
Papen und des Münchner, später Berliner, Nuntius Monsignore Pacelli, soeben versuchte, zu verwirkli¬ 
chen. 

Fran§ois Charles-Roux schreibt: „Während der Neuzeit hat die Weltpolitik das katholische Eingreifen 
nie stärker zu spüren bekommen wie in der Amtsperiode Monsignore Pacellis.“ (30) 

(30) Frangois Charles-Roux: op.cit., S.93. 


Und von Joseph Rovan: „Das katholische Bayern ... macht sich also daran, all jene, die Unfrieden säen, 
sowie die Komplizen und Mörder der heiligen Feme (derhl. geheimen, über die Ermordung polit. Gegner u. Verräter i. d. 
eigenen Reihen entscheidenden Gerichtsversammlung) aufzunehmen und ZU schützen.“ (31) 

(31) Joseph Rovan, op.cit., S.195. 


Unter all diesen Agitatoren (Aufklärern) wird die Wahl für Deutschlands „Wohltäter“ auf Hitler fallen, der 

dazu bestimmt ist, unter der Standarte des Heiligen Vaters den Sieg über die „demokratischen Irrtümer“ 

zu erringen. Wie seine wichtigsten Mitarbeiter, ist er selbstverständlich katholisch. 

„Das NS-Regime gleicht einer Wiederholung der Regierung Süddeutschlands. Name und Herkunft sei¬ 

ner führenden Köpfe beweisen es. Hitler ist sogar Österreicher, Göring (erkl.: Hermann Göring; Politiker, *1893, 
ti946) Bayer, Goebbels (erkl.: Paul Joseph Goebbels; Politiker, *1897, fi945) Rheinländer und so weiter und so fort.“ 

■I 

(32) Gonzague de Reynold: „D’oü vient l’Allemagne“ ([„Woher kommt Deutschland“,] Pion, Paris, 1939, S.185). 


1924 unterzeichnet der Heilige Stuhl ein Konkordat mit Bayern. 1927 können wir in der „Gazette de Co- 
logne“ lesen: „Pius XI. ist gewiss »der deutscheste« Papst, der je auf dem Stuhle Petri gesessen hat.“ 

Sein Amtsnachfolger Pius XII. wird ihm diese Siegeslorbeeren abringen. Doch widmet sich jener fürs 
erste seiner Diplomaten- oder vielmehr politischen Laufbahn in diesem Deutschland, für das er, wie er 
Ribbentrop (erkl.: Joachim v.Ribbentrop; Diplomat u. Politiker, *1883,11946 ) später wissen lässt, „immer eine besondere 
Zuneigung haben würde“. 

Zum Nuntius von Berlin aufgestiegen, arbeitet er mit Franz von Papen an der Zerstörung der Weimarer 
Republik. Am 20.Juli 1932 ruft man in Berlin den Belagerungszustand aus und vertreibt „manu militari“ 
die Minister. Ein erster Schritt somit in Richtung Hitlerdiktatur. Man bereitet Neuwahlen vor, die den Er¬ 
folg der Nazis begründen werden. 

„Unter Zustimmung Hitlers traten Göring und Strasser (erkl.: Gregor Strassen Politiker, *1892, [1934) mit Monsig¬ 
nore Kaas, dem Chef der katholischen Zentrumspartei, in Verbindung.“ (33) 

(33) Walter Görlitz und Plerbert A. Quint: „Adolf Hitler“ (Amiot Dumont, Paris, 1953, S.32). 

IN DEUTSCPI: Walter Görlitz und Plerbert A. Quint: „Adolf Plitier“ (Steingruber, Stuttgart, 1952). 


Kardinal Bertram (erkl.: Adolf Johannes Bertram, *1859, fi945), Erzbischof von Breslau und Metropolit von Ost¬ 
deutschland (u. Vorsteher d. Kirchprovinz Ostdeutschland), erklärte: „Wir als Christen und Katholiken schauen weder 
auf Religion noch Rasse. ... “. Mit vielen anderen Bischöfen versuchte er die Gläubigen vor „dem heidni¬ 
schen Ideal der Nazis“ zu warnen. Offensichtlich hatte dieser Prälat die päpstliche Politik nicht verstan¬ 
den, doch sollte er alsbald belehrt werden. 

1934 brachte der „Mercure de France“ eine hervorragende Studie: „Den deutschen Katholiken war 1932 
nicht klar, dass sie die Sache verloren hatten. Ihre Oberhäupter waren sich im Frühjahr anscheinend etwas 
unschlüssig. Sie hatten erfahren, dass der Papst Hitler persönlich zugetan wäre.“ 




















Dass Pius XI. mit Hitler sympatisierte, sollte uns nicht überraschen. ... Für ihn hätte Europa nur über ei¬ 
ne Vorherrschaft Deutschlands wieder zur Ruhe kommen können. ... Schon seit langem dachte der Vati¬ 
kan an eine Verlagerung des Reichsschwerpunktes mithilfe des „Anschlusses“, und die Societas Iesu ar¬ 
beitete jetzt öffentlich, insbesondere in Österreich, auf dieses Ziel (Ledochowskis Plan) hin. Wir wissen, 
wie Pius XI. auf Österreich baute, um, was er seine Politik nannte, zum Siege zu führen. Was verhindert 
werden musste, war die Vorherrschaft des protestantischen Preußens, und da es das Reich war, das Europa 
beherrschen sollte ... galt es, ein neues Reich zu schaffen, in dem die Katholiken das Sagen hätten. ... 

„Im März 1933 nutzten die in Fulda zusammenkommenden deutschen Bischöfe die Rede, die Hitler in 
Potsdam hielt, um zu erklären: Es ist nunmehr anzuerkennen, dass von dem höchsten Vertreter der Reichs¬ 
regierung, der zugleich autoritärer Führer jener Bewegung ist, öffentlich und feierlich Erklärungen gege¬ 
ben sind, durch die der Unverletzlichkeit der katholischen Glaubenslehre und den unveränderlichen Auf¬ 
gaben und Rechten der Kirche Rechnung getragen, sowie die vollinhaltliche Geltung der von den einzel¬ 
nen deutschen Ländern mit der Kirche abgeschlossenen Staatsverträge durch die Reichsregierung aus¬ 
drücklich zugesichert wird. ... Von Papen begibt sich nach Rom. Dieser Mann, dessen Vergangenheit 
derart himmelschreiend ist, wird zum frommen Pilger in der Mission, ein Konkordat (für ganz Deutsch¬ 
land) mit dem Papst abzuschließen. Und im Angebotemachen an den Letzteren wird er Mussolini hinter- 
hereifem.“ (34) 

(34) „Mercure de France“, „Pius XI. und Hitler“ (15.Januar 1934). 


Im Grunde geschieht in beiden Ländern das Gleiche: In Italien ist es die katholische Partei von Don 
Sturzo, die Mussolinis Machtübernahme absichert; in Deutschland tut dies für Hitler das „Zentrum“ von 
Monsignore Kaas, und in beiden Fällen besiegelt den Pakt ein Konkordat. 

Dies gibt Joseph Rovan wie folgt zu: „Dank von Papen, 1920 Zentrumsabgeordneter und Inhaber des 
Parteiorgans »Germania«, kam Hitler am 30Januar 1933 an die Macht. ... Um Hitler am 26.März 1933 zu 
ermächtigen, wurde dieser nicht Christdemokrat, sondern der deutsche politische Katholizismus geschaf¬ 
fen. ... Sollte die Abstimmung zugunsten der Ermächtigung ausfallen, so bedurfte es einer Zweidrittel¬ 
mehrheit und war, um letztere zu erlangen, das »Zentrum« unverzichtbar.“ (35) Selbiger Autor fährt fort: 
„Was wir in den Korrespondenzen und Erklärungen der ki rchlichen Würdenträger unter dem NS-Regime 
stets finden werden, ist die inbrünstige Zustimmung der Bischöfe.“ (36) 

(35) und (36) Joseph Rovan, op.cit., S.197, 209, 214. 


Diese Inbrunst ist unschwer erklärt, lesen wir im Folgenden von Papen: „Zwischen dem Vatikan und 
dem Reiche hatte es seit den Tagen der Reformation kein Konkordat mehr gegeben. Einige Länder mit 
überwiegend katholischer Bevölkerung hatten Länderkonkordate geschlossen, wie beispielsweise Bayern. 
Das überwiegend protestantische Preußen hatte trotz aller Bemühungen des Nuntius nur ein ziemlich dürf¬ 
tiges Abkommen mit dem Hl. Stuhl. Während der Weimarer Periode hatte das Zentrum wiederholt ge¬ 
sucht, zu einer Verständigung zu gelangen. Die enge Partnerschaft und Rücksichtnahme auf die Sozialde¬ 
mokratie hatten diese Bemühungen immer an der Schulfrage scheitern lassen. Die neue Lage in Deutsch¬ 
land schien nun günstig für die endgültige Regelung der kulturellen Frage. Gleichartige Abmachungen mit 
der evangelischen Kirche sollten folgen. ... Das Kernproblem christlicher Erziehung, die Schulfrage, war 
nun einheitlich geregelt, die Bekenntnisschule gewährleistet und den geistlichen Orden das Recht zur Füh¬ 
rung von Privatschulen zuerkannt. Diese Rechtstitel, seit Jahrhunderten heiß umstritten, mußten für die 
christliche Regeneration der europäischen Mitte von besonderer Bedeutung sein.“ und „Er (Hitler) beauftrag¬ 
te mich, dem Kardinalstaatssekretär (Paceiii) zu versichern, er würde alle Übergriffe rigoros unterbinden.“ 
(37) 

(37) Franz von Papen, „Memoires“ (Flammarion, Paris, 1953, S.207). 

IN DEUTSCH: Franz von Papen, „DER WAHRHEIT EINE GASSE“ (LIST, München, 1952, S.313, 316) 

Das war kein leeres Versprechen. Neben dem antijüdischen Gemetzel und von Nazis begangenen Atten¬ 
taten gab es in jenem Jahr (1933) in Deutschland bereits 45 Konzentrationslager mit 40.000 Gefangenen 




unterschiedlicher politischer Auffassungen, die meisten aber Liberale. Der päpstliche Geheimkämmerer 
Franz von Papen hat die tiefere Bedeutung des Paktes zwischen dem Vatikan und Hitler treffend charakte¬ 
risiert - mit diesem Satz, den man sich merken sollte: „Der Nationalsozialismus ist eine christliche Ge¬ 
genbewegung zu 1789.“ 

Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit werden von Pius XI. 1937 die Rassentheorien als unvereinbar 
mit den katholischen Ansichten und Grundsätzen „verdammt“, unter denen seine Apologeten amüsanter¬ 
weise die „erbärmliche“ Enzyklika „Mit brennender Sorge“ nennen. Der NS-Rassismus wird verdammt, 
sein Führer Hitler hingegen nicht: „Distinguo.“ („ich unterscheide."). Und sorgsam unterlässt es der Vatikan, 
das vier Jahre zuvor mit dem faschistischen Deutschen Reich abgeschlossene „günstige“ Konkordat zu 
denunzieren. 

Während in Deutschland das Kreuz Christi und das Haken kr euz gerade zusammenarbeiteten, machte 
sich Benito Mussolini mit dem Segen des Heiligen Vaters an die leichte Eroberung Äthiopiens. 

„ ... Der Oberhirte verdammte Mussolinis Politik nicht und ermöglichte dem italienischen Klerus, völlig 
ungehindert mit der faschistischen Regierung zu kooperieren. ... Die Geistlichen, vom schlichten Ge¬ 
meindepriester bis zum Kardinal, waren für den Krieg. ... 

Eines der bemerkenswertesten Beispiele kam vom Kardinal-Erzbischof von Mailand, Alfredo Ildefonso 
Schuster (Jesuit) (ERKLi * 1880 , fi954), der diesen Feldzug gar „einen katholischen Kreuzzuj§‘ nannte. (38) 

(38) Kardinal Schusters Leidenschaft ist verständlich, da der Societas lesu in Abessinien das gleiche Schicksal wie in den europäischen Länderr 
zuteil wurde. Mithilfe des Kaisers Seged (Susenyos; ERKL.: *um 1571, f1632), den sie bekehrt und auf den Thron gebracht hatten, versuchten 
die Söhne Loyolas durch das Hervorrufen von Aufständen und blutigen Repressionen landesweit den Katholizismus durchzusetzen, werden 
aber schließlich von Negus (König) Basilides (Fasiladas; ERKL.: * 1609, f1667) vertrieben. 

Übrigens, Schuster war auch Rektor der merkwürdigen Institution mit dem Namen „Mystische Schule des Faschismus“ ([„Scuola Mistica del 
Fascismo“; ERKL.: Mussolinische Kaderschmiede]', Anmerkung d. Verfassers). 


„»Aufgrund der drängenden Erfordernis einer Expansion«, so Pius des XI. Klarstellung, »hält Italien 
diesen Krieg für gerechtfertigt. ...« 

Zehn Tage später brachte Pius XI. in einer vor einem Veteranenpublikum gehaltenen Rede den Wunsch 
zum Ausdruck, dass den berechtigten Ansprüchen einer großen und edlen Nation, der er, wie er jene erin¬ 
nerte, selbst entstamme, Genüge getan würde.“ (39) 

(39) und (40) Camille Cianfarra: „La Guerre et le Vatican“ (Le Portulan, Paris, 1946, S.46, 47, 48). 

IN DEUTSCH:Camille Cianfarra: „Der Vatikan und der Krieg“ (Köln, 1961). 


Des gleichen „Verständnisses“ erfreute sich die faschistische (nach d. Führerprinzip organisierte, nationalist., antidemo- 
krat., rechtsradikale) Aggression gegen Albanien am Karfreitag 1939, wie uns Camille Cianfarra (erkl.: Korrespon¬ 
dent d. New York Times, fi956) berichtet: „Die italienische Besetzung Albaniens war für die Kirche sehr vorteil¬ 
haft. ... Von den eine Million zählenden Albanern, die italienische Untertanen wurden, waren 68 % mos¬ 
lemisch, 20 % griechisch-orthodox und nur 12 % römisch-katholisch. ... Vom politischen Standpunkt 
betrachtet, konnte die Annexion des Landes durch eine katholische Macht die Position der Kirche und, 
bitteschön, des Vatikans nur verbessern.“ (40) 

(39) und (40) Camille Cianfarra: „La Guerre et le Vatican“ (Le Portulan, Paris, 1946, S.46, 47, 48). 


In Spanien hatte die Gründung der Republik nach wie vor nicht aufgehört, von der römischen Kurie als 
persönlicher Angriff übelgenommen zu werden. „Ich hätte es nie gewagt, Pius dem XI. gegenüber die 
spanische Frage auch nur zu erwähnen.“, schrieb Fran§ois Charles-Roux. „Er würde mich wohl sonst nur 
daran erinnert haben, dass die kirchlichen Interessen in jenem großen und historischen Lande Spanien 
einzig und allein Sache des Papsttums wären.“ (41) 

(41) Frangois Charles-Roux, op.cit., S.181. 


Und also wurde diesem „geschützten Jagdrevier“ in Bälde eine Diktatur verabreicht, ähnlich jenen, die 
es bereits mit Erfolg in Italien und Deutschland waren. Das Abenteuer General Franco aber fand erst Mitte 




Juli 1936 seinen Anfang, am 21.März 1934 (erkl.: falsch; richtig: 1924 ) bereits kam es zur Besiegelung des 
„Pakts von Rom“ zwischen Mussolini und den Chefs der spanischen reaktionären Parteien, darunter Goi- 
coechea (ERKL.: Antonio Goicoechea, * 1876 , fi953), Chef der „Renovaciön Espanola“ („Span. Erneuerung“). Durch diesen 
Pakt verpflichtete sich die italienische faschistische Partei, die Rebellen mit Geld, Kriegsmaterial, Waffen 
und Munition zu versorgen. Wir wissen, dass sie sogar noch mehr, als sie versprochen hatten, taten, und 
dass Mussolini und Hitler nicht davon abließen, den spanischen Aufstand mit Material, Flugtechnik und 
„Freiwilligen“ „aufzutanken“. 

Der Vatikan - sich seiner höchsteigenen Grundsätze, dass die Gläubigen die bestehende Regierung zu 
respektieren hätten, bewusst - setzte seinerseits Spanien mit Drohungen unter Druck. 

„Der Papst exkommunizierte (verhängte d. Ausschluss aus d. kath. Kirche über) die Oberhäupter der Spanischen Re¬ 
publik und erklärte zwischen dem Heiligen Stuhl und Madrid den geistlichen Krieg. Daran anschließend 
verfasste er die Enzyklika »Dilectissima nobis« (ERKL.: Enzyklika gegen d. Anerkennung u. antiklerikale Gesetzgebung d. 
sozialist.-bürgerl. Zweiten Republik; »Unser heiß geliebtes«) ... Erzbischof Gomä (ERKL.: Isidro Gomä Tomäs, * 1869, f1940), neuer 
Primas (oberster kath. Bischof) von Spanien, rief den Bürgerkrieg aus.“ (42) 

(42) Andre Ribard: „1960 et Le Secret du Vatican“ ([„I960 u. Das Geheimnis d. Vatikans“;] Libr. Robin, Paris, 1954, S.45) 


Voller Freude akzeptierten die Prälaten Seiner Heiligkeit die Schrecken dieses brudermörderischen Kon¬ 
flikts und voller Bewunderung interpretiert Monsignore Gömara (erkl.: Miguel de los Santos Diazy Gömara, * 1885, 
fi949), Bischof von Kartagena, ihre apostolische (päpsti.) Gesinnung, wenn er spricht: „Gesegnet die Kano¬ 
nen, in deren Breschen, die sie schlagen, das Evangelium blüht!“ 

Zwanzig Monate vor Bürgerkriegsende, am 3.August 1937, ward die Franco-Regierung gar vom Vati¬ 
kan anerkannt. 

Und um Belgien kümmerte sich die Katholische Aktion (ERKL.: eng an den hierarch. Klerus angebundene u. dessen Lei¬ 
tung unterstellte kath. Laienbewegung z. Zurückdrängung d. zunehmenden Atheismus) — diese Bewegung war in ihrem Wesen 
natürlich durch und durch ultramontan und jesuitisch. Es galt, dem bevorstehenden Einmarsch der Hitler¬ 
truppen den Boden zu bereiten! Also wurde dort unter dem Vorwand „geistlicher Erneuerung“ von Mon¬ 
signore Picard (erkl .: Louis P icard), Jesuit, Pater Arendt, Jesuit, Pater Foucart, Jesuit usw. gewissenhaft das 
Adolf-Hitler-Evangelium gepredigt. Ein junger Belgier, der, gleichsam vielen anderen, ihr Opfer wurde, 
bestätigt dies: „Zu jener Zeit waren wir bereits alle von einer Art Faschismus besessen. ... Die Katholi¬ 
sche Aktion, zu der ich gehörte, stand dem italienischen Faschismus sehr nahe. ... Monsignore Picard 
verkündete es laut und breit der Öffentlichkeit, Mussolini sei ein Genie und brenne darauf, Diktator zu 
werden. ... Um Kontakte mit Italien und dem Faschismus zu fördern, organisierte man Wallfahrten. Als 
ich mit dreihundert Studenten nach Italien ging, salutierten alle auf dem Rückweg nach römischer Art und 
sangen die Giovinezza (ital. Faschistenhymne). (43) 

(43) und (45) Raymond de Becker: „Livre des vivants et des morts“, ([„Das Buch der Lebenden u. der Toten“,] Ed. de la Toison d'or, Brüssel, 
1942, S.72, 73, 175). 

Von einem anderen Zeugen: „Nach 1928 arbeitete die Gruppe Leon Degrelles (erkl.: beig. Politiker, *1906, 
fi994) regelmäßig mit Monsignore Picard zusammen. ... Degrelle wurde von Picard für die Unterstützung 
in einer besonders wichtigen Mission gewonnen: der Leitung eines neuen Verlagshauses in der Zentral¬ 
stelle der Katholischen Aktion. Nicht lange und der Name des Verlages sollte berühmt werden - er lautete 
»Rex« (ERKL.: vollständ. Name: »Christus Rex« [»Christus König«]). ... 

„Immer zahlreicher wurden die Rufe nach einer neuen Regierungsform ... Mit großem Interesse ver¬ 
folgte man in Deutschland die Ergebnisse dieser Propaganda. Im Oktober 1933 erinnerte uns ein Artikel 
im »Vlan« (erkl.: Brüssler Anzeigenblatt), dass 1919 die Nazis gerade mal sieben ausgemacht hätten und die 
ganze Aussteuer, die ihnen Hitler wenige Jahre später mitbrachte, in seinem Agitationstalent bestanden 
habe ... Auf der Grundlage ähnlicher Prinzipien starteten die „rexistischen“ (belgische faschist.) Mannen ein 
landesweites aktives Propagandaprogramm. Zu ihren Treffen zog es alsbald einige Hunderte, später Tau¬ 
sende von Zuhörern.“. (44) 


(44) Jacques Saint-Germain: „La Bataille de Rex“, ([„Die Schlacht des Rex“,] Les CEvres Franqaises, Paris, 1937, S.67, 69). 





Natürlich hatte Hitler für den neugeborenen Nationalsozialismus, genauso wie Mussolini für den Fa¬ 
schismus, mehr als sein Agitationstalent mitgebracht: - die Unterstützung durch das Papsttum! 

Dieselbe Unterstützung genoss auch der nur blasse Schatten dieser beiden und „Christus Rex“-Chef (Lei¬ 
ter des [Christus] Rex-Verlags) Leon Degrelle - allerdings für einen deutlich anderen Zweck. Seine Aufgabe war 
es, dem Invasoren das Land zu öffnen. 

Raymond de Becker (erkl.: * 1912 , fi969) sagt: „Ich war Mitarbeiter bei der »Avant-Garde« gewesen. ... 
Das Ziel dieser (von Monsignore Picard herausgegebenen) Zeitschrift bestand darin, die Belgien, Frank¬ 
reich und England einenden Verbindungen abzubrechen.“ (45) 

(43) und (45) Raymond de Becker: „Livre des vivants et des morts“, (Ed. de la Toison d’or, Brüssel, 1942, S.72, 73, 175). 


Wie rasch die deutschen Armeen die von der kirchlichen Fünften Kolonne (kirchiich-faschist. pro-dt. Kolonne) be¬ 
trogene belgische Abwehr besiegten, ist bekannt. Und vielleicht entsinnen wir uns auch, dass sich der die 
deutsche Uniform anziehende „Christus Rex“-Apostel unter großem Rummel aufmachte, um „im Rahmen 
der Waffen-SS (bewaffneten SS) an der Ostfront zu kämpfen“ - an der Spitze seiner sich vor allem aus der 
Jugend der Katholischen Aktion rekrutierenden „Wallonischen Legion“. Nachdem er seine „patriotischen“ 
Gefühle noch ein letztes Mal so richtig zum Ausdruck gebracht hatte, kam ihm ein baldiger Rückzug ge¬ 
rade recht und ließ ihn nach Spanien gelangen. 

Maurice de Behaut schreibt: „Vor 10 Jahren (1944) war der Hafen von Antwerpen - der drittwichtigste 
der Welt - nahezu unversehrt in die Hände der britischen Truppen gefallen. ... In dem Moment, wo die 
Bevölkerung gerade begann, für ihre Not und Entbehrungen ein Ende zu sehn, da gingen die teuflischsten 
Erfindungen auf sie nieder: die fliegenden Bomben VI und V2. Dieses Bombardement, das längste in der 
Geschichte, da es sechs Monate, Tag und Nacht, andauerte, wurde auf Anordnung der Alliierten Kom¬ 
mandantur sorgsam geheimgehalten. Das ist der Grund, warum sich das Martyrium der Städte Antwerpen 
und Lüttich bis auf den heutigen Tag unserem Bewusstsein entzieht. 

Am Vorabend des ersten Bombardements (am 12.Oktober) hörten einige auf Radio Berlin die erschre¬ 
ckenden Äußerungen des »rexistischen« Verräters Leon Degrelle: »Ich habe meinen Führer«, kreischte er, 
»um zwanzigtausend fliegende Bomben gebeten. Züchtigen werden diese ein hirnverbranntes Volk. Ich 
verspreche Ihnen, sie werden Antwerpen in eine Stadt ohne Hafen oder einen Hafen ohne Stadt verwan¬ 
deln.« 

... Von jenem Tage an sollte sich der Rhythmus der Katastrophen und Elend furchtbarster Art bringen¬ 
den Bombardements intensivieren, während auf Radio Berlin Verräter Degrelle brüllend versprach, dass 
noch Schlimmeres kommen werde.“ (46) 

(46) Zeitschrift „Historia“, Paris, Dezember 1954. 


So sah es aus - das letzte Lebewohl dieser Ausgeburt der Katholischen Aktion an die Heimat. Der 
„Christus Rex“-Chef und ergebene Schüler des Jesuiten Monsignore Picard, des Jesuiten Pater Arendt 
usw. hielt sich strikt an die päpstlichen Regeln. 

„Würden die Männer der Katholischen Aktion“, schrieb Pius XI., „weil es die Situation erlaubt, aufhö¬ 
ren in dem Versuch, die Politik ihrer Provinz und ihres Landes zu leiten, so wäre dies Pflichtverletzung.“ 
(47) 

(47) Pius XL, Schreiben „Peculari Quadam“, zitiert von Hw.P.SJ de Soras in „Action catholique et action temporelle“ ([„Kath. Aktion u. zeit!. Akti¬ 
on“,]Ed. Spes, Paris, 1938, S.105), Imprimatur 1938. 


Leon Degrelle erfüllte diese Pflicht auf jeden Fall und zeitigte - wie man erleben konnte - Ergebnisse, 
die seinem Eifer in nichts nachstanden. 

In Raymond de Beckers Buch lesen wir: „In Belgien hatte die Katholische Aktion außergewöhnliche 
Männer gefunden, die zur Musik dieser Organisation spielten, wie z.B. Monsignore Picard (der wichtigs¬ 
te), ..., Kanonikus (derKirchenbezirksgeistliche) Cardijn (erkl.: *1882, fi967), Gründer der belgischen CAJ- 



Bewegung (Bewegung d. »Christi. Arbeiterjugend« z. Zurückgewinnung d. Arbeiter f. Religion u. Kirche), ein verdrießlicher, mürri¬ 
scher und eingebildeter Mann. ... “ (48) 

(48) Raymond de Becker, op.cit., S.66. 


Besagter letzter schwört heute (erkl. falsch - ist 1967 gestorben /) . nie je von Kollege Degrelle etwas „gehört 
oder gesehen“ zu haben. Demnach haben sich diese beiden Führer der belgischen Katholischen Aktion, 
die beide unter Kardinal van Roeys Krummstab arbeiteten, offenbar nie gekannt! Wie war das möglich? 
Das sagt uns der Ex-Kanonikus (Ex-Kirchenbezirksgeistliche) freilich nicht; seit damals ist Cardijn von Pius XII. 
ernannter „Monsignore“ (Prälat) und die prägende Gestalt der weltweiten CAJ-Bewegungen. 

Und wie war es weiterhin möglich, dass Monsignore Cardijn den schändlichen „Rex“-Chef nicht mal 
von dem Kongress her kannte, den Degrelle folgendermaßen beschreibt?: 

„Ich erinnere mich noch an den Kongress der Katholischen Jugend 1930 in Brüssel. Ich befand mich 
hinter Monsignore Picard, der sich seinerseits neben Kardinal van Roey (erkl.. Jozef-Ernest van Roey, * 1874, 
fi96i) aufhielt. Hinter uns lag ein zweistündiger Vorbeimarsch von einhunderttausend, den auf der Tribüne 
versammelten kirchlichen Autoritäten zujubelnden Jugendlichen. ... “ (49) 

(49) Leon Degrelle: „La Cohue de 1940“ ([„Wirrsal 1940“,] Robert Crausaz, Lausanne, 1949, S.214-215). 


Wo also hielt sich zu besagter Zeit das Oberhaupt der CAJ, deren Truppenteile an jener gigantischen Pa¬ 
rade teilnahmen, versteckt? War es eine spezielle Vorsehung, dass diese beiden Männer auf offiziellen 
Tribünen oder der Zentralstelle der Katholischen Aktion miteinander verkehrten, sich dabei aber nicht 
gesehen haben? 

Monsignore Cardijn, der Jesuit ist, geht noch weiter und behauptet, er habe zudem den „Rexismus“ (beig. 
Faschismus) „verbal“ bekämpft. 

Ein seltsamer Verein - diese Katholische Aktion! Nicht allein, dass die Chefs ihrer beiden zentralen 
„Bewegungen“ CAJ und Rex in den Gängen Versteck spielten - nein, man hätte gleichzeitig auch, wie er 
sagt, was der andere mit vollster Unterstützung der „Hierarchie“ („Führungsspitze“) getan habe, „bekämpfen“ 
können! 

Unbestreitbar ist die Tatsache: Der Degrelle an die „Rex“-Spitze stellte, war Picard höchstpersönlich. 
Und zwar im Namen Kardinal van Roeys und des Apostolischen (Päpsti.) Nuntius Monsignore Micara 
(erkl.: demente Micara, * 1879 , fi965). Ergo war es Cardijn zufolge angeblich so: er und Degrelle arbeiteten zwar 
als Kollegen in der Zentralstelle der Katholischen Aktion und beide unter der Schirmherrschaft des belgi¬ 
schen Primas. Der Nuntius - laut Pius XII. Degrelles „Beschützer und verehrter Freund“ - verlangte über¬ 
dies von letzterem für dessen Tun keine Rechenschaft. Und doch soll, was Degrelle tat, von Cardijn scharf 
gemissbilligt worden sein. (50) 

(50) „La Croix“, 24.Mai 1946. 


Eine reichlich deftige Behauptung. Was umso deutlicher wird, wenn wir untersuchen, was nach Hitlers 
Überfall auf Belgien die Haltung von Leuten wie Monsignore Cardijn und Gefährten war, die sich heute 
gegen Degrelle und „Rexismus“ verwahren. In einem Buch („La Cohue de 1940“), das, als es erschien, „in der 
Schublade verschwand“, frischte, wie zu lesen, der „Rex“-Chef höchstselbst Erinnerungen auf, die unseres 
Wissens nie widerlegt wurden: 

„Für mich, als einen mit den gegenseitigen Durchdringungen von Geistlichem und Weltlichem vertrau¬ 
ten und leidenschaftlichen Christen, wäre eine Kollaboration (mit Hitler) ohne vorherige Absprache mit 
den Kirchenbehörden meines Landes nicht infrage gekommen. ... Ich hatte also um eine Unterredung mit 
Seiner Eminenz, Kardinal van Roey gebeten. ... Eines Morgens dann wurde ich im bischöflichen Palast zu 
Mecheln freundlich vom Kardinal empfangen. ... Er ist beseelt von einem totalen und stürmischen Fana¬ 
tismus. ... Würde er ein paar Jahrhunderte eher gelebt haben, er hätte wohl, das »Magnifikat« (Loblied Ma¬ 
riens. der Mutter Jesu, aniässi. ihres Besuches bei Elisabeth,) singend, die Ungläubigen durch das Schwert sterben oder 
verbrennen oder die nicht so gehorsamen Schafe seiner Herde in die Klosterkerker werfen lassen. Da wir 



nun das 20.Jahrhundert haben, hat er nur seinen Krummstab, lässt diesen aber ein großes Werk vollbrin¬ 
gen. Alles war ihm wichtig, solange es kirchlichen Interessen dienen würde: war etwas gut, so wäre es von 
uns unterstützt, alles Schlechte aber zerschlagen worden; und die Kirche hat derart viele Dienst-„Zweige“: 
ihre Werke, Parteien, Zeitungen, landwirtschaftlichen Genossenschaften (belgischer „Bauernbund“), 
Bankinstitute, die die weltliche Macht der göttlichen Institution sicherstellten. ... 

Und jetzt kann ich ehrlich und aufrichtig sagen - die Bedeutung der Bemerkungen des Kardinals war 
die, dass das richtige Vorgehen Kollaboration hieß, ja es war das einzige, was ein vernünftiger Mensch tun 
würde. Während der ganzen Unterredung hatte er es gar nicht erst erwogen, dass eine andere Haltung 
möglich sein könnte. Für den Kardinal war der Krieg im Herbst 1940 beendet. Gar die Erwähnung der 
Bezeichnung »englisch« mied er oder auch nur die Äußerung des Verdachts, dass eine Erholung der Alli¬ 
ierten denkbar wäre. ... Der Kardinal glaubte nicht daran, dass politisch etwas anderes als Kollaboration 
hätte möglich sein können. ... Er hatte gegen keine meiner Vorstellungen und Absichten Einwände. ... 
Wären ihm meine Gedanken zur Politik abwegig erschienen, dann hätte er mich warnen können - oder 
sollen -, denn um seinen Rat hatte ich ihn ja ersucht. ... Zum Abschied gab mir der Kardinal seinen väter¬ 
lichen Segen.... 

Auch andere Katholiken schauten im Herbst 1940 zum großen Turm der Romualdkathedrale ... Viele 
kamen in den Bischofspalast, um Monsignore van Roey und sein Gefolge hinsichtlich moralischer Grund¬ 
sätze, Nutzen oder Notwendigkeit der Kollaboration um Rat zu fragen. ... 

Über eintausend katholische Bürgermeister Flanderns, sämtliche Generalsekretäre (Hauptgeschäftsführer d. po- 
lit. Parteien sowie gewerkschafti, genossenschaftl., Wissenschaft!, u. industriellen Verbände) passten sich, wenn auch sorgfältig 
ausgewählt, unverzüglich der neuen Ordnung an. ... All jene guten 1944 Inhaftierten oder Beschimpften 
hätten sich 1940 fragen müssen: Was denkt Mecheln? Aber wer würde glauben, dass weder Mecheln, 
noch seine Bischöfe, noch seine Priester hätten zur Ruhe kommen können! 

Acht von zehn belgischen Kollaborateuren waren Katholiken. ... 

Während jener entscheidenden Wochen gaben, aufgrund der Entscheidung, die es zu treffen galt, Me¬ 
cheln und diverse Bistümer schriftliche oder mündliche Negativmeldungen an mich persönlich oder all die 
anderen Kollaborateure heraus. 

Obwohl nicht gerade angenehm, so ist es doch die blanke oder nackte Wahrheit. Die Haltung des hohen 
katholischen Klerus im Ausland konnte die Überzeugtheit der Gläubigen, dass Kollaboration mit Glauben 
vereinbar sei, doch nur stärken. ... Nach der Unterredung zwischen Hitler und Marschall Petain (erkl.: Henri 
Joseph Petain, *1856, fl 951) ließen sich in Vichy die höchsten französischen Prälaten (höchsten der höheren frz. Geistli¬ 
chen) Seite an Seite stehend mit dem Marschall und Pierre Laval (erkl.: frz. Politiker, *1883, fi945) ablichten. Kar¬ 
dinal Baudrillart (erkl.: Aifred-Henri-Marie Baudrillart, *1859, fi942) verkündete in Paris öffentlich, er sei Kollabora¬ 
teur. 

In Belgien seinerseits gab Kardinal van Roey einem der bekanntesten Priester Flanderns - seiner Emi¬ 
nenz größtem intellektuellem Katholiken -, Abt Verschaeve (erkl.: Cyriei Verschaeve, *1874, fi949) die Erlaubnis, 
am 7.November 1940 während einer feierlichen Senatssitzung und in Gegenwart des deutschen Großad¬ 
mirals Raeder (erkl.: Erich Raeder, *1876, fi960) zu erklären: 

»Es ist die Pflicht des Kulturrates, die Brücke zu bauen, die Flandern und Deutschland vereinigt. ...« 

Am 29.Mai 1940, dem Tag nach der Kapitulation, beschrieb Kardinal van Roey den Einmarsch als eine 
Art Himmelsgeschenk: 

»Machen Sie sich bewusst«, schrieb er den Gläubigen, »dass wir soeben Zeugen eines außergewöhnli¬ 
chen Eingreifens der göttlichen Vorsehung sind, die im Begriffe ist, durch große Ereignisse ihre Macht zu 
erweisen.« 

Nach alledem schien also Hitler nichts weniger als ein das belgische Volk züchtigendes Läuterungs¬ 
werkzeug der Vorsehung zu sein.“ (51) 

(51), (52) und (53) Leon Degrelle, op.cit., S.213, 216 ff., 219 ff. 


Etwas sehr ähnliches geschah gleichzeitig in unserem eigenen Lande (Frankreich). „Nützlicher als Sie¬ 
gen ist Kapitulieren“ - behauptete man, uns fortwährend daran erinnernd, genau wie vor 1914, als Frank¬ 
reich eine läuternde „völlige Ausblutung“ zugedacht wurde. 




Näher beleuchtet wird in jenen in die tiefste Versenkung verschwundenen - oder vielmehr verbannten 
Memoiren auch der „belgische Bauernbund - der große katholische, politische und finanzielle Motor Kar¬ 
dinal van Roeys, der beträchtliche Summen in den flämischen Teil der Uni Löwen pumpte. ... “ (52) 

(51), (52) und (53) Leon Degrelle, op.cit., S.213, 216 ff., 219 ff. 


„Die Druckerei »Standaard« arbeitete ohne Unterlass, denn sie druckte die kollaborationistischsten Auf¬ 
rufe des FNV (Flämischen Nationalverbandes). Und schwamm nicht lange danach im Geld. ... Zu kolla- 
borieren wäre den »Standaard«-Leitern, diesen zweihundertprozentigen Katholiken und Stützpfeilern der 
Kirche Flanderns, nie in den Sinn gekommen, hätte nicht zuvor der Kardinal klar und deutlich seinen Se¬ 
gen gegeben. 

Das Gleiche sagte man von der katholischen Presse überhaupt. ... “ (53) 

(51), (52) und (53) Leon Degrelle, op.cit., S.213, 216 ff., 219 ff. 


Alle diese Anstrengungen galten damals keinem geringeren Ziele, als Belgiens Zusammenbruch, wie 
uns ein weiterer katholischer Autor, Gaston Gaillard, erinnert: 

„Die flämischsprachigen Katholiken wie auch die autonomistischen (nach Autonomie strebenden) elsässischen 
Katholiken rechtfertigten ihre Haltung mit ihrer stillschweigenden Unterstützung, die sie über den Heili¬ 
gen Stuhl allezeit der deutschsprachigen Propaganda angedeihen ließen. Als sie auf das denkwürdige, von 
Pius XI. am 26.Juni 1923 an seinen Staatssekretär Kardinal Gasparri gesandte Schreiben bezugnahmen, 
konnten sie sich leicht davon überzeugen, dass sie Roms Wohlwollen hatten und Rom natürlich nichts tat, 
sie umzustimmen. Hatte nicht Nuntius Pacelli (späterer Pius XII.) deutsche Nationalisten kompetent un¬ 
terstützt und der so genannten „unterdrückten“ Bevölkerung Oberschlesiens Mut gemacht? War nicht den 
autonomistischen Verschwörungen in Elsaß, Eupen-Malmedy und Schlesien die nicht immer unauffällige 
kirchliche Zustimmung zuteilgeworden? Für die Flamen war es damals leicht, ihr Vorgehen gegen Bel¬ 
giens Einheit hinter den römischen Anweisungen zu verstecken. . .. “ (54) 

(54) Gaston Gaillard: „La Fin du Temps“ (Ed. Albert, Paris, 1933, II, S.141). 


Auch bat 1942 Papst Pius XII. seine Berliner Nuntiatur (dipiomat. Vertretung), Paris seine Kondolenzen zum 
Tode Kardinal Baudrillarts zu übermitteln und zeigte dieserart an, dass sie die Annexion Nordfrankreichs 
durch Deutschland als Tatsache betrachte. Womit sie wieder einmal mehr die der deutschen Expansion 
allezeit durch den Heiligen Stuhl und insbesondere Pius den XII. gewährte „stillschweigende Unterstüt¬ 
zung“ nur bekräftigte. 

Voll Verachtung kann man heutzutage nur darüber lachen, wenn man sieht, wie die Jesuiten Seiner Hei¬ 
ligkeit derart Offensichtliches abstreiten und sämtliche Mittäterschaft mit der von ihnen doch selbst erst 
organisierten Fünften Kolonne (faschist. pro-dt. Kolonne) und vor allem mit Degrelle von sich weisen. Letzterer - 
ab geschirmt in seiner Zuflucht lebend, denn er weiß zu viel - kann in Ruhe auf Ovids berühmte Verse 
zurückgreifen: „Donec eris felix, multos numerabis amicos. Tempora si fuerint nubila, solus eris.“. (55) 

(55) Solange du glücklich bist, zählst du viele Freunde. Sind die Zeiten bewölkt, bist du allein. 


Lächerlich auch, was Hw.P.Fessard (Jesuit) (erkl.: Gaston Fessard, * 1897 , fi978) schreibt: 

„Mit derart großer Ungeduld warteten wir 1916 und 1917 auf die amerikanischen Verstärkungen! Mit 
Schmerz erlebten wir 1939 dass, als der Krieg sogar schon erklärt worden war, Hitler von einem Großteil 
der Amerikaner mit Wohlwollen betrachtet wurde, noch dazu und vor allem von Katholiken! 1941 und 
1942 standen wir wieder vor der Frage: Würden die Amerikaner eingreifen oder nicht.“ (56) 

(56) Flw.P.Fessard SJ: „Libre meditation sur un message de Pie XII“, ([„Freie Meditation über eine Botschaft Pius'XII.",] Pion, Paris, 1957, 
S.202). 






Dem Scheine nach also erfüllten den guten Pater die durch seine eigenen jesuitischen Brüder in Amerika 
erreichten Resultate „Mit Schmerz“! Denn, und das ist eine historische Tatsache, die „Christliche Front“, 
eine sich gegen die US-Intervention stellende katholische Bewegung, wurde von dem Jesuitenpater 
Coughlin (ERKL.: Charles Edward Coughiin, *1891, fi979), einem notorischen Hitlersympathisanten, geleitet. 

„Diese fromme Organisation war bestens ausgestattet und bekam aus Berlin vom Goebbels-Ministerium 
vorbereitetes Propagandamaterial in Hülle und Fülle. Über sein Blatt »Social Justice« (erkl.: »Soziale Gerech¬ 
tigkeit «) und Rundfunksendungen erreichte Hakenkreuzapostel und Jesuitenpater Coughlin eine breite Öf¬ 
fentlichkeit. In den wichtigsten städtischen Ballungszentren betreute er außerdem geheime, nach den Me¬ 
thoden der Söhne Loyolas geführte und von Naziagenten ausgebildete »Kommandozellen«.“ (57) 

(57) Edmond Paris: „Le Vatican contre l'Europe“ (Fischbacher, Paris, 1959, S.141). 


Ein geheimes Dokument der Wilhelmstraße erklärt Folgendes: 

„Presse und amtliche Berichterstattung aus Nordamerika melden laufend von antijüdischen Kundgebun¬ 
gen der Bevölkerung. Es ist vielleicht symptomatisch für die innenpolitische Entwicklung in USA, dass 
die Hörerschar des bekannten antijüdisch eingestellten »Radiopriesters« Coughlin auf über 20 Millionen 
angewachsen ist.“ (58) 

(58) Auswärtiges Amt, Wilhelmstraße, Dokument Nr. 83-26 19/1 (Berlin, 25.Januar 1939). 


Muss an die Aktivitäten des Jesuitenpaters Walsh (erkl.: Edmund Aloysius Waish, *1885, fi956) erinnert werden, 
den Papstagenten, Dekan (Vorsteher) der Schule der Politikwissenschaften an der Universität Georgetown - 
der jesuitischen Pflanzstätte der amerikanischen Diplomatie - und eifrigen Propagandisten (Befürworter) der 
deutschen Politik? 

General der Gesellschaft Jesu war, als wollte es der Zufall, zu jener Zeit gerade Halke von Ledo- 
chowski, vormaliger General in der österreichischen Armee und seit 1915 Amtsnachfolger des Preußen 
Wernz. 

Hatte Hw.P.Fessard mittlerweile auch vergessen, was „La Croix“ den ganzen Krieg hindurch schrieb, 
und vor allem dies: „Ein Truppeneinmarsch von jenseits des Ärmelkanals und Atlantiks wäre keinerlei 
Gewinn.“ (59) 

(59) „La Croix“, 10.August 1943. 


Erinnert er sich auch nicht mehr an das Telegramm Seiner Heiligkeit Pius’ XII.: „Der Papst übermittelt 
»La Croix«, der Stimme des päpstlichen Denkens, seinen Segen.“ (60) 

(60) „La Croix“, 28.Januar 1942. 


Muss man nun schließen, dass Mitglieder der Gesellschaft Jesu bei ihrer derart großen Vergesslichkeit 
ein ausgegeprägtes Kurzzeitgedächtnis hätten? Diesen Vorwurf wies man allerdings selbst den Feinden 
gegenüber weit von sich! So wollen wir vielmehr daraufhinweisen, dass Hw.P.Fessard seine patriotischen 
Ängste von 1941-1942 erst 1957 zum Ausdruck brachte. Seine „freien Meditationen“ über fünfzehn Jahre 
brachten so manches Ergebnis und er hatte Zeit, eine gewisse Passage der „Exerzitien“ wiederholt zu le¬ 
sen, die da besagt, „ ... und wenn die Kirche, was unserem Auge weiß erscheint, als schwarz definiert, so 
sind wir verpflichtet, es für schwarz zu erklären.“ (61) 

(61).siquid quodoculis nostris apparet album, nigrum illa esse definlerit debemus itidem quod nigrum sit pronuntiare.“, „Institutum Societatis 

lesu“ (Römische Ausgabe von 1869, II, S.417). 


Letzteres betreffend ist Hw.P.Fessard offenbar ein hervorragender Jesuit! 

Am 7.März 1936 führte Hitler die Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland und erklärte so den Locar¬ 
nopakt für null und nichtig. Am 11.März 1938 kam es zum „Anschluss“ (Zusammenführung Österreichs 
und Deutschlands) und im selben Jahr, am 29.September, beschlossen, ohne Beteiligung der Tschecho- 


Slowakei, in München das Deutsche Reich, Großbritannien, Fran kr eich und Italien die sofortige Abtretung 
des Sudetenlandes. 

Dank der Stimmen der katholischen Zentrumspartei war der Führer nur fünf Jahre zuvor an die Macht 

gekommen, doch hatte man die meisten der in „Mein Kampf“ zynisch geoffenbarten Ziele bereits reali¬ 

siert; der Schreiber dieses eine überhebliche Herausforderung an die westlichen Demokratien darstellen¬ 
den Buches war Jesuitenpater Staempfle (ERKL Bernhardt staempfie, *?, fi934) - Hitler leistete die Unterschrift. 
Denn - da sich diese Tatsache dem Bewusstsein derart vieler entzieht - es war die Gesellschaft Jesu, die 
das berühmte großdeutsche Programm, wie in besagtem Buche dargelegt, perfektionierte, und der Führer, 

der es unterschriftlich auf sich übertrug. 


Abschnitt V 


Kapitel 3 

Die deutsche Aggression und die Jesuiten. Österreich - Polen - 
Tschechoslowakei - Jugoslawien. 


Betrachten wir, wie der „Anschluss“ vorbereitet wurde: 

Zunächst und durch parallele „Vorsehungen“ wurde, als Mussolini dank dem Jesuiten und Chef der Ka¬ 
tholischen Partei Don Sturzo in Italien die Macht ergriff, zur gleichen Zeit der Jesuit Monsignore Seipel 
österreichischer Bundeskanzler. Letzterer befand sich in dieser Position, mit einer zweijährigen Unterbre¬ 
chung, bis 1929 und brachte während jener entscheidenden Jahre die österreichische Innenpolitik auf ei¬ 
nen reaktionären und klerikalen Kurs; dieser Kurs wurde von Seipels Amtsnachfolgern fortgesetzt und 
führte in das Aufgehen jenes Landes im deutschen Block. Die blutigen Niederschlagungen von Arbeiter¬ 
demonstrationen brachten ihm den Beinamen „Prälat ohne Milde“ein. 

„Anfang Mai (1936) trat von Papen in Geheimverhandlungen mit Dr.Schussnigg (österreichischer Kanz¬ 
ler) ein und bearbeitete diesen an seiner schwachen Stelle, indem er ihm zeigte, wie vorteilhaft - hinsicht¬ 
lich der Vatikaninteressen - ein Ausgleich mit Hitler wäre; das Argument mag seltsam erscheinen, doch 
Schussnigg war sehr fromm, und von Papen päpstlicher Kammerherr ( Finanzbeamter ; erkl.: = Geheimkämmerer -j.“ 
(62) 

(62) G.E.R. Gedye: „Fallen Bastions“ (Victor Gollancz, London, 1939, S.188). 

IN DEUTSCFI: G.E.R. Gedye: „Als die Bastionen fielen“ (Aufbau, Wien, 1948). 


Die ganze Angelegenheit verlief - wie könnte es anders sein - unter der Federführung des Geheimkäm¬ 
merers (päpsti. Finanzbeamten) und endete am 11.März 1938 mit dem Rücktritt des strenggläubigen Jesuiten¬ 
schülers Schussnigg zugunsten Seyß-Inquarts (ERKL.: Artur Seiss-Inquart, auch Arthur Seyß-Inquart, *1892, fl946), des 
Chefs der österreichischen Nazis. Tags darauf marschierten in Österreich die deutschen Truppen ein und 
proklamierte die Marionettenregierung Seyß-Inquart die Vereinigung des Landes mit Nazideutschland. 
Enthusiastisch begrüßte dieses Ereignis der Wiener Erzbischof (und Jesuit) Kardinal Innitzer (erkl.: Theodor 
Innitzer, * 1875, fl955). 

















„Am 15.März veröffentlichte die deutsche Presse folgende Erklärung Innitzers: »Die Priester und die 
Gläubigen haben sich bedingungslos hinter den Großdeutschen Staat und seinen Führer zu stellen, dessen 
Kampf um die Begründung der Stärke, Ehre und Wirtschaftsblüte Deutschlands dem Willen der Vorse¬ 
hung entspricht.«. 

Um keinen Zweifel an der Echtheit dieser Erklärung aufkommen zu lassen, wurde sie von den Zeitungen 
faksimiliert (i. vorlagengetreuer Nachbildung gedruckt). In Wien und den anderen österreichischen Städten beklebte 
man Wände mit Reproduktionen (Vervielfältigungen). Vor seine Unterschrift hatte Kardinal Innitzer zuvor noch 
eigenhändig die Worte: »Heil Hitler!« gesetzt. 

Drei Tage später erging vom gesamten österreichischen Episkopat (Bischofsapparat) ein Hirtenbrief an seine 
Gläubigen; die italienischen Zeitungen veröffentlichten den Text dieses Briefes am 28.März: er war eine 
unmittelbare Unterstützung des NS-Regimes, dessen Tugenden in den höchsten Tönen gelobt wurden.“ 
(63) 

(63) Frangois Charles-Roux, op.cit., S. 118, 122. 


Kardinal Innitzer, höchster Vertreter der römischen Kirche in Österreich, schrieb außerdem in seiner Er¬ 
klärung: „Die Vorsitzenden der Jugendverbände fordere ich dazu auf, ihre Vereinigung auf die Organisa¬ 
tion des Deutschen Reiches vorzubereiten. (64) 

(64) Ernest Pezet, früherer Vizepräsident des französischen Senats, „L’Autriche et la paix“ ([„Österreich u. d. Frieden“,] Ed. Seif, Paris, 1945, 
S.149). 

Der von seinem Episkopat gefolgte Kardinal-Erzbischof von Wien tat sich demnach nicht allein voller 
Enthusiasmus mit Hitler zusammen, sondern überantwortete zudem die „christliche“ Jugend einer Ausbil¬ 
dung nach Nazimethoden; diese Methoden waren in der „erbärmlichen“ Enzyklika „Mit brennender Sor¬ 
ge“ „offiziell verdammt“ worden! 

Der „Mercure de France“ stellte damals berechtigterweise fest: „ ... Nicht haben diese Bischöfe nun¬ 
mehr eine eigenmächtige, die gesamte Kirche einbeziehende Entscheidung getroffen, sondern sie befolg¬ 
ten schlichtweg Anweisungen des Heiligen Stuhls.“. (65) 

(65) Österreich und Hitler („Mercure de France“, I.Mai 1938, S.720). 


Das ist offensichtlich. Welche anderen „Anweisungen“ aber hätte man von diesem Heiligen Stuhl, der 
Mussolini, Hitler und Franco an die Macht brachte und Leon Degrelles „Christus Rex“ schuf, erwarten 
können? 

„Wir verstehen daher, warum englische Autoren wie beispielsweise F.A. Ridley (erkl.: Francis Ambrose Rid- 
ley, *1897, fi994), Secker (erkl.: Martin Secker) und Warburg die Politik Pius’ XI., die faschistische Bewegungen 
allerorten begünstigte, thematisierten.“ (66) 

(66) J. Tchernoff: „Les demagogies contre les democracies“ ([„Demagogien gegen Demokratien“,] R. Pichon & Durand-Auzias, Paris, 1947, 
S.80). 

Warum der Anschluss bei der Kirche auf derartiges Wohlwollen stieß, sagt uns Frangois Charles-Roux: 
„Acht Millionen österreichische Katholiken, vereinigt mit den Katholiken des Reichs, könnten eine weit 
einflussreichere und mächtigere deutsche katholische Körperschaft bilden.“ (67) 

(67) Frangois Charles-Roux, op.cit., S.114. 


In derselben Lage wie Österreich befand sich Polen, als letzteres von Hitler nach dem Einmarsch zum 
Teil im Namen des „Vaterlandes“ annektiert wurde. Wieder ein paar Millionen Katholiken mehr - zur 
Stärkung des deutschen Kontingents unter römischem Gehorsam: dem konnte der Heilige Stuhl doch nicht 
anders, als zugetan sein - auch wenn er sein „liebes polnisches Volk“ angeblich so innig gern hatte. In der 
Tat wurde die dem Plane des Jesuitengenerals Halke von Ledochowski entsprechende brutale Neugruppie¬ 
rung der Katholiken Mitteleuropas vom Kirchenoberhaupt gebilligt. 



Die zugelassenen Thurifer des Vatikans ließen nicht davon ab, ihre Leser daran zu erinnern, dass Pius 
XII. in seiner Enzyklika „Summi pontificatus“ (ERKL.: Enzyklika überd. Einheit d. menschl. Gesellschaft; „Des höchsten Pont! 
fikats“) gegen die Aggression „protestiert“ habe. In Wirklichkeit enthält dieses nicht weniger als 45 Seiten 
umfassende Dokument - lächerlich wie alle anderen derartigen Dokumente - einen einzigen Satz am 
Schluss über das von Hitler überrannte Polen. Dieser nur andeutende Satz rät dem polnischen Volke, es 
möge viel zur Jungfrau Maria beten! Größer könnte der Kontrast nicht sein - zwischen jenen wenigen 
Worten banalen Mitgefühls und den schmeichelnden Seiten für das faschistische Italien und das Hochle¬ 
benlassen des Lateranvertrags; jenes Vertrages zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Hitler- 
Kollaborateur Mussolini, der, als der Papst gerade seine Enzyklika schrieb, eine, die Welt herausfordern¬ 
de, aufsehenerregende Rede hielt, die er mit den Worten begann: „Liquidata la Polonia!“ (ERKE: „Polen ist 
erledigt!“). 

Welche Risiken birgt es schon, wenn man unter Gebrauch dieser Ausreden zu den Bekehrten predigt? 
Wieviele letzterer wären auch darauf bedacht, derlei Bezugnahmen zu prüfen? 

Nichtsdestotrotz - was sehen wir, wenn wir das Verhalten des Vatikans in dieser Sache verfolgen? Als 
erstes, wie der Nuntius in Warschau, Monsignore Cortesi (Erkl.: Filippo Cortesi, * 1876, fi947), Polen dazu drängt, 
Hitler in allem nachzugeben: Danzig, der „Korridor“ (Landstreifen zwischen Pommern u. d. Unterweichsel; ERKL.: d. Poln. 
Korridor), die Gebiete, wo deutsche Minderheiten leben. (68) Und, daran anschließend, wie der HeiligeVater 
dem Aggressor hilft, sein „liebes Polen“ um einen Großteil seiner Fläche zu verkleinern und von Paris und 
London die Sanktionierung dessen zu erwirken. (69) 

(64) Vgl. Graf Szembecks „Journal 1933-1939“ ([„Tagebuch 1933-1939“,] Pion, Paris, S.499). 

(69) Vgl. Camille Cianfarra, op.cit., S.259, 260. 


Für die ob einer solchen Vorgehens weise mit einem katholischen Lande Überraschten - hier ein Präze¬ 
denzfall: nach der Ersten Teilung Polens (erkl.: i.j. 1772), einer Katastrofe, an der die Inrigen der Jesuiten 
einen wesentlichen Anteil hatten, äußerte Papst Klemens XIV. in einem Brief an die österreichische Kai¬ 
serin Maria Theresia seine Zufriedenheit wie folgt: 

„Herbeigekommen ist die Besetzung und Teilung Polens nicht allein aus politischer Raison; diese Erfor¬ 
dernis der größtmöglichen Erweiterung der Herrschaft des Wiener Hofes auf Polen entspricht den Interes¬ 
sen der Religion und geistlichen Zugewinnung der Kirche.“ 

Offensichtlich gibt es nichts Neues unter der Sonne - vor allem im Vatikan. Wo doch diesmal die „geist¬ 
liche Zugewinnung der Kirche“ aus mehreren Millionen, sich dem Großdeutschen Reiche angliedernden 
polnischen Katholiken bestand, was sollte man da 1939 in jener zynischen Erklärung irgendein Wort fal¬ 
len lassen. 

Durch diese Tatsache ist das sparsame päpstliche Mitgefühl im „Summi pontificatus“ leicht erklärt. 

In der Slowakei ließ es der Vatikan noch besser kommen: er stellte Hitler einen seiner höchsteigenen 
Prälaten zur Seite, einen Geheimkämmerer, der zum Oberhaupt dieses Satellitenstaats des Reiches ernannt 
werden sollte. 

„Hatte in Europa bereits der Anschluss für viel Lärm gesorgt, so roch es ab jetzt mit Hitlers über der 
Tschechoslowakei schwebender Drohung nach Krieg. Im Vatikan aber störte das keinen. Lesen wir Fran- 
§ois Charles-Roux: 

„Mitte August hatte ich versucht, den Papst zu überreden, sich für einen Frieden auszusprechen - einen 
gerechten Frieden, versteht sich ... Erfolg aber hatten meine anfänglichen Bemühungen nicht. Ab Anfang 
September 1938 dann, als sich die internationale Krise ihren tiefsten Stand erreichte, hatte ich den steten 
Eindruck, dass sich im Vatikan, im absurden Kontrast zur sich rasch verschlechternden Situation, Zufrie¬ 
denheit breitmachte.“ (70) 

(70) Frangois Charles-Roux, op.cit., S.127, 128. 


„Auf alle meine Bemühungen“, so der ehemalige französische Botschafter weiter, „bekam ich von Pius 
XI. dieselbe Antwort: »Es wäre zwecklos, unnötig, ungelegen.«. Sein hartnäckiges Schweigen war mir 
unbegreiflich.“ (71) 




(71) Frangois Charles-Roux, op.cit., S.127, 128. 


Die Ereignisse sollten dieses Schweigen in Bälde erklären. Zunächst wäre da - mit Unterstützung der 
Christlich-Sozialen Partei (ERKL.i eng m. d. kath. Kirche zusammenarbeitende, sich an deren Weltbild orientierende, antijüd. u. antili¬ 
berale Partei) natürlich - die Annektierung des Sudetenlandes; durch das Münchner Abkommen wurde sie 
verfügt und somit die Tschechoslowakei geteilt. Hitler aber, der garantiert hatte, ihre territoriale Integrität 
(Unversehrtheit) zu respektieren, beabsichtigte in Wirklichkeit, einerseits die Böhmischen Länder zu annektie¬ 
ren - ohne die Slowakei, die ihrerseits einen von ihm persönlich ernannten Herrscher erhalten würde. 

Diese Ziele zu erreichen, war nicht besonders schwer für ihn, da das Gros der wichtigsten slowakischen 
Oberpolitiker laut Walter Hagen (erkl.: Pseudonym von Wilhelm Hötti; * 1915 , fi999) (72) katholische Geistliche wa¬ 
ren, von denen Priester Hlinka (Jesuit) über eine nach SA-Grundsätzen ausgebildete „Garde“ verfügte. 

(72) Vgl. Walter Flagen: „Le front secret“ (Les lies d'Or, Paris, 1950). 

IN DEUTSCH: Walter Hagen: „Die geheime Front“ (NIBELUNGEN=VERLAG, Linz u. Wien, 1950). 


Wir wissen, dass nach kirchlichem Recht kein Priester ein öffentliches Amt oder politisches Mandat oh¬ 
ne das Einverständnis des Heiligen Stuhls begleiten kann. 

Dies bestätigt und erklärt JP de Soras: „Wie könnte es auch anders sein? So, wie wir es immer schon ge¬ 
sagt haben: ein Priester hat kraft des »Charakters«, mit dem ihn seine Weihe auszeichnet, kraft der amtli¬ 
chen Aufgaben, die er in der Kirche an sich wahmimmt, kraft der Sutane, die er trägt, die Pflicht, als Ka¬ 
tholik zu handeln, spätestens, wenn es um eine öffentliche Handlung geht. Wo der Priester ist, da ist die 
Kirche.“ (73) 

(73) JP de Soras, op.cit., S.96. 

Mit dem Einverständnis des Vatikans war es demnach, dass Kleriker im tschechoslowakischen Parla¬ 
ment saßen. Mehr noch - einer dieser Priester sollte die Zustimmung des Heiligen Stuhls haben, als ihn 
der Führer persönlich als Staatsoberhaupt einsetzte - und später mit den höchsten Hitlerschen Auszeich¬ 
nungen bedachte: dem Eisernen Kreuz und dem Orden des Schwarzen Adlers. 

Wie erwartet, annektierte Hitler am 15.März 1939 die so genannte „Resttschechei“ und stellte die Slo¬ 
wakei, die er mit einem Federstrich geschaffen hatte, „unter seinen Schutz“. An die Spitze setzte er den 
Jesuiten Monsignore Tiso, „der davon träumte, Katholizismus und Nazismus zu kombinieren.“. Ein hehres 
Ziel, und leicht zu verwirklichen, hatten es doch bereits der deutsche und österreichische Episkopat (Bi¬ 
schofsapparat) erprobt. „Katholizismus und Nazismus“, verkündete Monsignore Tiso, „haben viel gemein¬ 
sam; sie arbeiten bei der Weltverbesserung Hand in Hand. (74) 

(74) und (75) Henriette Feuillet: „France Nouvelle“, 25.Juni 1949. 


Trotz der „erbärmlichen“ Enzyklika „Mit brennender Sorge“ gab der Vatikan diesem Gauleiter-Priester 
seine Bewilligung und dürfte in Sachen Weltverbesserung also kaum anderer Meinung gewesen sein. 

„Im Juni 1940 gab Radio Vatikan bekannt: »Die Erklärung des Oberhauptes des slowakischen Staates, 
Monsignore Tiso, über seine Absicht, eine Slowakei nach christlichem Plane aufzubauen, hat die vollste 
Zustimmung des Heiligen Stuhls.«.“ (75) 

(74) und (75) Henriette Feuillet: „France Nouvelle“, 25.Juni 1949. 


„Seine besondere Not hatte das Tiso-Regime mit der evangelischen Kirche jenes Landes, die ein Fünftel 
der Bevölkerung ausmachte. Monsignore Tiso versuchte, den evangelischen Einfluss auf ein Minimum zu 
reduzieren, ihn gar zu beseitigen. ... Einflussreiche Mitglieder der evangelischen Kirche wurden in KZs 
geschickt.“ (76) 


(76) „Reforme“, 17.August 1947. 



Und hätten sich glücklich schätzen können angesichts dieser Erklärung des Preußen und Jesuitengene¬ 
rals Wemz (1906-1915): ,|Die Kirche kann Ketzer zum Tode verurteilen, da sich jegliche Rechte, die sie 
haben, in unserer Nachsicht begründen, ... “. 

Sehen wir nun, welche Art von apostolischer Geduld der Gauleiter und Prälat Tiso mit den Juden hatte: 
„1941 traf aus der Slowakei und Oberschlesein der erste Judentransport ein, und von Anfang an wurden 
alle Arbeitsunfähigen in einem Raum des Krematoriumsgebäudes vergast.“ (77) 

(77) Lord Russell of Liverpool: „Sous le signe de la croix gammee.“ (Les Amis du Livre, Genf, 1956, S.217). 

IN DEUTSCH: Lord Russell of Liverpool: „Geißel der Menschheit“ (VOLK UND WELT, Berlin, 1955, S.244). 


Wer dies geschrieben hat? Lord Russell of Liverpool - ein Chefankläger der Kriegsverbrecherprozesse 
und Zeuge, den man nicht wird ablehnen können. 

Der Heilige Stuhl hatte Hitler also keinen seiner Prälaten vergeblich geliehen. Das jesuitische Staats¬ 
oberhaupt erledigte seine Arbeit gut und die durch Radio Vatikan zum Ausdruck gebrachte Zufriedenheit 
ist verständlich. Der erste Lieferant für Auschwitz gewesen zu sein - was für eine Ehre für diesen heiligen 
Mann und die Gesellschaft der Jesuiten in ihrer Gesamtheit! 

In der Tat fehlte es diesem Triumph an nichts. Zur Zeit der Befreiung wurde besagter Prälat durch die 
Amerikaner an die Tschechoslowakei übergeben, wurde 1946 zum Tode verurteilt und gehängt - die Kro¬ 
ne, für einen Märtyrer! 

„Alles gegen die Juden Getane tun wir aus Liebe zu unserer Nation. Bis heute hat die Liebe zu unseren 
Mitmenschen und die Liebe zu unserem Land die Entwicklung eines erfolgreichen Kampfes gegen die 
Leinde des Nazismus genommen.“ (78) 

(78) Henriette Feuillet: „France Nouvelle“, 25.Juni 1949. 


Ein anderer hoher Würdenträger der römischen Kirche in einem Nachbarland (westi. Land; erkl.: gemeint ist si¬ 
cher das an Frankreich grenzende Italien) könnte sich doch diese Erklärung Monsignore Tisos zueigen gemacht ha¬ 
ben. Wenn nun schon - in Entsprechung der unerschütterlichen Tradition der Kirche - das, worauf sich 
die slowakische „Stadt Gottes“ gründete, Hass und Verfolgung war, was wird es dann erst zu sagen geben 
über den zutiefst katholischen Staat Kroatien, diesem Ergebnis des Zusammenwirkens von Killer Pawe- 
litsch und Monsignore Stepinatz sowie der Unterstützung durch den päpstlichen Ixgaten Marcone! 

Wir müssten Rückblende halten, die bis zur Eroberung der Neuen Welt geht, und dann Kortes (erkl.: Fer¬ 
dinand Kodes; span. Eroberer Mexikos, * 1485, fi547) und seine Abenteurer im Zusammenhang mit den nicht weniger 
grausamen Bekehrermönchen sehen, um etwas zu finden, das einem Vergleich mit den Gräueltaten jener 
Ustaschas standhält, die durch wahnhaft fanatische Geistliche unterstützt, befehligt und motiviert wurden. 
Was diese „Mörder im Namen Gottes“, wie sie Herve Lauriere (erkl.: Pseudonym von Branko Miijus; ehem. serb. Minis 
terd. königlich-jugoslaw. Regierung, flieht später nach Paris) ganz richtig nennt, über vier Jahre lang getan haben, über¬ 
steigt jede Vorstellung, und die Annalen (Jahrbücher) der römischen Kirche können - sind sie auch noch so 
reich an derartigem Material - nichts Ebenbürtiges in Europa hervorbringen. Muss jetzt eigentlich noch 
gesagt werden, dass der Kompagnon des blutrünstigen Ante Pawelitsch ein weiterer Jesuit war und Mon¬ 
signore Stepinatz hieß? 

1934 trat in Marseille die von Pawelitsch geführte kroatische Terrororganisation der „Ustaschas“ erst¬ 
mals in das Bewusstsein der Franzosen - und zwar mit der Ermordung König Alexanders I. von Jugosla¬ 
wien als auch unseres (des frz.) Außenministers Louis Barthou (erkl.: Jean Louis Banhou, * 1862, fi934). „Da die 
Regierung Mussolini offenbar in das Verbrechen verwickelt war“ (79) und Pawelitsch in Italien Zuflucht 
gefunden hatte, forderte Fran kr eich dessen Auslieferung; diese nicht zu bewilligen, war der Duce sichtbar 
bemüht und so musste das Schwurgericht Aix-en-Provence das „Ustascha“-Oberhaupt in Abwesenheit 
zum Tode verurteilen. 

Dieser von Mussolini angeheuerte Terroristenchef „arbeitete“ für die italienische Expansion an der Ad¬ 
riaküste. Als Hitler und Mussolini Jugoslawien 1941 besetzten und teilten, wurde dieser vorgebliche kroa¬ 
tische Patriot von jenen an die Spitze des Satellitenstaates gestellt, den sie unter der Bezeichnung „Unab¬ 
hängiger Staat Kroatien“ schufen. Am 18.Mai selbigen Jahres reichte Pawelitsch in Rom die Krone jenes 










Staates dem Herzog von Spoleto, der den Namen „Tomislaus II.“ (erkl.: * 1900 , fi948) annahm. Dieser achtete 
freilich darauf, seines Scheinreiches blutgetränkten Boden niemals zu betreten. 

Ebenfalls an diesem Tage bekamen Pawelitsch und seine „Freunde“ bei Pius XII. eine Privataudienz (ei¬ 
nen nichtdienstl. Empfang). Einer der „Freunde“ war Monsignore Salis-Sewis (ERKL: Franz Salis-Seewis, auch Salis-Sewis, 
*1872, fi967), Generalvikar von Monsignore Stepinatz. 

„Keine Scheu hatte also der Heilige Stuhl beim Händeschütteln mit einem ausgemachten Mörder, der in 
Abwesenheit für den Mord an König Alexander I. und Louis Barthou zum Tode verurteilt worden war, 
einem Terroristenchef, der die furchtbarsten Verbrechen auf dem Gewissen hatte! Und in der Tat erlebte 
am 18.Mai 1941, als Pawelitsch und seine Mörderbande freudig von Pius XII. begrüßt wurden, das Mas¬ 
senmorden an orthodoxen Serben seinen Höhepunkt, einhergehend mit Zwangskonvertierungen zum Ka¬ 
tholizismus.“ (79a) 

(79) Frangois Charles-Roux, op.cit., S.132. 

(79a) Vgl. Herve Lauriere: „Assassins au nom de Dieu“ ([„Mörder im Namen Gottes“,] Ed. Dufour, Paris, 1951, S.40 ff.). 


Die serbische Bevölkerungsminderheit war es, die man im Visier hatte, wie es der Autor Walter Hagen 
erklärt: „Aber die Lage wurde auch noch durch die innerpolitischen Maßnahmen der Ustasa=Machthaber 
sehr erschwert. Sie überantworteten das Land binnen kurzem einem blutigen Chaos ... Der wahrhaft tödli¬ 
che Haß der neuen Herren richtete sich gegen die Juden und gegen die Serben, die geradezu offiziell für 
vogelfrei erklärt wurden. ... Ganze Dörfer, wie zum Beispiel Vojnic, ja ganze Landstriche wurden syste¬ 
matisch ausgemordet oder es wurden die Einwohner zur Flucht nach Serbien getrieben. Da nach alter Ü- 
berlieferung Kroatentum und katholischer Glaube, Serbentum und orthodoxes Bekenntnis gleichgesetzt 
wurden, begann man die Orthodoxen zum Übertritt in die katholische Kirche zu zwingen. Diese zwangs¬ 
weise »Umtaufe« war eben die Form, in der sich die »Kroatisierung« vollzog.“ (80) 

(80) Walter Hagen, op.cit., S.168, 176, 198, 199. 

IN DEUTSCH: S.237, 238. 

Der große Organisator dieser Massaker und Zwangsbekehrungen war der Innenminister Andrija Artu- 
kovic (erkl.: *1899, fi 988)', der sich - so ein Zeuge in hoher Stellung - während er es tat, „moralisch“ als 
rechtschaffen verteidigte. 

Und als die jugoslawische Regierung die Vereinigten Staaten, wo er Zuflucht gefunden hatte, um seine 
Auslieferung bat, da war gar jemand, der für ihn sprach: Hw.P.Lackovic (erkl.: stjepan Lackovic), der ebenfalls 
in den Vereinigten Staaten lebte und im zurückliegenden Krieg Sekretär des Agramer Erzbischofs Mon¬ 
signore Stepinatz war. 

„Artukovic“, so der Jesuit, „war Monsignore Stepinatzens Laiensprecher (nichtprofessioneller Sprecher). Zwi¬ 
schen 1941 und 1945 verging kein Tag, an dem er nicht in meinem Büro war oder ich in seinem. Was die 
moralische Seite seines Vorgehens betraf, so hatte er sich grundsätzlich den Rat des Erzbischofs einholt.“ 

( 81 ) 

(81) „Mirror News“ Los Angeles, 24.Januar 1958. 


Wenn man aber um das „Vorgehen“ dieses Vollstreckers weiß, dann wird einem auch klar, welcher Art 
der erbauliche Rat des Monsignore Stepinatz gewesen sein muss. 

Zu Massakern und „Bekehrungen“ kam es bis zur Befreiung, und des Heiligen Vaters Wohlwollen für 
die Killer blieb unverändert. 

Man lese einmal in den kroatischen Zeitungen jener Zeit den Austausch von Komplimenten zwischen 
Pius XII. und Pawelitsch, jenem „Poglavnik“ (kroatischen „Führer“), dem der jesuitische Erzbischof von Saraje¬ 
wo und Freizeitdichter Monsignore Saric (erkl.: Ivan Saric) von verzückter Verehrung durchdrungene Verse 
widmete. 

Doch war dies nur Schöntuerei: „Monsignore Stepinatz wird Mitglied des »Ustascha«-Parlaments.“ (82) 
Er trägt „Ustascha“-Abzeichen, bei sämtlichen wichtigen offiziellen „Ustascha“-Auftritten ist er zugegen 
und hält sogar Reden. ... „Haben wir uns da noch über die Monsignore Stepinatz vom Satellitenstaat Kroa- 


tien erwiesene Ehrerbietung zu verwundern? Oder dass ihm die »Ustascha«-Presse Loblieder sang? Es 
springt einem ja geradezu ins Auge, dass ohne Monsignore Stepinatzens Unterstützung von religiöser und 
politischer Seite her ein Ante Pawelitsch nie die Mitarbeit katholischer Kroaten in einem derartigen Aus¬ 
maße gewonnen hätte.“ (83) 

(82) Mit weiteren katholischen Geistlichen, wie Monsignore Aksamovic, dem Jesuiten Irgolic, Lonacir, Pavunic, Mikan, Polio, Severovic, Sipic, 
Skrinjar, Vucetic (Anmerkung des Verfassers). 

(83) „Le Monde“, 27.Mai 1953. 


Um das volle Ausmaß jener Mitarbeit zu begreifen, muss man die kroatische katholische Presse lesen, 
den „Katolicki tjednik“, den „Katolicki List“, den „Hrvatski Narod“ und viele andere Publikationen, von 
denen in der Schmeichelei für den blutigen „Poglavnik“ eine die andere übertraf; und dass dieser ein „Ka¬ 
tholik der Tat“ war - davon war Pius XII. besonders angetan, und die hohe Wertschätzung durch den O- 
berhirten schloss selbst noch die Komplizen des großartigen Mannes mit ein. 

Vom „Osservatore Romano“ erfahren wir, dass am 22.Juli 1941 einhundert Mitglieder der vom Agramer 
Polizeichef Evgen Dido Kvaternik geleiteten Ustascha-Miliz vom Papst empfangen wurden. Der diese 
kroatische SS-Truppe, die Elite der in den KZs operierenden Henker und Folterknechte, vorzeigte, verübte 
derart furchtbare Verbrechen, dass seine eigene Mutter in ihrer Verzweiflung Selbstmord beging. 

Durch den apostolischen Eifer dieser Killer ist das Wohlwollen Seiner Heiligkeit Pius’ XII. leicht nach¬ 
vollziehbar. Ein weiterer „Katholik der Tat“, der Kultusminister Mile Budak, verkündete im August 1941 
in Karlstadt: „Grundlage der »Ustascha«-Bewegung ist die Religion. Unser ganzes Werk beruht auf der 
Treue zur Religion und katholischen Kirche.“ (84) 

(84) Vgl. Herve Lauriere: „Assassins au nom de Dieu“ (Ed. Dufour, Paris, 1951, S.97). 


Ebendieser Kultusminister hat besagtes Werk am 22.Juli in Gospitsch in treffender Weise definiert: 
„Wir werden einige der Serben töten, wieder andere deportieren, und der Rest wird zur Annahme der rö¬ 

misch-katholischen Religion gezwungen.“. (85) 

(85) „L’Ordre de Paris“, 8.Februar 1947. 


Dieses tolle Programm kam zur buchstäblichen Ausführung. Als die Befreiung dieser Tragödie ein Ende 
setzte, waren 300.000 Serben und Juden deportiert und mehr als 500.000 niedergemetzelt worden. Auf 
diese Weise hatte die römische Kirche zudem 240.000 orthodoxe Gläubige ihrer Gemeinde zugeführt ... 
die, als deren Freiheit wiederhergestellt war, rasch zur Religion ihrer Vorfahren zurückkehrten. 

Um dieses lächerliche Ergebnis aber zu erreichen, welches Grauen hatte sich über dieses unglückselige 
Land ergossen! Man lese in Herve Laurieres Buch „Assassins au nom de Dieu“ Einzelheiten der ungeheu¬ 
erlichen Folterungen, die diese Katholiken der Tat, die die Ustaschas waren, an ihren armen Opfern verüb¬ 
ten. 

Der englische Journalist F.A. Voigt (erkl.: Frederick Augustus Voigt, *1892, fi957) schrieb: „Die kroatische Politik 
bestand aus Massakern, Deportationen oder Bekehrungen. Die Zahl derer, die hingemetzelt wurden, geht 
in die Hunderttausende. Begleitet waren die Massaker von den bestialischsten Folterungen. Die »Usta¬ 
schas« entnahmen ihren Opfern die Augen und fertigten daraus Girlanden, die sie als Andenken trugen 
oder vorzeigten.“. (86) 

(86) „Nineteenth Century and After“ („Neunzehntes Jahrhundert und danach“), August 1943. 


„In Kroatien implantierten die Jesuiten den politischen Klerikalismus.“ (87) 

(87) und (88) Herve Lauriere, op.cit., S.82, 84, 85. 


Es ist das von der Kompanie den Nationen, die es begrüßen, ausnahmslos angebotene Geschenk. Selbi¬ 
ger Autor fügt hinzu: „Mit dem Tode des großen kroatischen Tribuns Raditsch (erkl: Joseph Raditsch, *1871, 
ti928) verliert Kroatien seinen Hauptgegner des politischen Klerikalismus, der den von Friedrich Mucker- 






mann (erkl.: Friedrich Joseph Muckermann, *1883, fi946) definierten Auftrag der Katholischen Aktion zu seiner Sa¬ 
che machen wird. In einem Buch, dessen Vorwort Monsignore Pacelli, damaliger Apostolischer Nuntius 
in Berlin, verfasste, machte dieser noch vor Hitlers In-Erscheinung-Treten weithin bekannte deutsche Je¬ 
suit besagten Auftrag 1928 bekannt. Muckermann drückte sich wie folgt aus: „Der Papst spricht sich für 
den neuen Kreuzzug der Katholischen Aktion aus. Er ist der Anführer, der das Banner Christi trägt. ... 
Katholische Aktion heißt Sammlung des Weltkatholizismus. Er muss sein heroisches Zeitalter leben. ... 
Die neue Epoche kann für Christus nur über den Preis des Blutes erreicht werden.“ (88) 

(87) und (88) Herve Lauriere, op.cit., S.82, 84, 85. 


Zehn Jahre nachdem dies verfasst worden war, saß der Schreiber des Vorworts zu Jesuitenpater Mu¬ 
ckermanns Buch auf Petri Stuhl (dem Papststuhle), und während seines Pontifikats flössen vom Blut „für 
Christus“ in Europa im wahrsten Sinne des Wortes Ströme; Kroatien aber durchlitt das Schlimmste der 
grauenhaften Taten jener „neuen Epoche“. 

Da waren nicht allein die von der Kanzel herunter das Abschlachten voll und ganz befürwortenden 
Priester, sondern einige marschierten sogar an der Spitze der Mörder. Andere bekleideten neben ihrem 
priesterlichen auch öffentliche Ämter als Gespane (Landräte) oder Chefs der „Ustascha“-Polizei, selbst als 
Leiter von Konzentrationslagern, deren Grauen das von Dachau oder Auschwitz noch übertraf. 

In diese blutige Ehrungsliste haben wir die Namen von Abt Bozidar Bralo, des Priesters Dragutin Kam- 
ber (erkl.: * 1901 , fi969), des Jesuiten Lackovic und von Abt Ivan Salic, Sekretären von Monsignore Stepi- 
natz, sowie des Priesters Nikola Bilogrivic etc. aufzunehmen ... und zahllose Franziskaner; von denen ei¬ 
ner der schlimmsten Bruder Miroslav Filipovic (erkl.: * 1915 , fi946), Hauptorganisator jener Massaker, Leiter 
und Vollstrecker im KZ Jasenovac, der grauenhaftesten dieser irdischen Höllen, war. 

Bruder Filipovics Schicksal war das Gleiche wie Monsignore Tisos in der Slowakei: als die Befreiung 
kam, wurde er, seine Sutane tragend, gehängt. Viele seiner nicht so sehr auf die Erringung der Märtyrer¬ 
palme bedachten Rivalen aber flohen halsüberkopf mit den Mördern, denen sie derart gut assistiert hatten, 
nach Österreich. 

Was aber tat hier die „Hierarchie“ („Führungsspitze“) im Angesicht des Blutrauschs derart vieler ihrer Unter¬ 
gebenen? 

Die „Hierarchie“, oder der Episkopat (Bischofsapparat) und sein Führer, Monsignore Stepinatz, stimmten im 
„Ustascha“-Parlament für die die Bekehrung der Orthodoxen zum Katholizismus betreffenden Dekrete, 
sandten „Missionare“ zu den terrorisierten Bauern, bekehrten ohne mit der Wimper zu zucken ganze Dör¬ 
fer (89), nahmen die serbisch-orthodoxen Kirchengüter in Besitz und übergossen, dem durch Papst Pius 
XII. aus der Höhe her gegebenen Beispiele folgend, den Poglavnik ohne Unterlass mit Lob und Segen. 

(89) In Monsignore Stepinatzens eigener Diözese Kamensko kehrten an einem Tage 400 in die römisch-katholische Gemeinde zurück. Mit der 
Anmerkung, zu ihnen sei es „spontan und ohne jeden Druck seitens weltlicher und kirchlicher Behörden“ gekommen, gab „Radio Vatikan“ am 
12.Juni 1942 diese Massenbekehrungen bekannt. 


Die persönliche Vertretung Seiner Heiligkeit Pius XE. in Agram war der angesehene Mönch 
Hw.P.Marcone. Dieser „Sancti Sedis Legatus“ („Legat d. hi.S tuhls“), der auf sämtlichen „Ustascha“- 
Feierlichkeiten den Ehrenplatz bekam und sich scheinheilig im Hause von Killerchef Pawelitsch samt des¬ 
sen Familie, die ihn als Freund empfing, ablichten ließ. ... „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“. 

Jederzeit herrschte demnach die allerehrlichste Aufrichtigkeit in den Beziehungen zwischen den Mör¬ 
dern und den Geistlichen - nicht wenige dieser Geistlichen freilich hatten beiderlei Funktionen inne, wo¬ 
für sie nie je zur Verantwortung gezogen wurden. „Der Zweck heiligt die Mittel.“ 

Als Pawelitsch und seine 4.000 „Ustaschas“ - die den Jesuiten und Erzbischof Saric, Bischof Garic 
(erkl.: Jozo Garic) sowie 400 Geistliche mit einschlossen - den Ort ihrer Heldentaten verließen, um zunächst 
nach Österreich, dann nach Italien zu gehen, ließen sie einen Teil ihrer „Schätze“ zurück: Filme, Fotogra¬ 
fien, aufgezeichnete Reden Ante Pawelitschs, Truhen voller Edelsteine, Goldmünzen, Zahngold und - 
platin, Armbänder, Eheringe sowie Zahnprothesenteile aus Gold und Platin. Diese aus den elend Dahin¬ 
gemordeten geschlagene Beute versteckte man im Erzbischöflichen Palais, wo sie schließlich gefunden 
wurde. 



Und die Flüchtigen - denen kam die eigens zur Rettung von Kriegsverbrechern geschaffene „Päpstliche 
Hilfskommission“ zu passe. Diese karitative Einrichtung versteckte sie in Klöstern, hauptsächlich in Ös¬ 
terreich und Italien, und versorgte die Chefs mit falschen Pässen, die es ihnen ermöglichten, in „befreun¬ 
dete“ Länder zu gehen, wo sie die Früchte ihrer Raubzüge in Ruhe genießen können würden. So gesche¬ 
hen bei Ante Pawelitsch, dessen Anwesenheit in Argentinien 1957 ein ihn nur verwundender Mordver¬ 
such enttarnte. 

Von da an brach das diktatorische Regime in Buenos Aires zusammen. Wie auch Ex-Präsident Perön 
selbst, so hatte sein Schützling Argentinien zu verlassen. Von Paraguay aus, wo er zunächst hinging, er¬ 
reichte er Spanien, wo er am 28.Dezember 1959 im deutschen Krankenhaus zu Madrid starb. Bei jener 
Gelegenheit erinnerte die französische Presse an seine blutige Kariere und - diskreter - an die „mächtigen 
Komplizen“, die es ihm ermöglichten, der Strafe zu entgehen. 

Unter der Überschrift „Belgrad forderte seine Auslieferung vergeblich“ lesen wir in „Le Monde“: „Die 
heute morgen in der Presse veröffentlichte Kurzinformation hat unter den Jugoslawen Erinnerungen an 
eine Vergangenheit wiederbelebt, angefüllt mit Leiden und Bitterkeit gegen jene, die durch das Verste¬ 
cken Ante Pawelitschs ihn so fast fünfzehn Jahre lang dem Zugriff der Gerechtigkeit entzogen.“ (90) 

(90) „Le Monde“, 31.Dezember 1959. 


„Paris-Press“ hebt das letzte dem Terroristen angebotene Obdach mit diesem kurzen, aber bezeichnen¬ 
den Satz hervor: „Er endete in einem Madrider Franziskanerkloster.“ (91) 

(91) „Paris-Press“, 31.Dezember 1959. 


Und just von da aus wurde Pawelitsch ins Krankenhaus eingeliefert, wo er sich der Natur stellte, nicht 
aber der von seinen leicht auszumachenden „mächtigen Komplizen“ verspotteten Gerechtigkeit. 

Monsignore Stepinatz, der, wie er sagte, ein „reines Gewissen“ hätte, blieb in Agram, wo ihm 1946 der 
Prozess gemacht wurde. Verurteilt zu harter Arbeit, wurde es ihm praktisch nur auf erlegt, in seinem Hei¬ 
matdorf zu residieren (zu wohnen). Wie wir sehen können, war die Strafe leicht zu tragen - die Kirche aber 
braucht Märtyrer. Damals wurde der spätere Erzbischof von Agram - noch vor Erreichung des kanoni¬ 
schen Alters - von Pius XII., der ihm für „sein den reinsten Glanz aufweisendes Apostolat“ eilends den 
„Kardinals“-Titel verlieh, zum Koadjutor erhoben. 

Wir wissen um die symbolische Bedeutung des Kardinalspurpurs ( Kardinalsrocks y. wer ihn anlegt, hat bereit 
zu sein, seinen Glauben „usque ad sanguinis effusionem“ zu bekennen: bis zum Blutvergießen. Dass die¬ 
ses Vergießen in Kroatien unter dem Apostolat des besagten Heiligen reichlich war, kann nicht bestritten 
werden, nur dass das dort in Strömen geflossene Blut nicht das des Prälaten war: es war das Blut von or¬ 
thodoxen Gläubigen und Juden. Haben wir hierin eine „Umkehrbarkeit von Verdiensten“ zu sehen? 

Ist jenes der Fall, so kann das Kardinalsamt Monsignore Stepinatzens freilich nicht angefochten werden. 
„In der Diözese Oberkarlstadt, einem Teile seines Erzbistums, konnten sich von den 460.000 Orthodoxen, 
die dort lebten, 50.000 in den Bergen verstecken, 50.000 wurden nach Serbien geschickt, 40.000 über das 
Terrorregime zum Katholi z ismus bekehrt und 280.000 niedergemetzelt.“ (92) 

(92) Vgl. Jean Hussard: „Vu en Yougoslavie“ ([„Gesehen in Jugoslawien“,] Lausanne, 1947, S.216. 


Am 19.Dezember 1958 ist in der „France Catholique“ zu lesen: „Um die Größe und Heldenhaftigkeit 
Seiner Eminenz Kardinal Stepinatz zu würdigen, wird am 21.Dezember 1958 um 16 Uhr in der Krypta 
(Kellerkirche) der Odilienkirche, 2 Avenue Stephane Mallarme, Paris 17, ein Treffen stattfinden. Dafür ver¬ 
antwortlich zeichnet Seine Eminenz Kardinal Feltin, Erzbischof von Paris. 

Senator Emest Pezet und der nationale Rektor der Kroatischen Mission in Frankreich, Hochwürden Pa¬ 
ter Dragun (erkl.: Bogdan Teodor Dragun) werden teilnehmen. Messe und Kommunion hält Seine Exzellenz 
Monsignore Rupp.“ 

Und so bereicherte eine weitere Figur, und keine geringe, nämlich die Kardinal Stepinatzens, die „Gale¬ 
rie Großer Jesuiten“. 



Eine weitere Absicht besagten Treffens am 21.Dezember 1958 in der Odilienkrypta war die „Vorstel¬ 
lung“ eines zur Verteidigung des Agramer Erzbischofs von Hw.P.Dragun höchstselbst verfassten Buches; 
Monsignore Rupp, Kardinal Feltins Koadjutor, hatte das Vorwort geschrieben. Eine umfassende Beurtei¬ 
lung vermögen wir hier nicht zu geben, nur so viel: 

Der Titel des Buches: „Le Dossier du Cardinal Stepinac“ (erkl.: Theodore Dragoun r.p„ Nouveiies Editions Latines, 

1958) - zu deutsch: „Die Akte Kardinal Stepinatz“ - scheint dem Leser eine objektive Darlegung des 
Agramer Prozesses zu versprechen. Und tatsächlich finden wir in diesem 285 Seiten starken Bande die 
Reden der zwei Anwälte des Erzbischofs in voller Länge, begleitet von umfangreichen Anmerkungen des 
Autors, doch erfahren weder die Anklage schlechthin noch der Antrag des Staatsanwalts auch nur die lei¬ 
seste Erwähnung. 

Das Sprichwort „Jedes Ding hat zwei Seiten.“ schien sich Hw.P.Draguns Wahrnehmung zu entziehen, 

es sei denn, er kannte es z u gut! 

Wie es auch immer sei, diese systematische Ausblendung der Kehrseite des Themas wäre hinreichend, 
die Debatte zu beenden. 

Betrachten wir dennoch die für den Freispruch des Agramer Erzbischofs herangezogenen guten Gründe. 
Zuvorderst aber die Frage: War Monsignore Stepinatz wirklich Metropolit von Kroatien und Slawonien 
(Vorsteher der Kirchenprovinz Kroatien u. Slawonien j? Die Antwort darauf gibt Hw.P.Draguns Buch nicht. Auf dessen 
Seite 142 ist bezüglich einer Ausfertigung des Stepinatzschen Berichts, der in seiner Autentizität von der 
Verteidigung nicht angefochten wurde, folgendes zu lesen: 

„Im Wortlaut der Ausfertigung wird der Erzbischof als »Metropolita Croatiae et Sclavoniae« (»Metropolit von 
Kroatien u. Slawonien«) beschrieben, nur dass der Erzbischof eben kein Metropolit (Kirchenprovinzvorsteher) ist und 
sich als solcher selbst nie je darstellte.“ 

Das würde die Frage klären, läsen wir nicht auf Seite 114 das Folgende, aus Monsignore Stepinatzens 
eigenen Erklärungen vor dem Tribunal Entnommene: 

„Dass die kleinen Nationen und die nationalen Minderheiten dass Recht haben, frei zu sein, ist vom Hei¬ 
ligen Stuhle oft hervorgehoben worden. Sollte da nicht ich, als »Bischof und Metropolit«, das Recht ha¬ 
ben, das zu erörtern?“ Man versteht, je mehr man liest, immer weniger! 

Egal! Wie wir stets aufs Neue erinnert werden, habe Monsignore Stepinatz das Verhalten seiner Ge¬ 
meinde und Geistlichkeit in keinster Weise beeinflussen können. 

An jene, die die Artikel der die Leistungen Pawelitschs und seiner angeheuerten Mörder preisenden ka¬ 
tholischen Presse herzu holen, ergeht die Antwort: „Es ist schlichtweg lächerlich, Monsignore Stepinatz 
für das von einer Zeitung Geschriebene verantwortlich zu machen.“. 

Und sei es der „Katolicki List“, die wichtigste katholische Zeitung in Monsignore Stepinatzens Diözese 
Agram! 

Unter jenen Umständen werden wir uns nicht die Mühe machen, den den Franziskanern gehörenden 
„Andeo cuvar“ („Schutzengel“), den „Glasnik sv.Ante“ (die „Antoniusstimme“) der Konventualen (erkl.: /. 

dt. Sprachraum „Minoriten“ geheißener Zweig d. Franziskaner, der sich im Gefolge d. Armutsstreits herausgebildet hat u. 1517 als eigener Order 
päpstlich anerkannt wurde) des Sarajewoer „Katolicki tjednik“ („Katholischen Wochenblatts“), oder Bischof Sa- 
ric zu zitieren, noch freilich den jesuiteneigenen „Vjesnik Pocasne straze Presvetog Srca Isusova“ („Boten 
der Ehrenwache des göttlichen Herzens Jesu“)!. 

Man behauptet also, dass der „angefochtene Metropolit“ Monsignore Stepinatz über diese Publikatio¬ 
nen, deren Leiter er war, und die immerdar versuchten, einander in ihrer Verherrlichung Pawelitschs und 
seiner Blutherrschaft zu übertrumpfen, keinen Einfluss hatte. 

Weder habe er Autorität, wie zu hören, über die „Ustascha“-Bischöfe Saric, Garic, Aksamovic (erkl.: An¬ 
tun Aksamovic), Simrak (erkl.: Janko Simrak, * 1883 , fi946) etc. gehabt, die den Poglavnik mit Segen übergossen und 
seine Verbrechen lebhaft begrüßten, noch über die „Kreuzritter“ der Katholischen Aktion, diesen Hilfs¬ 
truppen der „Ustascha“-Bekehrer, noch über die franziskanischen Mörder, noch über die Agramer Non¬ 
nen, die mit in Hitlermanier erhobenen Händen einhermarschierten. 

Welch seltsame „Hierarchie“ („Führungsspitze“), die über nichts und niemanden Autorität gehabt haben soll! 

Die Tatsache, dass er mit zehn anderen katholischen Priestern im „Sabor“ (dem ,,Ustascha“-Parlament) 
saß, kompromittiert (beschädigt) den Erzbischof nicht - oder wir haben dies, da man die Tatsache einfach 
ignoriert, wenigstens anzunehmen. 








Wir sollten ihm etwa weder seinen Vorsitz in den Bischofskonferenzen noch in der Kommission für die 
Anwendung des die Bekehrung der Orthodoxen betreffenden Gesetzes vorwerfen. In besagter Apologie 
(Rechtfertigung) wird der „humanitäre“ („menschenfreundliche“) Vorwand für die gewaltsame Eingliederung derart 
Vieler in die römische Kirche gänzlich - und gänzlich geschickt - dargelegt. Hinsichtlich des Monsignore 
Stepinatz konfrontierenden „schrecklichen Dilemmas“ lesen wir dies: „Seine seelsorgerliche Aufgabe war 
es, die kanonischen Prinzipien intakt zu halten, andererseits aber wurden Andersdenkende, die es ablehn¬ 
ten, den Katholizismus zu übernehmen, niedergemetzelt; weshalb er die Strenge der Regeln verringerte.“ 

Noch verwirrter wird man, ließt man an etwas späterer Stelle: „Um eine Klärung dieser dramatischen 
Alternative bemüht, wies er in dem Rundschreiben vom 2.März 1942 die Priester an, die Bekehrungsmo¬ 
tive eingehend zu prüfen.“ 

Eine in der Tat merkwürdige Methode, wie er „die Strenge der Regeln“ milderte und die „dramatische 
Alternative“ klärte! 

War Monsignore Stepinatz jetzt dabei, den Scheinbekehrten die Tür zur römischen Kirche zu öffnen o- 
der zu verschließen? Das herauszufinden, wäre, bezögen wir uns einzig auf diese Verteidigungsrede, abso¬ 
lut undenkbar. Des Erzbischofs Apologeten scheinen jedenfalls das „Verschließen“ zu wählen, wenn sie 
erklären: „ ... Im Bereich der Erzdiözese (Hauptbischofsprovinz) Agram waren Wiedertaufefälle sehr selten.“ 
(92a) 

(92a) Dragoun R.P.: „Le Dossier du Cardinal Stepinac“ (Nouvelles Editions Latines, Paris, 1958, S.46 u. 163). 


Wie schon gesagt, spricht die Statistik leider eine andere Sprache: „ ... Allein in der zum Erzbistum 
Agram gehörenden Diözese Oberkarlstadt wurden 40.000 Menschen wiedergetauft.“ 

Dass derartige Ergebnisse nur durch Massenbekehrungen ganzer Orte erreicht werden konnten, ist of¬ 
fensichtlich - wie in Kamensko in der gleichnamigen Stepinatzschen Erzdiözese, wo an einem Tage 400 
verlorene Schafe „spontan und ohne jeden Druck seitens weltlicher und kirchlicher Behörden“ in die rö¬ 
mische Gemeinde zurückgekehrt seien. 

Warum dann also diese Zahlen unterschlagen? Wären sie wirklich Folge der „wohlwollenden Gesin¬ 
nung“ des kroatischen katholischen Klerus und nicht der skrupellosen Ausnutzung des Terrors gewesen, 
dann hätte man darauf stolz sein sollen. Wahr aber ist, dass der als Verbergungsversuch über besagte Nie¬ 
derträchten gelegte Schleier transparent und nicht breit genug ist. Hinsichtlich der Deckung Stepinatzens 
gilt es, andere aufzudecken: die Bischöfe Saric, Garic, Simrak, die Priester Bilogrivic, Kamber, Bralo und 
deren Mittäter - die Franziskaner und Jesuiten und - schlussendlich - den Heiligen Stuhl. 

Wir könnten uns auch des besagten sonderbaren Erzbischofs „reines Gewissen“ zu Gemüte führen ... 
dieses angeblich jede Autorität entbehrenden, sich - als er es nicht war - „Metropolit“ nennenden Primas 
von Kroatien, der, um dem Paradoxon die Krone aufzusetzen, Türen öffnete, als er sie schloss. Diesem 
fantastischen Prälaten zur Seite aber stand - konsequent und beleibt - noch ein weiterer - Hw.P.Marcone, 
der persönliche Vertreter Pius‘ XII. 

War auch dieser „Sancti Sedis Legatus“ bar jeder Autorität über den kroatischen Klerus? Wer weiß! 
Denn die derart sorgsam gereinigte „Akte“ macht von dieser großartigen Person keinerlei Erwähnung, 
seine Existenz könnte sich gar unserem Bewusstsein entziehen, hätten wir nicht andere Informationen, wie 
z.B. Fotografien, die zeigen, wie er im Agramer Dom amtiert, als feierlich Eingesetzter, inmitten des 
„Ustascha“-Generalstabs, und vor allem mahlhaltend mit der Famile Pawelitschs, des Katholiken „der 
Tat“, der die Massaker organisierte. 

In Anbetracht eines derartigen Dokuments ist es nicht überraschend, dass die Anwesenheit des päpstli¬ 
chen Repräsentanten „verdunkelt“ wurde; die Mystiker würden es „erhellendes Dunkel“ nennen! Noch 
erhellender sind folgende Zeilen der „Akte“: 

„Der Anwalt selbst führt in seiner Anklageschrift den Staatssekretär des Heiligen Stuhls, Kardinal 
Maglione an, der Erzbischof Stepinatz 1942 riet, verstärkt herzliche und freundliche Beziehungen zu den 
»Ustascha«-Behörden zu begründen.“ (92b) 


(92b) Dragoun R.P.: „Le Dossier du Cardinal Stepinac“ (Nouvelles Editions Latines, Paris, 1958, S.32). 



Das ist hinreichend, um jede weitere Argumentation zu beenden. 

Die gemeinsame Sache zwischen dem Vatikan und den „Ustascha“-Mördern ist deutlich genug. Der 
Heilige Stuhl höchstselbst hatte Monsignore Stepinatz gedrängt, mit ihnen zusammenzuarbeiten und der 
persönliche Vertreter Pius’ XE. hatte, indem er sich an Pawelitschs Tisch setzte, die päpstlichen Anwei¬ 
sungen buchstabengetreu in die Tat umgesetzt: Freundlichkeit und Herzlichkeit in den Beziehungen zu 
den Mördern der orthodoxen Gläubigen und Juden. 

Für uns keine Überraschung! 

Was aber denken sich die Jesuiten bei alledem, wo sie doch hartnäckig beteuerten, dass eine dauerhafte 
Zusammenarbeit der Prälaten Seiner Heiligkeit mit den Diktatoren eine rein persönliche und nicht vom 
Vatikan diktierte „Option“ gewesen sei? 

Als Kardinal Maglione dem Agramer Erzbischof die vorstehend erwähnten Empfehlungen zusandte, 
sollte er da seine „persönliche Option“ zum Ausdruck gebracht haben - unter dem Siegel des Staatssekre¬ 
tariats? 

Der eben erwähnte von Hw.P.Dragun gelieferte Beweis des stillscheigenden Einverständnisses zwischen 
dem Heiligen Stuhl und den „Ustaschas“ rundet dieses Kapitel ab. 

Doch gibt es hierzu eine neuerliche Bestätigung der missionarischen Gesinnung, die unter den Gläubi¬ 
gen der kroatischen katholischen Kirche gegenüber den orthodoxen Serben gedieh und immer noch ge¬ 
deiht. 

Die „Federation ouvriere croate en France“ (Die Vereinigung „Kroatischer Arbeiterbund in Frankreich“) 
verschickte eine Einladung zu der für Sonntag, den 19.April 1959 in der Zentralstelle des „Französischen 
Bundes christlicher Arbeiter“ in Paris anberaumten Festversammlung, um den 18. Jahrestag der Gründung 
des kroatischen „Ustascha“-Staates zu feiern. 

In der Einladung zu lesen: „Die Feierlichkeiten werden mit der in der Maria-Foretto-Kirche gelesenen 
Heiligen Messe beginnen.“ Doch ist der von diesem frommen Anfänge angetane Feser umso erschrocke¬ 
ner angesichts des kurz darauf folgenden direkten Aufrufs: „TOD DEN SERBEN ... !“. (93) 

(93) Vgl. „Le Monde“, 19.April 1959. 


Faut diesem keineswegs belanglosen Dokument sei es also bedauerlich, dass diese „Brüder in Christo“ 
nicht mehr getötet würden. 

Das Buch Hw.P.Draguns, des Rektors der Kroatischen Mission in Frankreich, macht Andeutungen, dass 
der den kroatischen Flüchtlingen durch die französischen Katholiken gegebene Empfang nicht herzlich 
genug gewesen sei. So zu erfahren auf den Seiten 59 und 60; und auf den Seiten 280 und 281 erwähnt der 
Autor die „herbe Enttäuschung“, die diese Flüchtlinge erlebt hätten, als sie auf den „völligen Mangel an 
Verständnis seitens ihrer Brüder im Glauben“ gestoßen seien. 

Betrachten wir das vorgenannte Dokument, so erscheint dieser „Mangel an Verständnis“ begreiflich; wir 
sind froh, dass - den ach so erhebenden Einladungen zum Trotze - unsere Fandsleute (die Franzosen) für eine 
Frömmigkeitsform wenig Sympatie zeigen, bei der nach bestem römischem und „Ustascha“-Usus der 
Aufruf zum Mord mit der „heiligen Messe“ Hand in Hand geht. Und wir wären noch froher, wenn das 
Drucken und öffentliche Verteilen dieser blutrünstigen Traktate, noch dazu in Paris, nicht erlaubt würde. 

Am lO.Februar 1960 verstarb der niederträchtige Agramer Erzbischof Aloysius Stepinatz in seinem 
Heimatdorfe Karlovice, wo ihm auferlegt worden war, zu residieren. Dieses Ableben gab dem Vatikan die 
Gelegenheit, eine seiner großartigen Manifestationen zu organisieren, mit denen er ja zu glänzen verstand. 

Jener Anlass erforderte große Anstrengungen, da viele Katholiken im Stepinatzschen „Falle“ keinen 
Täuschungen erlegen waren. Um diesem Höhepunkte also den größtmöglichen Pomp zu verleihen, über¬ 
traf sich der Heilige Stuhl selbst. Der „Osservatore Romano“ und die gesamte katholische Presse widme¬ 
ten den begeisterten Fobeshymnen auf den „Märtyrer“, „sein geistliches Testament“ und die „seine Rück¬ 
sichtnahme und übernatürliche Fiebe“ verkündenden Reden Seiner Heiligkeit Johannes XXEI. viele Ko¬ 
lumnen; was auch des Papstes Beweggründe waren, zu Ehren des besagten nicht zur Kurie gehörenden 
Kardinals einen Festgottesdienst im römischen Petersdome abzuhalten und ihm die Generalabsolution 
(vollkommene Sündenvergebung) zu erteilen. Und um diese Glorifizierung komplett zu machen, gab die Presse 
bekannt, dass die Seligsprechung jener illustren (glänzenden) Person in Bälde begänne. 



Zugeben müssen wir, dass er für seinen strikten „heiligen Gehorsam“ das viele Lob und auch den Heili¬ 
genschein verdient hatte, und dass er die nachdrücklichen Anweisungen des Heiligen Stuhls, „herzliche 
und freundliche“ Beziehungen zwischen sich und den „Ustaschas“ zu begründen, buchstabengetreu ausge¬ 
führt hatte. 

Doch hoffen wir, dass sich selbst unter den Katholiken einige finden mögen, die wahmehmen, wie der 
Vatikan - hinter der Begeisterung für diesen künftigen Heiligen und hinter der Beisetzung unter den an 
das blutige Stepinatzsche „Apostolat“ erinnernden Blumen - seine eigenen Verbrechen zu verbergen 
sucht. 


Abschnitt V 


Kapitel 4 

Die Jesuitenbewegung in Frankreich vor und während des Zweiten 
Weltkrieges. 


Wir haben gesehen, wie die Katholische Aktion - mit Leon Degrelle und seinen Komplizen an der Spit¬ 
ze - im „Christus Rex“-Belgien den Weg für Hitler vorbereitet hatte. Dasselbe unterminierende Vorgehen 
schritt in Fran kr eich voran; es begann mit Mussolinis Machtantritt und endete 1940 mit dem Zusammen¬ 
bruch der Landesverteidigung. In Belgien sollten, wie wir erfahren dürfen, zum Wohle des Landes die 
„spirituellen Werte“ wiederhergestellt werden. Man rief die FNC: die „Katholisch-Nationale Vereinigung“ 
(„Federation national catholique“) ins Leben und gab sie unter den Vorsitz General de Castelnaus; bis zu 
drei Millionen Anhänger traten ihr bei. Ihr Chef war clever gewählt: der General, eine große militärische 
Persönlichkeit und damals 78 Jahre alt, überspielte mit seinem - ihm aber freilich angeblich unbewussten 
- persönlichen Prestige ein intensives klerikofaschistisches Propagandaprogramm. 

Dass die FNC, wie ja die Katholische Aktion überhaupt, durch und durch jesuitisch war, bleibt nieman¬ 
dem verborgen. Wir wissen aber auch, dass die guten Patres, deren hartnäckige Sünde der Stolz ist, es 
mögen, den Werken ihres Genies ihre Signatur zu geben. Das taten sie bei der FNC, als sie diese katholi¬ 
sche Armee dem Heiligen Herzen Jesu, einer von ihrer Kompanie begründeten Anbetung, weihten, deren 
Basilika auf dem Montmartre steht, von dem aus sich Ignatius von Loyola und seine Gefährten zur Erobe¬ 
rung der Welt aufmachten. 

Ein die FNC betreffendes Buch, dessen Vorwort von Hw.P.Janvier geschrieben wurde, bewahrte die 
vom alten General „am Altar“ gelesene Weihehandlung der Nachwelt. Hier einige Passagen daraus: 

„Heiligstes Herz Jesu, die sich jetzt vor dir zu Boden werfenden Führer und Vertreter französischer Ka¬ 
tholiken haben sich unlängst zusammengefunden und die Katholisch-Nationale Vereinigung (FNC) orga¬ 
nisiert, um deine Herrschaft über dieses Fand wiederaufzurichten. ... Wir alle, die Anwesenden wie die 
Abwesenden, waren bislang nicht allezeit makellos. ... Wir tragen die Fast der Verbrechen, die die fran¬ 
zösische Nation an dir begangen hat. ... Es geschieht deshalb im Hinblicke auf die Wiedergutmachung 
und Sühne, dass wir heute mit unserem Wunsche, Vorhaben und einstimmigen Beschlüsse vor dich treten, 
dass deine heilige und königliche Macht über ganz Fran kr eich wiederhergestellt und seine Kinder von 
einer gotteslästerlichen Fehre befreit werden mögen. ... Wir werden vor diesem Kampfe, um dessentwil- 



len du dich herabgelassen hast, uns zu bewaffnen, nicht mehr zurückschrecken. Wir wollen, dass alles vor 
deinem Gottesdienste gebeugt und ihm treu ergeben werde. ... 

Heiligstes Herz Jesu, wir flehen dich durch die Jungfrau Maria an, die Huldigung anzunehmen. ... “ etc. 
(94) 

(94) und (95) Georges Viance: „L’CEVRE ACCOMPLIE PAR LA FEDERATION NATIONALE CATHOLIQUE“ [„VOLLBRACHTES WERK DURCH 
DIE KATHOLISCH-NATIONALE VEREINIGUNG“], Vorwort von Hw.P.Janvier (FNC, 1930, S.186, 187, 188, 78). 

Und die „Verbrechen der französischen Nation“ - der katholische Autor zählt sie auf: 

Worte mit fatalen Folgen und allgemeine Richtlinien: Sozialismus wird verdammt. ... Liberalismus wird 
verdammt. ... Wie von Leo XIII. dargelegt, sei die Glaubensfreiheit nicht zu rechtfertigen. Der Rede- und 
Meinungsfreiheit könne nicht berechtigterweise entsprochen werden - so ebenfalls die päpstliche Klarstel¬ 
lung. ... Gedanken-, Presse-, Lehr- und Glaubensfreiheit - von so manchem als natürliche Rechte des 
Menschen angesehen - könne man unmöglich also gewähren. ... 

„Wir haben“, so Pius XI. „besagte Lehren und Ordnungen der Kirche wieder einzuführen.“. 

Solcherart ist das FNC-Hauptziel - unter der durch die Dezentralisierung der Diözesankommissionen (Bi¬ 
schofsprovinzkommissionen) sichergestellten Aufsicht der Hierarchie. 

„Aktuell wie im Kriege ist in der Katholischen Aktion nach wie vor General Castelnaus berühmtes 
Wort: »Vorwärts«.“ (95) 

(94) und (95) Georges Viance: „L’CEVRE ACCOMPLIE PAR LA FEDERATION NATIONALE CATHOLIQUE“, Vorwort von Hw.P.Janvier (FNC, 
1930, S.186, 187, 188, 78). 

Das freilich ist klar und deutlich. Und so wissen wir auch, was uns erwartet, wenn wir bei Pius XI. le¬ 
sen: „Die Katholische Aktion ist das Apostolat des Gläubigen. ... “ (Schreiben an Kardinal van Roey, 
15.August 1929). 

Seltsames Apostolat, das in der Ablehnung sämtlicher von zivilisierten Ländern geschätzter Freiheiten 
besteht und stattdessen als Schirmherr der totalitären Prinzipien auftritt! Ist dies „das Recht, anderen Geis¬ 
tern die Schätze der Erlösung zu vermitteln“ (Pius XI. „Non abbiamo bisogno“ [Enzyklika „Non abbiamo bisogno“]; 

„ Wir haben nicht nötig “)? 

Diese „Schätze der Erlösung“ ... revidiert und aktualisiert von Jesuitenpater Staempfle, dem diskreten 
(zurückhaltenden) Verfasser von „Mein Kampf“, in Belgien um sich herum zu verbreiten, übernahmen Leon 
Degrelle und seine Freunde - Helden der Katholischen Aktion. 

Gleiches geschah in Frankreich, wo „bei der Tätigkeit des hierarchischen Apostolats“ (Pius XI. „Dixit“) 
mitmachende Laienapostel eifrig dabei waren, eine weitere »Kollaboration« zu begründen. Lesen wir, was 
der päpstliche Geheimkämmerer und Hitlers rechte Hand Franz von Papen zu diesem Thema schrieb: 

„1927 nahm ich zum ersten Mal an einer Tagung der »Semaine sociale« (»Sozialen Woche«) im Institut 
Catholique (unterMonsignoreBaudriiiarts Vorsitz) in Paris teil. ... Ein Gegenbesuch unserer französischen Freunde 
in Berlin zeigte, wie weitgespannt das Interesse für unsere Ausgleichsbemühungen auf beiden Seiten war. 

... Mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Francois Marsal waren ... die Ehrwürdigen Patres Dellatre 
(Jesuit), de la Briere (ERKL.: Yves de la Briere) (Jesuit), Danset (Jesuit) ... .“ (96) 

(96) Franz von Papen: „Memoires“ (Flammarion, Paris, 1953, S.91). 

IN DEUTSCH: Franz von Papen: „DER WAHRHEIT EINE GASSE“ (LIST, München, 1952, S.152, 153). 


„Dieser Katholikentag erreichte übermenschliche Dimensionen der Bedeutung.“, so der gute Apostel an 
späterer Stelle weiter. 

Diese zu Zeiten auf der Konferenz erreichte „Bedeutung“ erklomm am 14. Juni 1940, dem Tage, an dem 
die hakenkreuzgeschmückte Flagge siegreich über Paris wehte, ihren Höhepunkt. Wir wissen, dass Goeb¬ 
bels, Chef der Hitlerpropaganda, drei Monate zuvor, am 14.März, auf jenes Datum hinwies und die deut¬ 
sche Offensive erst am lO.Mai gestartet wurde. 

So erstaunlich, wie sie veilleicht erscheint, ist die Genauigkeit dieser Voraussage nicht. 


„Im Folgenden der geheime Bericht von Agent 654 J.56, tätig für den deutschen Geheimdienst, der diese 
Enthüllungen Himmler zusandte: »Paris, 5 Juli 1939. Ich kann verkünden, dass die Lage in Fran kr eich 
nunmehr in unserer Hand ist. Alles ist bereit für den Stichtag und alle unsere Agenten sind auf Posten. 
Binnen weniger Wochen werden Polizei und Militärwesen zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.«. 

Nicht wenige geheime Dokumente belegen, dass man die Verräter schon vor geraumer Zeit ausgewählt 
hatte. Männer wie Luchaire (ERKL: Jean Luchaire, Journalist, * 1901, fl946), Bucard (ERKL: Marcel Bucard, Politiker, *1895, 
fl946), Deat (ERKL.: Marcel Deat, Faschist, * 1894, fl955), Doriot (ERKL: Jacques Doriot, Politiker, *1898 , fl945) ... und Abel 
Bonnard (erkl.: Schriftsteller, * 1883, fi968) (von der Französischen Akademie).“ (97) 

(97) Andre Guerber: „Himmler et ses crimes“ {[„Himmler u. seine Verbrechen“,] Les documents Nuit et Jour, Paris, 1946). 


(Letzterer floh bei der Befreiung nach Spanien. Am l.Juli 1958 kam er nach Fran kr eich zurück, stellte 
sich, wurde aber unverzüglich vom Präsidenten des Obersten Gerichtshofs vorübergehend freigelassen!) 

Details über die diesen Verrätern von der deutschen Staatsregierung bereitgestellten Zahlungen gibt das 
außerordentlich gut dokumentierte Buch Andre Guerbers. Mit ihrer sehr effektiven Arbeit hatten jene die¬ 
ses Geld auch voll und ganz verdient. 

Die nunmehrige Atmosfäre hatte man übrigens seit langem vorbereitet. In dieser Zeit war, um das Land 
nach den Vorstellungen der Katholischen Aktion zu „erneuern“, eine ganze Brut geschlüpft, Männer vom 
Schlage Leon Degrelles wie Deat, Bucard, Doriot, der - Andre Guerber zufolge - „Agent Nr.56 BK des 
deutschen Geheimdienstes“ war. Aus dieser ganzen bunten Truppe war er es auch, der beim Erzbistum 
und dessen Sympathisanten ... und selbstverständlich bei Hitler, der ihn späterhin ermächtigte, die meiste 
Gunst genoss. 

Doriot war der aufstrebende Stern; doch für die unmittelbare Zukunft und, um nach der vorausgesagten 
und gewollten Niederlage den Wechsel mit Bedacht anzugehen, bedurfte es eines anderen Mannes, eines 
hochangesehenen militärischen Führers, der in der Lage sein würde, das Desaster salonfähig zu machen 
und als „nationalen Wiederaufbau“ darzustellen. 

Bereits 1936 schrieb Kanonikus Coube: „Der Herr, der Karl den Großen (erkl.: Karl /., der Große, röm. Kaiser u. 
König der Franken, *747, f8i4) und die Helden der Kreuzzüge hervorbrachte, vermag es immer noch, Erlöser zu 
erhöhen. ... Es muss unter uns von Ihm versiegelte Männer geben, die, wenn nun seine Zeit gekommen 
ist, enthüllt werden. ... Es muss unter uns Männer Gottes geben, die die Arbeiter in den großen nationalen 
Erneuerungen sind. Welche nötigen Vorraussetzungen sie zur Erfüllung dieser Mission mitzubringen ha¬ 
ben? Natürliche geistige und charakterliche Qualitäten; auch sind übermenschliche Qualitäten, sprich Ge¬ 
horsam Gott und Seinem Gesetz gegenüber in gleicher Weise unerlässlich, da diese politische Arbeit - 
noch vor allem andern - eine moralische und religiöse ist. Diese Erlöser sind Männer mit großem Herzen, 
die allein zur Ehre Gottes arbeiten. ... “ (98) 

(97) Chanoine Coube: „Sainte Therese de l'Enfant-Jesus et les crises du temps present“ {[„Die hl. Theresa vom Kinde Jesu u. die Krisen d. Ge¬ 
genwart“], Flammarion, Paris, 1936, S.165 ff.). 


Als der Schüler Loyolas diese politischen und religösen Gedanken darlegte, wusste er, wer der besagte 
fromme „Erlöser“ sein würde, denn der war unter Klerikern wie Faschisten kein Geheimnis; so Fran§ois 
Ternand: „Ins Rollen kam eine clevere und nachhaltige Propagandakampagne - zu Gunsten einer »Petain- 
Diktatur«. ... “ 

1935 veröffentlichte Gustave Herve (erkl.. irz. Politiker u. Publizist, *1871. fi944) ein Pamphlet, das wir Vorhaben, 
zu untersuchen. ... Titel des Traktats ist „Wir brauchen Petain“. ... Sein Vorwort ist ein begeistertes Plä¬ 
doyer für die „italienische Erneuerung“ und die „noch erstaunlichere Erneuerung in Deutschland“, gepaart 
mit dem Hochlebenlassen der wunderbaren Chefs, von denen diese Erneuerungen ausgingen. Und unser 
französisches Volk (Und die Franzosenp. .. . Es gibt da einen, um den wir uns scharen könnten. ... Auch wir 
haben einen Mann der Vorsehung. ... Sie wollen seinen Namen wissen? Er heißt Petain. 

„Wir brauchen Petain“, denn die Heimat ist gefährdet; und nicht nur sie, sondern auch der Katholizis¬ 
mus: „Wenn nicht in jedem Lande ein diktatorisches Regime errichtet wird, dann ist die christliche Zivili¬ 
sation zum Tode verurteilt. ... 



Merkt auf: In Friedenszeiten kann ein Regierungssystem nur per Staatsstreich hinweggefegt werden - so 
es willens oder ohne Unterstützung durch Armee und Behörden ist. Eine Operation mit Erfolg gibt es nur 
durch Krieg und eine Niederlage im Besonderen.“ (99) 

(99) Frangois Ternand: „L'ascension politique du Marechal Petain“ ([„Marschall Petains polit. Aufstieg"], Editions du Livre Frangais, Paris, 1946, 
S.40 ff.). 

Also wurde der Pfad der „Rechristianisierung“ Fran kr eichs bereits 1935 markiert, das Regierungssystem 
war hinwegzufegen und der beste Weg, dies zu erreichen, bestand im Erleiden einer militärischen, uns 
(Frankreich) unter das deutsche Joch bringenden Niederlage. Das wurde 1943 vom päpstlichen Grafen und 
Chef der Vichy-Regierung Pierre Laval bestätigt: 

„Ich hoffe, Deutschland wird siegreich sein. Zu vernehmen, dass, wer besiegt wird, sich den Sieg des 
Siegers wünscht, mag seltsam erscheinen. Doch gleicht dieser Krieg nicht den dagewesenen. Es ist ein 
wahrer Religionskrieg! Ja, ein Religionskrieg.“ (100) 

(100) Nationaler Rundfunk, 2.Januar 1943. 


Genau das war es, was die Kirche wollte, wenn auch unerfreulich für den an früherer Stelle erwähnten 
vergesslichen Jesuiten Fessard, der nicht mehr wissen will, was im amerikanischen Rundfunk für die 20 
Millionen Zuhörer der „Christlichen Front“ von seinem loyolaschen Bruder, dem Pater Coughlin gesagt 
wurde: „Der deutsche Krieg ist ein Kampf ums Christentum.“. (101) 

(101) 7.Juli 1941. 

Im besetzten Fran kr eich aber sagte Kardinal Baudrillart, Rektor des Katholischen Instituts in Paris, just 
im selbigen Zeiträume das gleiche. Und zwar: 

„Hitlers Krieg ist eine hehre Maßnahme zur Verteidigung der europäischen Kultur.“ (102) 

(102) 30.Juli 1941. 

Auf beiden Seiten des Atlantiks also sangen damals, wie ja überhaupt weltweit, die kirchlichen Organe 
ihre Hymnen auf den siegreichen Nazismus. 

So wie in Fran kr eich der Erzbischof von Paris - Kardinal Suhard (erkl.: Emmanuei-Ceiestin Suhard, *1874, fi949) 
- dem ganzen Episkopat (Bischofsapparat) durch allseitige „Zusammenarbeit“ als Beispiel voranschritt, so 
auch der jesuitische Nuntius Monsignore Valerio Valeri (erkl.: *1883, fi963). 

Nach der Befreiung ersuchte die Regierung den Vatikan, nicht weniger als dreißig schwer belastete Bi¬ 
schöfe und Erzbischöfe abzuberufen. Drei Abberufungen stimmte er letztlich zu. 

„Frankreich hat vergessen. ...“, schrieb Maurice Nadeau (ERKL.: einerd. angesehensten frz. Literaturkritiker, *1911, 
fi979). „»La Croix«, das gefährlichste Sprachrohr im Dienste der Kollaboration, reiht sich unter die Publi¬ 
kationen eines befreiten Frankreichs; den Prälaten, die die französische Jugend dazu gedrängt hatten, für 
den Sieg Deutschlands zu arbeiten, wurde kein Prozess gemacht.“ (103) 

(103) Vorwort zu „L’Eglise at-elle collabore?" [„Die Kirche hat kollaboriert?“] von Jean Cotereau (Spartacus, Paris, Mai 1946). 


Im „Artaban“ (erkl.: frz. Zeitung) vom 13.Dezember 1957 konnte man lesen: 

„1944 wurde »La Croix« wegen Feindbegünstigung strafrechtlich verfolgt und vor den Pariser Gerichts¬ 
hof gebracht; man übertrug den Fall Richter Raoult, der ihn einstellte. Am 13.März 1946 wurde die Ange¬ 
legenheit in der Kammer (gesetzgebenden Körperschaft d. Parlaments) besprochen (siehe JO [Journal Officiel] DebatS 
parlementaires, Seiten 713-714) (erkl.: siehe Abi. [Amtsblatt] Parlamentsdebatten, Seiten 713-714) und man erfuhr, dass 
der damalige, die französische Presse sorgsam säubernde Justizminister de Menthon sich zugunsten von 
»La Croix« ausgesprochen hatte. 

Genau genommen war die »Stimme des päpstlichen Denkens« - wie sie Pius XE. 1942, als er ihr seinen 
Segen übermittelte, nannte - die einzige von den zur Unterdrückung sämtlicher während der Besatzung 



herausgegebenen Zeitungen unternommenen allgemeinen Maßnahmen ausgenommene. Obwohl, wie uns 
der »Artaban« erinnert: 

»La Croix« erhielt Anweisungen vom deutschen Leutnant Sahm und in Vichy von Pierre Laval.“ 

Klar doch waren die Gedanken des „päpstlichen Denkens“ und Hitlers Anweisungen in der glücklichen 
Lage, sich zu decken. Das wird bestätigt, wenn wir dieses schätzenswerten Papiers Kriegsausgaben studie¬ 
ren. 

Ein Attribut (Wesensmerkmai) der Jesuiten, und kein geringes, ist es, die ganze katholische Presse zu über¬ 
wachen. In den verschiedenen, gegebenenfalls den Bedürfnissen ihrer Leser angepassten, Blättern bringen 
sie die verschiedenen Töne dieses „päpstlichen Denkens“ heraus, das - in seinen wogenden Sichtweisen - 
nichtsdestotrotz unbeirrt seinen Zielen zustrebt. Und da ist nicht eine „christliche“ Zeitung oder Zeit¬ 
schrift, die sich nicht der Mitarbeit einiger - diskreter (zurückhaltender) - Jesuiten erfreut. 

Sind doch diese „allen alles“ seienden Patres die besten im Chamäleonspielen. Das wissen wir ja, und 
nach der Befreiung durften wir uns allerorten von Patres überraschen lassen, „die zur Resistance gehört 
hatten“ (, der sie später als andere beitraten!) und bezeugten, dass die Kirche ZU KEINER ZEIT „kollabo- 
riert“ habe. 

Vergessen, aufgehoben, verflogen waren die Artikel von „La Croix“ und anderen katholischen Zeitun¬ 
gen, die bischöflichen Mandate (Erlasse), die Hirtenbriefe (bischöfi. Rundbriefe), die Bescheide der Versammlung 
der Kardinäle und Erzbischöfe, die Appelle Kardinal Baudrillards an die französischen Jugendlichen, Na¬ 
zi-Uniformen anzuziehen und, nach Ablegung des Treueids auf Hitler, in der FFL (Französischen Freiwilligenlegi¬ 
on) zu dienen! Alles das war vorbei und vergessen! 

„Die Geschichte ist ein Roman“, sagte ein desillusionierter Denker. Jene unserer Epoche hält dieser De¬ 
finition die Treue: der Roman wird soeben vor unseren Augen geschrieben. Unter Beteiligung vieler „His¬ 
toriker“ - wohlgesinnter Geistlicher und Laien - und das erhebende Ergebnis ist uns gewiss: ein katholi¬ 
scher Roman, was sonst. Beträchtlich ist der Beitrag der Jesuiten, der würdigen Erben Pater Loriquets 

(erkl.: Jean-Nicolas Loriquet, *1767, fi840), dessen „Histoire de France“ (Rusand, Lyon, 1820) ein derart absurdes Bild 
Napoleons zeichnete. 

Verglichen mit dieser gekonnten Meisterleistung, war, die von 1940 bis 1944 währende Zusammenar¬ 
beit zwischen den Geistlichen und dem deutschen Besatzer zu tarnen und verschwinden zu lassen, eine 
Leichtigkeit. Und es setzt sich weiter fort; über die Jahre sind unter der Schirmherrschaft des „Imprima¬ 
tur“ (katholisch-bischöfi. Druckerlaubniszeichens) derart viele Artikel in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern verfasst 
worden, um sie zu würdigen - die fehleingeschätzten Superpatrioten wie Suhard, Baudrillard, Duthois, 
Auvity (ERKL.: Frangois-Louis Auvity, Bischof, *1874, f1964), du Bois de la Villerabel (ERKL.: Andre du Bois de la Villerabel, 
Erbischofvon Rouen, *1877, fi 951), Mayol de Luppe etc.! So viele geschwärzte Seiten zur Würdigung der derart 
heroischen Haltung des Episkopats (Bischofsapparats) in den Kriegsjahren, in denen Fran kr eich „eine die fran¬ 
zösischen Bischöfe zu »Stadtverteidigem« machende Situation“! erlebte, wie ein Ironiker schrieb. (104) 

(104) Andre Deroo: „L'episcopat frangais dans la melee de son temps“ ([„Derfrz. Episkopat in den Wirren unserer Zeit“] Bonne Presse, Paris, 
1955, S.103) Imprimatur 1955. 


„Verleumden und immer wieder verleumden! Denn es muss etwas hinterlassen werden.“, riet schon Ba¬ 
silius, dieser perfekte Jesuitentypus. Und „Schönen und immer wieder schönen.“ sagen seine Amtsnach¬ 
folger und großen Autoren „Historischer Romane“. 

Und diese Schönung findet gerade weitgehend statt. 

Kommende, von einem Strom aus Übertreibungen beflutete Generationen werden - wir hoffen es jeden¬ 
falls - diesen Stadt-„Verteidigem“ einen Gedanken der Dankbarkeit widmen, diesen durch die Arbeit ih¬ 
rer Apologeten „in die freie Offenheit einer reinen Weste“ gekleideten Helden der römischen Kirche und 
Heimat; deren einige sogar kanonisiert wurden! 

Seelenruhig beschloss am 25.August 1944 Jesuitenkardinal Suhard - Pariser Erzbischof (ab 11.Mai 
1940) und Leiter der kirchlichen Kollaborateure - in der Notre-Dame-Kathedrale das „Te Deum“ für den 
Sieg zu zelebrieren. Nur durch den „energischen Protest des Hauptgeistlichen der FFI (Französischen Streitkräfte 
des Inneren; ERKL.: Forces Frangaises de I'Interieurf blieb uns dieses schamlose Possenspiel erspart. 



In der „France Dimanche“ (erkl.: bekannte Zeitschrift) vom 26.Dezember 1948 lesen wir: „Seine Eminenz, 
Kardinal Suhard, Erzbischof von Paris, erhielt soeben, am Jahrestag seiner Priesterweihe, einen eigenhän¬ 
digen Brief Seiner Heiligkeit Pius XII., der ihn unter anderem für seine während der Besatzung einge¬ 
nommene Rolle lobte.“ Wir wissen, dass, wie sich der Kardinal in jener Zeit verhielt, nach der Befreiung 
und bis zum heutigen Tage heftig kritisiert wurde. Als General de Gaulle (erkl.: Charles de Gaulle, frz. General u. 
Politiker, *1890, fi970) im August 1944 nach Paris zurückkehrte, kam für ihn, dem Kardinal beim „Te Deum“ 
im Notre-Dame-Dom beizuwohnen, nicht in Frage. Zeitgleich stand der Prälat unter öffentlicher Anklage 
wegen „Neigungen zur Kollaboration“. 

Weshalb des Heiligen Vaters Lob nur verständlich ist. Doch ist da noch eine weitere, noch erhebendere 
„Te Deums“-Geschichte!: 

Nachdem die Alliierten von Bord gegangen waren, litt die Stadt Rennes sehr unter den sich anschließen¬ 
den Kampfhandlungen und viele aus der Zivilbevölkerung starben, weil es der Offizier der deutschen 
Garnison (Besatzungstruppe) ablehnte, sie zu evakuieren. Als die Stadt eingenommen wurde, wollte man das 
traditionelle „Te Deum“ abhalten, doch wies der Erzbischof des bretonischen Rennes, Monsignore Roques 
(erkl.: ciement-Emiie Roques, *1880, fi964) nicht nur jede Zuständigkeit von sich, sondern auch die Feier des be¬ 
sagten „Te Deums“ in seinem Dom. Dem Himmel für die Befreiung seiner Stadt zu danken, war in den 
Augen dieses Prälaten eine unerträgliche Schande. Für diese Haltung arrestierten ihn die französischen 
Behörden im Erzbischöflichen Palais. 

Eine derartige Loyalität gegenüber der „Denkart des Papstes“ rief geradezu nach würdiger Belohnung. 
Die bald darauf aus Rom eintraf - in Form eines Kardinalshuts. 

Beschuldigen können wir den späten Pius XE. für vieles. Doch das muss man ihm lassen: er „hat die 
Seinen allezeit bestätigt“. Ein schmeichelhaftes Schreiben an Kardinal Suhard, den ausgemachten Kolla¬ 
borateur, den Kardinalspurpur für Mosignore Roques, den Helden des ... deutschen Widerstands: dieser 
„große Papst“ übte hierin eine konsequente Verteilungsgerechtigkeit. 

Sein Gefolge freilich war von der Beschaffenheit, ihn weise zu beraten: zwei deutsche Jesuiten, 

Hw.P.Leiber (erkl.: Robert Leiber, *1887, fi967) und Hw.P.Hentrich (erkl: Wilhelm Hentrich), „seine zwei Privatsekre- 
täre und Lieblinge“. (105) Sein Beichtvater war der deutsche Jesuit Bea (erkl.. Augustinus Bea, *1881, fi968). 
Schwester Pasqualina (Pasquaiina Lehnert, *1894, fi983), eine deutsche Nonne, regelte seinen Haushalt und vor 
allem bekochte sie ihn. Selbst der auf den süßen Namen „Dompfaff“ hörende Kanarienvogel war von jen¬ 
seits des Rheins importiert worden. 

Aber hatte nicht der Oberhirte - nach Hitlers Überfall auf Polen - Ribbentrop wissen lassen, dass er für 
Deutschland „immer eine besondere Zuneigung haben würde“? (106) 

(105) ‘La Croix’, 10.Oktober 1958. 

(106) In der „Documentation Catholique“ vom 15.März 1959 lesen wir: „Was die hoch zu würdigende deutsche Nation betrifft, so werden wir dem 
uns von unserem Vorgänger (Pius XII.) gegebenen Beispiele folgen. Gezeichnet Johannes XXIII.“ Der Geist der Kontinuität ist eines der Attribute 
des Vatikans. 


Abschnitt V 


Kapitel 5 

Die Gestapo und die Gesellschaft Jesu 



Blieb Pius’ des XI. und Pius’ des XD. Wohlwollen und Freundlichkeit gegenüber dem Führer, den sie an 
die Macht gebracht hatten, nie aus, so müssen wir zugeben, dass letzterer sämtliche Bedingungen des Ab¬ 
kommens, durch das er dem Vatikan verpflichtet war, erfüllte. Da er ausdrücklich versprochen hatte, die 
Antiklerikalen zu „ersticken“, folgten jene den Liberalen und Juden alsbald in die KZs. Wie der Chef des 
Dritten Reichs über das Schicksal der Juden entschieden hatte, ist bekannt: sie wurden schlichtweg ver¬ 
nichtet oder, wo vorteilhafter, zur Arbeit bis zur Erschöpfung gezwungen und dann liquidiert. In welchem 
letzteren Falle sich die „Endlösung“ lediglich verzögerte. 

Schauen wir aber zunächst, wie die besonders „autorisierte“, mit dem Christusorden ausgezeichnete Per¬ 

sönlichkeit Franco die gemeinsame Sache zwischen Vatikan und Nazis unmissverständlich bestätigte. 
„Reforme“ (erkl.: frz. Zeitschrift) zufolge hatte die Presse des spanischen Diktators (Franco) am 3.Mai 1945, 

dem Todestag Hitlers, das Folgende veröffentlicht: 

„Der Sohn der katholischen Kirche Adolf Hitler starb in der Verteidigung des Christentums. Es ist daher 

nur verständlich, dass Worte, derer sich der Würdigung seines Febens so viele fanden, für die Trauer um 

seinen Verlust nicht hinreichen. Über seinen sterblichen Überresten steht seine siegreiche tugendhafte 

Gestalt. Mit der Märtyrerkrone verlieh Gottes ihm die Siegeslorbeeren. “(107) 

(107) Reforme, 21.Juli 1945. 


Diese Grabrede des Naziführers, eine Herausforderung für die siegreichen Alliierten, wird - unter dem 
Deckmantel von Francos Presse - vom Heiligen Stuhl höchstselbst ausgesprochen. Es ist eine vom Vati¬ 
kan via Madrid gehaltene amtliche Pressemitteilung. 

Natürlich hatte dieser nunmehr fehlende Held die Dankbarkeit der römischen Kirche mehr als verdient, 
und sie versucht es auch nicht zu verbergen. Er diente ihr in Treue: alle jene, die ihm besagte Kirche als 
ihre Gegner herausstellte, bekamen die Konsequenzen zu spüren. Und dieser gute „Sohn“ scheute sich 
nicht, zuzugeben, was er seiner Heiligsten Mutter (der kath. „Himmelskönigin“) und vor allem den sich zu ihren 
Weltsoldaten gemacht Habenden schuldete. 

Zitat Hitler: „Vor allem habe ich von den Jesuiten gelernt. ... Die Welt hat niemals etwas annähernd so 
großartiges gesehen, wie die hierarchische Struktur der katholischen Kirche. Es gibt da so einige Dinge, 
die ich den Jesuiten für die Partei abgeschaut habe. ... Ich will Ihnen ein Geheimnis sagen: Ich gründe 
einen Orden. ... In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschre¬ 
cken wird. ... Aber es gibt noch Grade, von denen ich nicht sprechen darf.“ (108) 

(108) Hermann Rauschning, früherer nationalsozialistischer Senatspräsident von Danzig: „Hitler m’a dit.“ (Cooperation, Paris, 1939, S.266, 267, 
273 ff.). 

IN DEUTSCH:Hermann Rauschning: „Gespräche mit Hitler“ (Europa Verlag, Zürich, 1938). 


Ein weiterer hoher Hitler-Funktionär, Walter Schellenberg (H9io, fi953), früherer Chef der deutschen Spi¬ 
onageabwehr, hat nach dem Kriege diese Vertraulichkeit des Führers vervollständigt: 

„So wurde die SS-Ol'ganisation (die Organisation d. Sicherungs- u. Überwachungsformation d. NSDAP) von ihm nach den 
Grundsätzen des Jesuitenordens aufgebaut. Als Grundlagen dienten die Dienstordnung und die Exerzitien 
des Ignatius von Loyola: das oberste Gesetz war das des absoluten Gehorsams, die Ausführung eines je¬ 
den Befehls ohne Widerspruch. Himmler (erkl.: Heinrich Himmler, * 1900 , fi945) selbst, als Reichsführer SS, war 
der Ordensgeneral. Der Aufbau der Führerschaft lehnte sich an die hierarchische Ordnung der katholi¬ 
schen Kirche an. Bei Paderborn in Westfalen hatte er eine mittelalterliche Burg, die sogenannte Wewels¬ 
burg ausbauen lassen - sie war sozusagen das große »SS-Kloster«, wohin der Ordensgeneral einmal jähr¬ 
lich das Geheimkonsistorium (Geheimtreffen d. obersten Ordensführung z. Abhaltung von geistigen u. Konzentrationsübungen) 

einberief.“ (109) 

(109) Walter Schellenberg: „Le Chef du contre-espionnage nazi vous parle“ (Julliard, Paris, 1957, S.23-24). 

IN DEUTSCH: Walter Schellenberg, Gita Petersen: „Memoiren“ (Verlag f. Politik u. Wirtschaft, Köln, 1959). 




















Ihrerseits demonstrierten die besten theologischen Federn die Ähnlichkeit zwischen katholischen und 
nationalsozialistischen Lehren. Und in dieser Arbeit waren die Söhne Loyolas die Eifrigsten. Schauen wir 
beispielsweise, wie der Jesuitentheologe Michael Schmaus eine Reihe von Studien zu diesem Thema der 
Öffentlichkeit präsentierte: 

„Reich und Kirche ist eine Schriftenreihe, die dem Aufbau des Dritten Reiches aus den geeinten 
Kräften des nationalsozialistischen Staates und des katholischen Christentums dienen soll. ... Ich sehe 
nämlich in der nationalsozialistischen Bewegung den schärfsten und wuchtigsten Protest gegen die Geis¬ 
tigkeit des 19. und 20.Jahrhunderts. ... Zwischen katholischem Glauben und liberalistischem Denken gibt 
es keinen ideenmäßigen Ausgleich. ... Nichts ist unkatholischer als eine extrem demokratische Wertung 
des Seins. ... Der heute wieder erwachte Sinn für eine straffe Autorität öffnet von neuem das Verständnis 
für die kirchliche Autorität. ... In der katholischen Lehre von der Erbsünde liegt das Misstrauen in die 
Freiheit begründet. ... Die Tafeln des nationalsozialistischen Sollens und die der katholischen Imperative 
(Moralgebote) stehen freilich in verschiedenen Ebenen des Seins, jene in der natürlichen, diese in der überna¬ 
türlichen Ebene, jene besorgt um die natürliche Gesundheit des Volkes, diese bemüht um das übernatürli¬ 
che Heil, wie es dem Zwecke der beiden entspricht. Aber sie weisen in dieselbe Wegrichtung. ... “ (110) 

(110) „Begegnungen zwischen katholischem Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung“, von Michael Schmaus, Professor an der 
Universität Münster i.Westfalen (Aschendorff, Münster i.W., 1933, S.164. 


Dieses Ziel war das Europa von Hitler versprochene „neue Mittelalter“. Die Ähnlichkeit zwischen dem 
leidenschaftlichen Antiliberalismus dieses Münchner Jesuiten und dem ebenbürtigen, bei dem „Weiheakt 
der FNC in der Montmartre-Kirche“ zum Ausdruck gebrachten Fanatismus ist offensichtlich. Während der 
Besatzung schrieb Hw.P.Merklen (erkl.: Leon Merkten, La Croix-Leiter, * 1875, fi949)\ „Dieser Tage scheint die Frei¬ 
heit nicht mehr länger irgendeines Ansehens würdig.“ (111) 

(111) „La Croix“, 2.September 1951. 


Zitate wie dieses ließen sich in die Tausende fortsetzen. Ist nicht dieser Hass auf die Freiheit in allen 
seinen Formen das Wesen schlechthin des römischen Meisters? Feicht ist auch zu verstehen, wie die ka¬ 
tholische „Fehre“ und die NS-„Fehre“ derart gut harmonisieren konnten. Der „Jesuit Michael Schmaus“, 
der diese Übereinstimmung fähig demonstrierete, wurde zehn Jahre nach dem Kriege von „Fa Croix“ der 
„große Münchner Theologe“ genannt (112) und es wird keinen mehr verwundern, zu erfahren, dass ihn 
Pius XII. zum „Kirchenfürsten“ erhob. 

(112) „La Croix“, 2.September 1954. 


Was angesichts dessen aus der „erbärmlichen“ Enzyklika „Mit brennender Sorge“ aus der Feder des an¬ 
geblich den Nationalsozialismus verdammenden Pius XI. wird? Uns das zu sagen, bemühte sich kein Ka¬ 
suist ... wie auch anders! 

Der „große Theologe“ Michael Schmaus hatte viele Rivalen - so ein deutscher Autor, der im „Katho¬ 
lisch-konservativen Erbgut“ das sonderbarste je von deutschen katholischen Verlagen herausgegebene 
Buch sah: 

„Diese Anthologie bringt Texte von den wichtigsten katholischen Theoretikern Deutschlands zusam¬ 
men, von Görres bis Vogelsang; sie macht uns glauben, dass der Nationalsozialismus schlicht und einfach 
aus katholischen Ideen geboren wurde.“ (113) 

(113) Günther Buxbaum - „Die Katholiken in Mitteleuropa“ („Mercure de France“, 15.Januar 1939. 


Dem Autoren war, als er dies schrieb, nicht klar, welch perfekte Beschreibung er gab. 

Eine weitere wohlinformierte Person und Triebfeder des Pakts zwischen Heiligem Stuhl und Berlin - 
der päpstliche Geheimkämmerer Franz von Papen - wurde noch deutlicher: 


„Das Dritte Reich ist die erste Macht, die nicht nur die hohen Prinzipien des Papstes anerkennt, sondern 
auch praktiziert.“ (114) 

(114) Robert d’Harcourt von der Französischen Akademie: „Franz von Papen, der Mann für alles“ (L'Aube, 3.Oktober 1946. 


In Ergänzung hierzu das Ergebnis dieses „Praktizierens“: 25 Millionen KZ-Opfer - die von den Verein¬ 
ten Nationen herausgegebene offizielle Ziffer. 

Hier finden wir es notwendig, etwas Gesondertes hinzuzufügen - für die Offenherzigen, die sich aber 
nicht darauf einlassen können, dass die organisierten Massenmorde eines der päpstlichen „hohen Prinzi¬ 
pien“ gewesen seien. An der einen Offenheit hält man freilich sorgsam fest: 

- „Derartige Barbarentaten gehören der Vergangenheit an!“ 

Wie es einige Apostel der Einfachheit halber sagen - achselzuckend - vor Nichtkatholiken, „für die die 
Feuer der Heiligen Inquisition immer noch brennen“. (115) 

(115) TEMOIGNAGE CHRETIEN, 6.Dezember 1957. 

So sei es! Legen wir die überreichlichen Beweise der kirchlichen Grausamkeit vergangener Jahre beisei¬ 
te, um das 20.Jahrhundert zu betrachten. 

Wir wollen weder an die Heldentaten von Männern wie Stepinatz und Marcone in Kroatien, noch Tisos 
in der Slowakei erinnern, sondern uns auf die Untersuchung der Denkweise von gewissen „hohen Prinzi¬ 
pien“ beschränken, die man so wunderbar „praktiziert“ hatte. 

Sind sie wirklich heutzutage veraltet - diese Prinzipien - verstoßen von einer „aufgeklärten Lehre“, of¬ 
fiziell abgelehnt vom Heiligen Stuhl samt weiteren Fehlem einer dunklen Vergangenheit? Das ist leicht 
herauszufinden. 

Schlagen wir doch beispielsweise die „Grande Apologetique“ („Große Apologetik“, ERKL.: „Große Rechtfertigung“) 
von Abt Jean Vieujan auf, die, ist sie doch mit „1937“ datiert, kaum als mittelalterlich beschrieben werden 
kann. Was lesen wir? 

„Um das Prinzip der Inquisition zu akzeptieren, braucht man allein eine christliche Einstellung, und das 
ist es, was vielen Christen fehlt. ... Die Kirche hat eine derartige Scheu nicht.“ (116) 

(116) Abt Jean Vieujan: „Grande Apologetique“ (Bloud et Gay, Paris, 1937, S.1316). 


Besser kanns nicht formuliert werden. 

Wird ein weiterer, nicht weniger konservativer und moderner Beweis gebraucht? Hören wir 
Hw.P.Janvier, einen berühmten Tagungsreferenten in Notre-Dame: 

„Sollte die Kirche kraft ihrer indirekten Macht über zeitliche Fragen nicht das Recht haben, von katholi¬ 
schen Staaten zu erwarten, Ketzer selbst bis in den Tod hinein zu unterdrücken, um sie dieserart zu be¬ 
kämpfen? 

Hier meine Antwort: 

Ich befürworte es freilich - selbst bis in den Tod hinein! ... Und ich stütze mich zuvorderst auf die 
Praxis und alsdann auf die Lxhre der Kirche schlechthin; und bin überzeugt, dass kein Katholik, ohne sich 
gewaltig zu irren, das Gegenteil sagen würde.“ (117) 

(117) Tagung vom 25.Mai 1912. 


Eine Rätselsprache kann man dem Theologen nicht vorwerfen. Seine Rede ist klar und verständlich. 
Mehr mit weniger Worten kann man nicht sagen. Was das Recht betrifft, das sich die Kirche anmaßt, um 
jene, deren Glauben nicht dem ihrigen entspricht, auszurotten, so ist alles darin vorhanden: die sie zwin¬ 
gende „Lehre“, das sie per Tradition legitimierende „Praktizieren“, und sogar der „Aufruf an die christli¬ 
chen Staaten“, von dem der Hitlerfeldzug ein perfektes Beispiel gab. 

Genauso wenig sind die folgenden, alles andere als zweideutigen Worte in der Finsternis des Mittelalters 
ausgesprochen worden: 


„Die Kirche kann Ketzer zum Tode verurteilen, da sich jegliche Rechte, die sie haben, in unserer Nach¬ 
sicht begründen, und offensichtlich sind diese Rechte keine wirklichen.“ 

Der dies verfasste, war Jesuitengeneral Franz Wemz (1906-1915), und die Tatsache, dass er außerdem 
Deutscher war, macht diese Erklärung umso gewichtiger. 

Ebenfalls im 20.Jahrhundert schrieb der bekannte Kirchenfürst Kardinal Lepicier (ERKL.i Alexis-Henri-Marie 
Lepicier, * 1863, fi983)\ „Bekundet jemand öffentlich, Ketzer zu sein oder versucht, andere durch sein Reden 
oder Beispiel zu verderben, so kann er nicht nur exkommuniziert, sondern auch zu Recht getötet werden. 
... “(118 & 118 a) „Ich verwandle mich in eine Pfeffermühle, wenn das kein klassischer Mordaufruf ist.“, 
SO der späte Courteiine (ERKL.: Georges Courteiine, frz. Bühnenschriftsteller, * 1858, [1929). 

(118) „De stabilitate et progressu dogmatis“ („Zu Stabilität u. Fortschritt d. Dogmas“), erster Teil, Art.VI 9 I („Typographia editrix romana, Romae, 
1908“). 

(118 a) Siehe Sol Ferrer - La vie et l'cevre de Francisco Ferrer: un martyr au XXe siede ([Leben u. Werk Francisco Ferrers: ein Märtyrer i. 

20. Jh.] Fischbacher, Paris). 


Den Beitrag des Oberhirten noch? Hier ist er, von einem modernen Papst, dessen „Liberalismus“ kom¬ 
promisslose Kleriker kritisierten, von Jesuitenpapst Leo XIII.: „Verdammt ist die Ansicht, der Heilige 
Geist wolle nicht, dass wir den Ketzer töten.“ 

Welche höhere Autorität könnte nach dieser angerufen werden, außer dem Heiligen Geist? 

Mag es auch jenen, die die Rauchwand (den Hinweis auf die während einer Papstwahl Rauchzeichen 
Ausgebenden) manipulieren, den Beschwichtigem unruhiger Gewissen, missfallen, aber die „hohen Prin¬ 
zipien“ des Papsttums bleiben unverändert, und, neben anderem, ist die Ausrottung für den Glauben heute 
genauso gültig und kanonisch (u. den Bestimmungen d. kath. Kirche entsprechend) wie ehedem. In Anbetracht der Ge¬ 
schehnisse in Europa zwischen 1939 und 1945 - ein Schluss von größter „Erleuchtung“ - um ein Lieb¬ 
lingswort der Mystiker (gefühlsbetont nach unmittelbarer Verbindung m. übersinnl. Mächten Strebenden) ZU gebrauchen. 

„Hitler, Goebbels, Himmler und die meisten Mitglieder der »alten Garde« der Partei waren Katholiken.“ 
wie Frederic Hoffet (erkl.: frz. Pfarrer u. Psychoanalytiker) uns wissen lässt. Nicht durch Zufall war es, dass, durch 
die Religion ihrer Chefs, die nationalsozialistische Regierung die katholischste war, die Deutschland je 
hatte. ... Diese Verwandschaft zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus ist, wo wir uns einge¬ 
hend mit den Propagandamethoden und der inneren Organisation der Partei befassen, nur zu auffällig. Zu 
diesem Thema ist nichts aufschlussreicher, als Joseph Goebbels’ Werke. Er genoss seine Erziehung in 
einem Jesuitenkolleg und war, ehe er sich der Literatur und Politik zuwendete, Seminarist (Priesteramtsauszu¬ 
bildender). ... Jede Seite, jede Zeile seiner Schriften erinnert an die Lehre seiner Meister; und so betont er 
Gehorsam ... die Missachtung der Wahrheit. ... »Manche Lügen sind nützlich wie Brot!« verkündete er 
kraft eines den Schriften des Ignatius von Loyola entnommenen moralischen Relativismus (, eine absolute 
Gültigkeit moralischer Werte ablehnenden Denkens). ... “(119) 

(119) Frederic Hoffet: „L’IMPERIALISME PROTESTANT“ ([„DER PROTESTANT. IMPERIALISMUS“,] Flammarion, Paris, 1948, S.172 ff.). 

Die Lorbeeren des Jesuitismus verlieh Hitler seinem Propagandachef nicht, wohl aber, wie er es seinen 
Lieblingen erzählte, dem Chef der Gestapo: „Ich sehe Himmler als unseren Ignatius von Loyola an.“ (120) 

(120) Adolf Hitler: „Libres propos“ (Flammarion, Paris, 1952, S.164). 

IN DEUTSCH: Adolf Hitler: „HITLERs POLITISCHES TESTAMENT“ (Knaus, Hamburg, 1981). 


Um derart zu sprechen, musste der Führer gute Gründe gehabt haben. Zuvorderst müssen wir bemerken, 
dass der Reichsführer von SS, Gestapo und Polizei - Heinrich Luitpold Himmler -, unter den katholischen 
Mitgliedern von Hitlers Gefolge das vom Klerikalismus imprägnierteste zu sein schien. Sein Vater war 
Direktor einer katholischen Schule in München, dann Erzieher des Prinzen Ruprecht von Bayern (*1869, 
fi955). Sein Bruder, ein Benediktinermönch, lebte im Kloster Maria Laach, einem der alldeutschen hohen 
Orte. Und er besaß einen Onkel, den Jesuiten Himmler, der am bayrischen Hofe den nicht geringen Posten 
eines Domkapitulars (Kirchenbezirksgeistlichen) innehatte. 


Der deutsche Autor Walter Hagen gibt uns zudem diese diskrete Auskunft: „Ein sehr verständnisvoller 
Förderer dieser Bestrebungen war der General des Jesuitenordens Graf Wlodzimierz Halke von L e do¬ 
ch o w s k y. Dieser hatte auf Grund der Informationen, die sein weitverzweigter Orden zu sammeln in 
der Lage war, einen viel besseren Überblick über die weltpolitische und auch über die militärische Lage 
als die meisten anderen der hohen krichlichen Würdenträger. Er besaß eine lebendige Vorstellung von der 
Weltgefahr des Bolschewismus und machte sich keine Illusionen darüber, dass die Sowjetunion im Falle 
einer totalen Katastrophe Deutschlands das ganze westliche Europa unmittelbar bedrohen würde. Daher 
war er bereit, auf der gemeinsamen Grundlage des Antikommunismus eine Art Zusammenarbeit zwischen 
dem Jesuitenorden und dem deutschen Geheimdienst einzurichten.“ (121) 

(121) Walter Hagen, op.cit., S.358. 

IN DEUTSCH: S.453. 

Im Ergebnis dessen schuf man innerhalb des SS-Reichssicherheitshauptamtes eine Organisation, deren 
wichtigste Posten in schwarze SS-Uniformen gekleidete katholische Priester besetzten. Einer dieser über¬ 
geordneten Offiziere war Jesuitenpater Himmler. 

Dieser wurde nach des Dritten Reichs Kapitulation verhaftet und in Nürnberg inhaftiert. Seine Anhörung 
durch den internationalen Strafgerichtshof wäre offensichtlich höchst interessant gewesen, doch da hatte 
die Vorsehung ein wachsames Auge: der Onkel Heinrich Himmlers erschien niemals vor jenem Gericht. 
ER WURDE TOD IN SEINER ZELLE GEFUNDEN, eines Morgens, ohne dass der Grund seines Able¬ 
bens je öffentlich bekannt wurde. 

Wir werden nicht das Andenken dieses Geistlichen beleidigen durch die Mutmaßung, er habe seine Ta¬ 
ge, entgegen den reinen Lehren der römischen Kirche, willentlich beschlossen. 

Nichtsdestotrotz war sein Tod so plötzlich und gelegen wie der ihm vorausgangene eines anderen Jesui¬ 
ten, des nicht wahrgenommenen „Mein Kampf “-Verfassers Pater Staempfle. Ein in der Tat seltsamer Zu¬ 
fall. ... 

Kommen wir aber zurück auf den Gestapo-Chef Heinrich Luitpold Himmler, der meinte, er habe des 
Regimes grundlegende Macht in den Händen. Waren es seine persönlichen Verdienste, die ihm einen der¬ 
art hohen Posten einbrachten? Sah Hitler in ihm, als er ihn mit dem Schöpfer des Jesuitenordens verglich, 
einen überlegenen Genius? Das freilich implizieren die Zeugenaussagen jener, die ihn kannten, nicht, da 
diese in Himmler nichts anderes als Mittelmäßigkeit wahrnahmen. 

Schien jener Stern damals mit geliehener Helligkeit? War es wirklich Heinrich Luitpold Himmler, der 
als angeblicher Chef die Gestapo und die Geheimdienste eigentlich beherrschende? Wer war es, der da¬ 
mals Millionen von aus politischen Gründen Deportierten und Juden in den Tod schickte? War es der 
flachgesichtige Neffe - oder war es sein zu Ledochowskis Lieblingen und den übergeordneten SS- 
Offizieren zählender und vormaliger Domkapitular am bayrischen Hofe sowie Jesuitenpater gewesener 
Onkel? 

Einen derart indiskreten Blick hinter die Geschichtskulissen zu werfen, mag tollkühn und sogar vermes¬ 
sen erscheinen. Das Stück läuft auf der Bühne, vor den Beleuchtungseinheiten der Vorder-, der Ober- und 
der Seitenlichter. So ist das normal bei jeder Show; und wer die Requisiten sehen will, kann leicht als läs¬ 
tig und schlecht erzogen angesehen werden. 

Und doch ist der Ort, von dem die fesselnden Schauspieler kommen, an denen der Blick der Öffentlich¬ 
keit haftet, die Hinterbühne. Da, wo wir diese „Kirchenmonster“ studieren und uns klar wird, dass sie weit 
entfernt davon sind, den Persönlichkeiten, die sie angeblich darstellen, zu gleichen, ist das nur zu offen¬ 
sichtlich. 

Und so scheint es auch im Falle Himmler gewesen zu sein. Aber wäre es nicht richtig, selbiges von dem 
zu sagen, dessen rechte Hand er war - von Hitler? 

Als wir Hitler gestikulierend auf den Leinwänden sahen oder seine hysterischen Reden brüllen hörten, 
hatten wir da nicht den Eindruck, die Bewegungen eines schlecht eingestellten Roboters mir überdehnten 
Federn zu sehen? Selbst seine einfachsten und ruhigsten Bewegungen erinnerten uns an eine mechanische 
Marionette. Und erst seine dumpfen und grobschlachtenen Augen, fleischige Nase, aufgedunsene Physi- 


ognomie (Erscheinung), deren Derbheit hinter jenem berühmten Haarteil und scheinbar unter seine Nüstern 
geklebten Bürstenbart nicht zurücktrat. 

War dieser Kampfhund öffentlicher Versammlungen wirklich ein Chef?, der „wahre“ Herr über 
Deutschland, ein „echter“ Staatsmann, dessen Genialität im Begriffe war, die Welt aus den Angeln zu 
heben? 

Oder war er nur ein schlechter Ersatz für all jenes? Eine schlau aufgebauschte Deckhaut, ein Massen¬ 
ausnutzungsphantom, ein Aufwiegler? 

Er selbst gab es zu, als er sagte: „Ich bin nur ein Bote.“ Francois-Poncet (erkl.: Andre Frangois-Poncet, * 1887, 
fi978), damaliger französischer Botschafter in Berlin, bestätigt, dass Hitler sehr wenig arbeitete, kein Leser 
war und seinen Mitarbeitern ihren Willen ließ. 

Den gleichen Eindruck von Leere und Unwirklichkeit vermittelten Seine Gehilfen. Deren erster, der 
1941 nach Schottland geflohene Rudolf Heß (erkl.: Politiker, * 1894 , fi987) sah seiner eigenen Verurteilung in 
Nürnberg als gänzlich Fremder zu und wir haben nie erfahren, ob er vollständig geisteskrank oder nur ein 
Irrer war. Der zweite war der groteske, eitle und fette, die ungewöhnlichsten Fantasieuniformen tragende 
Vielfraß, Gemälderäuber und - als Krönung: morphiumsüchtige - Göring. 

Die anderen maßgeblichen Parteipersönlichkeiten bargen dieselbe Ähnlichkeit und bei den Nürnberger 
Prozessen war die für die Journalisten überraschendste Meldung, dass diese NS-Helden - abgesehen von 
ihren persönlichen Macken - weder intellektuell noch charakterlich glänzten und sie mehr oder weniger 
unscheinbar waren. 

Der einzige - nicht seines moralischen Wertes, sondern seines Scharfsinnes wegen - über jener rohen 
Horde Stehende war der Kämmerer Seiner Heiligkeit, Franz von Papen, „der Mann für alles“ ... der frei¬ 
lich freigesprochen werden musste. 

Kommt der Führer als merkwürdige Marionette daher, war da der, dem er sich nachempfand, konse¬ 
quenter? Rufen wir uns die lächerlichen Auftritte jenes „kamevalsreifen Cäsaren“ zurück, der seine gro¬ 
ßen schwarzen Augen unter jenem seltsamen mit Vorhangquasten geschmückten Hute funkeln lassen 
wollte! Und jene für die Propaganda gemachten Fotografien von seinen Füßen, und die alleinig seine gen 
Himmel weisenden Kinnladen zeigen, den Wundermann als unverrückbaren Felsen - Darstellung eines 
Willens, der keine Hindernisse kannte! 

Was für ein Wille! Aus den Vertraulichkeiten einiger seiner Gefährten bekommen wir das Bild eines 
stetig Unentschlossenen; dieser „furchterregende Mann“, für den es hieß, mit Urgewalt „in alles eindrin- 
gen“ (um Kardinal Rattis (erkl.: Achiiie Ratti), des späteren Pius XI. Begriffe zu verwenden), hat den ihm vom 
Jesuitenkardinal und Staatssekretär Gasparri im Namen des Vatikans gemachten Annäherungsversuchen 
nicht widerstanden. 

Nach nur wenigen geheimen Treffen war der Revolutionär dazu überredet, unter des Heiligen Vaters 
Flagge mit Sack und Pack anzuheuern und die uns derart gut bekannte glänzende Karriere einzuschlagen - 
und so konnte der ebenfalls gut bekannte frühere Minister Carlo Sforza schreiben: 

„Eines Tages, wenn die Zeit den Groll und Hass abgeschwächt haben wird, wird man - so hoffen wir - 
erkennen, dass die Orgie der grausamen Brutalitäten, die Italien zwanzig Jahre lang in ein Gefängnis ver¬ 
wandelte, und der Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs ihren Ursprung in einem nahezu einzigartigen 
historischen Falle genommen hatten: dem völligen Missverhältnis zwischen der künstlich geschaffenen 
Legende um einen Namen und den wahren Eigenschaften der diesen Namen tragenden armseligen Krea¬ 
tur, eines Mannes, dem Kultur kein Hindernis war.“ (122) 

(122) Graf Carlo Sforza: “L'ltalie teile que je l'ai vue” (Grasset, Paris, 1946, S.158). 


Diese perfekte Formel ist anwendbar auf Hitler und Mussolini gleichermaßen: gleiches Missverhältnis 
zwischen Legende und Eigenschaften, gleiche „Kultur“-losigkeit in jenen beiden mittelmäßigen Abenteu¬ 
rern mit nahezu identischen Vergangenheiten; erklären lassen sich ihre Blitzkarrieren letztlich nur durch 
ihre Gabe der sie ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rückenden Massenagitation. 

Wenn man weiß, dass die Erscheinung des Führers auf den deutschen Leinwänden aus heutiger Sicht 
nichts weiter als ein großes Lachen hervorruft, dann zweifelt man an der „künstlich geschaffenen“ Legen¬ 
de umso weniger. 



War aber nicht gerade die Minderwertigkeit dieser „Männer der Vorsehung“ der Grund, weshalb man 
sich dafür entschied, eben diese beiden an die Macht zu hieven? Tatsache ist, dass der gleiche Mangel an 
persönlichen Qualitäten in allen jenen, die das Papsttum zu seinen Verfechtern wählte, zu finden ist. 

Es gab in Italien und Deutschland einige „echte“ Staatsmänner, „echte“ Chefs, die - unter Verzicht auf 
dieses wahnsinnige „Mystische“ (gefühlsbetonte Streben nach unmittelbarer Verbindung m. übersinnl. Mächten) — die Fähig¬ 
keit, das Ruder zu übernehmen, durchaus gehabt hätten. Nur war deren Intellekt zu aufgeweckt und zu 
unfügsam. Der Vatikan und insbesondere der „schwarze Papst“ von Ledochowski konnte diese - der feu¬ 
rigen Formel entsprechend - nicht „als Stab in seiner Hand“ halten und um jeden Preis bis zum Eintreten 
der Katastrofe seinen Zielen dienen lassen. 

Wie der Revolutionär Mussolini von den Abgesandten des Heiligen Stuhls gleichsam einem Handschuh 
vollends umgekrempelt wurde, haben wir gesehen. 

Als genauso formbar sollte sich der eiserne Hitler erweisen. Fedochowskis Plan bestand ursprünglich 
darin, eine Föderation katholischer Nationen in Mittel- und Osteuropa zu schaffen, in der Bayern und Ös¬ 
terreich (regiert vom Jesuiten Seipel) die Vorrangstellung haben würden. Bayern galt es, von der deut¬ 
schen Weimarer Republik zu separieren - und wie durch Zufall war der österreichischstämmige Agitator 
Hitler damals bayrischer Separatist. 

Die Chance aber, diese Föderation zu verwirklichen und einen Habsburger an ihre Spitze zu setzen, 
wurde immer geringer, während sich der von München nach Berlin gezogene Nuntius Monsignore Pacelli 
infolge der kläglichen Unterstützung, die ihr die Alliierten gewährten, der Schwäche der Deutschen Repu¬ 
blik immer bewusster wurde. Und so wurde im Vatikan die Hoffnung geboren, sich Deutschlands in seiner 
Gänze zu bemächtigen, und der Plan entsprechend geändert: 

„Was verhindert werden musste, war die Vorherrschaft des protestantischen Preußens, und da es das 
Reich war, das Europa beherrschen sollte - um den Föderalismus der Deutschen abzuwenden - galt es, ein 
neues Reich zu schaffen, in dem die Katholiken das Sagen hätten.“ (123) 

(123) „Mercure de France“, „Pius XI. und Hitler“ (15.Januar 1934). 


Das war ausreichend. Samt seinen „Braunhemden“ völlig aufräumend, wurde der bis dahin bayrische 
Separatist Hitler über Nacht zum motivierten Verfechter des Großreichs. 


Abschnitt V 


Kapitel 6 

Die Todeslager und der antisemitische Kreuzzug 


In welchem Maße die Katholiken in Nazi-Deutschland das Sagen hatten - das - und auch die Härte, mit 
der einige der „hohen Prinzipien des Papstes“ angewendet wurden, konnte man in Bälde deutlich sehen. 

Die Fiberalen und Juden hatten jede Menge freie Zeit, um herauszufinden, dass besagte Prinzipien alles 
andere als altmodisch waren, da die strenggläubigsten Stimmen es bestätigten. Das Recht, das sich die 


Kirche anmaßt, jene, die im Wege stehen, über kurz oder lang auszurotten, würde „praktiziert“ werden - 
in Auschwitz, Dachau, Belsen, Buchenwald und anderen Todeslagern. 

Die Gestapo Himmlers, „unseres Ignatius von Loyola“, erwies diese Mildtätigkeit gewissenhaft; das zi¬ 
vile und militärische Deutschland musste sich „perinde ac cadaver“ dieser allmächtigen Organisation un¬ 
terwerfen. 

Dass der Vatikan mit diesen Greueln nichts zu tun haben wollte, braucht nicht gesagt zu werden. Bei ei¬ 
ner Audienz des türkischen Journalisten Dr. Nerin E. Gün (erkl.: Dr. Nerin Emruiiah Gün), der selbst deportiert 
worden war und sich fragte, warum der Papst nicht eingegriffen, ja den vielen unglücklichen Menschen 
nicht in irgendeiner Weise geholfen habe, besaß Seine Heiligkeit Pius XII. die Unverfrorenheit, zu ant¬ 
worten: 

„Wir wussten, dass aus politischen Gründen gewaltsame Verfolgungen in Deutschland stattfanden, nicht 
bekannt geworden aber war uns der unmenschliche Charakter der nationalsozialistischen Unterdrückung.“ 
(124) 

(124) „Gazette de Lausanne“, 15.November 1945. 

Und das zu einer Zeit, wo gleichzeitig Hw.P.Mistiaen (erkl.: Emmanuel Mistiaen), der Sprecher von Radio 
Vatikan, erklärte, dass „überwältigende Belege der Grausamkeit der Nazis eingegangen“ seien. (125) 

(125) Hw.P.Duclos: „Le Vatican et la Seconde Guerre mondiale“ ([„Der Vatikan und der Zweite Weltkrieg“,] Ed.Pedone, Paris, 1955, S.255), 
Imprimatur 1955. 


Ohne jeden Zweifel war der Heilige Vater genauso wenig darüber informiert, was in den Ustascha-KZs 
vor sich ging, trotz der Anwesenheit seines eigenen Legaten in Agram. 

Einmal allerdings war zu beobachten, wie der Heilige Stuhl doch einiges Interesse am Schicksal be¬ 
stimmter zur Deportation Verurteilter nahm. Es handelte sich um 528 protestantische Missionare, Überle¬ 
bende all jener, die von den Japanern in Ozeanien gefangen genommen und in KZs auf den Philippinen 
interniert worden waren. In seinem hervorragenden Buche „1960 et le secret du Vatican“ (erkl.: „i960 u. d. 
Geheimnis des Papstes“) wird von Andre Ribard die päpstliche Intervention um der Unglücklichen willen ent¬ 
schleiert: 

„Der Wortlaut erscheint unter Nr. 1591, datiert: Tokio ö.April 1943, in einem Bericht des Ministeriums 
für religiöse Angelegenheiten in besetzten Gebieten, und ich zitiere den folgenden Auszug: er habe den 
Wunsch der römischen Kirche geäußert, die Japaner ihre Politik fortsetzen zu sehen und gewisse religiöse 
Irrlehrer an der Wiedererlangung einer Freiheit zu hindern, auf die sie keinen Anspruch hätten.“ (126) 

(126) Andre Ribard: „1960 et le secret du Vatican“ (Librerie Robin, 38, rue de Vaugirard, Paris, 1954, S.80) und Frederic Hoffet: „Politique romai- 
ne et demission des protestants“ ([„Römische Politik u. Abdankung der Protestanten “,] Fischbacher, Paris). 


Vom „christlichen“ Standpunkte her bedarf dieser großzügige Akt keines Kommentars, doch politisch 
betrachtet - ist er da nicht höchst bemerkenswert? In der Slowakei war - wie wir wissen - der jesuitische 
Gauleiter Monsignore Tiso so frei, die „getrennten Brüder“ zu verfolgen, obwohl sein Staat Satellit des 
hauptsächlich protestantischen Deutschlands war. Das sagt viel über den Einfluss, den die römische Kir¬ 
che im Hitlerland hatte! 

Auch haben wir die in Kroatien von den Vertretern jener Kirche bei der Ausrottung der orthodoxen 
Gläubigen gespielte Rolle gesehen. 

Was den antijüdischen Kreuzzug, das Meisterstück der Gestapo, angeht, so mag es überflüssig erschei¬ 
nen, die dabei von Rom gespielte Rolle nochmals zu erwähnen, denn von den Heldentaten Monsignore 
Tisos, des ersten Lieferanten für die Auschwitzer Gaskammern und Krematoriumsöfen, wurde bereits 
berichtet. Zu diesem Dossier (Schriftstück) werden wir lediglich einige wenige charakteristische Dokumente 
hinzufügen. 

Da wäre als erstes ein Brief vom Botschafter der Vichy-Regierung beim Heiligen Stuhl Leon Berard 

(ERKL.: *1876, [I960): 



„Sehr geehrter Herr Marschall Petain, 

In Ihrem Brief vom 7.August 1941 gaben Sie mir die Ehre, mich um gewisse Informationen zu bitten, 
die die Fragen und Schwierigkeiten berühren, die sich, vom römisch-katholischen Standpunkte her, aus 
den von Ihrer Regierung bezüglich der Juden unternommenen Maßnahmen erheben könnten. Es ehrt mich, 
Ihnen zu antworten, dass ich im Vatikan nichts erfuhr, das als Kritik oder Missbilligung der fraglichen 
Gesetze oder anweisenden Dokumente gedeutet werden könnte. ... “ (127) 

(127) und (129) Leon Poliakov: „Breviaire de la Haine“ ([Brevier des Hasses,] Calmann-Levy, Paris, 1951), S.354, 350, 351. 


Bei der Erwähnung dieses Schreibens in einem mit „Das Schweigen Pius’ XII“ betitelten Beitrag berich¬ 
tet die Zeitschrift ,,L’Arche“ von einem anschließenden und ergänzenden Bericht, den Leon Berard am 
2.September 1941 nach Vichy sandte: 

Gibt es zwischen dem Status der Juden und der katholischen Lehre einen Widerspruch? Nur einen, und 
auf diesen weist Leon Berard das Staatsoberhaupt hin. Er besteht in der Tatsache, dass das Gesetz vom 
2.Juni 1941 die Juden als Rasse definiert. ... Die Kirche (schrieb Vichys Botschafter) hat nie je, dass allen 
Bürgern dieselben Rechte zu gewähren seien, bekundet. ... „Wie mich eine Autorität im Vatikan wissen 
ließ, werden Ihnen über dem Status der Juden keine Unannehmlichkeiten erwachsen.“ (128) 

(128) „L’Arche“, November, 1958. 


Da wird doch die „erbärmliche“ Enzyklika „Mit brennender Sorge“ gegen Rassismus oft von Apologe¬ 
ten als „in die Praxis umgesetzt“ hingestellt. 

Wir finden aber noch Besseres - in Lew Poljakows (ERKL.: auch: Leon Poliakov, frz. Antisemitismusforscher, *1910, 
fi997) Buch: 

„Der Vorschlag der Protestantischen Kirche in Frankreich, dass man, zusammen mit der römischen Kir¬ 
che, gegen das Zusammentreiben der Juden im Sommer 1942 etwaige Maßnahmen ergreifen sollte, wurde 
von den katholischen Würdenträgern abgelehnt.“ (129) 

(127) und (129) Leon Poliakov: „Breviaire de la Haine“ (Calmann-Levy, Paris, 1951), S.354, 350, 351. 


Viele Pariser erinnern sich noch, wie die jüdischen Kinder von ihren Müttern getrennt und mit Sonder¬ 
zügen zu den Krematoriumsöfen von Auschwitz verschickt wurden. Diese Kinderdeportationen werden, 
neben anderen offiziellen Dokumenten, in einer mit dem 21.Juli 1942 datierten Notiz von „SS- 
Hauptsturmführer Dannecker“ (ERKL.: Theodor Dannecker, *1913, f1945 ) bestätigt. 

Die außerordentliche Herzlosigkeit der römischen Kirche - und ihres Oberhauptes im Besonderen - ver- 
anlassten unlängst zu diesen anklagenden Zeilen der oben genannten Zeitschrift „L’Arche“: 

„Fünf Jahre hindurch war der Nationalsozialismus der Urheber von Ausschreitung, Entweihung, Gottes¬ 
lästerung und Verbrechen. Fünf Jahre hindurch mordete er sechs Millionen Juden dahin. Von diesen sechs 
Millionen waren 1.800.000 Kinder. Wer, ja, wer sagte einst: Lasset die Kindlein zu mir kommen? Und 
warum dann »Lasset sie zu mir kommen, dass ich sie abschlachten kann.«?“ Dem kämpferischen Papst 
folgte ein diplomatischer Papst. 

Vom besetzten Paris gehen wir in das nach dem italienischen Zusammenbruch ebenfalls von den Deut¬ 
schen besetzte Rom. Lesen wir eine an den Nazi-Außenminister von Ribbentrop adressierte Nachricht: 

„Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl. Rom, 28.Oktober 1943. 

Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von verschiedenen Seiten bestürmt, zu keiner de¬ 
monstrativen Äußerung gegen den Abtransport der Juden hinreißen lassen. Obgleich er damit rechnen 
muß, daß ihm diese Haltung von seiten unserer Gegner nachgetragen wird, hat er auch in dieser heiklen 
Frage alles getan, um das Verhältnis zu der deutschen Regierung nicht zu belasten. Da hier in Rom weite¬ 
re Aktionen in der Judenfrage nicht mehr durchzuführen sein dürften, kann also damit gerechnet werden, 
daß diese für das deutsch-vatikanische Verhältnis unangenehme Frage liquidiert ist. ... 

Gezeichnet: Emst von Weizsäcker (ERKL.: Ernst Freiherr V. Weizsäcker, Diplomat, *1882, fl952) (130) 


(130) „Auswärtiges Amt, Wilhelmstraße“. 


Sich auf die Karriere dieses „wegen Vorbereitung von Todeslisten“ als Kriegsverbrecher verurteilten 
Freiherrn von Weizsäcker beziehend - schrieb „Le Monde“ vom 27.Juli 1947: 

„Er lässt sich im Vorgefühl einer deutschen Niederlage in den Vatikan versetzen und nutzt diese Gele¬ 
genheit zur engen Kooperation mit der Gestapo.“ 

Unsem noch nicht völlig überzeugten Lesern zuliebe werden wir das folgende offizielle deutsche Do¬ 
kument zitieren, das die auf die Juden gerichteten Dispositionen (Pläne) des Vatikans - und jene der Jesui¬ 
ten - vor dem Kriege darlegt: 

„Presse und amtliche Berichterstattung aus Nordamerika melden laufend von antijüdischen Kundgebun¬ 
gen der Bevölkerung. Es ist vielleicht symptomatisch für die innenpolitische Entwicklung in USA, dass 
die Hörerschar des bekannten antijüdisch eingestellten »Radiopriesters« Coughlin auf über 20 Millionen 
angewachsen ist.“ (131) 

(131) Auswärtiges Amt, Wilhelmstraße, Dokument 83-26 19/1 (Berlin, 25.Januar 1939). 


Der militante Antisemitismus der Jesuiten in den Vereinigten Staaten - wie überall - ist seitens dieser 
Ultramontanen keine Überraschung, da er in völliger Übereinstimmumg mit der „Lehre“ steht. Lesen wir, 
was der auf fromme Literatur spezialisierte und allein unter dem Patronat „des Imprimatur“ publizierende 
Autor Daniel-Rops von der Französischen Akademie zu dem Thema zu sagen hat. Da steht im 1947 he¬ 
rausgegebenen „JESUS: DER HEILAND IN SEINER ZEIT“, einem seiner bekanntesten Werke: 

„All die Jahrhunderte hindurch, in allen Ländern, wo Menschen der jüdischen Rasse zu finden sind, 
kommt dieses Blut über sie und der Schrei »tötet ihn!«, der vor dem Gerichtsgebäude des Pilatus ausge¬ 
stoßen wurde, übertönt den tausendfachen Schrei der Not. Das Antlitz des verfolgten Israels erfüllt die 
Geschichte, aber man darf darüber das andere Antlitz nicht vergessen, das mit Blut und Speichel besudelt 
ist, und mit dem die Menge der Juden kein Mitleid hatte. Wahrscheinlich konnte man von Israel nicht er¬ 
warten, seinen Gott, den es verkannt hat, nicht zu töten, und da das Blut geheimnisvollerweise wieder 
nach Blut verlangt, konnte man vielleicht auch von der christlichen Barmherzigkeit genauso wenig ver¬ 
langen, so zu handeln, dass der Schrecken des Pogroms in geheimnisvollem Gleichgewicht des göttlichen 
Willens den unerklärbaren Schrecken der Kreuzigung nicht ausgleicht.“ (132) 

(132) Daniel-Rops: „Jesus et son temps“ (Artheme Fayard, Paris, 1944, S.526, 527) Imprimatur, 17.April 1944. 

IN DEUTSCH : Daniel-Rops: „JESUS: DER HEILAND IN SEINER ZEIT“, zitiert in: Jules Isaac: „JESUS UND ISRAEL“ (HANS DEUTSCH VER¬ 
LAG, Wien / Zürich, 1968, S.302, 303). 


Gut gesagt! Oder noch direkter: wenn Millionen von Juden durch die Gaskammern und Krematoriums¬ 
öfen von Auschwitz, Dachau und anderswo gehen mussten, so sei das ihr gerechter Lohn gewesen. Der 
„göttliche Wille“ habe dieses Unglück beabsichtigt, und eine sich jenen zuwendende „christliche Nächs¬ 
tenliebe“ sei eine verfehlte. 

Der führende Professor und Vorsitzende der Amitie Judeo-Chretienne (ERKL.: jod.-chnsti. Freundschaft), Jules 
Isaac (ERKL.: *1877, fi963), rief unter Bezugnahme auf diese Passage aus: 

„Furchterregende Sätze, gottlose Sätze, die selbst von »einem unerklärbaren Schrecken« sind, der noch 
von jener Stelle vergrößert wird, wo geschrieben steht:“ (133) „Unter den jetzt lebenden Juden ... ver¬ 
sucht eine gewisse Anzahl das Gewicht dieser schweren Verantwortung von ihren Schultern abzuwälzen 
... Sehr ehrbare Gefühle, doch man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen ... und das schreck¬ 
liche Gewicht (der Tod Jesu), das auf den Schultern Israels lastet, kann der Mensch nicht abwälzen.“ (132 
a) 

(132 a) Daniel-Rops, op.cit. 

(133) Jules Isaac: „Jesus et Israel“ (Albin Michel, Paris, 1948, S.382). 

IN DEUTSCH : Jules Isaac: „Jesus und Israel“ (HANS DEUTSCH VERLAG, Wien / Zürich, 1968). 


Jene fraglichen Sätze wurden Jules Isaacs Hinweis zufolge „in den neueren Ausgaben“ dieses erheben¬ 
den Buches - sprich nach der Befreiung - vom Verleger geändert. „Alles hat seine Zeit“: die Krematori¬ 
umsöfen waren veraltet. 

Von der dogmatischen Erklärung der hohen Prinzipien des Papstes also, bis hin zu deren Praktizierung 
durch Himmler, „unsern Ignatius von Loyola“, wird der Kreis geschlossen - und wir werden hinzufügen, 
dass des Führers halb verrückter Antisemitismus somit viel an Geheimnisvollem verliert. 

Und wirft es nicht - da wir gerade bei diesem Thema sind - auch auf jene rätselhafte Person selbst viel 
mehr Licht? 

Was man sich doch vor dem Kriege so vorstellte, im Versuche, das nicht zu übersehende Missverhältnis 
zwischen dem Manne und seiner zu spielenden Rolle zu erklären! Gab es doch da eine Lücke, etwas Un- 
ausgefülltes, das jeder spürte. Um diese Lücke zu schließen, machten Legenden die Runde: Geschichten 
wurden ins Ausland gestreut, nicht immer ohne den geheimen Zweck der Irreführung! Es seien, wie wir 
erfahren durften, okkulte Wissenschaften, östliche Magier, Astrologen gewesen, die den schlafwandeln¬ 
den Berchtesgadner Einsiedler inspiriert hätten. Und die Wahl des Haken kr euzes als Naziparteiabzeichen, 
das aus Indien stamme, schien die Vorstellung zu bestätigen. 

Maxime Mourin (erkl.: frz. Historiker, * 1905 , fi952) hat diese spezielle These widerlegt: 

„Adolf Hitler war in Lambach zur Schule gegangen und sang im Knabenchor des dortigen Benediktiner¬ 
stifts. Dort entdeckte er das Hakenkreuz, da es das Wappen des Abtes Theoderich Hagen war.“ (134) 

(134) Maxime Mourin: „Histoire des grandes puissances“ ([„Geschichte der Großmächte “,] Payot, Paris, 1958, S.134). 


Auch ohne auf geheimnisvolle oder exotische Philosophien zurückgreifen zu müssen, sind die „Inspira¬ 
tionen“ des Führers leicht erklärt. Ist es offensichtlich, dass dieser „Sohn der katholischen Kirche“, wie er 
von Franco beschrieben wurde, den Impulsen geheimnisvoller Führer unterworfen gewesen sei, so wissen 
wir, dass diese nichts mit östlicher Magie zu tun hatten. 

Die irdischen Höllen, die 25 Millionen Opfer verschlangen, tragen einen anderen, leicht erkennbaren 
Stempel: den von Menschen, die eine lange und sorgfältige, wie in den „Exerzitien“ (der Jesuiten) be¬ 
schriebene Ausbildung zu durchlaufen hatten. 


Abschnitt V 


Kapitel 7 

Die Jesuiten und das Collegium Russicum 


Unter den verschiedenen Ursachen, die für den Vatikan den Ausschlag gaben, durch Druck auf den ös¬ 
terreichischen Kaiser Franz Joseph, „die Serben zu bestrafen“ und so den Ersten Weltkrieg zu beginnen, 
war die wichtigste, wie wir gesehen haben, der orthodoxen Kirche, diesem verhassten und jahrhunderteal¬ 
ten Rivalen, einen entscheidenden Schlag zu versetzen. 



Uber die kleine serbische Nation hinaus hatte es der Vatikan auf Russland, den traditionellen Beschützer 
der orthodoxen Gläubigen auf dem Balkan und im Osten abgesehen. 

Pierre Dominique schrieb: 

„Für Rom erlangte diese Angelegenheit fast religiöse Bedeutung; ein Sieg der apostolischen Monarchie 
über den Zarismus könnte als Sieg Roms über das östliche Schisma gesehen werden.“ (135) 

(135) Pierre Dominique, op.cit., S.246. 


Dass ein solcher Sieg nur über einen gigantischen Holocaust erreicht werden konnte, scherte die römi¬ 
sche Kurie nicht im Geringsten. Das Risiko - oder vielmehr dessen Gewissheit - wurde, da es die Alliier¬ 
ten unabwendbar machten, in Kauf genommen. Von seinem Staatssekretär, dem Jesuiten Merry del Val, 
gedrängt, machte Pius X. daraus keinen Hehl und der bayrische Gesandte schrieb am Vorabend des Krie¬ 
ges an seine Regierung: „Papst billigt scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien und schätzt im 
Kriegsfälle mit Deutschland russische und französische Armee nicht hoch ein. Karsek hofft ebenfalls, dass 
Österreich diesmal durchhält, und wüsste nicht, wann es sonst noch Krieg führen sollte, wenn es nicht 
einmal ausländische Agitation, die zum Morde des Thronfolgers geführt hat und außerdem bei der jetzigen 
Konstellation Österreichs Existenz gefährdet, entschlossen ist, mit Waffen zurückzuweisen.“ (136) 

(136) Diese Mitteilung findet sich in „Bayerische Dokumente zum Kriegsausbruch“, III, S.206. 


Dieses raffinierte Kalkül (Vorausberechnen) erwies sich als falsch. Der Erste Weltkrieg, der den Norden 
Frankreichs verwüstete und mehrere Millionen Tote hinterließ, erfüllte die Wünsche Roms nicht; statt 
dessen teilte er Österreich-Ungarn und entledigte so den Vatikan seiner wichtigsten europäischen Stütze 
sowie die Teil jener Doppelmonarchie gewesenen Slawen des Wiener apostolischen Jochs. 

Die russische Revolution ihrerseits befreite jene zum größten Teile polnischstämmigen römischen Ka¬ 
tholiken, die im vormaligen Zarenereiche gelebt hatten, aus der vatikanischen Kontrolle. 

Die Niederlage war eine totale. „Patiens quia aeterna“ („Geduldig, weil ewig“) aber plante die römische Kirche 
mit frischem Engagement die Fortsetzung ihrer Politik des „Drangs nach Osten“, der sich so gut mit den 
großdeutschen Ambitionen verband. 

Deshalb, wie wir an früherer Stelle bereits erwähnten, der Aufstieg von Diktatoren und der Zweite 

Weltkrieg mit seinem Schreckensgefolge; die „Säuberung“ des polnischen Warthelandes (des nach d. Beset¬ 
zung Polens durch d. nationalsozialist. Deutschland 1939 errichteten, die Regierungsbez. Posen, Hohensalza u. Litzmannstadt umfassenden 
Reichsgaus Wartheland) und Kroatiens „Zwangskatholisierung“ waren zwei besonders grausame Beispiele die¬ 
ses Schreckens. 

Ohne Belang war, dass 25 Millionen in KZs starben, 32 Millionen Soldaten auf dem Schlachtfeld getötet 
und 29 Million verwundet und verstümmelt wurden; das ist die amtliche Statistik der Vereinten Nationen 
(137) und zeigt das Ausmaß jenes Blutbades! Diesmal dachte die römische Kurie, ihr Ziel sei erreicht 
worden und in den „Basler Nachrichten“ war zu lesen: 

(137) „La Croix“, 7.September 1951. 


„Die deutsche Tätigkeit in Russland erhebt die Frage nach der Missionierung des Landes; der Vatikan 
ist daran höchst interessiert.“ (138) 

(138) „Basler Nachrichten“, 27.März 1942. 


Und aus einem der Glorifizierung Pius’ XU gewidmeten Buche dies: 

„Der Vatikan und Berlin Unterzeichneten einen Pakt, der es den katholischen Missionaren des Russi¬ 
schen Kollegs erlaubte, in die besetzten Gebiete zu gehen und das Baltikum der Berliner Nuntiatur (dipiomat. 
Vertretung d. päpstl. Botschafters) ZU unterstellen.“ (139) 

(139) und (140) „Messages de guerre au monde“, von Pius XII. (Ed. Spes, Paris, 1945, S.34 u. 257 ff.). 

IN DEUTSCH: „Der Papst spricht. Ansprachen und Botschaften Papst Pius’ XII. aus der Kriegs- und Nachkriegszeit“ (MORUS-VERLAG, Berlin, 
1946). 


Unter dem Schutz von Wehrmacht und SS war Russlands „Katholisierung“ dabei, in Angriff genommen 
zu werden, in der Art wie Pawelitsch und Gefährten sie in Kroatien durchführten, nur viel monumentaler. 
Das war in der Tat ein Sieg für Rom! 

Welche Enttäuschung dann aber, als Hitlers Drang vor Moskau gestoppt und Paulus (erkl.: Friedrich Paulus, 
Generalfeldmarschall, *1890, fi957) mit seiner Armee in Stalingrad eingeschlossen wurde! Es war Weihnachtszeit, 
Weihnachten 1942, und man muss die vom Heiligen Vater an die „christlichen Nationen“ gerichtete Bot¬ 
schaft - oder vielmehr den ausdrücklichen Ruf zu den Waffen - mehr als einmal lesen: 

„Nicht klagen sondern handeln ist das Gebot der Stunde. Nicht trauern um das, was ist und war, sondern 
neugestalten, was erstehen wird und soll zum Wohl der Gesellschaft. Mit Kreuzfahrergesinnung sollen die 
besten und edelsten Glieder der Christenheit im Geiste der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe unter dem 
Ruf »Gott will es« sich zusammenschließen, dienst- und opferbereit wie jene Helden der Vorzeit. ... Mit 
väterlicher, doch beschwörender Eindringlichkeit rufen Wir euch auf, den erschütternden Ernst, aber auch 
die gnadenreiche Zukunftsbedeutung dieser Stunde zu erfassen und euch zu vereinen in der Zusammenar¬ 
beit für die Erneuerung des menschlichen Gemeinschaftslebens in Geist und Wahrheit... Freiwillige 
Kreuzritter eines neuen und veredelten Gemeinschaftsgedankens, erhebt das neue Christusbanner einer 
sittlichen und christlichen Wiedergeburt, sagt Fehde an der Finsternis und Gottesfeme, der Kälte des Bru¬ 
derzwistes, Fehde im Namen einer schwerkranken Menschheit, sie zu heilen im Namen eines christlich 
geadelten Gewissens!«.“ (140) 

(139) und (140) „Messages de guerre au monde“, von Pius XII. (Ed.Spes, Paris, 1945, S.34 u. 257 ff.). 

IN DEUTSCH: „Der Papst spricht. Ansprachen und Botschaften Papst Pius’ XII. aus der Kriegs- und Nachkriegszeit“ (MORUS-VERLAG, Berlin, 
1946, S.29, 30 u. 36). 


An diesem Tag der Geburt Christi waren wir weit entfernt von der „Pax Christi“! 

Diese militante Ansprache war - nicht gerade Ausdruck der „strikten Neutralitätspolitik“, die sich der Va¬ 
tikan dünkt, in internationalen Angelegenheiten zu verfolgen. 

Noch unpassender wurde besagte Ansprache durch die Tatsache, dass Russland der Verbündete Eng¬ 
lands, Amerikas und des Freien Frankreichs (des von de Gaulle initiierten u. geleiteten Widerstands gegen Vichy u. Deutschland, 
war. Wir lächeln beim Lesen der vehementen Behauptung der Thurifer Pius’ XIL, die uns erzählen, dass 
Hitlers Krieg kein richtiger „Kreuzzug“ da, wo jenes Wort in des heiligen Vaters Botschaft genannt wird, 
gewesen sei. 

Die „Freiwilligen“, die der Papst zu den Waffen rief, waren jene der „Blauen Division“ (der im Rahmen d. 
Wehrmacht an d. Ostfront mitkämpfenden span. Division) und jene von Kardinal Baudrillart in Paris Rekrutierten. 

„Hitlers Krieg ist eine hehre Maßnahme zur Verteidigung der europäischen Kultur.“, rief er am 30.Juli 
1941 aus. 

Jedoch merken wir an, dass der Vatikan jetzt, wo er bestrebt ist, die afrikanischen Nationen gegen 
Frankreich aufzuwiegeln, kein Interesse mehr an der Verteidigung besagter Kultur hat. Pius XU. ließ ver¬ 
lauten: „Die katholische Kirche identifiziert sich nicht mit der westlichen Kultur.“ (141 und 141 a) 

(141) „Le Monde“, 13.April 1956 (Tagung afrikanischer katholischer Studenten). 

(141 a) Siehe auch Frangois Mejan: „Le Vatican contre la France d'outre-mer“ ([„Der Vatikan gegen Französisch Übersee“,] Fischbacher). 


Die Betrügereien und krassen Gegensätze auf Seiten jener, die Satan als „Vater der Lüge“ bezichtigen, 
sind endlos. 

Die russische Niederlage für Hitlers Armeen, „dieser hehren Verteidiger der europäischen Kultur“, be¬ 
zog auch die jesuitischen Bekehrer mit ein. Man fragt sich, was vor einer derartigen Katastrophe die Hei¬ 
lige Theresia (erkl.: Theresia von Lisieux, Karmeliterin, *1873, fi897) gerade zu tun hatte! Pius XI. hatte sie zur 
„Schutzpatronin des unglücklichen Russlands“ erklärt und Kanonikus Coube stellte sie als „lächelnd, aber 
furchtbar wie eine gegen den bolschewistischen Giganten aufgestellte Armee“ dar. (142) 


(142) Kanonikus Coube : „Sainte Therese de l'Enfant-Jesus et les crises du temps present“ ([„Die Hl. Theresia vom Jesuskind u. d. Krisen d. 
heut. Zeit“,] Flammarion, Paris, 1936, S.6 ff.) IMPRIMATUR 11.Januar 1936. 


Hatte die - von der Kirche zu Werken aller Art gebrauchte - Heilige von Lisieux - vor der ihr vom Hei¬ 
ligen Vater zugewiesenen neuen und gigantischen Aufgabe kapituliert? Es wäre nicht überraschend. 

Anstelle der kleinen Heiligen aber gab es noch die Himmelskönigin, die es bereits 1917 auf sich ge¬ 
nommen hatte, unter bestimmten Bedingungen das schismatische Russland wieder in die Gemeinde der 
römischen Kirche zu führen. Lesen wir, was „La Croix“ dazu schrieb: 

„Wir werden unsere Leser daran erinnern, dass die Jungrau von Latima höchstselbst die Bekehrung der 
Russen, wenn alle Christen aufrichtig und freudig sämtliche Gebote Gottes täten, versprochen hat.“ (143) 

(143) „La Croix“ 11.Juni 1947. 


Es sei betont, dass den Jesuitenpatres zufolge, die in übernatürlichen Lragen Spezialisten sind, die 
himmlische Mittlerin als besonders wirksam den täglichen Gebrauch des Rosenkranzes (Gebetsblocks zu Ehren 
Marias) empfohlen habe. 

Durch einen „Tanz der Sonne“, ein Wunder, das 1950 in den Gärten des Vatikans noch einmal (noch ein¬ 
mal, d.h. 33 Jahre nach seinem ersten Auftreten 1917 i. Fatima), alleinig für Seine Heiligkeit Pius XII., auftrat, wurde das 
Versprechen der Jungfrau sogar noch versiegelt. 

Dennoch marschierten die Russen in Berlin ein, trotz des vom Papst angemahnten Kreuzzugs - und ha¬ 
ben, soweit wir wissen, Chruschtschows Landsleute, im Büßergewand und den Strick um den Hals vor 
den Türen des Petersdoms zu erscheinen, bis heute keinerlei Eifer gezeigt. 

Was lief da falsch? Hatten Christen bis dahin zu wenig ihre Rosen kr änze (Gebetsabfolgen zu Ehren Marias) 
„aufgesagt“? Hatte man des Himmels erforderliche Zehnzahl nicht erfüllt? 

Zu glauben, dies sei der Grund, wären wir versucht, gäbe es da nicht in der wunderbaren Geschichte von 
Latima jenes eher heikle Detail. Das 1917 zweckmäßigerweise der Hellseherin Luzie (ERKL.: Schwester Luzie, 

* 1907 ,12005 ) gegebene Versprechen der Bekehrung Russlands, wurde von ihr erst 1941, als sie Nonne ge¬ 
worden war, „enthüllt“ und im Oktober 1942 von Kardinal Schuster (Aifredo iidefonso Schuster), einem leiden¬ 
schaftlichen Anhänger der Rom-Berlin-Achse, öffentlich bekanntgegeben; letzteres geschah auf Wunsch, 
oder wohl vielmehr auf Befehl Pius’ XII., der drei Monate später den oben genannten Aufruf zum Kreuz¬ 
zug ausgab. 

In der Tat sehr „erleuchtend“: Einer der Latima-Apologeten gibt es zu: die Sache „büßt offensichtlich 
einiges von ihrem profetischen Werte ein. ... “ (144). Mindestens das kann man hier sagen! Ein gewisser 
Kanonikus und großer Spezialist in Sachen „portugiesisches Wunder“ erzählt uns im Vertrauen: „Und 
doch muss ich gestehen, dass ich selbst einen echten inneren Widerstand zu überwinden hatte, meine ers¬ 
ten Buchausgaben durch den Text zu ergänzen, den S. Eminenz Kardinal Schuster der Öffentlichkeit 
bekanntgegeben hatte, weil mir diese Orakel dunkel erschienen und das, was ich davon verstand, im 20. 
Jahrhundert unmöglich. ... “ (145) 

(144) Michel Agnellet: „Miracles ä Fatima“ (([„Wunder i. Fatima“,] Ed. de Trevise, Paris, 1958, S.54), Imprimatur 1958. 

(145) Kanonikus Barthas: „Fatima, merveille du Xxe siede“ (Fatima-editions, Toulouse, 1957, S.81), Imprimatur 1957. 

IN DEUTSCH: Kanonikus Barthas: „FATIMA - EIN WUNDER DES ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERTS“ (HERDER, Freiburg, 1954), S.58. 

Gewiss verstehen wir des lieben Kanonikus Empfindungen: 

Also habe die Heilige Jungfrau 1917 zur Hirtin Luzie gesprochen: „Wenn ihr auf meine Bitte hört, dann 
wird Russland bekehrt ... “, und beauftragte das Mädchen, dieses „Geheimnis“ für sich zu behalten. Wie 
aber konnten dann die Christen besagte „Bitte“ erfahren und erfüllen? 

„Credibile quia ineptum.“ („Glaubhaft weil töricht.“) 

Es macht den Eindruck, als hätten die Gebete von 1917 bis 1942 um des „unglücklichen Russlands“ wil¬ 
len keine Notwendigkeit gehabt, und erst nach der nationalsozialistischen Niederlage vor Moskau und als 
Paulus in Stalingrad eingeschlossen war, waren sie anscheinend dringend nötig. 

Das ist der einzige Schluss zumindest, den diese späte Enthüllung zulässt. Das Übernatürliche ist - wie 
schon gesagt - ein gewaltig Ding, doch erfordert der Umgang mit ihm Bedacht. 


Nach Montoire (dem dt.-frz. Beschluss d. Zusammenarbeit am 24.10.1940 im frz. Montoire) sprach Jesuitengeneral Halke 
von Ledochowski schon voll Hochmut von der Generalkongregation, die die Kompanie, nachdem Eng¬ 
land kapituliert haben würde, in Rom abhielte, von der Bedeutung und Genialität dessen, das in seiner 
ganzen Geschichte keine Entsprechung fände. 

Aber der Himmel entschied anders, trotz der Heiligen Theresia und der Gottesmutter von Fatima. Gro߬ 
britannien rüstete sich gegen den Feind, die Vereinigten Staaten traten in den Krieg ein (obwohl sich die 
ganze Zeit Jesuitenpater Coughlin derart ins Zeug gelegt hatte), die Alliierten landeten in Nordafrika und 
der Russlandfeldzug war für die Nazis ein Desaster. 

Für Fedochowski war es das Aus seines großen Traums. Wehrmacht, SS, „Säuberer“ und jesuitische 
Bekehrer traten geschlossen den Rückzug an. Der General hatte für eine derartige Katastrofe nicht mehr 
die Gesundheit und starb. 

Doch schauen wir, was das besagte „Russicum“ ist, um das Pius XI. und von Fedochowski 1929 die rei¬ 
che und bunte römische Organisation erweiterten. 

„Mit der Apostolischen Konstitution (derpäpstlichen Verordnung) »Quam curam de orientalibus« (»Hinsichtlich der 
Sorge um die orientalischen«) schuf Pius XI. in Rom besagtes russische Seminar (Bildungsinstitut), wo junge Apostel 
jeder Nationalität ausgebildet würden, unter der Bedingung, dass sie vor allem anderen den orthodoxen 
Ritus (östi. papstablehnenden Religionsausübungsbrauch) annehmen und sich ihr Denken darauf ausrichte, dass sie sich 
voll und ganz der Aufgabe widmen, Russland zurück in die Herde Christi zu bringen.“ (146) 

(146) „L'Homme nouveau“, 7.Dezember 1958. 


Das ist das Ziel des russischen Kollegs, alias „Russicum“, des Päpstlichen Orientalischen Instituts und 
der Gregoriana - dieser drei ebenfalls von der Societas Iesu verwalteten Zentren. 

In der „Gregoriana“ - 45, Piazza del Gesü (Jesuspi.45) - finden wir das jesuitische Noviziat (Novizenwohn- u. 
ausbiidungsstätte) und einige unter den Novizen tragen den Namen „Russipeten“ („Russlandbitter“), da sie dafür 
bestimmt sind, „petere Russiam“ („f. Russland zu bitten“) oder nach Russland zu gehen. 

Orthodoxe Gläubige sollten auf der Hut sein, denn derart viele tapfere Verfechter sind dazu bestellt, sie 
auszumerzen. Allerdings müssen wir darauf hinweisen, dass der oben genannte „Homme nouveau“ versi¬ 
chert: 

„Freilich ist jeder dieser Priester dazu bestimmt, nach Russland zu gehen. Nur dass sich dieses Projekt 
noch nicht realisieren lässt.“ (147) 

(147) „L’Homme nouveau“, 7.Dezember 1958. 


Faut dieser speziellen Publikation nennt die sowjetische Presse besagte Apostel „die vatikanischen Fall¬ 
schirmspringer“. Und vom Zeugnis eines über das Thema gut Informierten her kommen wir zu dem 
Schlüsse, dass dieser Name ganz gut zu ihnen passt. 

Der Fragliche ist kein Geringerer als der Jesuit Alighiero Tondi (erkl.: *1908), Professor an der Päpstli¬ 
chen Univeristät Gregoriana, der - wenn auch nicht ohne einen beträchtlichen Streit - Ignatius von Foyola 
und die „Exerzitien“ verwarf und sich aus der berühmten Kompanie, samt ihrem Pomp und Treiben, zu¬ 
rückzog. 

In einem Interview, das er einer italienischen Zeitung gab, lesen wir neben anderen Erklärungen folgen¬ 
des: 

„Die Aktivitäten des Collegium Russicum und weiterer mit ihm verknüpfter Organisationen sind viele 
und vielfältige. Beispielsweise organisieren und koordinieren die Jesuiten im Verein mit italienischen Fa¬ 
schisten und dem, was vom deutschen Nationalsozialismus übrig ist, auf Anordnung der kirchlichen Auto¬ 
rität verschiedene antirussische Gruppen. Das Endziel ist es, schließlich bereit zu sein, die östlichen Re¬ 
gierungen zu stürzen. Finanzen fließen von den herrschenden kirchlichen Organisationen. Das ist die Ar¬ 
beit, um die sich die Führer des Klerus bemühen. Selbige würden bereitwillig vor Gram ihre Sutanen zer¬ 
reißen, wenn man sie wegen Einmischung in die Politik und Nötigung der östlichen Bischöfe und Geistli¬ 
chen, sich gegen ihre Regierungen zu verschwören, beschuldigte. 



Im Gespräch mit dem Jesuiten Andrej Urusow bezeichnete ich es als skandalös, im »Osservatore Roma¬ 
no«, dem offiziellen Organ des Vatikans, und in anderen kirchlichen Publikationen zu versichern, dass die 
enttarnten Spione »Märtyrer des Glaubens« gewesen seien. Urusow brach in Gelächter aus. 

- Was würden Sie denn schreiben, Pater?, fragte er mich. Würden Sie sagen, das es Spione waren, o- 
der sogar noch Schlimmeres? Die vatikanische Politik braucht heutzutage Märtyrer. Nur dass sich mo¬ 
mentan schwerlich welche finden lassen. Man erfindet sie. 

- Das Spiel ist aber unehrlich! 

Ironisch schüttelte er den Kopf. 

- Sie sind naiv, Pater. Von Ihrer Arbeit her sollten Sie es besser wissen als jeder andere, dass die die Kir¬ 
chenführer inspirierenden Regeln schon immer dieselben waren. 

- Und Jesus Christus?, fragte ich. 

Er lachte und sagte: »An Jesus Christus darf man nicht denken. Dächten wir an ihn, endeten wir am 
Kreuz. Und heute ist es Zeit, statt selber an ihm erhöht zu werden, andere daran zu schlagen.“ (148) 

(148) Am 2.Oktober 1954 im „II Paese“ erschienenes Interview. 


Wie es also der Jesuit Urusow so schön sagte - die vatikanische Politik benötigt Märtyrer, seien es 
Freiwillige oder nicht. Und Millionen solche schuf sie in den beiden Weltkriegen. 


Abschnitt V 


Kapitel 8 

Papst Johannes XXIII. lässt die Maske fallen 


Von allen in dieser Welt allgemein akzeptierten Fiktionen ist der dem Heiligen Stuhle zugesprochene 
Geist des Friedens und der Fiebe die wohl am schwersten auszurottende - da dieser Geist der Natur des 
apostolischen Meisters schlechthin innezuwohnen scheint. 

Trotz der nicht gänzlich bekannten oder zu schnell vergessenen Fektionen der Geschichte, muss der, der 
sich selbst „Statthalter Christi“ nennt, in den Augen vieler notwendigerweise das vom Evangelium gelehr¬ 
te Ideal der Fiebe und Brüderlichkeit verkörpern. Wollen nicht Fogik und Gefühl gleichermaßen, dass es 
so sei? 

In Wirklichkeit klären uns die Ereignisse darüber auf, dass besagte positive Annahme stark abgeflaut 
sein muss - und wir glauben, dass es bislang hinreichend demonstriert wurde. Doch die Kirche ist umsich¬ 
tig - wie wir oft erinnert werden - und es ist selten, dass ihre wahren Aktionen nicht von den unerlässli¬ 
chen Vorkehrungen umgeben sind, die sich des äußeren Anscheins annehmen. „Besser arm in Ehren als 
reich in Schanden.“, sagt das Sprichwort. Doch Reich u n d in Ehren ist noch besser. Die Maxime, 
von der sich der steinreiche Vatikan leiten lässt. Seine politische Herrschsucht bedient sich stets „geistli¬ 
cher“ und humanitärer Vorwände, die über eine durch einen Goldgürtel bescherte intensive Propaganda 



„urbi et orbi“ verkündet werden, und der auf diese Art konservierte „gute Ruf 1 macht den Goldstrom zu 
besagtem Gürtel ohne Unterlass fließen. 

Ein Abrücken von jenem Verhaltensgrundsatz gibt es für den Vatikan nicht und wo die Stellung, die er 
in internationalen Angelegenheiten einnimmt, durch die Haltung seiner Hierarchie deutlich zu Tage tritt, 
da wird durch jene feierlichen und zweideutigen Enzykliken und andere päpstliche Dokumente die Legen¬ 
de von der absoluten Unparteilichkeit lebendig gehalten. Beispiele dieser Art hat die Hitler-Ära erst un¬ 
längst angehäuft. Doch wie könnte es auch anders sein bei einer autoritativen (auf Ansehen beruhenden) Macht, 
die man als übernatürlich und zur gleichen Zeit allumfassend ansieht? 

Die Vorkommen, wo man die Maske hat fallen sehen, sind äußerst selten. Denn auf dass die Welt eines 
derartigen Schauspiels Zeuge würde, bedürfte es einer Eventualität, die aus der Sicht des Heiligen Stuhls 
seine lebenswichtigen Interessen in Gefahr brächte. Erst dann wirft er sämtliche Zweideutigkeit zur Seite 
und gibt sämtliches ihm zur Verfügung stehende Ansehen in eine der Waagschalen. 

So geschehen in Rom, am 7.Januar 1960, hinsichtlich des „Gipfel“-Treffens, das, in dem Bemühen, die 
Bedingungen einer wirklich friedlichen Koexistenz zwischen den Verteidigern der beiden gegensätzlichen 
Ideologien auszuhandeln, Oberhäupter östlicher und westlicher Regierungen zusammenbringen sollte. 

Die Position des Vatikans vor einem derartigen Vorhaben lässt uns freilich in keinerlei Zweifel. Das 
demonstrierte in den Vereinigten Staaten Kardinal Spellman (erkl.: Francis Joseph Speiiman, *1889, fi967) deutlich, 
indem er die Katholiken drängte, Chruschtschow (ERKL.: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Sowjet. Politiker, *1894, 
fi97i), als dieser zu Gast beim amerikanischen Präsidenten war, ihre Feindseligkeit zu zeigen. Seinerseits 
und ohne es klar zu äußern, zeigte Seine Heiligkeit Johannes XXIII. in seiner Weihnachtsbotschaft keine 
große Lust zur „Entspannung“. Die von ihm formulierte „Hoffnung“, in der Welt den Frieden hergestellt 
zu sehen, ein Wunsch, der in einem derartigen Dokument ein „Muss“ ist, schien - mit den vielen ihn be¬ 
gleitenden Appellen an die Klugheit westlicher Politiker -, sehr schwach. Bis hierher schaute der Vatikan 
aber noch freundlich drein. 

Was aber geschah dann - in weniger als zwei Wochen? War etwa - im Dahinfahrensehen der ersteren - 
eine weitere lange gehegte „Hoffnung“ geplatzt? Fing etwa infolge der Entscheidung Gronchis (erkl.: Gio¬ 
vanni Gronchi, *1887, fi978), des Präsidenten der Italienischen Republik, nach Moskau zu gehen, der Kelch der 
römischen Bitterkeit an, überzulaufen? 

Was auch immer ablief, am 7.Januar brach urplötzlich der Sturm los - und das geistliche Donnerwetter 
entlud sich (mit ungekannter Wucht) über die „christlichen“ Politiker, schuldig des Wollens, dass der Kal¬ 
te Krieg ein Ende fände. Am 8.Januar druckte „Le Monde“ das Folgende ab: 

„An dem Tage, da der Präsident der Italienischen Republik sich zur Abstattung eines sorgfältig vorberei¬ 
teten offiziellen Besuchs der Moskauer Führung aufmachte, hielt Kardinal Ottaviani (erkl.: Aitredo ottaviani, 
*1890, fi979), der Amtsnachfolger Kardinal Pizzardos (erkl.: Giuseppe Pizzardo, *1877, fi970) als Sekretär der Glau¬ 
benskongregation (leitender Funktionär d. höchsten kath. Behörde z. Schutze vor abweichenden Glaubensvorstellungen; ERKL.: seit 196t 
Nachfolger d. höchsten Inquisitionsbehörde „hi.O ffizium“) bzw. Präfekt des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Sig¬ 
natur (Leiterd. höchsten Gerichts d. röm. Kurie), in der Marienbasilika bei einem morgendlichen Versöhnungsgottes¬ 
dienst für »die Kirche des Schweigens« eine Rede, die höchst erstaunlich ist.“ 

Nie zuvor hat ein einen der wichtigsten vatikanischen Posten innehabender Kirchenfürst die sowjeti¬ 
schen Behörden mit derartiger Wucht attackiert, noch die Westmächte, die mit jenen verhandelten, in die¬ 
ser Weise gerügt. 

Von jener heftigen Rede, die die von „Le Monde“ soeben verwendete Bezeichnung „höchst erstaunlich“ 
mehr als rechtfertigte, bot die Tageszeitung wesentliche Auszüge. 

„Timurs Zeiten sind zurück (erkl.: asiat. Eroberer aus Transoxanien, *1336, fi405).^ , versicherte Kardinal Ottaviani 
- und die russische Führung wurde als „neue Antichristen“ beschrieben und es heißt, sie „verurteilen zu 
Deportation, inhaftieren, richten Massaker an und hinterlassen nichts als Öde“. Der Redner war scho¬ 
ckiert, denn keiner mehr nun „scheut sich, ihnen die Hände zu schütteln“ und „ganz im Gegenteil entwi¬ 
ckelte sich ein Wettrennen darum, wer sie ihnen wohl als erster schüttle und ein Lächeln mit ihnen tau¬ 
sche“. Anschließend erinnerte er seine Zuhörer, dass Pius XII. sich, als Hitler nach Rom kam, nach Castel 
Gandolfo (erkl.: itaiien. Stadt m. päpsti. Sommerresidenz) zurückzog - vergaß aber gleichzeitig, hinzuzufügen, dass 
ebendieser Pontifex einst mit Hitler ein für die Kirche höchst vorteilhaftes Konkordat abgeschlossen hatte. 



Ausgespart wurde in jener heftigen Anklage auch nicht die Raumfahrt: „der neue Mensch ... glaubt, er 
könne durch Heldentaten im All in den Himmel eindringen und demonstriert so wieder einmal mehr, dass 
Gott nicht existiere.“. 

Der Kardinal meint, die westlichen „Politiker und Staatsmänner“ seien „durch den Schrecken des Vers¬ 
tandes beraubt“, aber ihnen sei ordentlich der Kopf gewaschen, wie überhaupt allen „Christen“, die hier 
„keine Reaktion und keinen Wutanfall“ mehr erkennen lassen. ... 

Schließlich dieser scharfe und bemerkenswerte Schluss: 

„Sind wir vermöge, uns mit jedweder Art von Entspannung zufrieden zu erklären, wo es innerhalb der 
Menschheit vor allem gar keine Art von Ruhe geben kann, es sei denn wir beobachten einen grundlegen¬ 
den Respekt vor dem Gewissen, unserem Glauben, dem mit Speichel abermals bedeckten, domengekrön¬ 
ten und geschlagenen Antlitz Christi? Können wir denen unsere Hand reichen, die solches tun?“ 

Diese dramatischen Worte sind nicht in der Lage, uns vergessen zu machen, dass der Vatikan schwerlich 
von „Respekt vor den Gewissen“ reden kann, da er sie in Ländern, wo er dominiert, wie in Lrancos Spa¬ 
nien, wo die Protestanten verfolgt werden, schamlos unterdrückt. In der Tat ist es höchst unverschämt - 
insbesondere seitens des Sekretärs der Glaubenskongregation! - zu fordern, dass andere jenen grundle¬ 
genden Respekt wahren, wo die römische Kirche ihn rundweg verweigert. 

Die Enzyklika „Quanta cura“ und der Syllabus sind unmissverständlich. 

„Verdammt ist die Ansicht, jedermann sei frei, die Religion zu wählen und zu bekennen, die er, geführt 
vom Lichte der Vernunft, für wahr hält.“ 

(„Syllabus“, Artikel XV} 

„ ... Zu meinen, die Glaubens- und Gewissensfreiheit seien einfach jedermannes Rechte, ist Wahnsinn.“ 
(Enzyklika „Quanta cura“) 

Ausgehend von der Art, wie er „Ketzer“ behandelt, nimmt es nicht Wunder, dass der Vatikan sämtliches 
Bemühen um Einigung zwischen „christlichen“ Staaten und jenen, die offiziell atheistisch sind, systema¬ 
tisch verdammt. „Non est pax impilis.“ - „Kein Friede den Gottlosen.“ 

Und Jesuitenpater Cavelli verkündet, wie viele andere vor ihm, dass das „dringlichste Gesetz“ der römi¬ 
schen Kirche diese „Unnachgiebigkeit“ sei. 

Als Pendant zu besagter Explosion der Wut seitens des Kardinals werden wir einen weiteren Artikel zi¬ 
tieren, der in selbiger „Le Monde“-Nummer am 9.Januar 1960 erschien: 

„Die Menschheit ist im Begriffe, sich einem Zustande zu nähern, wo gegenseitige Vernichtung zur 
Wahrscheinlichkeit wird. Kein anderes Ereignis in der heutigen Welt kann in seiner Bedeutsamkeit mit 
diesem verglichen werden. ... Weshalb wir unablässig nach einem gerechten Frieden zu streben haben.“ 

So gesprochen von Präsident Eisenhower (erkl.: Dwight D[avid] Eisenhower, * 1890, fi969) am gestrigen Donnerstag 
vor dem US-Kongress, zur selbigen Zeit, als in Rom Kardinal Ottaviani die Koexistenz als Teilhabe an 
der Sünde Kains (erkl.: *3969 vztr, t?) verdammte. 

Schreiender kann der Kontrast zwischen zwei Denkweisen nicht sein: der menschlichen und der the- 
okratischen - und nicht offensichtlicher die wegen jenes Kerns des blinden Fanatismus, den wir Vatikan 
nennen, über der Welt schwebende tötliche Gefahr. Sein „heiliger“ Egoismus ist derart, dass die Umstände 
und die dringende Notwendigkeit eines internationalen Abkommens, um so die die Menschheit bedrohen¬ 
de totale Ausrottung zu verhindern, keine Rolle spielen. 

Der Sekretär der Glaubenskongregation - dieser Nachfolgeorganisation des die Inquisition geleitet ha¬ 
benden Heiligen Offiziums mit seiner nur allzu bekannten Vergangenheit - zieht derartige Eventualitäten 
nicht in Betracht. Ob die Russen zur Messe gingen! Darauf komme es an, und wenn Präsident Eisenhower 
das nicht verstünde, dann weil er „durch den Schrecken des Verstand beraubt“ sei, um mit den Worten des 
aufgebrachten „Porporatos“ (Kardinals; erkl.: „Purpurträgers“) zu reden. 

Die rasende Wut der Rede Kardinal Ottavianis erheitert und schockiert uns gleichermaßen. Und viele 
denken, dass es dieser Aufwiegler schwer haben wird, „Christen“ klar zu machen, dass die Atombombe 
dankbar anzunehmen sei. Doch seien wir auf der Hut! Hinter diesem Sprecher des Heiligen Stuhls steht 
die ganze päpstliche Organisation - und insonderheit besagte verborgene, nich aus gewöhnlichen Soldaten 
gebildete Jesuitenarmee. Sämtliche Mitglieder jener berühmten Kompanie arbeiten in den Machtetagen 
und ihre Aktivitäten können ohne viel Aufsehens außerordentlich wirksam, sprich unheilvoll sein. 






Gerüchte wurden laut, dass Kardinal Ottavianis brutale Einstellung nicht exakt das Denken des Heiligen 

Stuhls reflektiere, sondern das der so genannten „integristischen“ Bewegung („integristischen“, d.h. typisch synar- 
chistischen, d.h. die eine gerechte Politik f. alle Klassen betreibende Zusammenherrschaft anstrebenden, rechtsextremen u. oft offen mystisch¬ 
katholischen Bewegung). Die katholische Presse - zumindest in Fran kr eich - versuchte, die Bedeutung jener 
heftigen Rede abzuschwächen, und „La Croix“ vor allem druckte nur einen kurzen Auszug ab, aus dem 
man sämtliche Heftigkeit herausgelassen hatte. Wirklich weiser Opportunismus, nur konnte er keinem 
etwas vormachen. Es ist eben nicht möglich, dass von der Kanzel der Marienbasilika herab eine derart 
scharfe Kritik von außergewöhnlicher politischer Bedeutung geäußert wird, ohne dass ihr der Kongregati¬ 
onspräfekt und schließlich der Oberhirte zugestimmt hätte. Und letzterer hat, soweit wir wissen, seinen 
beredten Untergebenen nie je verstoßen. Papst Johannes XXIII. konnte doch die Bombe nicht selbst ab¬ 
werfen, sondern ließ vielmehr einen der wichtigsten kurialen Würdenträger an seiner Statt auftreten und 
gedachte dieserart, jedermann sein stillschweigendes Einverständnis offenkundig zu machen. 

Überdies und durch seltsamen „Zufall“ fand zur selben Zeit eine verhaltenere Explosion statt, in Gestalt 
eines Artikels im „Osservatore Romano“, der wieder mal den Sozialismus, selbst den nicht-marxistischen, 
als „der christlichen Wahrheit zuwiderlaufend“ verdammte. Jene, die den besagten politischen „Fehler“ 
verübten, würden jedoch nicht „ipso facto“ („durch den Fakt“) exkommuniziert wie die Kommunisten. Sie hät¬ 
ten noch die Hoffnung, der Hölle zu entgehen - die Androhung des Fegefeuers (Läuterungsortes, in dem d. Verstor¬ 
benen ihre kleineren Sünden abbüßen, ehe sie ins Reich Gottes eingehen) aber bliebe! 

Versprach sich der Vatikan hier im heftigen Erzeigen seiner Ablehnung jedes Versuchs, Ost und West 
zusammenzubringen, irgendwelche positiven Ergebnisse? Erhoffte er sich hier wirklich, die Staatsmänner, 
die besagte Friedenspolitik verfolgten, einzuschüchtern? Oder hoffte er hier zumindest, eine Gegenbewe¬ 
gung zur „Entspannung“ unter den Gläubigen hervorzurufen? 

So unvernünftig eine solche Hoffnung auch erscheinen mag, so dürfte sie doch wohl diese kirchlichen 
Köpfe heimgesucht haben. Deren seltsame Sichtweisen müssen einfach Illusionen dieser Art hervorbrin¬ 
gen. Eine bestimmte Illusion konnten zudem diese Wahrsager nicht vergessen haben, eine Illusion, die sie 
derart lange nutzen, um jene zu täuschen, die ihnen vertrauten - und die sie offenbar miteinander teilten. 
Hier beziehen wir uns auf die „Bekehrung Russlands“, deren Ankündigung - 1917 - in Fatima von der 
Heiligen Jungfrau persönlich gemacht worden sein soll - gegenüber der Hirtin Luzie, die schließlich in ein 
Kloster aufgenommen wurde und die Profezeiung einigermaßen spät, d.h. 1942, auf Wunsch ihrer Vorste¬ 
her in ihren „Erinnerungen“ dokumentierte. 

Dieses Lügenmärchen mag uns erheitern, doch es bleibt die Tatsache, dass es der Vatikan - unter Pius 
des XE. Pontifikat - in der ganzen Welt verbreitete, mit jeder Menge Ansprachen, Predigten, feierlichen 
Erklärungen, bergeweise Büchern und kleineren Schriften, und Rundreisen der Statue jener neuen und 
sehr politischen „Liebfrauenkirche“ quer durch jeden Kontinent - wo sogar die Tiere, wie man uns sagte, 
gekommen seien, um zu huldigen. Dieser lautstarken Propaganda wird sich von den Gläubigen noch deut¬ 
lich erinnert - wie der wilden Erklärungen, von denen beispielsweise diese am 1.November 1952 von „La 
Croix“ abgedruckt wurde: 

„Fatima ist zu einem Scheideweg geworden. ... Das Schicksal der Nationen kann besser dort, als um Ti¬ 
sche herum entschieden werden.“ 

Seine Thurifer können sich nicht länger in Zweideutigkeit flüchten. Die Wahl ist glasklar: „Entspannung 
oder Kalter Krieg“. - Der Vatikan wählt Krieg - und verbirgt die Tatsache nicht. 

Waren uns die vergangenen Erfahrungen, selbst in der jüngsten Vergangenheit, bislang eine Lehre, dann 
sollte diese Entscheidung keinen mehr überraschen. Und überraschte sie jemanden, dann dürfte es, wie wir 
glauben, an deren rüder Bekanntgabe liegen - ganz ohne die übliche Tarnung. 

Wir beginnen, die Heftigkeit zu verstehen, wo wir betrachten, was der Einsatz dem römischen Bischof 
bedeutete. Indem wir ihn für fähig halten, dass er eine Hoffnung aufgäbe, die so alt wie das Morgenländi¬ 
sche Schisma selber ist, jene Hoffnung, orthodoxe Gläubige über einen militärischen Erfolg wieder unter 
ihren Gehorsam zu bringen, würden wir den Vatikan fehleinschätzen. Hitlers Aufstieg entsprang dieser 
hartnäckigen Hoffnung - die letztliche Niederlage aber seines Kreuzzugs öffnete der römischen Kurie 
noch immer nicht die Augen für das Törichte einer derartigen Bestrebung. 

Und es gab noch einen weiteren und viel drängenderen Wunsch: die Befreiung Polens, Ungarns und der 
Tschechoslowakei, dieser recht bekannten „Kirche des Schweigens“, die eine solche mittlerweile und nur 



infolge der - für den Heiligen Stuhl - unerwarteten Wende der Ereignisse im Nazi-Feldzug geworden ist. 
„Allzu viel ist ungesund“: ein weises Sprichwort, das Fanatiker nie inspirierte. 

Um seinen ostwärts gerichteten Marsch, seinen kirchlichen „Drang nach Osten“ fortzusetzen und zu¬ 
nächst seine verlorenen Stützpunkte zurückzuholen, baut der Vatikan nach wie vor auf den deutschen 
„weltlichen Arm“, seinen wichtigsten europäischen Verfechter in der Notwendigkeit neuer Kraft und Vita¬ 
lität. Mit dem Kanzler und päpstlichen Geheimkämmerer Konrad Adenauer (erkl.: *1876, fi967) hatte er an 
die Spitze der Bundesrepublik - den westlichen Teil des Großdeutschen Reichs - einen Vertrauten gesetzt 
und die von diesem verfolgte Politik lässt für mehr als fünfzehn Jahre deutlich den Stempel des Heiligen 
Stuhls erkennen. Zunächst große Vorsicht und eine opportune „liberale“ Geisteshaltung an den Tag le¬ 
gend, arbeitete der von seinen Fandsleuten mit dem Spitznamen „der alte Fuchs“ bedachte Mann an der 
Wiederaufrüstung seines Fandes. Selbstverständlich war die „moralische“ Aufrüstung der Bevölkerung 
und der deutschen Jugend insonderheit ein unabdingbarer Anhang des ersteren. 

Deshalb werden wichtige Posten in den westdeutschen Ministerien und Behörden von nicht wenigen 
Personen mit berüchtigter NS-Vergangenheit bekleidet - die Fiste ist lang - und - gerade erst zum 

Kriegsverbrecher verurteilt - leiten Industrielle wie Krupp (erkl.: Alfried Krupp v.Bohien u. Haibach, *1907, fi967, seit 
1943 Alleininh. d. Fa. Krupp, 1947/48 wegen „Plünderung“ von Wirtschaftsgütern i. besetzten Ausland u. „Sklavenarbeit“ zu 12 Jahren Haft 
verurteilt, 1951 begnadigt,) und Flick (ERKL.: Friedrich Flick, *1883, fl972, hatte 1933-45 maßgebl. Einfluss i. d. dt. Rüstungsindustrie u. 
kontrollierte m. seinem Familienkonzern d. Montanwerke d. besetzten europäischen Länder, 1947zu 7 Jahren Haft verurteilt, 1950 entlassen) 

schon wieder ihre gigantischen, neu für sie aufgebauten Werke. Der Zweck heiligt die Mittel. Und dieser 
Zweck ist klar genug: Siegfrieds neues Schwert zu schmieden - die für die Rache erforderliche - die auch 
die des Vatikans ist. 

Und so geschieht es auch mit genauer Gleichzeitigkeit, dass der Kanzler-Kämmerer in einem einer nie¬ 
derländischen Zeitschrift gegebenen Interview die von Kardinal Ottaviani eben erst vorgetragene Sturm¬ 
rede widerspiegelte: 

„ ... Die friedliche Koexistenz von Völkern, deren Standpunkte völlig entgegengesetzt sind, ist eben ei¬ 
ne Illusion, die leider noch zu viele Unterstützer findet.“ (150) 

(150) „ELSEVIERS WEEKBLAD“, zitiert von „COMBAT“ am 11.Januar 1960. 

Die am 7.Januar in der Marienbasilika gehaltene Brand-„Predigt“ (flammende Predigt) ging - wie zufällig - 
Konrad Adenauers Rombesuch um wenige Tage voraus. Die Berichte der Presse unterstrichen einstimmig 
die freundliche und verständnisvolle Atmosfäre, die während der Privataudienz vorherrschte, die Seine 
Heiligkeit Johannes XXIII. dem deutschen Bundeskanzler und seinem Außenminister von Brentano (erkl.: 

Heinrich v.Brentano, *1904, f1964) gab. 

In der „F’Aurore“ kann man sogar lesen: 

„Dieses Treffen bewirkte eine eher unerwartete Erklärung seitens des Kanzlers, als er auf die den Mut 
und Glauben des deutschen Regierungsoberhauptes lobende päpstliche Ansprache antwortete: 

»Ich denke, dass Gott dem deutschen Volke eine besondere in diesen bewegten Zeiten zu spielende Rol¬ 
le zugedacht hat: der Beschützer des Westens gegen die gewaltigen Einflüsse des uns bedrohenden Ostens 
zu sein.«“ (151) 

(151) „L’Aurore“, 23.Januar 1960. 


„Combat“ bemerkte richtig: 

„Das hörten wir eben erst - nur kürzer: „Gott mit uns.“ (das Motto auf dem Koppelschloss der deutschen 
Soldaten im Ersten Weltkrieg). 

Und jene Zeitung fügte hinzu: 

„Dr.Adenauers Heraufbeschwörung des der deutschen Nation zugesprochenen Wirkens fand seine Inspi¬ 
ration in einer ähnlichen Erklärung des vorangegangenen Papstes. Was die Vermutung zulässt, dass der 
unter den gegenwärtigen Umständen diesen Satz aussprechende Dr.Adenauer davon ausging, bei seinen 
Zuhörern Gehör zu finden.“ (152) 


(151) „L’Aurore“, 23.Januar 1960. 



Im Grunde müsste man selten naiv und in völliger Unkenntnis der Grundlagen der Diplomatie sein, um 
zu denken, dass diese „unerwartete“ Erklärung nicht Teil des Programms gewesen sei. Wir wetten auch, 
dass sie keinerlei Schatten warf auf „das ausgedehnte Gespräch, das Adenauer mit dem Staatssekretär des 
Heiligen Stuhls Kardinal Tardini (erkl.: Domenico Tardini, *1888, fi96i) führte, den er in der deutschen Botschaft 
zum Mittagessen einlud“. (153) 

(153) „Le Figaro“, 23.Januar 1960. 


Selbst Katholiken, die die Eingriffe der römischen Kirche in Staatsangelegenheiten längst gewohnt wa¬ 
ren, hatte die von Kardinal Ottaviani ausgesprochene spektakuläre Einmischung der Glaubenskongregati¬ 
on in die internationale Politik schockiert. Dessen war sich Rom bewusst. Die Aufrechterhaltung des Kal¬ 
ten Krieges aber ist für die politische Macht, ja den finanziellen Wohlstand des Vatikans derart lebens¬ 
wichtig, dass er - wenn auch der erste Anlauf keine Gegenliebe erfuhr - die Wiederholung solcher politi¬ 
scher Ansichten nicht scheute. 

Eine weitere Gelegenheit verschaffte ihm Chruschtschows Frankreichreise im März 1960. Eine der von 
dem sowjetischen Ministerpräsidenten zu besuchenden Städte war Dijon. Wie sämtliche seiner Kollegen 
in der gleichen Situation, so hatte der Oberbürgermeister von Dijon den Gast der Französischen Republik 
höflich zu empfangen. Nur dass der OB der Burgunderhauptstadt Kanonikus Kir (erkl.: Felix Kir, *1876, fi968) 
war - und somit ein Geistlicher. 

Nach kirchlichem Recht war dem Priester zur Annahme dieses Doppelamtes - mit sämtlichen daraus 
erwachsenden Aufgaben und Pflichten - vom Heiligen Stuhl einst die ausdrückliche Genehmigung erteilt 
worden. Den Chruschtschow-Empfang untersagte dem OB-Kanonikus jetzt allerdings der Bischof. 
Und unter diesen Umständen ging Sutane vor Amtsschärpe. 

Also begrüßte den Besucher ein für den unabkömmlichen OB einspringender Mitarbeiter. Die unge¬ 
zwungene Art aber, mit der die „Hierarchie“ bei dieser Gelegenheit der weltlichen Obrigkeit spottete, er¬ 
weckte spitzeste Bemerkungen. Am 30.März schrieb „Le Monde“: 

„Wer ist dem OB von Dijon eigentlich weisungsberechtigt: der Bischof oder der Präfekt? Und über die¬ 

sen Vertretern der Zentralgewalt: der Papst oder die französische Regierung? Das ist die von allen gestell¬ 
te Frage. 

Die zweifelsfreie Antwort: Erst die Theokratie. Von nun an aber - müssen sich da die Gäste der Franzö¬ 
sischen Republik, um von einem Sutane tragenden Oberbürgermeister empfangen zu werden, mit Beicht¬ 
zetteln (Bescheinigungen über abgelegte Beichten) eindecken? 

Richtig bemerkt zudem der „Le Monde“-Herausgeber im oben genannten Artikel: 

„Jenseits dieser französischen internen Frage macht uns die Kir-Affäre ein größeres Problem bewusst. 
Die Tätigkeit des Vatikans hat nicht allein mit den Beziehungen zwischen einem OB und seiner Regierung 
zu tun. In der Alt, wie sie stattfand, stellt sie einen direkten und spektakulären Eingriff in die internationa¬ 

le Diplomatie dar.“ 

Das ist gewiss wahr - und die von ihr nahezu allerorten hervorgerufenen Reaktionen zeigen, dass diese 
Affäre von der Weltöffentlichkeit ausreichend verstanden wurde. Vor allem in den Vereinigten Staaten 
begann die Öffentlichkeit, die bereits Zeuge der von den Kardinälen Spellman und Cushing (erkl. Richard 
James Cushing, * 1895 , fi970) organisierten feindseligen Demonstrationen während Chruschtschows Besuch ge¬ 
worden war, die wirkliche Unabhängigkeit, die ein römisch-katholischer Präsident im Hinblick auf den 
Heiligen Stuhl wahren könnte, in Frage zu stellen. 

Viele fürchteten in jenem Falle die keineswegs geringe Gefahr, dass sich des Landes Außenpolitik gera¬ 
de jetzt den Interessen der römischen Kirche und damit der Vorverurteilung der nationalen Interessen 
künftig beugen würde. 

Nach der von Kardinal Ottaviani abgeworfenen Bombe organisierte man nunmehr gegen die Ost-West- 
„Entspannungs“-Bewegung „öffentlich“ den Widerstand. Ein absurdes Instrument, mag mancher sagen, 
verglichen mit jenen, die drohten, Nationen, die im völligen Stillstand eines knurrenden Antagonismus 
verharrten, - früher oder später - unter Trümmern zu begraben. Doch können wir sehen, wie sich der Va- 












tikan, aus den „geistlichen“ Waffen, zu deren Gebrauch er gezwungen war, das Beste zu machen anstreng¬ 
te. Währenddessen die die vatikanische Politik steuernden Jesuiten ihr äußerstes gaben, um das 
„Schlimmste“, was je über dem Heiligen Stuhle schwebte, zu verhindern: ein internationales, den Gang zu 
den Waffen aus schließendes Abkommen. 

Was würde aus dem Rufe des Vatikans, seiner politischen Bedeutung und sämtlichen aus ihr herrühren¬ 
den Vermögens- und anderen Vorteilen, würde er sich infolge eines derartigen Abkommens nicht mehr 
verschwören können, seinen Einfluss geltend machen, sein Zusammenwirken mit den Regierungen weg- 
flunkern, manche begünstigen oder andere einschüchtem, sich Nationen entgegenstellen, zum Eigennutz 
Konflikte schaffen, und könnte er nicht mehr seinen maßlosen Bestrebungen dienende Soldaten finden? 

*Niemandem - und insbesondere nicht den Jesuiten - bleibt es verborgen, dass eine allgemeine Abrüs¬ 
tung für die römische Kirche als Weltmacht das Ende wäre. Und das „geistliche“ Oberhaupt höchstselbst 
ins Wackeln käme. 

* ANMERKUNG DES HERAUSGEBERS: 

Edmond Paris war in dem Nachteile, dass er von der in Erfüllung der biblischen Profetie durch die „Hure Babylon“ bereits eingeleiteten Wende 
nichts wusste. Die Hure ist auf alle Eventualitäten vorbereitet. 

Die Jesuiten berechneten den Dritten Weltkrieg, entschieden, dass die USA verlören, und der Vatikan stets mit dem Sieger ginge. Die Hure 
widmet seit dem ihre Unterstützung Moskau und beschaffte sogar aus Polen einen kommunistischen Papst. Im Geheimen arbeitet sie an einem 
Konkordat mit Russland, forciert weltweit eine marxistische Lehre und die Jesuiten stehen gegenwärtig hinter der Abrüstungsbewegung zur 
Unterwerfung der USA. 

Moskau soll dem Vatikan als die Kraft zur Eroberung von Nationen dienen, wo der römische Katholizismus die einzige international tolerierte 
Religion wäre. Russland soll in Erfüllung der biblischen Profetien (Hesekiel 38 & 39) dazu gedrängt werden, Israel anzugreifen und der Antichris' 
im Vatikan seinem Schicksal bei der Wiederkunft Christi entgegensehen. 


Weshalb wir erwarten können, dass die Söhne Loyolas sich dem Friedenswillen der Nationen und Re¬ 
gierungen mit ihrem ganzen Arsenal an Kunstgriffen entgegenstellen. Um das Gebäude mit seinen vorläu¬ 
figen Fundamenten zu zerstören, werden sie ihre Minen und Gegenminen nicht zurückhalten. Es ist ein 
Krieg ohne Erbarmen, ein heiliger Krieg, eingeläutet durch die Wahnsinnsrede Kardinal Ottavianis. Und 
führen wird ihn die Societas Iesu mit der blinden Hartnäckigkeit des Insekts - „ad maiorem Papae glori- 
am“ („zur höheren Ehre d. Papstes“) - ohne jede Sorge ob der resultierenden Katastrofen. Und müsse die Welt 
auch vergehen - so aber noch vor dem Primat (Vorrang) des römischen Bischofs! 


Schluss 


Wir haben in diesem Buch zusammengefasst, wie sich die durch vier Jahrhunderte hindurch von der So¬ 
cietas Iesu eingesetzte vielgestaltige Tätigkeit hauptsächlich manifestierte; wir haben nunmehr auch nach¬ 
gewiesen, dass der militante, ja militärische Charakter dieser bedeutenden und ultramontanen Institution 
die ihr oft nachgesagte Bezeichnung „verborgene Armee des Papsttums“ voll und ganz rechtfertigt. 

An vorderster Stelle der Betätigung zur Ehre Gottes - und insbesondere des Heiligen Stuhls - rangiert 
der Auftrag, den sich diese geistlichen Soldaten einst gegeben haben und auf den sie stolz sind; gleichzei¬ 
tig versuchen sie über das Buch und die von ihnen kontrollierte fromme Presse so viel wie möglich zu 
verschleiern und ihre in ihrem liebsten Bereich: der Politik der Nationen, ausgeübte Betätigung als „apos¬ 
tolische“ Unternehmungen darzustellen. 

Die geschickte Tarnung, die Unschuldsbeteuerungen, die Spötteleien über die ihnen infolge der angeb¬ 
lich wirren Fantasie ihrer Feinde nachgesagten „finsteren Machenschaften“, die laut den Jesuiten erfunden 
seien - alles das wird wettgemacht von der einstimmigen Feindseligkeit der öffentlichen Meinung ihnen 



gegenüber, immer und allerorten, und von der unvermeidlichen Reaktion auf ihre Intrigen, die in jedem 
Lande, selbst den strengst-katholischen, zur Ausweisung der Jesuiten geführt hat. 

Diese sechsundfünfzig Ausweisungen, um nur die wichtigsten zu nennen, liefern ein unschlagbares Ar¬ 
gument! Und es wäre als Nachweis der üblen Gesinnung des Ordens ausreichend. 

Wie könnten sie auch für die Zivilgesellschaften nicht schädlich sein, wenn doch die Jesuiten des Paps¬ 
tes wirksamstes Instrument zur Unterwerfung der weltlichen Regierungen unter sein Gesetz sind, und dass 
dieses Gesetz - von Natur aus - auf die jeweiligen nationalen Interessen keinerlei Rücksicht nimmt? Der 
im Großen und Ganzen opportunistische Heilige Stuhl macht sich mit diesen Interessen, solange sie mit 
den seinigen zufällig konform gehen, durchaus eins - so zu erleben 1914 und 1939 - lässt er jenen dann 
aber wichtige Hilfe angedeihen, ist trotzdem das Ergebnis kein günstiges. Ebenfalls zu erleben 1918 und 
1945. 

Schrecklich ist der Vatikan - diese amfibische (zweiiebige) geistlich-politsche Organisation - für seine 
Feinde bzw. jene sich ihm Entgegenstellenden. Furchtbarer aber noch für seine Freunde. Mit etwas Wach¬ 
samkeit wird man zwar ob seiner hinterhältigen Schläge vorgewarnt, seine Umarmungen aber sind tödlich. 

Zu jenem Thema hat Th. Jung (ERKL.: Theodore Jung, frz. General u. Schriftsteller, * 1803 , fi865) im Jahre 1874 die fol¬ 
genden, noch immer aktuellen Zeilen geschrieben - „Fran kr eichs Macht steht im umgekehrten Verhältnis 
zur Intensität ihres Gehorsams gegen die römische Kurie.“. (1) 

(1) Th. Jung: „La France et Rome“ ([„Frankreich u. Rom",] Charpentier, Paris, 1874, S.369). 


Und von einem neueren Zeugen: Joseph Hours (ERKL.: frz. Schriftsteller, * 1896 , fi963). Dieser schrieb beim Stu¬ 
dium unseres (des frz.) sehr relativen „Ungehorsams“: 

„Es besteht kein Zweifel; quer durch den ganzen Kontinent (und heute vielleicht weltweit), wo immer 
der Katholi z ismus versucht ist, politisch zu werden, ist er auch, anti-französisch zu werden, versucht.“ (2) 

(2) „L'Annee politique et economique“, Paris, Januar-März 1953, S.2 ff. 


Eine richtige Bemerkung in der Tat, nur ist der Terminus „versucht“ recht schwach. Wir werden dem 
gegenüber schließen, dass „gezwungen“ mehr den Kem trifft. 

Ist es denn im Grunde nicht besser, sich dieser Feindseligkeit auszusetzen, als gar, wie der ehemalige 
Außenminister des sehr katholischen Polens, Oberst Beck, zu resümieren: 

„Einer der Hauptverantwortlichen für die Tragödie meines Landes ist der Vatikan. Zu spät erkannte ich, 
dass wir eine Außenpolitik betrieben hatten, die lediglich der egoistischen Zielsetzung der katholischen 
Kirche diente.“ (2a)? 

(2a) Am 6.Februar 1940 gegebene Erklärung. 


Ebenfalls kaum ermutigend war das Schicksal des doch so apostolischen Reiches der Habsburger; und 
das den Päpsten - insbesondere Pius dem XII. - so sehr ans Herz gewachsene Deutschland - es vermochte 
letztlich nicht, sich an dem kostspieligen Wohlwollen, mit dem es von seiner Heiligeit überschüttet wurde, 
zu erfreuen. 

Man fragt sich doch, ob denn überhaupt die römische Kirche aus diesem Wahnsinnsziel, die Welt zu re¬ 
gieren - einem vor allem durch die Jesuiten lebendig gehaltenen Anspruch - irgendeinen Gewinn reali¬ 
siert hat. In vier Jahrhunderten, in deren Verlauf diese Unruhestifter Europa mir Streit und Hass, Mord 
und Verderben überzogen, vom Dreißigjährigen Krieg bis zu Hitlers Feldzug, hat da die Kirche Gewinn 
gemacht oder Verlust erlitten? 

Die Antwort ist einfach: das klarste und unbestreitbarste Ergebnis ist die stete Abnahme des „Erbes Pet¬ 
ri“ - ein trauriges Ende nach derart vielen Verbrechen! 

Sind wenigstens durch den Jesuiteneinfluss die Ergebnisse im Innern des Vatikans bessere? Das ist sehr 
bezweifeln. 

Ein katholischer Autor schrieb: 


„Worauf sie immer abzielen, ist eine Konzentration der von ihnen gesteuerten kirchlichen Macht. Die 
Unfehlbarkeit des Papstes bringt Bischöfe und Regierungen auf die Palme: die Jesuiten verlangen sie auf 
dem Tridentinum dennoch, um sie auf dem Vatikanischen Konzil (1870) zu bekommen. ... Innerhalb der 
Kirche fasziniert das Ansehen der Kompanie Feinde wie Freunde gleichermaßen. Wir haben Ehrfurcht vor 
ihr, oder zumindest Furcht; und da wir wissen, dass sie alles zu tun vermag, verhalten wir uns entspre¬ 
chend.“ (3) 

(3) Andre Mater: „Les Jesuites“ (Rieder, Paris, 1932, S. 118). 


Ein weiterer katholischer Autor beschwor die Auswirkungen dieser Machtkonzentration in den Händen 
des Pontifex: 

„Die Gesellschaft Jesu misstraute dem Leben, der Quelle der Ketzerei, und trat dem machtvoll entgegen. 
Das Tridentinum scheint geradezu das Testament des Katholizismus zu sein. Es ist das letzte wahre 
Konzil. 

„Danach wird es nur noch das die Abdankung der Konzile weihende Vatikanische Konzil geben. 

Des päpstlichen Gewinnes am Ende des Konzils sind wir uns bewusst. 

Welche Vereinfachung - welche Verarmung gleicherweise! 

Das römische Christentum ergreift Besitz von seinem Wesen der absoluten Monarchie, in Ewigkeit ge¬ 
gründet auf der päpstlichen Unfehlbarkeit. 

Ein schönes Bild, nur dass die Kosten das Leben trägt. 

Alles kommt von Rom und Rom bleibt nur, sich auf Rom zu verlassen.“ (4) 

(4) und (5) Henri Petit: „L’Honneur de Dieu“ ([„Die Ehre Gottes“,] Grasset, Paris, 1958, S.88). 


Im Weiteren fasst der Autor zusammen, was man der berühmten Kompanie zusprechen müsse: „Sie mag 
den Tod der Kirche aufgeschoben haben, so aber doch durch eine Art Pakt mit dem Tod.“ (5) 

(4) und (5) Henri Petit: „L’Honneur de Dieu“ (Grasset, Paris, 1958, S.88). 


Eine Art Sklerose, wenn nicht gar Nekrose überkommt und verdirbt die Kirche unter jener loyolaschen 
Vormachtstellung. Als wachsame Hüter des Dogmas, dessen antiquierten Charakter samt der Verehrung 
der Jungfrau Maria sie betonen, kontrollieren die Jesuiten, die Herren der von Ignatius von Loyola ge¬ 
gründeten Päpstlichen Universität Gregoriana, den Unterricht der Seminare, überwachen die Missionen, 
herrschen über die Glaubenskongregation, sind der Katholischen Aktion Seele, zensieren und leiten die 
religiöse Presse jedes Landes, fördern mit inniger Liebe die großen Wallfahrtszentren: Lourdes, Lisieux, 
Fatima etc. Kurz - sie sind überall, und als bezeichnend können wir die Tatsache ansehen, dass der Papst 
bei der Messe notwendigerweise von einem Jesuiten assistiert wird; desgleichen ist auch sein Beichtvater 
stets ein Jesuit. 

Durch die Arbeit an der Vervollkommnung der Machtkonzentration in den Händen des Oberhirten ist 
die Kompanie im Grunde ihr eigener Arbeitgeber und der Papst konnte als offensichtlicher Nutznießer 
jener Arbeit diese berühmten Worte wiederholen: „Ich bin ihr Oberhaupt, also folge ich ihnen.“. 

Weshalb sich der Versuch, das Handeln des Heiligen Stuhls von dem der Kompanie zu unterscheiden, 
als immer hoffnungsloser erweist. Dieser Orden aber als der Kirche Rückgrat schlechthin neigt dazu, sie 
völlig zu beherrschen. Seit langem nun schon sind die Bischöfe nichts weiter als „Beamte“, willfährige 
Ausführende der von Rom, oder vielmehr vom Jesusplatz (der auf dem Jesusplatz ansäss. Gregoriana) ausgehenden 
Befehle. 

Ohne jeden Zweifel versuchen die Jünger Loyolas, vor den Augen der Gläubigen die Strenge eines im¬ 
mer totalitärer werdenden Systems zu verbergen. Unter ihrer Kontrolle bringt die katholische Presse et¬ 
waige abweichende Gedanken ins Spiel, um ihren Lesern die Illusion einer Art Unabhängigkeit zu vermit¬ 
teln, ja dass man für „neue“ Ideen offen sei: bereitwillig übernehmen die Patres, die allen alles sind, diese 
Taschenspielertricks, die nur Himmelsgucker (nur die /. ihren Himmel Guckenden) hinters Licht führen. Hinter die¬ 
sen netten Unterhaltungen aber wacht gleichzeitig der ewige Jesuit, über den ein bereits erwähnter Autor 




schrieb: „Unnachgiebigkeit ist ihm angeboren. Durch seine Geschicklichkeit fähig, ein Neuordner zu sein, 
besticht er einzig im Stursein.“ (6) 

(6) Andre Mater, op.cit., S.192. 


Exzellente Beispiele jener Sturheit und heimtückischen Befangenheit finden wir im geduldigen Wirken 
der Kompaniemitglieder dahin, dass es um jeden Preis zwischen „modernem“ und Wissenschaftsgeist zu 
einem Ausgleich komme, wobei sie sorgsam auf die Berücksichtigung der Forderungen der „Lehre“ im 
Allgemeinen achten und der eher götzendienerischen Anbetungsformen der Marienverehrung und des 
Wunderwirkens - deren eifrigste Verkünder sie bleiben - im Besonderen. 

Zu sagen, diese Anstrengungen seien von Erfolg gekrönt, wäre übertrieben: beim Mischen von Wasser 
und Feuer entsteht vor allem Dampf. Doch selbst die Unbeständigkeit dieser Wolken stößt bei gewissen 
scharfsinnigen Denkern auf Wohlgefalle, obwohl sie gewarnt wurden, dass zuviel Denkgenauigkeit zu 
aufrichtiger Frömmigkeit führe. „Vade retro, Satanas!“ („Weiche, Satan!“) 

Was das betrifft, da ist die deutsche Metaphysik (die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürl. Welt Liegende, die letzten 
Gründe u. Zusammenhänge d. Seins behandelnde philosph. Disziplin o. Lehre der Metaphysik i. ihrer dt. Prägung durch v.a. Kant u. Schopen¬ 
hauer) höchst hilfreich; in ihr finden wir alles, was wir brauchen und sogar das Gegenteil. Da gibt es nicht 
einen kindlichen Aberglauben, der nach einer schulmeisterlichen Behandlung keinen gewissen 
Anschein von Seriosität und sogar Tiefe erlangt. Das Spielchen in den Zeitschriften und Bulletins (den nicht- 
wissenschafti. u. wissenschaftlichen Zeitschriften) verschiedener kultureller Gruppen zu verfolgen, ist schon amüsant. 

Da findet der Suchende was er braucht, und vor allem der, der es, infolge einer leicht abnormen Nei¬ 
gung, liebt, zwischen den Zeilen zu lesen. 

Diese mit Bitterem angefüllten Männer leben aber nicht allein den spekulativen Bereich aus, die guten 
Patres haben sichergestellt, ihrem Apostolat unter „Intellektuellen“ eine solide weltliche Fundierung zu 
geben. Die Geistesgaben, die sie großzügig ihren Jüngern verleihen, ergänzen sie durch wesentliche Vor¬ 
teile. Was übrigens schon eine uralte Tradition ist. Zu Zeiten Karls des Großen erhielten die bekehrten 
Sachsen weiße Hemden. Heute erfreuen sich die Nutznießer eines neubegründeten oder wieder entdeckten 
Glaubens anderer Wohlwollen, vor allem in der akademischen und wissenschaftlichen Welt: der nicht so 
schlaue Student kommt problemlos durch die Prüfungen; der Professor kriegt den Lehrstuhl seiner Wahl; 
der „gläubige“ Arzt bekommt reiche Kunden und will er einem etwaigen wichtigen Verein beitreten, wird 
er bevorzugt etc. .. .Infolge eines natürlichen Mechanismus bringt dieser ausgewählte Nachwuchs andere 
mit und, da es nicht genug sein können, wird ihr konzertiertes Handeln in dem, was wir Führungsetagen 
nennen, hochwirksam sein. 

Das sieht man, wie wir uns sagen ließen, in Spanien und sogar andernorts. Im „Le Monde“ vom 7.Mai 
1956 widmete Henri Fesquet (erkl.: *1916) einen bedeutsamen Artikel dem spanischen „Opus Dei“. Beim 
Definieren der Tätigkeit der frommen und geheimen Organisation schrieb er: „Seine Mitglieder ... zielen 
darauf ab, Intellektuellen beim Erreichen eines religösen Grades der Vollkommenheit durch Ausübung 
ihres Berufes und Heiligung beruflicher Tätigkeit zu helfen.“ 

Diese Geschichte ist nicht neu und Fesquet weiß das, denn wenig später sagt er: „Sie werden bezichtigt, 
- und die Tatsache scheint nicht widerlegbar - die Schlüsselposten des Landes besetzen zu wollen, um die 
Seele von Universität, Verwaltung, Regierung zu sein, um Ungläubigen und Liberalen Zugang zu verweh¬ 
ren oder sie gar ausszuschließen. 

Jedenfalls scheint der französische Zweig dieser für das „Werk Gottes“ gehaltenen Tätigkeit alles andere 
als geheim zu sein, wenn man von dem her urteilt, was Fran§ois Mauriac (erkl.: frz. Schriftsteller, * 1885, fi970) 
dazu schreibt: 

„ ... Das Vertrauen mir gegenüber war schon ungewöhnlich, wir kl ich derart ungewöhnlich, dass - wäre 
da nicht die Unterschrift eines katholischen Autors, der einer meiner Freunde ist und dem ich vertraue, 
gewesen - ich hätte es für einen Witz gehalten. Einer Zeitschrift hatte er einst einen Artikel angeboten, die 
die Offerte gerne annahm, deren Empfang aber nie bestätigte. Die Monate vergehen, mein Freund wird 
unruhig, fragt nach, und erhält vom Leiter jener Zeitschrift als Antwort schließlich das hier: »Wie Sie viel¬ 
leicht wissen, hat ,Opus Dei‘ die ganze Zeit überprüft, was wir in den vergangenen Monaten veröffentlicht 
haben. Und dieser ,Opus Dei‘ hat es rigoros abgelehnt, zu erlauben, dass jener Text gedruckt würde.«. 






Besagter Freund stellt mir die Frage: „»Wer ist "Opus Dei"?«. Und das frage ganz offen und ehrlich auch 
ich. “ (7) 

(7) „Notizblock“ von Frangois Mauriac im „Express“ vom 29.Oktober 1959. 


Diese Frage - die Fran§ois Mauriac hier durchblicken lässt, ist so ehrlich, wie er sagt, aber nicht - konn¬ 
te der angesehene Akademiker doch jene fragen, die er gut kannte: Autoren, Verleger, Buchhändler, Ge¬ 
lehrte, Dozenten, Theater- und Filmleute - oder aber er zöge es vor, sich ganz einfach in den Verlagszent¬ 
ralen zu informieren. 

Hinsichtlich der Feindschaft, auf die der „Opus Dei“ bei gewissen Jesuiten trifft, so sehen wir darin 
nichts als Gruppenrivalität. Die Kompanie ist - wie wir bislang gesagt und nachgewiesen haben - so zwei¬ 
fellos „modernistisch“ („das Moderne bejahend“) wie „integristisch“ („ intcgristischd.h. typisch synarchist., d.h. eine gerechte 
Politik f. alle Klassen betreibend e Zusammenherrschaft anstrebend, rechtsextrem u. oft offen mystisch - hath.), je nach Gelegenheit, da 

es ihre Bestimmung ist, den Fuß in beiden Lagern zu haben. So druckte denn auch selbige Publikation „Le 

Monde“ einen Artikel von Jean Creac’h (ERKL.: Pseudonym von Andre Monconduit) ab, der uns ironisch dazu ein¬ 
lädt, ein „Autodafe (Verbrennungsgericht) der spanischen Jesuiten“ zu bewundern - glücklicherweise auf die 
Werke der französischen Literatur beschränkt. Ein „Modernist“ scheint dieser Jesuit in der Tat nicht zu 
sein, geht man von dem aus, was Jean Creac’h schreibt: 

„Hätte Pater Garmendia die Macht Kardinal Taveras, dessen Blick Greco blitzgleich in grünlicher Fas¬ 
sade über dem Purpur wiederbelebte, so würde man Spanien nur aus unserer Literatur entmannter ... oder 
gar enthaupteter Autoren kennen.“. 

Nach dem Zitieren mehrerer amüsanter Beispiele des Läuterungseifers des Paters lässt uns der Autor 
diese relevante Überlegung wissen: 

„»Ist der von unseren Jesuiten gestaltete Geist derart schwach, dass er sich nicht der kleinsten Gefahr 
aussetzen kann, um über sich selbst zu siegen?«, flüsterte eine spitze Zunge. »Sag, lieber Freund; wenn er 
dessen nicht fähig ist, was hat dann die ihn so gebrechlich machende Lehre für einen Sinn?«“ (8) 

(8) „Le Monde“ 31 .August 1950. 


Diesem humorvollen Kritiker können wir antworten, dass besagte Schwäche des von den Jesuiten ge¬ 
formten Geistes im Grunde genommen der Haupt -sinn ihrer Lehre ist - und ihrer Gefahr. 

Das ist der Punkt, zu dem wir immer wieder zurückkehren müssen. Infolge einer besonderen Berufung - 
und trotz einiger ehrenhafter, ja berühmter Ausnahmen - sind sie die Todfeinde der Freiheit des Denkens: 
Himgewaschene Himwäscher! 

Das ist ihre Stärke, wie auch ihre Schwäche und Schädlichkeit. Andre Mater erklärte den absoluten To¬ 
talitarismus ihres Ordens außerordentlich gut, als er schrieb: „Über die ihn im Geiste mit allen seinen Kol¬ 
legen vereinigende Disziplin handelt und denkt jeder einzelne von ihnen mit der Intensität von dreißigtau¬ 
send anderen. Das ist jesuitischer Fanatismus.“ (9) 

(9) Andre Mater, op.cit., S.193. 


Der heute schrecklicher denn je seiende jesuitische Fanatismus hat als absoluter Herr der römischen Kir¬ 
che diese tief in die Kämpfe der Weltpolitik hineingezogen, in der der diese Kompanie auszeichnende 
militante und militärische Geist seine helle Freude hat. Unter seiner Obhut starteten einst päpstliche Orga¬ 
nisation und Hakenkreuz einen tödlichen Angriff auf den verhassten Liberalismus und hatten das „neue 
Mittelalter“, das Hitler Europa versprochen hatte, herbeizuführen versucht. (10) 

(10) Frederic FHoffet, op.cit., S.172. 


Trotz der gewaltigen Pläne von Lcdochowskis, trotz Himmler - genannt „unser Ignatius von Loyola“ -, 
trotz der Lager des langsamen Todes, trotz der durch die Katholische Aktion verdorbenen Gesinnungen 
und der hemmungslosen Propaganda der Jesuiten in den Vereinigten Staaten war das Unternehmen des 










„Mannes der Vorsehung“ ein Reinfall und wurde dadurch das „Erbe Petri“, statt sich im Osten zu vergrö¬ 
ßern, vermindert. 

Eine unbestreitbare Tatsache bleibt: die nationalsozialistische Regierung, „die katholischste, die 
Deutschland je hatte“ (10), war auch die mit Abstand grausamste - ohne aus dem Vergleich die barbari¬ 
schen Epochen herauszulassen. Eine in der Tat schmerzliche Erklärung, aber eine, über die zu meditieren, 
weise wäre. In den Ordens-„Burgen“, wo die Ausbildung eine Kopie der jesuitischen Methode war, formte 
der Meister des Dritten Reichs besagte „SS-Elite“, vor der, seinen Wünschen entsprechend, die Welt „er¬ 
schrak“ - aber auch vor Abscheu ausspuckte. Selbe Ursachen - gleiche Ergebnisse. „Es gibt für die 
menschliche Seele zu schwer zu ertragende Disziplinen, die ein Gewissen völlig zerbrechen. ... Von Hel¬ 
dentum verdecktes Ichentfremdungsverbrechen. ... Kein vor allem eine Seele zerstörendes Gebot kann gut 
sein. Wo man sich vollständig in eine Gesellschaft eingebracht hat, verlieren andere Existenzen entschie¬ 
den an Bedeutung.“ (11) 

(10) Frederic Hoffet, op.cit., S.172. 

(11) und (12) Henri Petit: „L’Honneurde Dieu“, S.25, 72, 73. 


In der Tat nahmen die Nazi-Chefs auf die „anderen Existenzen“ keinerlei Rücksicht; selbiges können 
wir auch von den Jesuiten sagen! 

„Sie haben Gehorsam zu ihrem Götzen gemacht.“ (12) 

(11) und (12) Henri Petit: „L'Honneurde Dieu“, S.25, 72, 73. 


Und auf diesen absoluten Gehorsam beriefen sich, um ihre schrecklichen Verbrechen zu entschuldigen, 
die Nürnberger Angeklagten. 

Schließlich übernehmen wir vom selbigen Autor, der den jesuitischen Fanatismus so derart gut analy¬ 
siert hat, dieses Endurteil: 

„Wir werfen der Kompanie ihr Geschick vor, ihre Politik und Täuschungsmanöver, wir schreiben ihr 
sämtliche Kalküle (Berechnungen) zu, sämtliche verborgenen Motive, sämtliche hinterhältigen Schläge; wir 
werfen ihr sogar die Intelligenz ihrer Mitglieder vor. Es gibt doch nicht e i n Land, wo die Kompanie 
keine große Enttäuschung erlebt hat, wo sie sich nicht in skandalöser Weise aufgeführt und berechtigten 
Zorn auf sich gezogen hat. 

„Hätte ihr Machiavellismus (rücksichtsloses machtpolit. Handeln) die ihm allgemein zugesprochene Tiefe, würden 
sich denn da diese ernsten und nachdenklichen Männer beständig in Abgründe, die die menschliche Weis¬ 
heit vorhersehen kann, stürzen, in Katastrofen, die sie erwarten können müssten, da der Orden ähnliche in 
sämtlichen zivilisierten Staaten erlebt hatte? 

Die Erklärung ist einfach: die Kompanie regiert ein mächtiger Genius, ein derart mächtiger Genius, dass 
er sie zuweilen sogar gegen Hindernisse drängt, als könne er letztere hinwegsprengen, ad maiorem Dei 
gloriam. 

Dieser Genius ist nicht der des Generals, seines Rates, der Provinziale (Provinzoberen), noch jedes Haus¬ 
haltsführenden. ... 

Es ist der Lebensgenius dieser riesigen Organisation, es ist die zwangsläufige aus dieser Versammlung 
geopferter Gewissen, gebundener Intelligenzen resultierende Kraft; es ist die Sprengkraft und herrsch¬ 
süchtige Raserei (extreme Leidenschaft) des Ordens, resultierend aus seiner Natur schlechthin. 

Bei einer großen Wolkenansammlung ist der Blitz mächtig und das Unwetter gewiss.“ (13) 

(13) Henri Petit, op.cit., S.152-153. 


Zwischen 1939 und 1945 hat das Unwetter in seiner Verwüstung und Zerstörung Europas 57 Millionen 
Seelen dahingerafft. 

Wir haben auf der Hut zu sein; eine weitere und noch schlimmere Katastrofe dürfte in ebendiesen Wol¬ 
ken verborgen liegen; der Blitz kann wieder einschlagen und so die Welt in „Abgründe, die die menschli¬ 
che Weisheit vorhersehen kann“, stürzen, aus denen ihn aber, hätte er das Pech, sich selbst hineinstürzen 
zu lassen, keine Macht erretten könnte. 








Es ist, was auch immer Roms Sprecher sagen mögen, nicht der „Antiklerikalismus“, der uns veranlasst 
hat, die vatikanische bzw. jesuitische Politik zu untersuchen und ihre Motive und Wege anzuprangern, 
sondern die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit über das heimliche Wirken von Fanatikern aufzuklären, die 
- wie es die Vergangenheit nur allzu oft bewiesen hat - um ihre Ziele zu erreichen, vor nichts zurück¬ 
schrecken. 

Wir haben gesehen, wie sich im 18.Jahrhundert, um die Bekämpfung dieses verwerflichen Ordens zu 
fordern, die europäischen Monarchien verbunden hatten. Und heutzutage kann er in aller Ruhe seine Intri¬ 
gen aushecken und die demokratischen Regierungen scheint das nicht zu scheren. 

Die Gefahr, in der sich die Welt infolge dieser Kompanie befindet, ist heute weit größer als zur Zeit des 

„Familienpakts“ \(, zwischen d. burbon. Dynastien i. Frankreich, Spanien, Neapel u. Parma am 15.8.1761 i. Paris geschlossenen, gegen 
England gerichteten Paktes z. gegenseit. Garantie d. burbon. Besitzungen) und noch größer als beim Ausbruch der zwei 
Weltkriege. 

Hinsichtlich der tödlichen Folgen, die ein weiterer Konflikt haben würde, kann sich nunmehr keiner in 
Illusionen wiegen. 


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VENTURA, Polycarpe. - Le gouffre ou les points noirs de la doctrine jesuitique {[Der Abgrund oder die schwarzer 
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VERMEIL, Professor Edmond. - L'Allemagne {[Deutschland,] Gallimard, Paris, 1940). 

*VIANCE, Georges. - L’CEVRE ACCOMPLIE PAR LA FEDERATION NATIONALE CATHOLIQUE 
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*VIEUJAN, Abt Jean. - Grande Apologetique {[Große Apologetik,] Bloud et Gay, Paris, 1937). 

VIVES, Juan. - De Tradendis Disciplinus {[Von der Ausübung der Disziplin,] 1541). 

VRAI, Jean. - Ephemerides de la papaute. {[Abreißkalender des Papsttums,] Fischbacher. Paris, 1904). 

WELLES, H.G. - What are we to do with our lives? (Doubleday, Doran, Garden City, N.Y., 1931) oder 
WELLES, H.G. - The Open Conspiracy (Praeger, Westport CT, 2001), in Deutsch: WELLES, H.G. - Die 
offene Verschwörung. Aufruf zur Weltrevolution (Zsolnay-Verlag, 1983). 

WINKLER, Paul. - The Thousand-Year Conspiracy. Secret Germany behind the Mask. {[Die tausendjährige 
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WISKEMANN, E. - The Rome-Berlin Axis {[Die Achse Berlin-Rom,] Oxford University Press, 1949). 
WOODWARD, W.H. - Studies in Education during the Age of Rennaissance 1400-1600 {[Forschung in der 
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WORMSER und MICHEL. - Tragedie de la deportation {[Tragödie der Deportation,] Hachette, paris, 1954). 
*ZOLA, Emile. - J’accuse (ich klage an), in Georges Clemenceaus „L’Aurore“. 


ANMERKUNG: Die mit * gekennzeichneten Titel sind auch in den Anmerkungen des Werkes angeführt. 


PERIODIKA, DOKUMENTE 


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Auswärtiges Amt, Wilhelmstraße, Dok. Nr. 83-26 19/1 (25.1.39). 

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L’Homme nouveau, 7.12.58. 

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La Croix (Foillet), 7.7.51 und 10.10.58. 

La France Catholique, 19.12.58. 

La Revue de Paris, 1.11.18. 

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Le Crapouillot, Nr.24. 

Le Monde, 19.4.58, 31.12.59, 8.1.60. 

Mercure de France, 15.1.34, 1.5.38, 15.1.39. 

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New York Herald. 

Paris-Press, 3.11.59. 

Politisches Archiv (P.A.), XI, 291. 

Reforme, 21.7.45, 17.8.47. 

Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, 26, Wien-Leipzig, 1930.